Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Service ohne Namen (Etalagen II)

Ange­na­gel­te Schuh­soh­len bede­cken eine mit Rau­fa­ser tape­zier­te Wand. Lust­los und abge­han­gen, in gelb­lich schim­mern­den, ver­beul­ten Plas­tik­tü­ten der Grö­ße nach auf­ge­reiht. Eine Stel­le bleibt frei, der Nagel schämt sich. Die meis­ten Ver­pa­ckun­gen zei­gen kein beson­de­res Inter­es­se an ihrem Inhalt, nur eine ein­zi­ge mit der Auf­schrift »Deo«. Man darf zwei­feln. Nichts wird weni­ger anrü­chig sein, als Schuh­soh­len, die nicht wis­sen, was sie tun. Das Fens­ter dane­ben in sel­ber Manier, Schlös­ser in unter­schied­lichs­ter Aus­füh­rung. Ganz oben hän­gend klei­ne, sicher deko­ra­tiv bestimm­te, Vor­hän­ge­schlös­ser, all­mäh­lich grö­ßer wer­dend, zudem Fahr­rad­schlös­ser – etwas ver­lo­ren –, sowie Schließ­zy­lin­der und Tür­schlös­ser. Alle­samt mit ste­cken­dem Schlüs­sel und Ersatz. Nach unten hin ver­liert sich die ordent­li­che Rei­hung, ein anti­quier­tes Schloss ent­stellt die Sym­me­trie. Das grell leuch­ten­de Wer­be­schild weist mit einem Schlüs­sel-Emblem und dem Zusatz »Ser­vice« auf die ange­bo­te­nen Dienst­leis­tun­gen hin: Ein ros­ti­ger Schlüs­sel nebst leder­nen Kin­der­schu­hen. Hier ler­nen alte Schlös­ser wie­der lau­fen. Dar­un­ter, auf einem Sims gereih­te Absät­ze aus Kunst­stoff und Holz, in fünf Far­ben, unter­schied­lich geformt; sowie sechs Dosen Schuh­creme in Schwarz, Weiß und Braun. Nun tritt aus der unheim­lich peni­blen Gegen­über­stel­lung die not­dürf­tig ver­heim­lich­te Unord­nung in drei Eta­gen her­vor, indem sich das gesam­te Sor­ti­ment mit einer ent­rück­ten Logik noch­mals ent­lädt: Zunächst Tür­grif­fe und Schnür­sen­kel. Dann Fens­ter­grif­fe und Innen­sechs­kant­schlüs­sel, erneut Zylin­der diver­ser Grö­ßen und Vor­hän­ge­schlös­ser, dies­mal mit Zah­len-Kode. Dar­un­ter sechs Bürs­ten, rei­hen­wei­se Schuh­wachs, zwi­schen­durch wie­der Fahr­rad­schlös­ser und stau­bi­ge Schuh­span­ner. Davor drei Suk­ku­len­ten in bun­ten Töp­fen, mit Preis­eti­kett. Nur durch einen schma­len Abtritt und eine zurück­ge­zo­ge­ne Tür ist das kaum ein­seh­ba­re Geschäft vom Geh­steig getrennt. Halb Werk­statt, halb Tre­sen. Schu­he und Schlüs­sel – Din­ge, die an einen ande­ren Ort ver­hel­fen. Hin­ter irgend­ei­ne Tür, deren Schloss sie öff­nen, über deren Schwel­le sie tre­ten, ver­lie­ren sie einen Teil ihrer Bedeu­tung, den nur das Kino in neu­ro­ti­scher Erha­ben­heit ret­ten will. Ein­mal zusam­men in Mar­nie von Alfred Hitch­cock. Feti­sche, ohne Fra­ge ana­chro­nis­tisch, die das städ­ti­sche Gewirr beherr­schen, aber auf die­se Wei­se viel­leicht gar nicht mehr exis­tie­ren. Gleich der Geschäf­te mit unbe­kann­tem Namen? Zwei­fel­haft die Vor­stel­lung, Schu­he und Schlüs­sel mit dem sel­ben Werk­zeug zu bearbeiten.

(Ser­vi­ten­gas­se)