Kurze Bemerkungen gegen die Zeichenzahl (max. 4000 Zeichen mit Leerzeichen)

Eini­ge hal­ten gro­ße Stü­cke auf der maxi­ma­len Zei­chen­zahl, der soge­nann­ten Zei­chen­be­schrän­kung, dem cha­rac­ter limit oder word limit eines Tex­tes, behaup­ten gar, dass sie ohne Kennt­nis die­ser Ein­schrän­kung kei­nen Satz zu Papier brin­gen könn­ten oder dass die meis­ten Tex­te ohne­hin unle­ser­lich wären, wür­de man sie nicht schon a prio­ri ein­däm­men, ein biss­chen wie bei Rin­dern also, die man für den Nut­zen auch bevor­zugt hin­ter Zäu­nen hält.

Der Prag­ma­tis­mus hat hier sei­ne Stim­me, sie wird gehört, denn das Auf-den-Punkt-Kom­men-Kön­nen, die Prä­zi­si­on, die Effi­zi­enz, das sind Tugen­den, die in der Spra­che zur Form­voll­endung füh­ren kön­nen, kei­ne Fra­ge. Tat­säch­lich mag die Zei­chen­zahl auch jenen zur Hil­fe­stel­lung gerei­chen, die nach ein biss­chen Ord­nung in ihrem Den­ken suchen. Man ver­liert sich nicht in Details, kommt zum Wesent­li­chen. Oder sie wer­den moti­viert noch ein biss­chen wei­ter zu den­ken, sich nicht zufrie­den zu geben, weil sie noch 1000 Zei­chen mehr schrei­ben sol­len. Aber ist das wirk­lich eine Fra­ge vor­her fest­ge­leg­ter Län­gen oder nicht ein­fach Arbeits­ethik und guter Stil?

Die Lek­to­ren zücken ihre Rot­stif­te, es wird gestri­chen, denn alles, was nicht im Text steht, kann einem auch nicht um die Ohren flie­gen; sau­be­re, schön aus­ge­wo­ge­ne Sät­ze, die fer­ti­ge statt ent­ste­hen­de Gedan­ken reprä­sen­tie­ren. Nicht zu lang, nicht zu kurz, mund­ge­recht, damit man nicht erschla­gen wird, es ist ja ohne­hin alles zu viel; ver­ständ­lich, alles auf­be­rei­tet, damit nie­mand ver­wirrt wird, das wäre eine Katastrophe.

Mit der ent­spre­chen­den Erfah­rung schreibt man Tex­te fast blind auf die ent­spre­chen­de Zei­chen­zahl hin. Schließ­lich muss die Autorin vor dem Schrei­ben wis­sen, was sie schreibt. Ja? Außer­dem kos­tet das Papier nach Metern und die digi­ta­len Bild­schir­me haben beschlos­sen, dass ohne­hin kei­ner liest. Wie auch sonst soll­ten Zei­tun­gen und Maga­zi­ne und Bücher pla­nen und kal­ku­lie­ren und abrech­nen? Der Text hat nach der Publi­ka­ti­on zu tan­zen, obwohl er vor ihr kommt. So pas­sen sich die Gedan­ken dem For­mat an. Das ist ein Problem.

Was ist mit jenen Gedan­ken, die sich ver­ir­ren müs­sen, die sich aus dem schein­bar End­lo­sen ins Rele­van­te oder auch Irrele­van­te win­den? Was ist mit der Andeu­tung, dem Ver­kürz­ten, dem Unbe­darf­ten, das zum Tie­fer­ge­hen anregt? Und was ist mit jenen Fra­gen, die wir drin­gend mit Ja und Nein zugleich beant­wor­ten müs­sen? Was ist mit der Unein­deu­tig­keit, der Undeut­lich­keit, der Abschwei­fung, dem Schwall, dem Exzess eines um sich wir­beln­den Aus­drucks, der nicht unter­schei­den kann und möch­te, was rele­vant ist und was nicht? Schon mehr als 2500 Zei­chen und nichts wur­de gesagt…

Was wäre, wür­de wer schrei­ben, um erst­mal mit dem Den­ken zu begin­nen? Wie wür­de ein sol­cher ent­ste­hen­der Gedan­ke – ein­mal nie­der­ge­schrie­ben – aus­se­hen? Wäre er 3000 Zei­chen lang oder 3002? Oder nur 200? Wür­de er ohne Zei­chen­an­zahl frei­er sein? Was wäre, wenn die Anzahl der Zei­chen für die Denk­ka­pa­zi­tät ste­hen wür­de? Das ist natür­lich ein nai­ver Trug­schluss und außer­dem geht es beim Schrei­ben der meis­ten Tex­te nicht um den Schrei­ben­den son­dern um die Lesen­den, man soll­te sich ver­ständ­lich hal­ten, kom­plex aber nicht zu sehr, nach­voll­zieh­bar und so wei­ter. Sti­lis­ti­schen Fir­le­fanz kann man auch weg­las­sen, dann kommt man schnel­ler zum Punkt. Aber wenn es kei­nen Punkt gibt? Ich dre­he mich bereits im Kreis und das ist der Punkt, vielleicht.

Die Zei­chen­zahl hat eine Kul­tur­ge­schich­te oder bes­ser Tech­nik­ge­schich­te. Sie ist ver­wandt mit der For­mat­ge­schich­te, Ver­ein­heit­li­chungs­ge­schich­te des Den­kens, letzt­lich ein hilf­lo­ser Ver­such, sich gegen­sei­tig zu ver­ste­hen. Das liegt ja am Grund all die­ses Mühens um die rich­ti­ge Anzahl an Wor­ten: Der naï­ve Glau­be dar­an, dass man ver­stan­den wer­den kann.

Papy­rus bei­spiels­wei­se konn­te sich kaum wer leis­ten. In Ägyp­ten wur­de es pa per aa genannt, was über­setzt so viel bedeu­tet wie: was dem Pha­rao gehört. Der Vor­teil: Man muss­te über­le­gen, was es wert ist, auf­ge­schrie­ben zu wer­den. 1389 legen wich­ti­ge Gestal­ten in Bolo­gna noch vor Ein­füh­rung des Buch­drucks die Sta­tui dei Popo­lo, vier For­ma­te für Papier fest: Impe­ri­al­le (500x740mm), Real­le (445x615mm), Meça­na (345x525mm), Reçu­te (315x450mm). Sie gra­vier­ten die­se in eine Mar­mor­plat­te ein. 1911 grün­de­te der Schwei­zer Karl Wil­helm Büh­rer zusam­men mit dem Deut­schen Adolf Saa­ger in Mün­chen Die Brü­cke – Insti­tut für die Orga­ni­sa­ti­on der geis­ti­gen Arbeit. Ihr Ziel: Eine welt­wei­te Ver­ein­heit­li­chung geis­ti­gen Den­kens. Für das Papier ent­wi­ckel­ten sie Welt­for­ma­te, die spä­ter von Dr. Wal­ter Porst­mann zu den DIN 476 Papier­for­ma­ten wei­ter­ent­wi­ckelt wur­den. Die­ses Sys­tem hat sich außer in Nord- und Mit­tel­ame­ri­ka sowie Vene­zue­la, Kolum­bi­en, Chi­le und den Phil­ip­pi­nen durch­ge­setzt. Die Schreib­ma­schi­ne sprang von selbst über Zei­len, SMS waren beschränkt und Twit­ter auch. Bei letz­te­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men ist der Antrieb nicht die Ver­ein­heit­li­chung des Den­kens son­dern die maxi­mier­te Pro­fit­ge­win­nung aus dem ver­kürz­ten Denken.

Schreibt man zu einem Film oder ande­ren Kunst­wer­ken (frü­her nann­te man das: Kri­tik) ist die Zei­chen­zahl ein Hin­der­nis. Es gibt 30-Zei­chen-Fil­me und 300000-Zei­chen-Fil­me, das weiß man erst, wenn man sie gese­hen hat oder wenn man die Gedan­ken dazu for­mu­liert. Auch ist der glei­che Film für die eine Autorin ein Buch, für den ande­ren ein Halbsatz.

In der Lite­ra­tur gab es immer jene, die den Hedo­nis­mus der Spra­che frön­ten und jene, die so schrie­ben, als wür­den die Wor­te sich zwi­schen sie und die Wahr­heit schie­ben; es soll bei­des geben! Ob Ver­knap­pung oder Aus­schwei­fung, alles hängt letzt­lich am Herz­schlag, der Ver­dau­ung, dem mor­gend­li­chen Kof­fe­in­kon­sum, der Unru­he des zu Füßen lie­gen­den Hun­des, dem Wet­ter, der gene­rel­len Ver­fasst­heit (von Mensch und Spra­che). Es hängt auch am plötz­lich auf­tau­chen­den Rand einer Sei­te, dem aus­ge­hen­den Spei­cher­platz, den jewei­lig vor­herr­schen­den Kon­zep­ten von Unend­lich­keit, den unge­fragt in die Schreib­stu­be stür­men­den Mit­men­schen, den müden Fin­gern, dem Hun­ger und der ein­set­zen­den Lan­ge­wei­le, die eben nicht nur die Lesen­den betrifft. Manch­mal setzt die­se Lan­ge­wei­le, die ent­we­der dem beschrie­be­nen Gegen­stand, der Spra­che oder dem Autor gegen­über sich selbst gilt, nach einem ein­zi­gen Wort ein (Sym­ptom unse­rer Zeit laut Geoff Dyer: instant bore­dom), manch­mal nie, ja das soll es geben: Men­schen, die sich so ver­tie­fen in einen Gedan­ken, dass er nie­mals endet. Das macht Angst und befreit zugleich.

Äuße­re Umstän­de, inne­re Umstän­de bestim­men die Län­ge eines Tex­tes, aber auf kei­nen Fall eine vor­her fest­ge­leg­te, unum­stöß­li­che, nur leicht aus­zu­rei­zen­de Zei­chen­zahl. Die ent­spricht nicht nur einer Nor­mie­rung des Tex­tes son­dern einer Stig­ma­ti­sie­rung (sie­he Begrif­fe wie long read, als kön­ne man sagen, ob wer lang oder kurz liest). Man soll­te sich der Zei­chen­zahl ver­wei­gern, sie höchs­tens selbst set­zen. Wie ein Spiel: Heu­te schrei­be ich ein Glau­bens­be­kennt­nis in 13 Wör­tern. Mor­gen in 14. Und so fort. Bis man den Glau­ben verliert.

Aber die mensch­li­che Spe­zi­es ist nicht gut dar­in, sich selbst Gren­zen zu set­zen (nur Staa­ten, viel­leicht soll­te man Tex­te wie Staa­ten behan­deln?). Auch die Schrei­ben­den (Rin­der mit ein biss­chen Wahn­sinn) füh­len sich in vor­ge­ge­ben For­ma­ten woh­ler, dann schützt sie zumin­dest die vor­ge­ge­be­ne Län­ge vor den eige­nen Gedan­ken, dem all­zu flap­sig Nie­der­ge­schrie­be­nen, dem Törich­ten (unter kei­nen Umstän­den wür­de man töricht wir­ken wol­len), dem Ver­häng­nis­vol­len, den Fett­näpf­chen, Miss­ver­ständ­nis­sen. Lie­ber auf tro­cke­ner Tin­te sit­zen als auf ver­wisch­tem Papier, so scheint es. Aber ist das wirk­lich die Auf­ga­be des Formats?

Es geht ja auch anders­her­um. Wör­ter, die sich end­los deh­nen, Sät­ze, die sich stre­cken, damit eine vor­ge­ge­be­ne Län­ge erreicht wird, obwohl es längst nichts mehr zu sagen gibt. Das Aus­fül­len der Sei­te, Zwang einer in lee­ren Phra­sen ertrin­ken­den Gesell­schaft. Die Spra­che muss sich bis zum letz­ten Zen­ti­me­ter fügen, Wör­ter wer­den aus­ge­tauscht, damit die letz­te Zei­le nicht gar so hilf­los im Weiß des Unbe­schrie­be­nen steht. Man kann immer noch ein biss­chen mehr schrei­ben, ein biss­chen aus­führ­li­cher, red­un­dan­ter, ein biss­chen mehr Wind, um die Vögel am Him­mel wegzupusten.

Meist wird man nach Umfang bezahlt, nicht nach Gründ­lich­keit. Man unter­schreibt für ein Ver­hält­nis von The­ma und Umfang und das lie­fert man dann auch: 4000 Zei­chen über eine Aus­stel­lung, 11000 Zei­chen über „Mut“, maxi­mal 6500 Zei­chen über die Bedeu­tung von Zeit im All­tag, 1500 Zei­chen Kurz­ge­schich­te zum Mot­to: „Der Ele­fant hat einen Rüs­sel, die Maus aber auch“. Die­ses Ver­hält­nis könn­te man geo­me­trisch betrach­ten, als eine Art Drei­eck, in dem sich Bezah­lung, The­ma und Auf­wand in unter­schied­li­chen Win­keln zuein­an­der ver­hal­ten. Am bes­ten lie­fert man noch ein Expo­sé oder eine Kurz­fas­sung mit, maxi­mal 1000 Zei­chen, eine Kurz­bio, ein oder zwei Sät­ze, die beschrei­ben, wer man ist, was man so treibt, war­um man also dafür geeig­net ist, 3000 Zei­chen über die sich ver­än­dern­de Flug­kur­ve der Schwal­be im Win­ter zu verfassen.

Die hier erar­bei­te­te Moral: Man­che Tex­te brau­chen Län­ge, ande­re Kür­ze, wenn einem nichts mehr ein­fällt, soll­te man aufhören.