So ver­traut wie beru­hi­gend, mag der hei­sern vor­ge­tra­ge­ne Hin­weis, man möge das eige­ne Tele­fon am Läu­ten und Leuch­ten hin­dern, im Film­mu­se­um vor Micha­el Manns The Insi­der viel­leicht doch eine gewis­se Iro­nie beinhal­ten. Was dahin­ge­hend für Manns Whist­le­b­lower- und Medi­en­kon­zern­thril­ler gilt, dürf­te genau­so auch für sei­ne ande­ren Block­bus­ter zäh­len, die gera­de im Film­mu­se­um nach der Som­mer­pau­se die Rei­hen fül­len. Es sind Fil­me, die moder­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­gen hin­ter­her has­ten und ohne sie wahr­schein­lich gar nicht vor­stell­bar wären. Der Anlass für die­se über­ra­schen­de Retro­spek­ti­ve könn­te wohl einer­seits das drei­ßig­jäh­ri­ge Jubi­lä­um von Manns Heat sein: immer wie­der­ent­deckt und natur­ge­mäß zum letz­ten Autoren­film her­auf­be­schwo­ren, unter­des­sen vom Digi­tal­ki­no ver­schluckt, hier nun auf 35 mm. Ande­rer­seits könn­te einem aber auch auf­fal­len, dass man in Manns Kino und vor allem in Insi­der das noto­risch als Stör­quel­le emp­fun­de­ne Mobil­te­le­fon kei­nes­wegs am liebs­ten zum Fens­ter her­aus­schmei­ßen will, son­dern ihm mit schuld­be­wuss­ter Auf­rich­tig­keit statt­des­sen sei­ne Lie­be gesteht.

Irgend­wo im Liba­non wird Lowell Berg­mann (Al Paci­no) mit ver­bun­de­nen Augen zu einem His­bol­lah-Anfüh­rer ver­schleppt, bis sich her­aus­stellt, dass er einen Auf­tritt des­sel­bi­gen für die CBS-Sen­dung 60 Minu­tes fixen soll. Nach erle­dig­ter sehr ana­lo­ger Kon­takt­auf­nah­me – selbst­re­dend haben die Ter­ro­ris­ten kei­ne Tele­fo­ne – zückt der TV-Pro­du­cer sein Mobi­le beim Blick durchs Fens­ter und gibt ein­sil­big durch, dass der Fisch ange­bis­sen hat. Immer­hin braucht auch der Ter­ror ein Gesicht in der Öffent­lich­keit. Eine SMS, eta­bliert seit 1989, wäre wahr­schein­lich güns­ti­ger gewe­sen, aber auch weni­ger ein­dring­lich. So tele­fo­niert sich Berg­mann von Sze­ne zu Sze­ne, ob tags oder nachts, dass man fast glau­ben will, nie­mand kön­ne so gut und vor allem so sorg­los tele­fo­nie­ren wie der angeb­li­che Her­bert Mar­cu­se-Schü­ler. Meist mit Jef­frey Wigand (Rus­sell Cro­we), dem viel wich­ti­ge­ren Fall hier. Kei­ne Pro­ble­me mit dem Kabel, nur ein ein­zi­ges Mal mit der Ver­bin­dung, aber da ist Berg­mann auch gera­de im, wegen Auf­säs­sig­keit ver­ord­ne­ten, Strand­ur­laub. Vor allem erreicht er unum­wun­den jeden, den er gera­de braucht, was – typisch Mann – in der Regel Män­ner sind. Män­ner an Tele­fo­nen, die sich belei­di­gen und anschrei­en oder manch­mal auch ver­trau­ens­voll inne­hal­ten, doch nur sel­ten flüs­tern und sowie­so nicht vorm Griff zum Hörer zögern. Dass sie dabei einen ihrer tat­kräf­ti­gen Arme auf­ge­ben, spielt kaum eine Rol­le, man müss­te sich sonst umständ­lich den Hörer zwi­schen Schul­ter und Kopf klem­men, um Klei­nig­kei­ten zu notie­ren. Aber das machen nur die Assistentinnen.

Schrift oder Text spie­len ohne­hin eine zweit­ran­gi­ge Rol­le. Allen­falls ein Fax wird für ein paar dürf­ti­ge Fra­gen ver­wen­det. Der ein­zi­ge Brief, geschrie­ben von Lia­ne Wigand (Dia­ne Veno­ra), ist nicht zu sehen und wird flüch­tig trä­nen­über­strömt gele­sen. Jene, die sich beim Ein­tref­fen der dia­bo­lisch rot­ge­tränk­ten Todes­dro­hung per E‑Mail selbst zu Tode erschreckt als stün­de ein Auf­trags­kil­ler vor ihr, was mitt­ler­wei­le jeder halb­trai­nier­te Spam­fil­ter ver­hin­dern dürf­te. Manns Film scheint sich so gera­de­zu vor dem Schrift­li­chen zu fürch­ten – dem, was fest­ge­hal­ten wer­den kann – und geht dabei lie­ber den form­ba­ren Bil­dern nach. Bil­der und Sequen­zen, die bear­bei­tet, umge­schnit­ten oder zen­siert wer­den wol­len. Ein Anruf genügt. Berg­mann ist ein Mann sei­nes Wor­tes, aber auch des Tele­fons. So wäre er gern über­all, aber kann genau­so wenig etwas ver­hin­dern. Denn in ers­ter Linie braucht er eine Geschich­te, eine Erzäh­lung und nicht nur Fak­ten. Para­do­xer­wei­se gemahnt Insi­der damit an die höhe­re Glaub­wür­dig­keit des gespro­che­nen Wor­tes gegen­über dem Geschrie­be­nen. Wer sich ver­spricht, dem sind kei­ne zwei­fel­haf­ten Absich­ten zu unter­stel­len. Von Rau­chern fehlt in die­sem Film über den Tabak­in­dus­trie­skan­dal übri­gens jede Spur.

So sehr wie Manns Fil­me mit jenem Ame­ri­ka­bild ver­wi­ckelt sind, das in den aktu­ell erin­nern­den Fern­seh­be­rich­ten zu den Ter­ror­an­schlä­gen am 11. Sep­tem­ber wie­der auf­taucht, und damit von einer unheim­li­chen Wirk­lich­keits­nä­he erzäh­len, genau­so fern wir­ken sie gera­de. In einer Zeit, in der ein Regis­seur wie Paweł Paw­li­kow­ski anläss­lich sei­nes retro­gra­den Ojc­zyz­na, der erneut durch Schwarz-Weiß beson­ders fremd­ar­tig wir­ken soll, davon erzählt, er ver­stün­de die Welt der Tele­fo­ne nicht mehr. Um nicht zu sagen, man hät­te sie je ver­stan­den, oder den Tele­fon­be­sit­zern gar pater­na­lis­tisch eine Sucht zu unter­stel­len, könn­te man dar­in auch die Aus­weg­lo­sig­keit wahr­neh­men, die Welt nicht so sehen zu wol­len, wie sie sich eben zeigt. Gleich­zei­tig könn­te sich dahin­ter aber auch nur das kon­ser­va­tiv-cine­phi­le Res­sen­ti­ment ver­ber­gen, mit dem man glaubt, der tele­fo­nie­ren­den oder wischen­den Welt erklä­ren zu müs­sen, sie wären nicht mehr in der Lage, rich­tig zu sehen. Manch Mar­cu­se-Schü­ler wür­de dem viel­leicht zustim­men. Es mag wahr­schein­lich wenig über­ra­schen, schon gar nicht dank Infor­ma­ti­ons­lecks, dass nun auch Apple sein neu­es­tes iPho­ne vom glän­zen­den Klotz in ein hüb­sches, fast leder­nes Taschen­buch ver­wan­delt und damit sei­nen süd­ko­rea­ni­schen Vor­bil­dern nach­ei­fert. Insi­der weiß (oder wis­sen), wer wirk­lich näher dran ist, kann sich das sel­ten aussuchen.

Beim noch­ma­li­gen Blick zurück in die Ver­gan­gen­heit der letz­ten drei­ßig Jah­re lässt sich aber bei­spiels­wei­se in Hou Hsiao-Hsi­ens Good­bye South, Good­bye auch ein in mehr­fa­cher Hin­sicht viel nähe­rer, womög­lich mensch­li­che­rer Tele­fon­ge­brauch erken­nen. Dort, wo sich erfolg­lo­se Klein­kri­mi­nel­le davon durch sub­ur­ba­ne Räu­me trei­ben las­sen. Immer wie­der kau­ern sie tele­fo­nie­rend am Ran­de des Bil­des oder wer­den anders exzen­trisch dabei kadriert. Hsiao-Hsi­en inter­es­siert sich nicht wirk­lich dafür, wel­chen Raum das Tele­fon ein­nimmt, statt­des­sen wirkt es unschein­bar omni­prä­sent wie ein anhal­ten­der Unter­ton des Films, manch­mal sogar tran­szen­dent. Anders als bei Mann schei­nen sich kei­ne ver­wir­ren­den Quer­ver­bin­dun­gen durch die Sze­nen zu zie­hen, die an anti­quiert-rat­tern­de Tele­fon­zen­tra­len erin­nern könn­ten, son­dern hier sind es eher unsicht­ba­re Funk­wel­len, die die Kom­mu­ni­ka­ti­on auf­recht erhal­ten. Kabel­te­le­fo­ne gibt es zwar trotz­dem, aber wer an ihnen spricht, wird vom Film nicht gehört, statt­des­sen sind es ande­re Stim­men, die sich ein­mi­schen, die Tele­fo­na­te über­la­gern. Über­haupt erfährt man – eben­so anders als bei Mann – sehr wenig davon, was auf der ande­ren Sei­te der Lei­tung gespro­chen wird. Zudem macht man sich am Tele­fon beson­ders ver­wund­bar. Etwa mit einem Geständ­nis oder wenn nur jemand dar­auf war­tet, bis man zum Hörer greift, um zuzu­schla­gen. Aber nicht anders als anders­wo ist auch dort das Tele­fo­nat der Ver­zicht auf die ver­meint­li­che Ver­bind­lich­keit des Schriftlichen.

Eine bewuss­te Ableh­nung, die mit sanf­ter Bru­ta­li­tät zurück­schlägt, wie man sie viel­leicht aus den Fil­men von Howard Hawks kennt. Nicht nur wie bekann­ter­ma­ßen in His Girl Fri­day, son­dern bei­spiels­wei­se auch in Hat­a­ri!, in dem nur Sean Mer­cer (John Way­ne) offen­bar wirk­lich ver­steht, was auf der ande­ren Sei­te im Krank­haus gesagt wird und sich dabei so über den Tre­sen lehnt, als stün­de das tele­fo­ni­sche Gegen­über direkt dane­ben. Es gibt eine Run­de Schnaps oder gab sie bereits, weil der ver­wun­de­te Litt­le Wolf (Bruce Cabot) dank Chips (Gérard Blain) die tie­ri­sche Gegen­at­ta­cke über­lebt. Man könn­te sich dabei vor­stel­len, wie eine Gemisch aus Bran­dy und Rasier­was­ser auf der ande­ren Sei­te aus dem Hörer quillt. Auch bei Hawks sind es wie­der Frau­en, die mit dem Schrift­li­chen eher in Berüh­rung kom­men, Brie­fe schrei­ben, um ihre Iden­ti­tät zu ver­schlei­ern, oder weil sie unter dem männ­li­chen Dau­er­ge­quat­sche nicht zu Wort kom­men. (Gleich­wohl, kein gut­ge­mein­ter Miso­gy­nie­rück­ruf an die Quas­sel­strip­pen.) Unver­bind­lich­keit ent­puppt sich als Stär­ke, wäh­rend sie sogleich dem all­um­grei­fen­den, Wirk­mäch­tig­keit ver­spre­chen­den, Bekennt­nis­zwang immer wie­der ent­wischt. Wor­über man gleich noch gespro­chen hat, das liegt letzt­lich im und am Ohr des Zuhörers.

Unsi­cher, ob gele­sen oder gehört, mein­te wohl jemand, der dem Kino beson­ders nah steht (es dürf­te schon etwas län­ger her sein), dass sich ein ame­ri­ka­ni­scher Zei­tungs­jour­na­list von einem euro­päi­schen dar­in unter­schei­det, dass er schreibt, als wür­de er tele­fo­nie­ren. Sehen­den Auges beschreibt er haut­nah den Zustand und jede Ent­wick­lung von neu­em, mit einer Hand am Tele­fon, auf der ande­ren Sei­te ein Redak­teur, der wider­spruchs­los pro­to­kol­liert. Der euro­päi­sche Kol­le­ge notiert sich unter­des­sen sei­ne Ein­drü­cke in sei­nem gepfleg­ten Notiz­buch, um die­ses spä­ter bei dämm­ri­gen Licht an sei­nem Schreib­tisch aus­zu­wer­ten. Manch­mal zieht sich der Weg dort­hin auch beson­ders in die Län­ge, weil aller­hand Kreu­zun­gen dazwi­schen lie­gen. Viel­leicht hat er auch schon längst ver­ges­sen, was er sich notier­te, oder hat alles gleich ganz ver­lo­ren. Wor­in der wirk­li­che­re Ein­druck liegt, kann wahr­schein­lich nur sagen, wer sein Tele­fon vor Schreck oder Ent­span­nung im dunk­len Saal fal­len lässt und es dort nach sei­nem ver­hei­ßungs­vol­len Auf­prall zwei oder drei Stun­den spä­ter ver­geb­lich suchen wird, wenn man es nicht schon längt ver­ges­sen hat.