Schilderungen aus Frankfurt: Spielberg am Nachmittag

Im neu­es­ten Film des nun neun­und­sieb­zig­jäh­ri­gen Ste­ven Spiel­berg, geht die­ser, wie so oft im Gen­re des Alters­werks, sei­nen eige­nen Über­zeu­gun­gen noch­mal auf den Grund und ver­sucht sie im Licht der Aktua­li­tät zu durch­leuch­ten. Dass Dis­clo­sure Day aber­mals von Außer­ir­di­schen han­delt wie schon ‌E.T. the Extra-Ter­restri­al, Clo­se Encoun­ters of the Third Kind oder War of the Worlds, dürf­te so viel­leicht weni­ger mit Spiel­bergs kind­li­che Spiel­lie­be für son­der­ba­re Spe­zi­al­ef­fek­te zu tun haben, als mit sei­nem Kino gewor­de­nen anthro­po­lo­gi­schen Blick. So viel sei also vor­weg­ge­nom­men: Die Inves­ti­ti­on in ein dop­pelt so teu­res Kino­ti­cket für eine dop­pelt so gro­ße IMAX-Lein­wand dürf­te nur loh­nen, wenn man sich mit der­sel­ben extra­ter­res­trisch-erhe­ben­den Per­spek­ti­ve aus dem Kino­ses­sel auf sei­ne Umwelt bekannt machen will. Nicht nur dürf­ten klei­ne­re Lein­wän­de für das über­schau­ba­re Spek­ta­kel aus­rei­chen, auch das Abschwei­fen ins Lee­re blie­be womög­lich erspart.

Ent­ge­gen ähn­lich gestimm­ter und applau­dier­ter ame­ri­ka­ni­scher Pro­duk­tio­nen, die sich seit gerau­mer Zeit nicht mehr beson­ders sub­til als Kom­men­tar zum poli­ti­schen Zeit­ge­sche­hen ver­ste­hen, beharrt Spiel­berg auf den Gemein­sinn und weni­ger das Indi­vi­du­um. Anders als Ari Asters Edding­ton, Yor­gos Lan­t­hi­mos Bugo­nia oder Paul Tho­mas Ander­sons One Batt­le After ano­ther, die man teils als Pro­phe­zei­ung ver­ste­hen könn­te, kommt Dis­clo­sure Day aber zu spät, zumin­dest fast: Ein ver­folg­ter Cyber­se­cu­ri­ty-Spe­zia­list hat das unter Ver­schluss gehal­te­ne Beweis­ma­te­ri­al einer UFO-Lan­dung und den Expe­ri­men­ten an den Außer­ir­di­schen ent­wen­det und will es an die Öffent­lich­keit brin­gen. Auf mys­ti­sche Wei­se kreuzt sich dafür sein Weg mit einer hyp­no­ti­sier­ten Wet­ter­mo­de­ra­to­rin eines unbe­deu­ten­den klei­nen Fern­seh­sen­ders. Die Kraft, die bei­de anzieht, scheint dabei aber nicht nur zu sein, die ›Wahr­heit‹ ans Licht zu brin­gen, son­dern auch ihre gemein­sa­me Ver­gan­gen­heit. Bei­de wur­den durch die Inva­si­on der Freund­lich­keit von den Außer­ir­di­schen als Kin­der geimpft. Kei­ne Angst vor Sprit­zen, hier geht es – wie soll­te es anders sein – direkt ins Auge.

Wäh­rend bei den Epstein Files trotz ihrer geschwärz­ten Offen­ba­rung Raum für Ver­dacht, Mut­ma­ßung und Anschul­di­gung blei­ben soll, baut Spiel­berg dar­auf, dass die Welt für die gan­ze Wahr­heit bereit ist. Jeden­falls in der Welt sei­ner Vor­stel­lung oder dem Tran­szen­den­ten per se. Denn wer auf Gott ver­traut, der ver­trägt auch die Wahr­heit, jah­re­lang belo­gen wor­den zu sein. Dem­ge­mäß inter­es­siert sich Spiel­berg weder für Kul­tur­kämp­fe noch für Got­tes­be­wei­se, son­dern baut ganz auf die Kraft des gegen­sei­ti­gen Ver­ste­hens. So dür­fen die bei­den aus­er­wähl­ten Men­schen­we­sen sich dank ein­ge­flüs­ter­ter Zau­ber­kräf­te unschul­dig erha­ben füh­len, solang sie nur in ihren zuge­wie­se­nen Rol­len blei­ben. Der Mann ver­steht die letz­ten Rät­sel des Uni­ver­sums mit­hil­fe uni­ver­sell-logo­zen­tri­scher Mathe­ma­tik und die Frau löst die Rät­sel des Unbe­wuss­ten dank zwi­schen­mensch­lich-grenz­über­win­den­der Empa­thie. Wie soll­te es auch anders ein. Dass dies alles kei­ne unbe­kann­ten Wün­sche sind, wird spä­tes­tens mit dem Fall des Schlag­worts »Flow« deut­lich. Das Uner­füll­ba­re müss­te sich an Spiel­bergs Film messen.

In die­ser Hin­sicht wird man bei Dis­clo­sure Day nahe­zu regel­mä­ßig von Gefühls­auf­wal­lun­gen erschüt­tert, wenn vor Gut­her­zig­keit über­quel­len­de Sät­ze die eige­nen Ohren errei­chen. (Im Flow sein hat vor allem etwas mit dem Hören und sehr wenig mit dem Sehen zu tun.) Aller­dings gefolgt von einem erfro­re­nem Sto­cken, als wäre man ertappt wor­den. Spiel­berg macht hier – das unter­schei­det Jugend- von Alters­wer­ken – kei­nen Unter­schied mehr zwi­schen gro­ßen oder klei­nen Geheim­nis­se, gar Tabus. Für Außer­ir­di­sche, Gott, Ärz­te, Archi­tek­ten und Fil­me­ma­cher gibt es sowie­so kei­ne Geheim­nis­se, die unent­deckt blei­ben dür­fen. Damit mag es nur logisch sein, dass sich in Spiel­bergs Film über das Gedan­ken­le­sen und Ein­drin­gen ins Pri­va­te nie­mand empört. Letzt­lich ist der uni­ver­sel­len Natur ohne­hin alles gleich, könn­te das anthro­po­lo­gi­sche Resü­mee lau­ten. Das macht somit end­lich auch ver­ständ­lich, wes­halb sich Spiel­berg noch nie wirk­lich für kul­tu­rel­les oder gesell­schaft­li­ches bewusst inter­es­sier­te. Eine Bin­sen­weis­heit, den Erfolg sei­ner Fil­me zu begreifen.

Trotz aller Befrie­dung, die sei­ne Bil­der her­vor­ho­len wol­len, bleibt doch etwas Beun­ru­hi­gen­des an ihnen. Etwas ist anders als bei sei­nen undurch­leuch­te­ten aber selbst­be­wuss­ten fil­mi­schen Geh­ver­su­chen. Das dürf­te nicht nur an der blau getön­ten Media­li­tät der Bil­der hän­gen oder an der merk­wür­di­gen Ähn­lich­keit des fik­ti­ven UFO-Found-Foo­ta­ge zu ande­ren his­to­ri­schen Kata­stro­phen. Der Beweis­cha­rak­ter lie­fert päd­ago­gisch ver­siert da vor allem eine Struk­tur für das, was wirk­lich als Rea­li­tät außer­halb des Kinos ver­stan­den wer­den soll. Beun­ru­hi­gend ist die Abwe­sen­heit von Wut und Frus­tra­ti­on oder schlicht schlech­ter Lau­ne. Als hät­te man sie für eine gewis­se Dau­er ver­ste­cken müs­sen, stellt sie sich mit dem Ende des Films uner­war­tet in den Vor­der­grund. Nicht not­wen­di­ger­wei­se als die eige­ne, aber als etwas, wor­auf man wohl nicht ver­zich­ten möch­te. Künst­li­che Ver­knap­pung ist der Gefühls­ma­schi­ne­rie zuzu­trau­en. Damit mag aber auch der Zwei­fel an Bil­dern glaub­wür­dig wer­den, wie ihn Spiel­bergs Nach­kömm­lin­ge propagieren.

Ent­täu­schung bezie­hungs­wei­se Unzu­frie­den­heit könn­te aber auch über der fla­che Nüch­tern­heit der Bil­der von Dis­clo­sure Day ent­ste­hen, die sich dem gro­ßen Lausch­an­griff beu­gen müs­sen. Zugleich raschelt und klin­gelt alles um einen her­um. Das Irri­tie­ren­de an der Vor­stel­lung von extra­ter­res­tri­schem Leben ist vor allem, dass es uns unmit­tel­bar auf­fal­len soll. Des­halb ähneln die Außer­ir­di­schen hier stets in ihrer Phy­sio­lo­gie den Men­schen oder ver­wan­deln sich Tie­ren an. Nichts wäre wohl schlim­mer als etwas, das uner­kannt oder uner­hört bliebe.