Es gibt Gegenden, die sich dem Blick der Kamera, dem Blick einer Filmemacherin nahezu entziehen. Meist sind es die Straßen, in denen man schon seit Jahren lebt, und deren Anblick sich fast abgenutzt hat. Da, wo alles gewohnt aussieht, jeder Ecke schon bei jedem Lichteinfall gesehen wurde. Aber plötzlich wird Winter und ein undurchdringbarer grauer Schleier legt sich darüber; so wie auf einmal ein Haus oder gleich zwei verschwinden. Schnee häuft sich auf den Gehsteigen, über dessen rutschige Reste man unsicher hinweg stapft, während an anderer Stelle eine Baugrube klafft. Claudia von Alemanns Nebelland befindet sich in Frankfurt am Main, jedoch in einem des Umbaus Anfang der 1980er Jahre. Es könnten einem auch Peter Nestlers Frankfurter Filme dazu einfallen. Das Wachsen der Stadt in die Höhe findet bei Alemann genauso klammheimlich statt. Zwar direkt vor den Augen, aber auch nicht so, als könnte man die Stadt nicht mehr wiedererkennen. Alemann schaut durch die Fenster der Büros, in denen an den Schreibtischen noch bis in die Nacht gearbeitet wird. Kaltes Licht fällt nach außen.
Aus den Beobachtungen spricht mehr leise Neugierde als lauter Protest, obwohl auch dieser in Nebelland seinen Ausdruck findet. Er steht an den Wänden, man muss nur hinsehen oder die Kamera darauf richten. Einfach macht es sich der Film damit ebenso wenig wie die hadernde Protagonistin, die mit ihrer großzügigen Altbau-Wohnung im Herzen der Stadt den Mittelpunkt des Films bildet, zugleich aber selten alleine zu sehen ist. Der Film sucht in kleinen Episoden die Zu- und Abneigungen in Freundschaften oder Liebesbeziehungen. Was es aber bedeutet zu lieben beziehungsweise geliebt zu werden, weiß keiner so recht, nur dass die Vorstellung von Sorglosigkeit niemanden zufriedenstellt. Starke, durchsetzungsfähige Charaktere gibt es nicht, vielmehr solche mit umstoßbaren Überzeugungen und sprachlosen wie fragenden Gesichtern. Alemanns Film könnte man als desillusioniert oder utopielos verstehen, eher ist er aber ein interessierter Spaziergang an den Abbruchkanten des Gewöhnlichen. Die Stille des Films offenbart leise Töne, die davon erzählen, dass nichts stehenbleibt, auch nicht im Winter, wie man von Ingeborg Bachmanns Nebelland weiß.
Claudia von Alemann nimmt mit diesem Film ähnlich zu ihrer Protagonistin, die als archäologische Zeichnerin durch das Frankfurter Senckenberg Naturmuseum wandelt, einen zeitlichen Querschnitt auf. Dass Filme das so an sich haben, ist das eine. Das andere ist aber, mit diesem Wissen einen Film zu drehen, ohne ihm die Spruchreife der eigenen Gedanken überzustülpen. Eine denkbare Antwort, die man sich geben könnte, wenn man die Zeugnisse der eigenen Vergangenheit nicht mehr wirklich einordnen kann. Möglicherweise wusste man manches doch nicht so genau, wie man selbst dachte. Und wie der fertige Commerzbank-Turm aussehen wird, hätte man sich schon anhand seiner Baustelle vorstellen können. In dieser Hinsicht beschäftigt sich Nebelland wahrscheinlich mehr mit dem, was möglich ist, als mit dem, was zu sehen ist. Damit handelt es sich um eine Art des Sehens, das man seltsamerweise immer häufiger nur noch in Kinematheken zu sehen bekommt. Vielleicht handelt es sich dabei aber auch um eine sentimentale Archivfalle. Es mag kaum verwundern, dass Alemann diesen Film nach Die Reise nach Lyon drehte, der diesem in so vielem ähnelt und zugleich fast gegenläufig erscheint.

