Nicht mit Sicherheit kann man sagen, dass es sich hier um eine Geschäft handelt, wobei es doch sehr viel mit Geschäften zu hat. Zwar lässt sich ein Eingang und ein Innenraum ausmachen, dennoch scheint ein Verkaufsbereich zu fehlen und Preisschilder sowieso. Eher könnte man es noch für eine aufgeräumte aber leere Werkstatt halten oder einer dieser seltsamen Zwischenräume von Handwerksbetrieben, die dem Empfang von Kunden dienen, hinter denen sich das Chaos verbirgt. Jedenfalls scheint hier alles blitzeblank, Kunden gibt es trotzdem nicht, was am Wochenende liegen könnte oder daran, dass sich Passanten einfach nicht vom Schaufenster lösen können. Es ist das einzige dieses Lokals und gibt, da es nicht besonders vollgestellt ist, einen Blick in den Innenraum frei. Die Hauptattraktion aber – allein dafür lohnt sich ein Ausflug – bilden die aufgereihten Porzellanfiguren auf dem Fenstersims, der nicht besonders breit dafür jedoch relativ lang bemessen ist, um dreizehn Exemplare auszustellen. Jede der Figuren ist etwa so groß wie eine Vase und verkörpert mit seiner Form und Bemalung ein Tier. Davon lassen sich drei der gemeinen Hauskatze zuordnen, wenngleich sich ihr Gesichtsausdruck weitaus verträumter und unschuldiger zeigt. Sie sind porzellanweiß, teilweise gefleckt und eine getigert, was allerdings eher wie ein missglückter Versuch aussieht, Natürlichkeit zu erwecken. Sonst versammelt sich zwischen den Katzen ein halber Zoo. So gibt es glücklich grinsende Seerobben und Delfine, einen weißen Porzellanelefanten, einen gelbschillernden Doktorfisch sowie einen freundlich hockenden Schimpansen. Versetzt dahinter außerdem noch ein Feldhase, eine Gans und ein scheuer, versteckter Yorkshire Terrier. Nicht zu vergessen der Tyrannosaurus-Rex – chamäleongrün vor einem Kaktus harrend. Alle diese Tiere eint jeweils ein weißer Stab im Rücken, was sie bei näherer Betrachtung und den verstreut auffallenden Armaturen als Klobürstenhalter ausweist.
Abgesehen von weiteren Exemplaren, die sich im Innern auf einem Regelsystem verteilen, wird dort auch eine große Anzahl an Plastikflaschen sichtbar. Zwei von ihnen befinden sich im Schaufenster auf erhöhten Plattformen. Ausgestattet mit Sicherheitsverschlüssen und den entsprechenden Informationen handelt es sich um Rohrreiniger, aber vermutlich um solche, für die man womöglich eine eigene Benutzungslizenz benötigt und deshalb nicht einfach im Drogeriemarkt verkauft werden können. Dennoch sehen sie im Unterschied zu den handelsüblichen auf den ersten Blick ungefährlicher aus – nicht orangenleuchtend, beklebt mit Etiketten von brennenden oder gar explodierenden Rohren, kraftvollen Pfeilen und mehrfach umrandeten serifenlosen Schriftzügen. Zu den porzellanweißen Flaschen gesellen sich hier kleine rosafarbene Orchideen, als müsste man der verboten-starken Wirkung einen harmonisierenden Gegenpart hinzustellen. So sehr wie die Orchidee notorisch als das Aushängeschild des schlechten Geschmacks verunglimpft wird, dürfte einem aber hier auch ihr verführerischer, vielleicht sogar auch haltloser Charakter ansichtig werden. So kann man an diesem Schaufenster eine bestimmte – eine glänzende – Spannung bemerken, inmitten des lieblichen Porzellanzoo und den unlauter heftigen Chemikalien, die, sobald sie mit organischen Stoffen in Berührung kommen, nichts übriglassen werden. So verspielt und zugleich exzessiv wird wohl nirgends in dieser Stadt den Abflüssen gefrönt, im genealogisch-puritanischen Kino schon gar nicht. Das Zelebrieren des Abseitigen oder schlechten Geschmacks hat ihm zwar feierlich einen gemeinschaftlichen Anstrich verliehen, aber nur um klammheimlich seinen heterogenen Charakter davon zu spülen. Das könnten einem beispielsweise in Fleshpot at 42nd Street von Andy Milligan auffallen, der kürzlich auf dem Wiener SLASH Filmfestival zu sehen war. Dort, wo einst die New Yorker Kinos der Gosse, Kulturhistoriker sagen grindhouse, standen, haben Disney und McDonalds Adressen aufgekauft und die Gehsteige gesäubert. So wie Milligan die Schaufenster dort im Vorbeifahren zu Beginn und am Ende abfilmt, könnte man auch glauben, er wüsste, was ihnen bevorsteht.
Sich ebenso davon spülen wollend, schleppt sich Jerry einige Jahre zuvor (und in einer anderen Stadt, Chicago) geradezu schillernd durch die krisengeschüttelte amerikanische Gesellschaft, vom Alkoholismus gezeichnet in Merrily we go to hell von Dorothy Arzner. Eine seltsame Mischung, aus der verheißungsvollen Absturzsehnsucht und dem stockenden Humor einer trägen, erschöpften Screwball-Komödie, beides liegt hier nah beieinander, dahinter wie davor aristokratische Normen. Auf der Suche nach einem Tenor stolpert Jerry durch einige Räume einer Bar, einer Szene, die Slapstickhaft-verschwenderisch mit der wertvollen Zeit des Films umgeht, in dem gar nicht so viel passiert. Fast sorgt man sich, dass sich die Erzählung nicht ausgehen wird, nur um vor ein verknapptes, romantisches Ende gestellt zu werden – verblüffend ähnlich, nur weniger dramatisch, dafür ebenso schroff bei Milligan. Im Moment als Jerry den angeblichen Tenor hinter der Bar findet, wo seine Bekanntschaften schon sitzen, und plötzlich ein gemeinsamer Song angestimmt wird, scheint sich niemand für Ökonomisches zu interessieren. Doch beim Zusehen stellt sich mit der Zeit ein seltsam selektiver Umgang ein: man überlegt, erfährt oder wird damit konfrontiert, was noch zu retten, zu erhöhen und zu vergessen sei. Die Zeit des Films, wie die seiner Vergangenheit, was einerseits an seiner episodenhaften Struktur liegen könnte, andererseits an einer gewissen vorauseilenden Stimme des Hays-Code, hier Mr. Prentice. Auf jeden Fall zeichnet sich etwas unvermeidliches ab, dem das Besondere dieser kleinen aber außergewöhnlich langen Szene etwas entgegen hält. Und jeder, der sich auch noch so neutral mit Filmen beschäftigen will, wird wohl ebenso in diesen Strudel gerissen. Was bewahrt werden soll, ist auch eine Frage der Notwendigkeit. Als vor ein paar Tagen im Filmmuseum Keith Sanborn seine Restaurierung von Esfir Shubs Padenie dinastii Romanovykh vorstellte, hätte die Irritation ob der künstlich gereinigten Bilder nicht größer sein können. Die Gesichter im Filmmaterial verziehen sich zu unheimlichen Fratzen, Lederschuhe scheinen sich für kurze Momente in Sneaker zu verformen. Begeisterter Applaus und entgeisterte Verachtung sitzen für einen Moment plötzlich nebeneinander.

