8mm-Filmstreifen

Im Dachboden vergessen. Trotzdem mitgenommen.

Vor kur­zem half ich mit Freu­de einem Freund bei der Erschlie­ßung eines jah­re­lang unent­deckt geblie­be­nen Dach­bo­dens in sei­nem Haus. Sol­che sel­te­nen Vor­stö­ße ins Unge­wis­se sind wirk­lich emp­feh­lens­wert, was vor allem dar­an liegt, dass sie die vie­len Mög­lich­kei­ten eines Lebens ganz greif­bar bewusst machen anstatt sie, wie meist, als anhal­ten­des Bedau­ern im Hin­ter­kopf einer Exis­tenz zu bewah­ren. Von dort klop­fen sie bekann­ter­ma­ßen an und mün­den von Zeit zu Zeit in das Ver­za­gen einer Unmöglichkeit.

In die­sem Dach­bo­den aber, der sich tat­säch­lich als klei­ne Schatz­tru­he ent­pupp­te, war alles mög­lich bevor wir die gera­de ein­mal knie­ho­he Türe, die zu ihm führt, öff­ne­ten. Alles hät­te in sich zusam­men­fal­len kön­nen, mein Puls stieg merk­lich, viel­leicht wür­den wir die Lösung für sämt­li­che Pro­ble­me fin­den, einen Jung­brun­nen, Geheim­nis­se, Land­kar­ten, ver­lo­ren geglaub­te Schrif­ten oder einen Bat­zen Geld. Es erin­ner­te mich ein wenig dar­an, dass Fil­me für mich auch die­ses Ver­spre­chen mit sich tru­gen, im Kino­saal, wenn die Lich­ter aus­gin­gen und man dar­an glau­ben konn­te, dass was man sah, eine Welt war. Ich habe oft dar­über nach­ge­dacht, war­um mir die­ses Gefühl mit dem Kino und auch im Leben fer­ner und fer­ner scheint. Es scheint gera­de­zu so, als wür­den die Erfah­run­gen, die man mit den Din­gen macht, zu einer Abstump­fung füh­ren. Anders kann ich mir bis heu­te die geschmack­li­chen Extra­va­gan­zen man­cher Kino­lieb­ha­ber nicht erklä­ren, die tau­sen­de Fil­me gese­hen haben und folg­lich nach beson­ders raren, außer­or­dent­lich fri­vo­len Kicks suchen. Die nor­ma­le Dosis wirkt nicht mehr. Man weiß, wie es ausgeht.

Mein Vater, der ein Mann bestän­di­gen Humors ist, wenn auch von jener deut­schen Sor­te, die ein Augen­zwin­kern braucht, damit man Bemer­kun­gen wirk­lich als humo­ris­tisch ver­steht, hat an Sonn­aben­den vor dem TV-Film sit­zend immer wie­der gesagt: „Habe ich schon gese­hen.“ Was mir lan­ge Zeit vor­kam wie ein Scherz, der sei­nen Reiz aus sei­ner bestän­di­gen Wie­der­ho­lung gewann, erschien mir nach und nach wie unfrei­wil­li­ge Kul­tur­kri­tik. Oder gar eine Ermü­dung im Ange­sicht der feh­len­den Dach­bö­den. Die­se Bemer­kun­gen haben ihn übri­gens nie dazu ver­an­lasst, nicht doch wei­ter zu schau­en, um am Ende eines Films bei­läu­fig zu bemer­ken, dass er gewusst habe wie es aus­ge­hen wür­de. Dass er auch ein pas­sio­nier­ter Fuß­ball­schau­er ist, erscheint mir in die­sem Licht bei­na­he noch bizar­rer. Denn nur die Nai­ven unter den Fuß­ball­an­hän­gern glau­ben, dass man Ergeb­nis­se nicht vor­her­se­hen kann, dass man nie wis­se, was pas­sie­ren würde.

In Wahr­heit ist es immer das­sel­be und wahr­schein­lich liegt genau dar­in auch das Poten­zi­al zur Ver­füh­rung der Mas­sen. Wie bei Restau­rant­ket­ten sieht das Fuß­ball­feld, egal ob im Sta­di­on, im Fern­seh­ge­rät oder auf dem Platz, immer gleich aus. Es fühlt sich immer gleich an. Wenn dann ein­mal in zwan­zig Jah­ren eine Über­ra­schung geschieht oder gar etwas Ver­rück­tes, dann sagen sie: Das ist Fuß­ball. Als wäre es das Wesen die­ses von aller­hand Mäch­ten gelenk­ten Sports zu über­ra­schen. Unter dem Deck­man­tel die­ser Unvor­her­seh­bar­keit fei­ern die Besit­zer des Gel­des Tri­umph um Tri­umph. Wenn es dann mal zu einer Über­ra­schung kommt, geben sie mehr Geld aus, um die Über­ra­schun­gen aus­zu­schlie­ßen. Noch viel schlim­mer erging es mir als Jugend­li­cher, als ich Fuß­ball­vi­deo­spie­le zu mei­nen Beschäf­ti­gun­gen zähl­te. Ins­be­son­de­re in Spie­len gegen com­pu­ter­ge­nerier­te Geg­ner hat­te ich das Gefühl, dass das Spiel bereits vor­her ent­schie­den hat, ob ich gewin­ne oder ver­lie­re. Selbst­re­dend hin­der­te mich die­se Wahr­neh­mung nicht dar­an, der gege­be­nen Unge­rech­tig­keit und Will­kür die­ses Sys­tems mit den größt­mög­li­chen Gefüh­len zu begeg­nen. Ich schrie, ich jubel­te und zer­trüm­mer­te Gegen­stän­de. Sie sagen, es wäre nur ein Spiel. Der Staat hat ent­schie­den, er mani­pu­liert, der Bür­ger spielt und kauft wei­ter. Es war eine Simu­la­ti­on. Viel­leicht hät­te ich die Ver­pa­ckung lesen sollen.

Als wir auf allen Vie­ren krie­chend den Dach­bo­den betra­ten, war das anders. Natür­lich war streng genom­men auch dort in die­sem Moment nicht alles mög­lich. Es gab Men­schen, die vor­her in die­sem Haus leb­ten. Sie führ­ten ein bestimm­tes Leben, sam­mel­ten Objek­te an, hat­ten die­ses oder jenes Geheim­nis, ver­ga­sen und erin­ner­ten sich, bewahr­ten und war­fen weg. Basie­rend auf weit­ge­hen­den Nach­for­schun­gen zu den Bewoh­nern des Hau­ses hät­te man ver­mut­lich einen Groß­teil der dort gefun­de­nen Gegen­stän­de vor dem Betre­ten des Dach­bo­dens erah­nen kön­nen. Nur wähl­ten wir nicht nur not­ge­drun­gen den umge­kehr­ten Weg, son­dern auch weil es viel span­nen­der ist, aus den Gegen­stän­den auf die Men­schen zu schlie­ßen. Im Kino geht es mir da ganz ähn­lich. Ich fol­ge lie­ber einer Bewe­gung, aus der ich einen Men­schen oder Ort ken­nen­ler­ne, als einen Men­schen zu ken­nen und die­sem dann in Bewe­gun­gen zu fol­gen. Die­ser Rest, der bleibt, an Erkennt­nis­sen, die ich nie gewin­nen kann, macht für mich eine Begeg­nung aus. Sei es mit einem Film, einer Per­son oder einem Objekt. Im Fall mei­nes Freun­des gab es kei­nen wirk­li­chen Kon­takt zu den vor­he­ri­gen Besit­zern. Es ist eigent­lich so, dass er nur des­halb dort leben darf, weil er im Rah­men einer Aus­schrei­bung gewon­nen hat, sich für drei Jah­re um Haus und Gar­ten, die bei­de Eigen­tum des ört­li­chen Kul­tur­ver­ban­des sind, zu kümmern.

In einem Dach­bo­den war­ten oft Din­ge, die sich im Schwe­be­zu­stand zwi­schen ihrem Ver­schwin­den und ihrer Bewah­rung befin­den. Objek­te, die man ver­staut. Man braucht sie eigent­lich nicht, aber glaubt, dass man sie viel­leicht eines Tages ver­wen­den könn­te. Oder es hängt ein­fach das Herz dar­an. Man­che ver­dan­ken ihr Über­le­ben dage­gen ein­fach dem Ver­ges­sen. Man weiß gar nicht mehr, dass man etwas besitzt und genau des­halb wird es nicht ent­sorgt. Es scheint mir plötz­lich sehr gut ins Bild zu pas­sen, dass mein Vater Unbrauch­ba­res mit rasen­der Geschwin­dig­keit ent­sorgt. Er besitzt kei­nen Dach­bo­den. Zusam­men mit mei­ner Mut­ter lebt er aber in einem. Man darf sei­ne Eltern nicht in einem Dach­bo­den bewah­ren. Wenn sie es frei­wil­lig tun, darf man zumin­dest nicht ver­ges­sen, dass es den Dach­bo­den gibt. In man­chen Dach­bö­den gibt es mehr als Erin­ne­run­gen und Stauraum.

Wir fan­den aller­hand, und da vie­le Gegen­stän­de doch eine emp­find­li­che Pri­vat­heit spren­gen, von der ich zumin­dest aus sol­cher Nähe nicht berich­ten will, beschrän­ke ich mich auf zwei, von denen einer auch der Grund ist, war­um ich die­sen Text an einer film­ba­sier­ten Adres­se ver­öf­fent­li­che. Der eine Gegen­stand war ein Kof­fer, in dem sich ein altes Tonab­spiel­ge­rät und eini­ge dazu­ge­hö­ri­ge Ton­trä­ger befan­den. Dar­auf auf­ge­nom­men fan­den wir Chor­ge­sang, es ist uns noch nicht ganz klar, woher die­ser stammt und war­um er auf­ge­zeich­net wur­de, aber all das klingt ganz wun­der­bar und harrt wei­te­rer For­schung. Was mich aller­dings sofort beweg­te, war weni­ger die Tat­sa­che, dass wir Stim­men aus einer ver­gan­ge­nen Zeit hör­ten, son­dern dass sich jemand die Mühe mach­te, die­se aufzuzeichnen.

In der inten­si­ver wer­den­den Beschäf­ti­gung mit For­men des Heim­ki­nos wird ger­ne das Argu­ment eines kol­lek­ti­ven Gedächt­nis gebraucht. Man sieht das Leben aus Sicht von Bür­gern mit Kame­ras. Dar­über gewinnt man Erkennt­nis­se über die Men­schen und die Welt, in der sie leb­ten. Noch sehr wenig wird, so weit ich das über­bli­cken kann, über jene schwar­zen Fle­cken nach­ge­dacht, die man nicht aus die­sen Fil­men erschlie­ßen kann. Gie­rig stürzt man sich statt­des­sen auf alles, was einem klar wird. Offen bleibt wie so oft, was unklar bleibt. Kon­fron­tiert mit die­sen Ton­auf­nah­men, die ich für durch­aus ver­gleich­bar mit einer 8mm-Film­rol­le hal­te, fas­zi­nier­te mich viel weni­ger das, was ich mög­li­cher­wei­se über den Chor, die Musik und die Auf­nah­men wür­de her­aus­fin­den kön­nen, son­dern was mir von Anfang an völ­lig uner­reich­bar schien. Also etwa die phy­si­sche Anwe­sen­heit von Auf­nah­me­ge­rät und Stim­men im sel­ben Raum. Die Unsi­cher­heit dar­über, ob man alles rich­tig ein­ge­stellt hat, nicht zu lei­se, nicht zu laut, jemand, den man mit den Auf­nah­men beein­dru­cken woll­te, der Moment, in dem man das Inter­es­se dar­an ver­lor und sie in den Dach­bo­den stellte.

Der ande­re Gegen­stand war eine klei­ne, in einer stau­bi­gen Schach­tel zwi­schen Ein­kaufs­zet­teln und abge­schrie­be­nen Gedich­ten auf­be­wahr­te Notiz, die man als eine Form von tage­buch­ar­ti­ger Film­kri­tik auf­fas­sen könn­te, die mir aber so noch nie begeg­net ist. Berich­tet wird in ver­schnör­kel­ter Schrift von einem Film­erleb­nis im Haus der Tante:

Wir waren bei Tan­te Hil­de. Es gab Essen und dann einen Film. Nie­mand woll­te ihn sehen. Der Film war schön. Ich ken­ne sei­nen Namen nicht. Ich glau­be, dass ich ihn ver­ges­se. Es gab einen Maler und eine Frau. Sie haben mir Angst gemacht, weil sie nie gelä­chelt haben. Papa sagt, dass der Schau­spie­ler nicht wirk­lich malen konn­te und dass man das gese­hen hat. In sei­nem Gesicht habe ich aber gese­hen, dass er malen kann. Es gab nicht vie­le Far­ben. Ich muss Mama fra­gen wie der Film heißt. Wenn ich mir den Namen nicht mer­ke, ver­ges­se ich auch alle Bil­der. Es gab eines mit einem wei­ßen Kleid, das sich in einem Baum ver­fing. Und ein­mal waren die Fin­ger­kup­pen des Man­nes ganz rot und blu­tig, was vom Malen kommt. Es gab auch ein Meer. Ich weiß nicht, wel­ches Meer. Ich glau­be, dass der Film mehr im Nor­den spielt. Es wird viel gespro­chen, das meis­te habe ich ver­ges­sen. Es wird immer schlech­ter mit mei­ner Erin­ne­rung. Das Auf­schrei­ben macht auch nicht Spaß. Ich kann zu wenig schrei­ben, wenn ich kei­ne Bil­der mehr sehe. Papa sagt, dass es mir hilft. Es lang­weilt mich aber.

Jetzt, nach­dem ich die­se Fund­stü­cke so beschrie­ben und wie­der­ge­ge­ben habe, scheint es mir zu wenig. Viel­leicht, weil das was wir erwar­ten immer mehr ist, als das, was wir erzäh­len kön­nen. Weil die eigent­li­che Erzäh­lung in dem liegt, was ich ver­ges­sen habe auf­zu­schrei­ben, wäh­rend ich schrieb. Ich habe ein Foto der klei­nen Notiz gemacht. Ich kann mich nicht ent­schei­den, ob es bes­ser wäre, es dem Text bei­zu­le­gen oder nicht. Ob ich die Evi­denz beto­nen will oder die Mög­lich­keit einer Fiktion.