Notiz zu The Honeymoon Killers von Leonard Kastle

Mit ver­meint­li­cher Selbst­ver­ständ­lich­keit kann man im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um der­zeit den ers­ten Teil einer Film­rei­he sehen, die sich den Regie­de­büts aus der eige­nen Samm­lung wid­met. Sich zu fra­gen, was dar­an inter­es­sant sein soll, dürf­te ange­sichts der Ein­deu­tig­keit leicht über­se­hen wer­den. Wie man aus dem Ein­lei­tungs­text erfährt, han­delt es sich sel­ten um fil­mi­sche Mono­li­the, eher um unent­schlos­se­ne Son­der­bar­kei­ten. So wirkt das Debüt oft dunk­ler als der Rest des Werks, es ähnelt einem blin­den Fleck, in dem aller­hand film­his­to­ri­sches Arse­nal ver­schwin­det. Einer­seits jenes der Fil­me­ma­cher selbst, ande­rer­seits das der noto­risch his­to­ri­sie­ren­den Zuschau­er. Tra­di­tio­nen, Ritua­le oder Zwangs­läu­fig­kei­ten neben Hoff­nun­gen, Ideen und Wün­schen. Es sind eben die ers­ten Fil­me. Zugleich sind es für man­che aber auch die letz­ten oder die ein­zi­gen, was an den auf­ge­zähl­ten Bedeu­tungs­fel­dern eini­ges ver­än­dert. Das Pathos des jugend­li­chen Auf­bruchs, der sich sei­ne eige­nen Regeln geben will, wird von einer exis­ten­zi­el­len Selbst­auf­ga­be ersetzt. Was kann so wich­tig sein, einen ein­zi­gen Film zu dre­hen? Leo­nard Kast­le, ein ame­ri­ka­ni­scher Opern­kom­po­nist und Diri­gent, der The Honey­moon Kil­lers rea­li­sier­te, könn­te man die­se Fra­ge stel­len, wür­de er noch leben.

Ein Film, der par­al­lel zu Peter Lor­res Der Ver­lo­re­ne oder Mar­lon Bran­dos One-Eyed Jacks in der Rei­he gera­de auf­grund die­ser merk­wür­di­gen Ein­ma­lig­keit her­aus­ragt. Zudem war Kast­le für sei­nen Film erst die drit­te Wahl, unter ande­rem nach Mar­tin Scor­se­se. Es han­delt sich um die Ver­fil­mung des ame­ri­ka­ni­schen Kri­mi­nal­falls von Ray­mond Fer­nan­dez und Mar­tha Beck, zwei 1951 hin­ge­rich­te­te Seri­en­mör­der, die ihre Opfer durch Hei­rats­an­zei­gen fan­den, um sie erst zu berau­ben und anschlie­ßen zu töten. Kast­les Stil unter­schei­det sich mit sei­nem Direct Cine­ma Rea­lis­mus zunächst kaum von den ande­ren mehr oder weni­ger unab­hän­gi­gen Fil­men sei­ner Zeit. Den­noch könn­te auf­fal­len, dass The Honey­moon Kil­lers einen eigen­ar­ti­gen, ellip­ti­schen Rhyth­mus auf­weist. Nicht so wie Godards naiv-groß­spu­ri­gen Mon­ta­ge­ex­pe­ri­men­te in A bout de souf­flé (ob es sich dabei wirk­lich um sein Debüt han­delt, darf bezwei­felt wer­den), son­dern eher wie die sym­pho­ni­sche Dyna­mik­ar­beit eines Diri­gen­ten, der Zeit ver­schwin­den statt sicht­bar wer­den lässt. Kast­le ver­sucht über die gesam­te Dau­er des Films ein gro­ßes Cre­scen­do zu span­nen, obwohl sich die Abläu­fe der Anbah­nungs- und Tötungs­epi­so­den stets ähneln, indem sich stän­dig ver­ein­zel­te klei­ne­re Cre­scen­di auf­bau­en und wie­der zusam­men­bre­chen. So ent­steht all­mäh­lich eine ange­spann­te Span­nungs­lo­sig­keit, die so ver­mut­lich ein­ma­lig ist. Außer­dem tau­chen ver­stär­ken­de Ein­brü­che und Akzen­te zu Beginn sowie am Ende auf. Bei­spiels­wei­se als Mar­tha den Ober­arzt ihrer Sta­ti­on mit einem ein­zi­gen fast über­hör­ba­ren anti­se­mi­ti­schen Satz beschimpft oder als sie die Toch­ter ihres letz­ten Opfers kalt­blü­tig tötet.

Nicht als Orna­ment, wie man es aus ande­ren Fil­men kennt, son­dern als Takt­ge­ber bil­den vor allem die geschrie­be­nen und gele­se­nen Brie­fe die Sub­stanz des Films, deren kit­schi­ger Inhalt wie vie­les unter­des­sen belä­chelt wer­den könn­te, womit nicht nur die dar­un­ter­lie­gen­de Ernst­haf­tig­keit ver­zerrt wird, son­dern sich auch die opern­haf­te Gro­tes­ke im Sozi­al­dra­ma zu erken­nen gibt. Selbst wenn die immer wie­der aufs Neue bemüh­te Ana­lo­gie zwi­schen Film und Oper teil­wei­se über­zeu­gen mag, zeigt Kast­le hier vor allem eine Gren­ze auf. Die Opern­par­tie im Gegen­satz zur Film­rol­le bleibt sym­bo­lisch, was Kast­les auf beson­de­re Wei­se in einer gewis­sen Dop­pe­lung unauf­ge­ho­ben lässt. Fast ohne zeit­his­to­ri­sches Bei­werk, trägt die Sym­bol­haf­tig­keit von Ray­mond und Mar­tha zu einem ver­stö­ren­dem Rea­lis­mus bei, der Abgrün­dig­keit ver­mu­ten lässt, wo kei­ne zu sehen ist. Gera­de­zu typisch für Erst­lings­wer­ke, aber viel­leicht auch ein Grund, wes­halb es nach eini­gen ver­geb­li­chen Ver­su­chen Kast­les ein­zi­ge Film­re­gie­ar­beit blieb. Anders als der Groß­teil fil­mi­scher Debüts erzählt gera­de die­ses vom Schei­tern, trotz sei­nes ver­spä­te­ten Kults. Man könn­te vom Film­mu­se­um eine erzäh­len­de Ein­füh­rung erwar­ten – immer­hin geht es um die eige­ne Samm­lung –, die dar­auf hin­weist, was mög­lich gewe­sen wäre, aber das bloß, um nicht anzu­er­ken­nen, dass jeder ers­te Ver­such auf sei­ne eige­ne Wei­se schei­tert und des­halb eigent­lich kei­nen wei­te­ren Kom­men­tar als sich selbst benötigt.