Die Augen Lolitas und die Kongruenzen des Tages

Noch hat mir nie­mand erklärt, wes­halb die­se Din­ge immer an einem Tag gesche­hen: Kürz­lich betrach­te­te ich eini­ger­ma­ßen ver­zückt eine mir in die Hän­de gefal­le­ne Kopie einer Zeich­nung des Kar­ner-Bläu­lings, ange­fer­tigt vom Lepi­dop­te­ro­lo­gen Vla­di­mir Nabo­kov, der sich um die­ses Tier­chen mehr als ver­dient mach­te, um nur weni­ge Stun­den spä­ter, wäh­rend eines kur­zen Spa­zier­gangs im Wäh­rin­ger Stern­wart­park, ein mit die­sem Bläu­ling ver­wand­tes Exem­plar eines Polyom­ma­tus ica­rus, eines Hau­he­chel-Bläu­lings zu sehen, das auf eini­gen blü­hen­den Grä­sern sei­nen flat­tern­den Geschäf­ten nach­ging, um auf dem Nach­hau­se­weg kurz bei einem jener Bücher­schrän­ke zu ver­wei­len, die am Stra­ßen­rand ste­hen und gele­gent­lich uner­war­te­tes Glück für alle jene brin­gen, die die Hoff­nung auf sel­bi­ges noch nicht auf­ge­ge­ben haben, wo mir eine Aus­ga­be von Nabo­kovs Loli­ta aus der Pen­gu­in Twen­tieth Cen­tu­ry Clas­sic-Rei­he ins Auge fiel, auf deren Umschlag der Titel­schrift­zug von einem Vier­eck ein­ge­rahmt wird, des­sen mil­chi­ges Dun­kel­blau oder von der Schwe­re eines ver­ge­hen­den Som­mer belas­te­te Him­mels­blau (je nach­dem, ob man den Him­mel opti­mis­tisch oder apo­ka­lyp­tisch betrach­tet) exakt, ganz exakt wenn mich mei­ne Augen nicht täusch­ten, jener des Hau­he­chel-Bläu­lings ent­sprach; Blau, so könn­ten sich die Leser des genann­ten Buchs erin­nern, ist auch die Augen­far­be Loli­tas, die von Hum­bert Hum­bert als Far­be des Som­mer­him­mels (nicht die­ses Som­mers in Wien, das ist sicher), der Pflau­men und Fei­gen beschrie­ben wird, als Trau­ben­blut der Kai­ser. Selbst­ver­ständ­lich habe ich das Buch sogleich ein­ge­steckt, um es etwas «zeit­ver­schwen­de­risch» (wie der Autor ein­mal einem Kri­ti­ker ent­geg­ne­te, der sich mit angeb­li­chen Sexu­al­me­ta­phern in des­sen Werk aus­ein­an­der­setz­te) nach Hin­wei­sen auf die Far­be Blau oder Schmet­ter­lin­ge zu durch­fors­ten. Nun glau­be ich, dass wir der­lei Zuge­fal­le­nem, das sich über die Stun­den in unser Leben ein­zu­schlei­chen scheint, zu viel Gewicht bei­mes­sen. Letzt­lich erzäh­len die­se Kon­gru­en­zen mehr über uns selbst als über die aus dem Gewim­mel der Tage auf­blit­zen­den Erschei­nun­gen. Unse­re Wahr­neh­mung unter­liegt dem Dik­tat einer Hin­weis­dra­ma­tur­gie, das heißt, wir suchen nach Bedeu­tun­gen, weil wir sonst gar nichts anfan­gen könn­ten mit dem ewi­gen Hin­ter- und Durch­ein­an­der des Seins und Sehens. Das Meis­te, wenn man das so salopp sagen kann, bedeu­tet aber gar nichts und die, die selbst­herr­lich das Gegen­teil ver­kün­den, star­ren spä­ter vom Toten­bett in den blau­en Him­mel und wun­dern sich über die Far­be, die sich so gar nicht ver­än­dern will, obwohl sie dahin­sie­chen. Die viel­zi­tier­te Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Zei­len beruht auf längst aus­for­mu­lier­ten Sät­zen in den Köp­fen jener, die sie zu ent­de­cken glau­ben. Blau (glos­sy-blue) jeden­falls sind die Post­kar­ten, die Hum­bert Hum­bert von sei­nem Vater zeigt, blau das Uni­ver­sum, von dem er sich bereits als Kind die Welt erträumt, blau das Was­ser, in dem sich die ers­ten libi­di­nö­sen Erfah­run­gen zutra­gen, blau die Jeans, an denen er sich gern im hin­läng­lich bekann­ten Stil alter Män­ner reibt und so wei­ter und so fort. Ich bin mir sicher, dass es gan­ze wis­sen­schaft­li­che Bücher gibt über die­se Far­be in die­sem Roman, auch wenn sich natür­lich unmög­lich sagen lässt, an wel­ches Blau der Autor genau dach­te, als er das Wort blue auf sei­ne Bögen tipp­te. Ein Schmet­ter­ling taucht zwei­mal auf im welt­be­rühm­ten Buch. Ein­mal an eine Wand gena­gelt und ein­mal als nase­wei­ser Stö­ren­fried, der zwi­schen dem sich orgas­tisch dem Ten­nis­spiel mit sei­ner vier­zehn­jäh­ri­gen Flam­me hin­ge­ben­den Mann und ihr her­vor­flat­tert wie ein mög­li­ches Sym­bol, das in sei­ner Kör­per­lich­keit schlicht stört (ein The­ma des Autors). Die Asso­zia­ti­ons­kraft mei­ner Begeg­nun­gen mit Schmet­ter­lin­gen und der Far­be ver­lor jeden­falls an appeal, als ich ihr so bewusst nach­ging. Lei­der lässt sich das Bewusst­sein nicht so leicht aus­trick­sen und damit mei­ne ich weni­ger mein eige­nes, als das der Maschi­nen, die wir nut­zen, um Infor­ma­tio­nen zu bekom­men. Wenn wir heu­te sagen, dass wir nach einem Schmet­ter­ling suchen, dann stel­len wir uns sel­ten Exila­ris­to­kra­ten vor, die mit Son­nen­hut und Schmet­ter­lings­netz auf einer Lich­tung umher­ir­ren und dar­auf war­ten, dass ihnen etwas aus dem Gras ent­ge­gen­schwirrt. Heu­te suchen wir nicht mehr, wir fin­den. Evo­lu­ti­on oder Dege­ne­ra­ti­on? Am Abend des­sel­ben Tages las ich dann in der fünf­ten Aus­ga­be des Maga­zins «für jede Art von Lite­ra­tur» Der Rabe, her­aus­ge­ge­ben von Gerd Haff­mans und war fast ent­täuscht dar­über, kei­nen Schmet­ter­ling zu fin­den zwi­schen den Zei­len oder auch auf den Buch­sta­ben sit­zend, so wie die­se Insek­ten es manch­mal tun, um sich, so scheint es uns, mit Son­ne auf­zu­tan­ken. Statt­des­sen muss­te ich zu spä­ter Stun­de erfah­ren, dass eine flie­gen­de Kaker­la­ke sich in unser Schlaf­zim­mer ver­irrt hat­te, was ich zwar mit wenig Anstren­gung in Ver­bin­dung mit den Bläu­lin­gen hät­te brin­gen kön­nen, mir aber bedroh­li­cher schien, weil ich fürch­te­te, dass eine ähn­li­che Ereig­nis­ket­te aus­ge­hend von die­sem nicht ganz so hüb­schen Tier­chen, letzt­lich nur dazu füh­ren könn­te, dass es nur so wim­mel­te von Kaker­la­ken in mei­nem Leben. Auf der ande­ren Sei­te könn­te ich erwäh­nen, dass es Nabo­kov war, der in sei­nem Nach­den­ken über Franz Kaf­kas Die Ver­wand­lung fest­stell­te, dass es sich beim geschil­der­ten Tier unmög­lich um eine Kaker­la­ke han­deln kön­ne, es müs­se ein geflü­gel­ter Käfer sein. Es erüb­rigt sich zu erwäh­nen, dass Nabo­kov auch die­ses Tier gezeich­net hat (obwohl Kaf­ka in einem Brief an sei­nen Her­aus­ge­ber wünsch­te, das Insekt wür­de nie gemalt wer­den), auf sei­ner Suche nach ein wenig fak­ti­scher Gewiss­heit in die­ser von Kaf­ka bewohn­ten Welt, in der sich die Din­ge nie ganz und nie spe­zi­fisch erklä­ren lassen.