Was ihm am Kino gefiel: sich zu ver­wan­deln, mit jedem neu­en Film zu ver­lie­ren und neu zu fin­den, nie der­sel­be blei­ben zu müs­sen, sich von einer Welt in die nächs­te zu han­geln, zu flie­hen. Es war so ein­fach sich zu trans­por­tie­ren, ganz ohne Risi­ko, immer wei­ter, immer wei­ter bis er nicht mehr wuss­te, wer er selbst war. Es gefiel ihm, dass das Kino so vie­le Ver­spre­chen vor sich her trug. Nicht wie Bücher, die geheim­nis­voll erschei­nen, son­dern ganz ver­füh­re­risch, prah­lend bei­na­he, über­deut­lich in den Zei­ten, Orten, Stim­mun­gen, in denen sie in ihm exis­tie­ren konn­ten. Egal wohin er blick­te, sah er mehr. Es kam ihm vor, als wür­de ihm das Kino eine Welt zei­gen, die ande­re nie sehen wür­den; Wel­ten sogar. Es brach­te ihn näher an das, was er als Rea­li­tät wahr­neh­men woll­te, ver­riet ihm die Tra­gö­di­en und Komö­di­en, die erst spä­ter in sei­nem Leben kom­men wür­den, warn­te ihn, mach­te ihm Angst, ermu­tig­te ihn und erhob sich wie eine Wol­ke in ihm, die sich von sich selbst löst und abreg­net. Mit jedem neu­en Film eröff­ne­ten sich hun­der­te wei­te­re Fil­me, die man sehen konn­te, mehr und mehr wur­de das Sehen von Fil­men zur Suche nach dem Unge­wöhn­li­chen, Außer­or­dent­li­chen, dem nächs­ten Fix. Er wehr­te sich gegen die inne­re Abstump­fung, eupho­risch klam­mer­te er sich an das, was ihm wich­tig war. Gleich­zei­tig aber konn­te er nie ler­nen zu ver­ges­sen; Bil­der krab­bel­ten durch sei­ne Augen wie Bak­te­ri­en. Inzwi­schen hat­te er längst ver­drängt, war­um er ins Kino ging. Er ging nur mehr. Woll­te alles mit dem Kino machen, es durch­drin­gen, damit ihm kei­ne dort ver­steck­te Emo­ti­on ent­ging. Jede Emo­ti­on könn­te die sei­ne sein. Er rede­te sich um Kopf und Kra­gen, wenn es um das Kino ging, immer woll­te er alle über­zeu­gen vom Kino, von der Schön­heit und vor allem davon, dass er das alles gese­hen und somit erlebt hat­te. Mit einer rie­sen­gro­ßen Bril­le betrach­te­te er jeden Gras­halm des Kinos, er beob­ach­te­te auch die soge­nann­te ech­te Welt durch die­se Bril­le. Zunächst schien ihm alles grö­ßer zu sein, stär­ker und wun­der­vol­ler, aber nach und nach stör­te ihn die Bril­le, sie war ihm eine Last. Er woll­te lie­ber blind mit sei­nen Augen im Gras ver­schwin­den als jeden Zen­ti­me­ter zu sehen; er woll­te die Augen schlie­ßen, viel­leicht war es das. Schon seit gerau­mer Zeit hat­te er auf­ge­hört vom Kino zu träu­men, er träum­te nur mehr von sei­ner Rol­le im Kino. Er schrieb Lis­ten auf, um sich zu mer­ken, was ihm wich­tig war. Jetzt wür­de er alles ver­ges­sen, ein Feu­er legen über sei­ne Erin­ne­rung und einen Film so sehen wie beim ers­ten Mal: groß und undurch­dring­bar, selt­sam und bewir­kend, dass man sich selbst ver­gisst. Doch heu­te konn­te er sich nicht mehr ver­ges­sen im Kino. Er sah sich selbst beim Sehen zu, die Gedan­ken kreis­ten schon beim ers­ten Bild. Was man wohl dazu schrei­ben könn­te? Was das wohl mit irgend­ei­nem ande­ren Film zu tun habe? Wie man so einen ganz ähn­li­chen Film machen könn­te? Die Fil­me exis­tier­ten nicht mehr für ihn. Er schmeck­te nur noch das Schau­en, nicht mehr die Fil­me. Er beob­ach­te­te die ande­ren, die ins Kino gin­gen. Er beschwer­te sich, dass ihnen alles dar­an egal wäre, er sah ihre Igno­ranz, er hat­te längst die Kraft ver­lo­ren, die er brauch­te, um sie zu über­zeu­gen, eine Kraft, die er nie hat­te. Sie waren glück­lich, dach­te er. Jeder Film ein neu­er Selbst­zweck. Alle mit denen er ein­mal berauscht über das Kino spre­chen konn­te, schwie­gen nur mehr, jeder schien in sei­ner eige­nen End­los­schlei­fe gefan­gen, die einen in jener, die kei­ne Zeit mehr fin­det für Fil­me, die ande­ren in jener, die zu indi­vi­du­ell, zu will­kür­lich, zu zynisch, zu all­wis­send gewor­den war. Das Kino ist eine Illu­si­on, sie gibt den Ein­druck, dass man dar­in leben kann, dass man alles sehen kann. In was hat­te er sich ver­wan­delt? Er wuss­te weder das, noch wer er selbst war unter all den Traum­fa­briks­fä­den, gespannt um sei­nen Kör­per wie eine Flie­ge im Spin­nen­netz, kurz vor ihrem zucken­den Tod. Also begann er zu flie­hen, das Kino zu ver­las­sen. Er stürz­te sich ins Meer, in die Wel­len, hör­te Musik so laut, dass die Fil­me in sei­nem Kopf wie Gehör­zel­len star­ben, er wan­der­te auf einem ein­sa­men Berg aus Eis, spür­te die Erde unter sich, ein Kuss, der nicht nach restau­rier­ten Fil­men roch, er wein­te bit­ter­lich und würg­te die ver­blas­sen­den Ver­spre­chen des Kinos aus sich her­aus; er woll­te allein sein, nicht mehr spre­chen, etwas über Stei­ne ler­nen oder die Koch­kunst, am bes­ten kei­ne Kunst, nur mehr durch die Nacht wan­dern wie der schlaf­lo­se Charles Dickens, auf den Trep­pen schla­fen, wie­der auf­wa­chen in einem Schloss, er woll­te schrei­en und wei­nen, aber all die­se Din­ge, zumal in die­ser Abfol­ge, hat­te er nur im Kino gelernt und sie waren auch nur dort mög­lich. Er hat­te ver­lernt, ein­fach nur zu sein.

Also ging er aus dem Kino eines Tages. Er warf sei­ne Bril­le in den Müll­ei­mer, tor­kel­te bei­na­he blind durch die Stadt, die ihm so laut und gefähr­lich nahe erschien. Fand sich wie­der in einem Wald, der nach Feuch­tig­keit roch und nach Stil­le. Er leg­te sich auf den Boden, sah nur sche­men­haft die teil­nahms­lo­sen Wip­fel der Bäu­me und dann sah er nichts mehr, so war das näm­lich, er hör­te auf zu sehen, zu hören, zu reden, zu schrei­ben; er ver­schwand und ver­such­te mit aller Kraft in sich selbst zu ruhen, einen Abwe­sen­heit zu fin­den, die ihm erlau­ben wür­de, wie­der von Neu­em die Augen zu öff­nen, ohne die­ses vom Kino pro­vo­zier­te Gefühl, dass man alles schon gese­hen hat; ganz jun­ge Augen, ganz kal­te Luft, die zum ers­ten Mal ent­lang der Lider streicht.

Sie such­ten ihn tage­lang. Dann gaben sie auf. Man sagt, dass er jetzt in den Bäu­men lebt oder sich gar in einen Baum ver­wan­delt hat.