Text: Teo­man Yüzer

Drei­zehn Minu­ten lang schwankt die Kame­ra in Mat­ti­jn Seips Dou­ble Shut­ter auf und ab. Zu sehen sind immer die­sel­ben paar Meter, die doch nie ganz die­sel­ben blei­ben. Eine zwei­te Blen­de wur­de vor das Objek­tiv mon­tiert, was man nicht unbe­dingt beim Schau­en erkennt. Das muss man auch nicht. In ers­ter Linie fla­ckert das Bild, mal mehr, mal weni­ger. Die Kame­ra ist auf einer Schau­kel mon­tiert, die sich – so meint man, zwi­schen dem stän­di­gen Blen­den­flat­tern zu erspä­hen – vor dem hohen Zaun eines Parks befin­det, der an eine viel­be­fah­re­ne Stra­ße angrenzt.

Man könn­te sich auch vor­stel­len, selbst auf die­ser Schau­kel zu sit­zen: Die Blen­de ver­deckt die Sicht, wie Haa­re, die einem ins Gesicht wehen. Ich kann dar­über nur mut­ma­ßen oder mich an ande­re Fil­me und Fotos erin­nern, mei­ne Haa­re waren nie so lang. Dabei arbei­tet die Blen­de aber, trotz ihrer teils arhyth­mi­schen Bewe­gung, gera­de anfangs deut­lich kon­trol­lier­ter und glat­ter. Eine etwas merk­wür­di­ge Per­spek­ti­ve wäre das. Wer geht auf einen Spiel­platz, um auf die Stra­ße zu schau­en? Meist blickt man doch lie­ber weg von »der Welt«, hin zur »Natur« – hier sieht man, wenn man etwas sieht, kein park­land­schaft­li­ches Idyll.

Hin­ter der Abtren­nung, die Seip vor die Kame­ra schiebt, befin­det sich also noch eine wei­te­re, schein­bar unver­än­der­li­che. Neben allem, was sich im Bild bewegt (die Men­schen, die Autos, die Blät­ter der Bäu­me am Him­mel), bleibt der ver­git­ter­te Zaun ein kon­stan­ter Refe­renz­punkt, an dem man sich ver­geb­lich zu ori­en­tie­ren ver­sucht. Dabei wird das Sehen die­ser Land­schaft im Ver­lauf des Films immer stär­ker erschwert. Das Schwarz nimmt zu, irgend­wann kommt bei mir ein Schwin­del­ge­fühl auf, als es so aus­sieht, als wür­de sich die Kame­ra nicht nur nach oben und unten, son­dern auch seit­wärts und in alle Rich­tun­gen dazwi­schen gleich­zei­tig bewe­gen. Als wäre das Bild, das man sieht, kurz davor, an sei­ner eige­nen Bewe­gung zu zerreißen.

Mal­colm Le Gri­ce soll bei die­sem Film von Kubis­mus gespro­chen haben, heißt es vor­ab in der Ein­füh­rung. Ich weiß nicht genau, was er meint und nie­mand, den ich fra­ge, tut das, aber ich ver­ste­he es doch irgend­wie. Genau­so wie ich nicht benen­nen kann, war­um ich stän­dig an James Joy­ces Ulys­ses den­ken muss. Trans­for­ma­tio­nen des All­täg­li­chen, die Schau­kel als Bewusst­seins­strom, der Bord­stein als Tor zur Welt. »Hou­ses, lines of hou­ses, streets, miles of pave­ments, pile­dup bricks, stones. Chan­ging hands. (…) Feel as if I had been eaten and spe­wed.« Viel­leicht hat das mehr mit mir zu tun als mit dem Film.

Seip erforscht die­sen ver­gleichs­wei­se win­zi­gen Raum aufs Genau­es­te. Genau weil er ihn nie in sei­ner ›Gän­ze‹ zeigt, ent­steht der Ein­druck eines umfas­sen­den Bil­des. So wirkt jeder Gras­halm, jeder Stein, jede Him­mels­e­cke, die man durch das Schwarz der Blen­de hin­durch erspäht, wie eine gänz­lich neue Ent­de­ckung. Er teilt den Raum in unzäh­li­ge Bild­split­ter auf, Wahr­neh­mungs­frag­men­te, die viel mehr mit unse­rem wirk­li­chen Sehen zu tun haben, als die kla­ren, bestehen­den Bil­der kon­ven­tio­nel­ler Kine­ma­to­gra­fien. Man könn­te an ähn­li­che raum­struk­tu­rel­le Expe­ri­men­te den­ken, wie Wave­length (min­des­tens das in hoher Fre­quenz anhal­ten­de Dröh­nen auf der Ton­spur erin­nert an Micha­el Snows Film), Ernie Gehrs Ser­e­ne Velo­ci­ty oder Mau­rer Dóras Rela­tív Len­gé­sek, bei dem irgend­wann auch die Kame­ra selbst in Schwin­gung gerät. Seips Film scheint mir aber deut­lich weni­ger streng – dadurch auch weni­ger didak­tisch und durch­schau­bar bei dem, was er tut (und wie).

Vor­her und nach­her sind in den ande­ren Fil­men von Seip vie­le Far­ben zu sehen. Dou­ble Shut­ter abs­tra­hiert die Land­schaft, die er abbil­det, zunächst schon ein­mal durch sei­ne Mono­chro­mie, bevor die zwei­te Blen­de ins Spiel kommt, die aus einem ansons­ten recht simp­len Ver­suchs­auf­bau ein nahe­zu undurch­dring­li­ches Mosa­ik macht. In der Ein­füh­rung wird der Film auch als Herz­stück des Pro­gramms her­vor­ge­ho­ben, das wohl nicht zufäl­lig in der Mit­te plat­ziert wur­de. Manch­mal las­sen sich die Grün­de oder Qua­li­tä­ten, die mit die­ser Stel­lung im Gesamt­werk ver­bun­den sind, nicht genau erfas­sen. Man will ver­mei­den, zu sagen, der Film sei schlicht­weg »bes­ser« als die ande­ren. Als ich spä­ter erwäh­ne, einen Text zu einem der Seip-Fil­me schrei­ben zu wol­len, wis­sen alle, dass nur die­ser gemeint sein kann.

Zuhau­se sehe ich mir den Film noch ein paar Mal an, in einer ziem­lich nied­ri­gauf­ge­lös­ten Digi­ta­li­sie­rung des nie­der­län­di­schen Film­mu­se­ums, wie mir das Was­ser­zei­chen oben rechts ver­rät. Kein raum­ein­neh­men­des Fla­ckern, kein Schwin­del­ge­fühl, selbst das Schwarz ist nicht rich­tig schwarz und so muss ich den Film weni­ger durch mei­ne Augen als durch mei­ne Erin­ne­rung hin­durch schau­en. Wenn ich dar­über nach­den­ke, dass ich die­sen Film auf abseh­ba­re Zeit nur in die­ser Fas­sung sehen kön­nen wer­de, bekom­me ich das Gefühl, dass jedes Sehen an die­sen erin­ner­ten Bil­dern frisst und mich wei­ter vom Kino­saal ent­fernt, dass ich durch die Pixel immer weni­ger von die­ser ohne­hin meist ver­deck­ten Land­schaft erken­ne, bis am Ende nur das Schwarz bleibt.