Virgin Attacks: The Potted Psalm von Sidney Peterson und James Broughton

The Pot­ted Psalm, 1946: Ganz ohne Ton, ein asso­zia­ti­ver Rei­gen sur­rea­ler Ein­drü­cke: Eine Frau mit schwarz-roten Lip­pen isst ein Blatt, ein Mann ohne Kopf, das M in Mother ver­schwin­det unter einem Fuß und lässt ein Other ent­ste­hen, Füße ein­ge­sperrt in durch­sich­ti­gen Vaku­um­be­häl­tern, lecken­de Zun­gen unter bedroh­li­chen Mas­ken, Zäh­ne und Schat­ten, es wirkt als wäre die berühm­te Par­ty­sze­ne in Jean-Luc Godards Pier­rot le fou zu einem Alb­traum gewor­den: Fieb­rig, angst­ein­flö­ßend, poetisch.

The Potted Psalm Peterson

Peter­son und Brough­ton, das ist eine jener Kol­la­bo­ra­tio­nen, die P. Adams Sit­ney als Vir­gin Attack bezeich­net hat. Damit meint er eine Aus­ein­an­der­set­zung mit Kino durch Fil­me­ma­cher, die aus ande­ren Küns­ten kom­men. James Brough­ton ist in die­sem Fall gemeint, denn Peter­son war ein Kino­in­tel­lek­tu­el­ler. Brough­ton war ein Poet:

I took a sharp look
I took a long prowl
I ques­tio­ned the serpent
I ques­tio­ned the owl
I cal­led up the mayor
I cal­led on the sage
I tried rea­ding Proust
I tried life on the stage
I went into therapy
I went out for sports
I suf­fe­r­ed every ailment
from sniff­les to warts
I went to the dogs
I went to the Pope
I clim­bed Annapurna
I fas­ted on dope
I dug up the desert
I del­ved in the sea
But nowhe­re I looked
could I reco­gni­ze me

So even­tual­ly I
had to give up my plan
of escape to Siam
and accept mys­elf here
just as I am

But it wasn’t easy

Sit­ney schreibt über Kol­la­bo­ra­tio­nen wie Buñuel und Dali, Deren und Hamm­id, Wat­son und Web­ber oder Clai­re, Pita­bia und Satie. Ein Vir­gin Attack ent­steht, weil der Blick auf das Kino nicht von innen son­dern von außen geschieht und das Medi­um dadurch von sei­nen Prin­zi­pi­en befreit wird und in ande­re Sphä­ren gelenkt wird, die neue Mög­lich­kei­ten offen­ba­ren. In die­sem Sinn ist The Pot­ted Psalm aller­dings kein wirk­li­cher Mei­len­stein. Denn die sur­rea­len Bewe­gun­gen, den asso­zia­ti­ven, kör­per­lich tref­fen­den Schnitt hat man bereits gese­hen bei den oben genann­ten Kol­la­bo­ra­tio­nen. Dies steht in einer Linie mit einer Beob­ach­tung, die ich immer wie­der von Neu­em mache. Denn spricht man mit Fil­me­ma­chern, hört man ganz oft, dass es sehr wich­tig ist, das klas­si­sche Hand­werk zu erler­nen. In mei­ner Wahr­neh­mung gibt es aber auch ein nicht-klas­si­sches Hand­werk, das man erler­nen kann. War­um ist es rele­vant die Regeln eines indus­tri­el­len Fil­me­ma­chens zu ken­nen, um sie zu bre­chen, wenn man gleich die Regeln eines nicht-indus­tri­el­len Fil­me­ma­chens ler­nen könn­te? Peter­son ori­en­tier­te sich bekann­ter­ma­ßen an sur­rea­lis­ti­schen Vor­bil­dern. Sein Kino ist daher nicht zwangs­läu­fig eines der Rebel­li­on son­dern eines der Bewunderung.

Aller­dings ist The Pot­ted Psalm auch die Geschich­te eines Ver­schwin­dens und was man dar­aus machen kann. Denn außer dem Geld ver­schwand auch der Haupt­dar­stel­ler. Sit­ney dazu:

“In their choice of a lea­ding play­er they fol­lo­wed a tac­tic of Un Chien Anda­lou by sel­ec­ting a type who pro­jec­ted a qua­li­ty of mad­ness. Short­ly after the com­ple­ti­on of the Dali-Buñuel film, Pierre Batcheff kil­led hims­elf; not too long after that, the lea­ding lady also kil­led hers­elf. In the case of The Pot­ted Psalm, Har­ry Honig sim­ply dis­ap­peared after one shoo­ting ses­si­on. The rest of the film had to deal with this contingency.”

The Potted Psalm Broughton

Drei Mona­te wur­de jeden Tag alles über den Hau­fen gewor­fen und man begann von vor­ne. Die impres­sio­nis­ti­schen Fas­zi­na­tio­nen im Film, das Trei­ben fern jeder Kau­sa­li­tät ist Aus­druck die­ser Her­stel­lung. Ein ande­rer Film als die­ses psy­cho­lo­gi­sche Sinn­lich­keits­fie­ber konn­te eigent­lich nicht ent­ste­hen. Es ist ein Film, der über das drit­te Bild funk­tio­niert, also jene Räu­me und Gefüh­le, die sich in der Zusam­men­stel­lung zwei­er Ein­stel­lun­gen auf­tun. Was die gro­ßen Ver­tre­ter des Sur­rea­lis­mus eint, ist aber auch die Kraft der ein­zel­nen Bil­der, das Ein­falls­reich­tum visu­el­ler Bli­cke. Wenn Paso­li­ni in sei­nem Mam­ma Roma zu Beginn kurz mit den Mus­tern sol­cher asso­zia­ti­ven Schnit­te flir­tet, indem er krei­sen­de Bewe­gun­gen hin­ter­ein­an­der schnei­det, dann erzielt er damit lan­ge nicht die Wir­kung von Peter­son und Brough­ton, Maya Deren oder Bill Mor­ri­son. Denn die ein­zel­nen Bil­der die­ser Fil­me­ma­cher tra­gen schon ein weit­aus grö­ße­res Unbe­ha­gen in sich. Man muss hin­se­hen, es ist als wür­den Amei­sen aus Hän­den krab­beln. Span­nun­gen zwi­schen der Meta­pho­rik und der blo­ßen Exis­tenz der Bil­der bau­en sich auf. Das Ratio­na­le und das Kör­per­li­che begrei­fen sich nicht. Wer sich für ers­te­res inter­es­siert, wird frus­triert, wer sich für zwei­tes inter­es­siert, ver­schließt sich vor mög­li­chen Interpretationen.Viele Wahr­hei­ten erge­ben sich erst durch mehr­ma­li­ges Sehen, denn man müss­te erst ler­nen, gegen die Durch­kreu­zung des Ratio­na­len zu denken.

„By design and by neces­si­ty The Pot­ted Psalm evol­ves dis­junc­tively; the various women of the film (the­re are six in the cre­dits) form a vir­tual­ly con­ti­nuous spec­trum from inno­cent girl to sava­ge old lady, but at any given moment of the film it is dif­fi­cult to tell the midd­le figu­res apart; the mix­tu­re of motifs and styl­es, which in later films are typi­cal of eit­her Peter­son or Brough­ton, makes it dif­fi­cult to bring the film into focus as a totality.”

Im Film gibt es eine Ver­bin­dung von Tod und Sexua­li­tät, die mit einem Ver­lust der Mut­ter initi­iert wird. Die Fil­me­ma­cher evo­zie­ren eine bedroh­li­che Atmo­sphä­re deka­den­ter Todes­angst, ein Ster­ben wäh­rend man mit einer Frau schläft, die sich plötz­lich in eine grau­sa­me Abhän­gig­keit ver­wan­delt, wie eine Dro­ge, die einen nicht los­lässt, weil sie der­art schön und fri­gi­de lächelt und aus­bricht aus den Gren­zen einer eige­nen Wahr­neh­mung. In die­sem Sinn ist der Inhalt des Films auch gleich sei­ner Form, denn er ver­langt tat­säch­lich die­ses fatal-las­zi­ve Betrach­ten, die­se Sexua­li­tät, man soll­te sich den Film viel­leicht nackt anse­hen, zumin­dest darf es zu warm sein. Man soll­te etwas trin­ken und sich hin­ge­ben, obwohl man es bereu­en wird. The Pot­ted Psalm kon­trol­lie­ren zu wol­len, wäre ein Irr­tum. Denn nur, wenn man sich von ihm kon­trol­lie­ren lässt, wird man mer­ken wie man mit ihm stirbt (oder ent­jung­fert wird).