Nach über zehn Jah­ren stellt Michel­an­ge­lo Framm­ar­ti­no einen neu­en Lang­film vor. Er schim­mert mit einer schnör­kel­lo­sen Klar­heit, als wäre der Film aus der Hand eines Kar­to­gra­fen geschaf­fen. Doch je tie­fer man sich in ihn begibt, umso deut­li­cher wird ein Wider­spruch erkenn­bar, wor­in sich der Film für einen Moment über sich selbst bewusst­wird – ganz ohne Wor­te. Man gelangt zu einem beson­de­ren Ort, an dem man sich schon die gan­ze Zeit befin­det: dem Kino. Zwar suchen vie­le Fil­me nach die­sem Ort, sel­ten aber erscheint er so selbst­ver­ständ­lich wie in Il Buco. Das ver­meint­lich Natür­li­che die­ses Films trägt jenen schö­nen Schein, wofür man glaubt kei­ne Wor­te fin­den zu kön­nen, nur mit den eige­nen Augen lie­ße sich das begrei­fen. Viel­leicht soll­te man denen aber nicht immer trauen.

Framm­ar­ti­no taucht gemein­sam mit einer Höh­len­ex­pe­di­ti­on in den 1960er Jah­ren hin­ab in die Dun­kel­heit des Abis­so del Bifur­to Kala­bri­ens, eine der tiefs­ten, bekann­ten Höh­len der Erde. Der Film zeigt zwei Wel­ten, die kaum ver­schie­de­ner sein könn­ten: Einer­seits die Arbei­ten am nicht enden wol­len­den Abgrund, ande­rer­seits das bäu­er­li­che Leben der Men­schen außer­halb davon. Ein Stück bren­nen­des Papier fällt ins Loch. Die trop­fen­den Wän­de glit­zern, als wür­de sie zum ers­ten Mal ein Licht­strahl berüh­ren. Wäh­rend die Män­ner und Frau­en immer wei­ter ins Dunk­le vor­sto­ßen, ver­geht fern ab Tag auf Tag und Nacht auf Nacht. Ein betag­ter Hir­te, der viel­leicht sein gan­zes Leben dort ver­brach­te, beob­ach­tet das Trei­ben aus der Distanz. Eines Tages kehrt er vom all­täg­li­chen Weg mit sei­nem Esel nicht mehr zurück. Man fin­det ihn regungs­los aber leben­dig. Sein Zustand ver­schlech­tert sich zuneh­mend. In glei­cher Wei­se wie sein Leben das Ende erreicht, trifft auch die Expe­di­ti­on auf den Fuß der Höh­le. Nach­dem die letz­ten Meter ver­mes­sen, kar­to­gra­fiert und die Zel­te abge­baut wur­den, ver­schwin­det die Grup­pe nahe­zu spur­los. Unbe­ein­druckt bleibt eine Land­schaft zurück, die sich wie­der in Wol­ken hüllt. Auch wenn sich bei­de Wel­ten nie tat­säch­lich berühr­ten, schie­nen sie sich doch für einen Moment zu parallelisieren.

Die Kurio­si­tät die­ses Films liegt womög­lich dar­in, dass er mit sei­nen Bil­dern einen Pro­zess beschreibt, der durch sich und sei­ne Ant­ago­nis­men, den Ort des Kinos selbst erfah­ren lässt. Ein Ort, der sich vom Außen abkap­selt und trotz­dem von nichts ande­rem spricht. Ein Ort, der sich trotz aller Natür­lich­keit, im Dun­keln sei­ner Künst­lich­keit bewusst wird. Sei­ne Insze­nie­rung arbei­tet dabei mit einer Unmiss­ver­ständ­lich­keit, der selbst­ver­lieb­te Bil­der oder über­frach­ten­de Ton­col­la­gen fremd sind. In die­sem Film scheint etwas sicht­bar zu wer­den, das nicht an einem Fern­se­her oder einem Lap­top, son­dern nur im Kino wirk­lich begrif­fen, und durch erklä­ren­de Wor­te nur ver­dop­pelt wer­den kann. Es scheint, als gin­ge der Film den Weg aus Pla­tons Höh­le wie­der zurück. Wur­de dort etwas vergessen?

Wenn der Arzt dem ster­ben­den Mann mit einer Taschen­lam­pe in sei­ne Augen leuch­tet, um eine Reak­ti­on fest­zu­stel­len, dann trifft der Schein des Lichts ins Dunk­le der Höh­le und nicht zuletzt auch auf uns. Der über­aus mensch­li­che Aber­witz einer sol­chen Unter­neh­mung, wie eine Höh­len­ex­pe­di­ti­on, treibt sich wie im Rausch – selbst­ver­ges­sen und zweck­frei – von selbst an. Eigent­lich gibt es dort nichts zu suchen, was nicht zu erwar­ten wäre. Aber wer kann das wis­sen, solang nie­mand dort war. Ein­zig und allein ist viel­leicht das Ende einer Höh­le unvor­stell­bar. Die ein­schlie­ßen­de Form der Höh­le, deren ver­bor­ge­ne Win­kel peni­bel aus­ge­forscht wer­den, lässt so in jedem Augen­blick auch an die Form des Films selbst den­ken. Framm­ar­ti­no zeigt uns, was sich dar­in befin­den könn­te, wenn man immer tie­fer schaut. Lei­der hat auch die­ser Film ein Ende.