Visionary Nostalgia: Der Stand der Dinge von Wim Wenders

Rück­bli­ckend betrach­tet, wirkt Wim Wen­ders Der Stand der Din­ge wie eine visio­nä­re Ver­zweif­lung. Der Film ent­stand noch in den letz­ten Atem­zü­gen einer deut­schen Film­blü­te, die schnel­ler ver­welkt ist, als sie wie­der­be­lebt wer­den kann und berich­tet von einer media­len Tran­si­ti­on, die sich inzwi­schen mit einer Wucht ent­fal­tet, die jeden über­for­dern muss. Aber gedreht ist der Film noch im Stil und mit dem Ges­tus eines gro­ßen Kinos, eines Kinos, in dem Kunst nach Grö­ße stre­ben durf­te. In die­sem Sinn prak­ti­ziert Wen­ders hier eine gegen­läu­fi­ge Bewe­gung. Da ist auf der einen Sei­te die Schön­heit des Kinos, die Erha­ben­heit und Spi­ri­tua­li­tät von Bild und Ton in Ver­bun­den­heit mit einem hand­werk­li­chen und theo­re­ti­schen Ver­ständ­nis der Mate­rie, einer offe­nen Umar­mung der Kunst und all ihrer berau­schen­den Mög­lich­kei­ten. Auf der ande­ren Sei­te lau­ert die Unmög­lich­keit die­ser Her­an­ge­hens­wei­se, das Unver­ständ­nis der Welt, die Hoff­nungs­lo­sig­keit und klei­ne Geld­com­pu­ter, die Film in Daten ver­wan­deln. Wen­ders insze­niert die zwei­te Welt mit dem Gefühl der ers­ten und hat damit – so trau­rig das ist – einen Film über unse­re Gegen­wart (die gleich­zei­tig die Ver­gan­gen­heit und Zukunft ist) gedreht, den man heu­te so nicht mehr dre­hen dürf­te. Der Stand der Din­ge gewann 1982 den Gol­de­nen Löwen und 1982 starb auch Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der, der zuvor mit dem wun­der­vol­len Die Sehn­sucht der Vero­ni­ka Voss den Gol­de­nen Bären in Ber­lin gewann. Wer­ner Her­zog sicher­te sich mit sei­nem unfass­ba­ren Fitz­car­ral­do den Preis für die Bes­te Regie in Can­nes. Es wäre etwas zu for­ciert die­ses Jahr als einen Wen­de­punkt zu neh­men, denn schließ­lich gescha­hen in der Fol­ge noch wun­der­ba­re Din­ge in den 1980er Jah­ren von Syber­berg bis wie­der zurück zu Wen­ders, aber es war sicher ein Hoch­punkt der spä­ten Pha­se eine deut­schen Kinos, das Sinn machte.

“Life is in colour, but black and white is more realistic.”

Der Stand der Dinge Wenders

In den traum­ähn­li­chen Zart­hei­ten, die sich zwi­schen dem Licht und dem Schat­ten der famo­sen 35 Mil­li­me­ter schwarz-weiß Bil­der bei Wen­ders ent­blö­ßen, geht es um das Ster­ben einer Welt, die eine Illu­si­on ist: Film. Damit wird im Film erst mal ganz nüch­tern die media­le Aus­prä­gung des Begriffs beschrie­ben, denn eine inter­na­tio­na­le Film­crew mit aller­hand Pro­mi­nenz vom zigar­re­rau­chen­den Kame­ra­mann Sam Ful­ler bis zu Isa­bel­le Wein­gar­ten, dreht in Por­tu­gal einen Sci­Fi Film und kämpft sich in der Nähe von Lis­sa­bon über Sand­hü­gel als ihnen das Film­ma­te­ri­al aus­geht. Ver­las­sen von ihrem Pro­du­zen­ten war­ten Cast und Crew nun in einem lee­ren Hotel am rau­schen­den Meer auf eine Ret­tung. Alles ist in einen som­nam­bu­len, fast alko­ho­li­schen Rausch geklei­det, der glei­cher­ma­ßen das Kino von Jean-Luc Godard, als auch jenes von Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni oder John Ford zitiert und dabei trotz­dem ein eige­nes Gefühl im Nir­gend­wo eines ver­lo­re­nen Film­drehs benennt. Spä­tes­tens im zwei­ten Abschnitt des Films, der in Los Ange­les spielt, wird der Tod des Films dann auch noch durch das Geld und die Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen benannt. Das Ende Hol­ly­woods, des Ende eines Glau­bens an Kunst. Der Sci­Fi Film hin­ter dem Sci­Fi Film ist eine rea­lis­ti­sche Dys­to­pie als Pro­du­zen­ten den Geld­hahn zudre­hen, weil sie nichts mit Schwarz-Weiß anfan­gen kön­nen. In einer wei­te­ren Sequenz in einem nebe­li­gen Ver­steck wird ein Com­pu­ter ein­ge­führt, der alle Finan­zen und Daten des Films berech­net und damit jede Form von Mensch­lich­keit aus dem Her­stel­lungs­pro­zess ent­fernt. Alles wird zu einer Sta­tis­tik, zu Zah­len statt einem orga­ni­schen Vor­gang. Die fil­mi­schen Bil­der begin­nen sich aus gro­ben Pixeln zusam­men­zu­set­zen, alles ist plan­bar, alles ist kal­ku­liert. Die Ener­gie von New Hol­ly­wood, in des­sen Neu­ro­sen Der Stand der Din­ge schwimmt, ist besie­gelt. Wen­ders agiert als ver­bit­ter­ter und doch träu­men­der Zyni­ker, der mit auto­bio­gra­fi­schen Ver­wei­sen eine Sack­gas­se beschreibt, die unab­wend­bar für eine Film­welt war, die es heu­te in den schlimms­ten Aus­prä­gun­gen der vom Film gezeig­ten Gegen­wart gibt. Der Stand der Din­ge stellt die Fra­ge, ob es kei­nen Film mehr gibt, wenn es kei­ne Sto­ry mehr gibt oder kei­nen Film mehr gibt, wenn es kei­nen Film mehr gibt. Mit sei­nen all­täg­li­chen, ent­leer­ten Beob­ach­tun­gen des Nichts einer war­ten­den Film­crew beant­wor­tet er bei­de Fra­gen zugleich und zeigt glei­cher­ma­ßen, dass es nicht die Sto­ry ist, die den Film belebt, aber dass das Ster­ben von Film schon eine Sto­ry ist. In den schein­bar impro­vi­sier­ten Begeg­nun­gen einer Ein­sam­keit in und um das Hotel ler­nen wir eine Film­crew ken­nen, die nichts mit dem dra­ma­tur­gi­schen Esprit eines Truf­f­auts zu tun haben. Viel­mehr inter­es­siert sich Wen­ders für eine exis­ten­tia­lis­ti­sche Ver­zweif­lung, die er sowohl bezüg­lich eines Lebens mit Film als auch bezüg­lich eines Lebens zwi­schen Fami­lie und Film offen­bart. Das Begeh­ren von Bil­dern und jenes der Sexua­li­tät fließt hier inein­an­der, wird aber auch getrennt (auch anders als bei Truf­f­aut und auch Felli­ni). Bei­de beschrei­ben eine Sehn­sucht, die sich nur in kur­zen Augen­bli­cken ihrer Ver­gäng­lich­keit erweh­ren kann.

Der Stand der Dinge Wenders

Wen­ders schiebt wie oft ein Gefühl von Nost­al­gie über und gegen die aku­te Rea­li­tät und die bei­den Din­ge ste­hen sich fatal auf den Füßen. Da wäre zum Bei­spiel die Ana­lo­gie des Schie­ßens mit der Kame­ra und mit einer Waf­fe, die an meh­re­ren Stel­len im Film benannt wird, sei es durch Bli­cke durch ein Objek­tiv, die an ein Ziel­fern­rohr erin­nern, betrun­ke­ne Kom­men­ta­re von Sam Ful­ler in einer Bar oder das pes­si­mis­tisch-roman­ti­sche Ende. Man schießt immer wei­ter und stirbt einen Hel­den­tot? Der Schuss mit der Kame­ra steht für die Nost­al­gie, den Glau­ben an Film, der Schuss mit der Waf­fe ist der har­te Schlag einer nüch­ter­nen Rea­li­tät. Aber das Ster­ben von Film hängt auch mit der Bezie­hung von Kino und Tod zusam­men. Die Nar­ra­ti­on wird dabei weder abge­lehnt noch begrüßt, ihre Defi­ni­ti­on wird aller­dings zwi­schen zwei Wel­ten gestellt, die man nur sehr ver­ein­facht als ein gegen­sätz­li­ches euro­päi­sches und ame­ri­ka­ni­sches Den­ken inter­pre­tie­ren kann. Die­ser Film ist wie die Begeg­nung eines idea­lis­ti­schen Regis­seurs mit einem zyni­schen Pro­du­zen­ten, aber Wen­ders insze­niert einen Glau­ben an das Kino über die Bil­der. Die Kame­ra scheint oft auto­nom zu agie­ren. Ihre ele­gi­schen Fahr­ten, ihr gott­glei­cher Blick bewir­ken eine poe­ti­sche Distanz, die etwas unter und über den Bil­dern erzählt. Die­se Schön­heit der Bil­der wirkt wie ein hau­chen­der Pro­test gegen das Ende des Kinos. Es ist ein Stil, der auf sich selbst auf­merk­sam macht, der sicher­lich gewollt kunst­voll ist und sich selbst wich­tig nimmt. Aber (und dar­über habe ich ja bereits geschrie­ben) dar­in liegt eine Qua­li­tät und kein Miss­stand. Der ego­zen­tri­sche Blick des Neu­en Deut­schen Kinos war eine sei­ner unheim­li­chen Stär­ken. Die­se Bil­der, die Wen­ders selbst pro­fund nennt, wer­den von den impro­vi­sier­ten Bil­dern unter­stützt. Auf der ande­ren Sei­te gibt es aber auch jene not­wen­di­gen Bil­der, die eben mit der Sto­ry zusam­men­hän­gen. Alle drei zusam­men erge­ben einen zugleich nar­ra­ti­ven als auch poe­ti­schen Film, der Künst­lich­keit und Leben­dig­keit in jeder Sekun­de wahr­haf­tig erschei­nen lässt.

Die Rea­li­tät ist vom Leben bestimmt, die Fik­ti­on vom Ster­ben. In die­sem Sinn spie­len Tod und Ver­gäng­lich­keit auch eine über­do­mi­nan­te Rol­le im Film.

Hol­ly­wood, Hol­ly­wood, never been a place whe­re peo­p­le had it so good … What do you do with your days, my fri­end? What do you do with your nights my fri­end? in Hol­ly­wood, in Hol­ly­wood. Never been a place whe­re peo­p­le had it so good. What do you do with your wife my fri­end? What do you do with your life my fri­end, in Hol­ly­wood? What do they do with your head? When did you learn you were dead, my fri­end? In Hol­ly­wood, in Hollywood.

I made 10 movies … ten times, Same sto­ry I was doing. In the begin­ning it was easy becau­se I just went from shot to shot. But now in the mor­ning I’m scared. Now I know how to tell sto­ries. Unre­lent­less­ly. As the sto­ry comes in, life sneaks out. Life sneaks out … Ever­y­thing gets pres­su­red into images. Mecha­nism. Birth, as all sto­ries can end, all sto­ries are about death.

Zunächst liegt der Ver­dacht nahe, dass Wen­ders am Ende den Prin­zi­pi­en des Geschich­ten­er­zäh­lens treu wird und damit einen ganz ähn­li­chen Aus­gang wählt wie Spike Jon­ze in sei­nem Adapt­a­ti­on. Dies gilt aber nicht für sei­ne Form und da liegt ein gro­ßer und rei­fer Unter­schied, denn der Mecha­nis­mus eines Kino­sys­tems wird von Wen­ders sub­ver­siv unter­wan­dert mit einer in die Zukunft gerich­te­ten Nost­al­gie, die einem Kla­ge­ruf gleich­kommt, der so auch in Fil­men von Hou Hsiao-hsi­en oder Car­los Rey­ga­das zu hören ist, aber den vie­le in igno­ran­ter Manier nicht hören wol­len, weil auf ihm die Schwe­re eines Bedau­erns liegt, wel­ches natür­lich immer eine Fra­ge des Blick­punkts ist. Und die­ser Blick­punkt ist viel­leicht das ein­zi­ge was über­lebt in Der Stand der Din­ge, der Blick vom Wim Wenders.