Eines steht fest: Alle Men­schen, die leben wol­len, müs­sen atmen. Wer nicht mehr atmet, ist ent­we­der tot oder auf dem bes­ten Weg dahin. Des­halb müs­sen einem Kino­saal pro Stun­de für jeden Zuschau­er min­des­tens 25 Kubik­me­ter Frisch­luft zuge­führt wer­den. Laut Vor­schrift soll­te ein Kino­be­su­cher eben­so leben­dig das Kino ver­las­sen, wie er es betre­ten hat – zumin­dest eini­ger­ma­ßen. Ermü­dung ist in die­sem Fall durch gäh­nen­de Mün­der als Zei­chen für den letzt­lich erfolg­rei­chen Kampf gegen die Luft­ar­mut zu betrach­ten. Im Kino befin­det man sich sozu­sa­gen in einer lebens­feind­li­chen Zone, die dar­in besteht, ein­an­der die Luft zu neh­men. Seit das Leben in der Öffent­lich­keit wie­der unre­gle­men­tier­ter statt­fin­det, macht sich das beson­ders bemerk­bar. End­lich: Alle Men­schen atmen auf, und atmen sich gegen­sei­tig ein.

Der Film atmet, las ich kürz­lich. Oder viel­leicht soll­te man ihn atmen las­sen wie ein gepfleg­tes Gläs­chen Rot­wein (Nur nicht zu lang, sonst kippt er um). Also ein­fach gar nicht betrach­ten, bis er nach sei­ner wuch­ti­gen Anstren­gung wie­der zu Atem kommt. Nein, es war wohl anders. Er muss etwas ver­sprüht haben, das sich an den Augen und Ohren vor­bei schum­mel­te, um auf direk­tem Weg in den Lun­gen des Autors zu ver­schwin­den. Durch die Nase oder den Mund hin­ein, und hof­fent­lich auch wie­der her­aus. Es hät­te dabei nichts ste­cken blei­ben dür­fen, denn das könn­te lebens­ver­än­dernd, weiß Gott lebens­ge­fähr­dend enden. Also eher ein Film zum Atmen. – Man liest nur noch sel­ten, wie ein Film schmeckt oder riecht. Wahr­schein­lich aus Grün­den der Pie­tät. So ein gera­de­wegs obs­zö­nes, sub­jek­ti­ves Urteil ist dem Leser nicht zuzu­mu­ten. Er wäre gezwun­gen, sich etwas vor­zu­stel­len, anstatt ein­fach zu glau­ben, was geschrie­ben steht.

Ich muss geste­hen, dass mir nach dem Kino­be­such meist ein fah­ler Geschmack im Mund bleibt. Ein­zel­hei­ten, die mei­ne Essens‑, Trink- und Rauchrou­ti­ne betref­fen, möch­te ich hier­zu aus­spa­ren. In der Regel ist mir aber mehr dar­an gele­gen, die­sen Geschmack los­zu­wer­den, als mich mit ihm zu beschäf­ti­gen. Glück­li­cher­wei­se ver­flüch­tigt er sich mit einem tie­fen Atem­zug der kla­ren, nächt­li­chen Luft, die sich mit einer ver­träum­ten Ziga­ret­te auf dem Heim­weg ver­mischt. Wäh­rend die rasend heiß­ge­lau­fen Bil­der immer noch mei­nen Kopf schwit­zen las­sen, kühlt etwas ab. Ein ande­rer Geruch trifft mei­ne Nase, eine ande­re Note legt sich auf mei­ne Zun­ge. Ich den­ke noch­mals an den Film zurück und spü­re erst an die­ser kaum merk­ba­ren Ver­än­de­rung, dass ich nun tat­säch­lich nicht mehr Ses­sel sit­ze und wie­der allein bin.

Noch­mals tief Luft holen. Wäh­rend ich dies­mal für einen Moment inne­hal­te, sehe ich wie­der das Bild vor mir. Still­ge­legt, dem Atem beraubt, nicht mehr leben­dig. Unwill­kür­lich taten ich und eine ande­re Per­son im Dun­kel das­sel­be. Ich atme­te durch mei­ne Nase ein. Dabei hör­te ich, wie die Luft an den Nasen­flü­geln vor­bei­ström­te und sich ihren Weg in die Luft­röh­re bahn­te. Der Brust­korb hob sich, das Zwerch­fell spann­te sich. Wie lang könn­te die­ser Moment andau­ern? Und was wird danach pas­sie­ren? Fast hielt ich es nicht mehr aus. Dann drück­te sich die ver­brauch­te Luft wie­der nach oben. Indes­sen über­kam mich ein unan­ge­neh­mes Gefühl. Ich befürch­te­te, even­tu­ell zu viel Auf­merk­sam­keit auf mich gezo­gen zu haben. Also press­te ich mei­ne Lip­pen zusam­men und ließ die Luft heim­lich wie­der durch mei­ne Nase entweichen.

Wirk­lich ent­las­tend ist nur, durch den Mund aus­zu­at­men. So leh­ren es die Gewicht­he­ber, Akro­ba­ten und Leicht­ath­le­ten. Sie bewe­gen sich damit im Gleich­ge­wicht, hal­ten die Span­nung, ohne sich zu ver­aus­ga­ben. Wenn es im Kino span­nend wird, dann spielt gera­de die Atmung bezie­hungs­wei­se ihr Unmög­lich­keit eine zen­tra­le Rol­le. – Zunächst gibt es jene, die sich mit ihrem Atem der­art ent­span­nen, dass sie bereits nach zehn Minu­ten genüss­lich in den Schlaf fal­len. Manch­mal ist ein klei­nes Säu­seln, Brib­beln, Gri­scheln, Röcheln oder Zipp­sen zu ver­neh­men. Jenen Kan­di­da­ten ist nichts vor­zu­wer­fen, sie haben sich dem Film hin­ge­ge­ben und wur­den von ihm warm emp­fan­gen, auch wenn sie hin und wie­der hechelnd auf­wa­chen. – Dann gibt es selbst­ver­ständ­lich jene, die mit der Ein­blen­dung des Film­ti­tels und Regis­seurs nickend die gesam­mel­te Luft wie ein Föhn aus­bla­sen. Womög­lich waren sie den hal­ben Tag oder ihr hal­bes Leben lang ange­spannt und kön­nen jetzt alles bekom­men, wor­auf sie gewar­tet haben. Zu die­ser Sor­te gehört in weni­gen Fäl­len aber eben­so eine arro­gant bis über­heb­li­che Spe­zi­es. Der Unter­schied liegt dar­in, dass sich ihr süf­fi­sant schmun­zeln­der Mund wie­der ver­schämt schließt, sobald etwas Unvor­her­ge­se­he­nes ein­tritt. – Ver­ein­zelt trifft man auch jenen, der immer­zu stöhnt. In bit­te­rer Igno­ranz wer­de ich ihn nicht wei­ter beach­ten, selbst wenn er stol­pernd den Saal verlässt.

Im Gegen­teil zu den vor­an­ge­gan­gen ist jedoch der nun fol­gen­de letz­te Typus, ohne Anspruch auf Voll­stän­dig­keit zu erhe­ben, der ein­zig kon­se­quent auf­fäl­li­ge. – Sei­ne per­ma­nen­te Anspan­nung fällt mit sei­nem pene­tran­ten Rin­gen um Luft auf. Das gequäl­te Jap­sen und Schnap­pen wird durch sei­ne ver­kno­te­te Sitz­po­si­ti­on nicht gera­de erleich­tert. Stoß­wei­se lässt er ange­stau­te Luft durch sei­ne Nasen­lö­cher aus­schie­ßen, als müss­te sich dabei noch mehr lösen, als die muf­fi­ge Luft beinhal­tet. Manch­mal wird dar­aus auch so etwas wie ein ver­knif­fe­nes Lachen, das sich mit einem leich­ten Kit­zeln oder gar Grun­zen am hin­te­ren Gau­men paart. Mit zuneh­men­der Wie­der­ho­lung scheint sich dar­an etwas fest­zu­set­zen, anstatt abzu­fal­len. Es fällt ihm schwer, ein­fach los­zu­prus­ten, etwas hält ihn zurück. Irgend­wann will man nur noch glau­ben, dass der Betrof­fe­ne gar nicht anders zu Luft käme. Doch es kann ver­ein­zelt durch das zag­haf­te Anstim­men eines Lau­tes unter­bro­chen wer­den. Zum Bei­spiel ein sono­res »Hm«, ein simp­les bis vul­gä­res Räus­pern oder auch ein bar­sches »Wür­den Sie bit­te etwas lei­ser sein«, kann hel­fen. Selbst­ver­ständ­lich mit einem ver­schluck­ten Fra­ge­zei­chen versehen. 

Gerät man ein­mal in die Lage (Ulrich Seidls Œuvre eig­net sich dafür aus­ge­zeich­net) die­se Typen zu beob­ach­ten, will man die eige­nen Luft­re­gun­gen nur noch pein­lich beschämt ver­ste­cken, wes­halb ich davon zutiefst abra­te. Das kann einen so weit in den Wahn­sinn trei­ben, dass man sich, bis man blau wird, kaum noch zu atmen traut. Von Film­ge­nuss kann dann natür­lich kei­ne Rede mehr sein. Es kommt erst der Not­arzt, dann die Poli­zei, zu guter Letzt der Bestat­ter und der gan­ze Abend ist gelau­fen. Glück­li­cher­wei­se endet sowohl eine Ein­stel­lung als auch ein Film. Immer, ganz bestimmt. Man darf also wie­der aus­at­men – und auf­at­men. Alles ande­re wäre albern und nicht auszuhalten.