Der Garten des Teehauses von "Gyeongju"

Locarno-Tagebuch: Tag 11: Arm, aber glücklich

Gye­ongju, der letz­te Wett­be­werbs­film in mei­nem Pro­gramm, war um neun Uhr mor­gens nur spär­lich besucht. Umso inten­si­ver, kam mir vor, war die Erfah­rung. Alles in allem, waren viel­leicht fünf­zig Zuse­her im ca. 500 Per­so­nen fas­sen­den Saal und die­se Lee­re, gepaart mit der zwei­ein­halb­stün­di­gen Lauf­zeit ver­stärk­te die Kon­fu­si­on und Irre, in der sich der Prot­ago­nist Choi befin­det. Choi ist Pro­fes­sor für Nord­ost­asia­ti­sche Poli­tik an der Uni­ver­si­tät von Peking und kehrt für das Begräb­nis eines alten Freun­des nach Korea zurück. Dort bleibt er aber nur kurz und zieht bald schon wei­ter nach Gye­ongju. Gye­ongju ist wegen sei­ner zahl­rei­chen archäo­lo­gi­schen Schät­ze und sei­nes kul­tu­rel­len Erbes, eine der belieb­tes­ten Rei­se­desti­na­tio­nen Süd­ko­re­as. Dort hat­te er vor sie­ben Jah­ren mit sei­nen zwei bes­ten Freun­den (dar­un­ter der nun ver­stor­be­ne) einen Kurz­ur­laub ver­bracht und die Erin­ne­run­gen dar­an las­sen ihn nicht mehr los. War­um genau das so ist, erschließt sich nicht ganz, aber Chois Begeg­nun­gen mit den Bewoh­nern des Ortes und sei­ner eige­nen Ver­gan­gen­heit, die sich immer wie­der mit der Gegen­wart ver­mengt, sind fein her­aus­ge­ar­bei­tet und offen­ba­ren eine Sen­si­bi­li­tät, die ich bei so vie­len der ande­ren Wett­be­werbs­fil­me ver­misst habe. Locar­no ver­stärkt mei­nen Ein­druck, dass es sich die span­nends­ten Ent­wick­lun­gen im Gegen­warts­ki­no in Asi­en abspielen.

Jung-chul am Fahrrad in "Gyeongju"
Gye­ongju

Der letz­te Film den ich am 67. Fes­ti­val del Film Locar­no gese­hen habe war Rai­ner Wer­ner Fass­bin­ders Lola, der zu Ehren Armin Muel­ler-Stahls gezeigt wur­de. Ich fin­de jedes Fes­ti­val soll­te mit einem Fass­bin­der-Film schlie­ßen, über­haupt Lola erscheint mir für solch einen Anlass als sehr geeig­net. Ein Film, der gleich­sam Weh­mut und Erleich­te­rung aus­zu­drü­cken ver­mag. Beim Hin­aus­ge­hen aus dem Kino­saal rea­li­sier­te ich scho­ckiert und irgend­wie auch ein biss­chen trau­rig, dass es nun vor­bei war.

Barbara Sukowa und Armin Mueller-Stahl in "Lola"
Lola

Bevor ich zu den offi­zi­el­len Preis­trä­gern kom­me, die die Jury aus­ge­wählt hat, noch zu mei­nen per­sön­li­chen Favo­ri­ten. Der bes­te Film, den ich am Fes­ti­val gese­hen habe, war Jean Eusta­ches La Maman et la Putain. Der bes­te Film im Wett­be­werb Mula sa kung ano ang noon, gefolgt von Pedro Cos­tas Cava­lo Din­hei­ro. Mein per­sön­li­cher Spe­zi­al­preis geht an Christ­mas Again von Charles Poe­kel, weil er ohne groß zu bril­lie­ren oder anzu­ge­ben, alles rich­tig macht (und weil ich Fil­me erwäh­nen will, die Patrick nicht mögen würde).

Die Jury des Con­cor­so Inter­na­zio­na­le unter dem Vor­sitz vom letzt­jäh­ri­gen Vene­dig-Sie­ger Gian­fran­co Rosi schloss sich mei­ner Ein­schät­zung mehr oder weni­ger an:

Der Par­do d’oro ging an „Mula sa kung ano ang noon“, der Spe­zi­al­preis der Jury an Lis­ten Up Phil­ip und der Preis für die Bes­te Regie an Cava­lo Din­hei­ro. Auch mit den Schau­spiel­prei­sen für Aria­ne Labed (Fide­lio, l’odyssée d’Alice) und Artem Bystrov (The Fool) kann ich leben, ein­zig dass Vent­os de Agos­to als Spe­cial Men­ti­on gewür­digt wird, stößt bei mir auf Unverständnis.

Beautiful insanity in "Mula sa kung ano ang noon"
Mula sa kung ano ang noon

Die Preis­trä­ger des Con­cor­so Cine­as­ti del Pre­sen­te habe ich alle­samt nicht gese­hen, gewon­nen hat Nava­ja­zo von Ricar­do Sil­va, der Preis für die Bes­te Regie ging an Simo­ne Rapi­sar­da Casa­no­va für La crea­zio­ne di signi­fi­ca­to und der Spe­zi­al­preis der Jury an Los Hon­gos von Oscar Ruiz Navia. Un jeu­ne poè­te von Dami­en Mani­vel, den ich sehr ger­ne gese­hen hät­te, wur­de mit einer loben­den Erwäh­nung bedacht.

Der Preis für den Debut­film ging an Songs from the North von Soon-mi Yoo, Fide­lio oder Christ­mas Again waren mei­ner Mei­nung nach bes­se­re Fil­me, aller­dings ist die Ent­ste­hungs­ge­schich­te von Songs from the North wert aus­ge­zeich­net zu werden.

In den Kurz­film­ka­te­go­rien wur­de Gott sei Dank kei­ner der furcht­ba­ren, unin­ter­es­san­ten Fil­me aus­ge­zeich­net, die ich so bekrit­telt habe. Ein­zig Ship­w­reck von Mor­gan Knib­be, wur­de zu Recht mit zwei Prei­sen bedacht (dem Par­di­no d’argento und der Nomi­nie­rung für die Euro­pean Film Awards).

Mula sa kung ano ang noon staub­te neben dem Gol­de­nen Leo­pard auch den FIPRE­SCI-Preis, den Pre­mio „L’ambiente è qua­li­tà di vita“ und den Pre­mio FICC/​IFFS abes gibt sehr sehr sehr vie­le unab­hän­gi­ge Juries und Prei­se hier, um die Geduld mei­ner Leser nicht wei­ter zu stra­pa­zie­ren, ver­wei­se ich an die­ser Stel­le auf die kom­plet­te Lis­te auf der offi­zi­el­len Home­page

Mein ers­tes Fazit nach 11 Tagen Locar­no: arm aber glücklich.