The Comb von Stephen und Timothy Quay

Der morbide Glauben an das Leben des Unlebendigen: Die Quay Brothers

Im schma­len Book­let zur ein­zi­gen deut­schen DVD-Edi­ti­on der Kurz­fil­me der Quay Brot­hers fin­det sich im hin­te­ren Drit­tel der Abschnitt „Der Quay Kos­mos. Ein klei­nes Lexi­kon“. Alpha­be­tisch geord­net fin­den sich hier wich­ti­ge Ein­flüs­se und Weg­ge­fähr­ten der Zwil­lings­brü­der. Es ist sicher kein Zufall, dass sich das Label für die­se doch recht unge­wöhn­li­che Form des Book­lets ent­schie­den hat. Sie folg­ten damit der Rezep­ti­ons­form, die den Dis­kurs über die Brü­der bestimmt. Kri­ti­ken, Essays, aka­de­mi­sche Arti­kel stel­len, wie die­ses Book­let, einen Zusam­men­hang zwi­schen einer kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­schen Kunst­tra­di­ti­on und den Fil­men der Quay Brot­hers her. Die Brü­der selbst tra­gen ihren Teil dazu bei, indem sie in Inter­views aus­gie­big über ihre künst­le­ri­schen Ein­flüs­se spre­chen, sie gei­zen nicht mit Wid­mun­gen und auch die Titel ihrer Wer­ke ver­wei­sen oft direkt auf ihre jewei­li­ge Haupt­in­spi­ra­ti­ons­quel­le; nicht zuletzt sind die Ein­flüs­se in den Fil­men sehr deut­lich erkenn­bar – Kennt­nis­se der (ost-)europäischen sur­rea­lis­ti­schen (Film-)Tradition vor­aus­ge­setzt. Die­se Form der genea­lo­gi­schen Aus­ein­an­der­set­zung hat durch­aus ihren Reiz – die Kunst­ge­schich­te hat mit die­ser Metho­de beein­dru­cken­de Ergeb­nis­se erzielt –, doch besteht bei einer sol­chen Fokus­sie­rung auf Ein­flüs­se und Vor­bil­der zwei­fels­oh­ne die Gefahr das Werk vor lau­ter Zita­ten und Bezü­gen nicht mehr zu sehen, sich zwi­schen B wie Borow­c­zyk und S wie Sta­rewicz zu ver­ir­ren, und zu ver­ken­nen, welch star­ke eige­ne Note das Brü­der­paar in ihre Adap­tio­nen und Hom­ma­gen mit­ein­bringt. Die Inspi­ra­ti­ons­quel­len der Zwil­lin­ge zele­brie­ren das Opa­ke, das Enig­ma­ti­sche, das Unbe­wuss­te, alles Attri­bu­te, die sich einer ein­fa­chen Deu­tung und Bear­bei­tung ent­zie­hen. Das Geschick in der künst­le­ri­schen Ver­ar­bei­tung ihrer Inspi­ra­tio­nen, die kla­ren Ver­wei­se auf Kaf­ka, Wal­ser, Švank­ma­jer, u.a. täu­schen dar­über hin­weg, dass die­se Bezü­ge gar nicht so direkt her­ge­stellt wer­den, wie das auf den ers­ten Blick erscheint. Die Quay Brot­hers sind kei­ne meis­ter­haf­ten Nach­ah­mer, son­dern haben einen Stil ent­wi­ckelt, der sehr wand­lungs­fä­hig den Geist eines ande­ren Stils inter­pre­tie­ren und evo­zie­ren kann.

Street of Crocodiles von Stephen und Timothy Quay
Street of Crocodiles

Am Bei­spiel von Street of Cro­co­di­les, einem der bekann­tes­ten Fil­me der Quays, lässt sich das beson­ders gut zei­gen. Der Film ist eine freie Adap­ti­on der Kurz­ge­schich­te Uli­ca Kro­ko­dy­li des pol­ni­schen Schrift­stel­lers Bru­no Schulz. Schulz zeich­net sein for­mal kom­ple­xer Schreib­stil und sei­ne Unein­deu­tig­keit aus – denk­bar schlech­te Vor­aus­set­zun­gen für eine Ver­fil­mung. Der Film der Quays ist folg­lich kei­ne Nach­er­zäh­lung von Schulz‘ Geschich­te – das wäre gar nicht mög­lich –, son­dern der Ver­such mit fil­mi­schen Mit­teln eine Atmo­sphä­re zu erzeu­gen, die jener ähnelt, die Schulz mit lite­ra­ri­schen Mit­teln schafft. Dazu ver­zich­ten sie auf eine Nach­er­zäh­lun­gen von Schulz‘ Geschich­te und auch auf Milieus und Moti­ve, son­dern kon­zen­trie­ren sich ganz dar­auf, was Schulz Pro­sa­stil aus­macht und ver­su­chen ihn mit fil­mi­schen Mit­teln zu ver­ar­bei­ten. Das Ergeb­nis ist ein beklem­men­des und schau­ri­ges Schau­spiel in dem gesichts­lo­se Pup­pen, unbe­leb­te Objek­te und der indis­po­nier­te Prot­ago­nist in einem wabern­den Schat­ten­meer aus unkla­ren Bedeu­tun­gen agie­ren. Das lite­ra­ri­sche Vor­bild dient eher als Denk­an­stoß, der einen fil­mi­schen Pro­zess aus­löst, denn als Vor­la­ge für eine Nach­er­zäh­lung. Die Quays wol­len Gefüh­le evo­zie­ren, anstatt Geschich­ten zu erzäh­len, nicht nur in Street of Cro­co­di­les, son­dern in allen ihren Arbeiten.

Ein ande­res Bei­spiel für die Wand­lungs­fä­hig­keit ihres Stils, der die Spe­zi­fi­zi­tät des Medi­ums behält und nicht blind kopiert ist Ana­mo­r­pho­sis, der als Auf­trags­ar­beit für ein Muse­um ent­stand. Hier­in beschäf­ti­gen sich die Zwil­lin­ge mit der Tech­nik der Ana­mo­r­pho­sis, also jenem optisch-ästhe­ti­schem Effekt, der sich vor allem in der manie­ris­ti­schen Male­rei fin­det, bei dem das Auge je nach Blick­win­kel unter­schied­li­che Bil­der sieht, bzw. ein Bild im Bild ent­deckt. Eine kon­ven­tio­nel­le Lösung wür­de wohl eini­ge die­ser Bil­der zei­gen und mit ver­schie­de­nen Kame­ra­per­spek­ti­ven unter­schied­li­che Blick­win­kel des Betrach­ters simu­lie­ren und von tal­king heads erklä­ren las­sen. Die Quays gehen weit dar­über hin­aus. Für sie sind die Bil­der nur Aus­gangs­ort für eine fil­mi­sche Rei­se an und in die Bil­der. Sie las­sen die Kame­ra weit­räu­mig schwei­fen und ent­lo­cken den Bil­dern so nach und nach ihre Geheim­nis­se; anstatt Exper­ten zu Wort kom­men zu las­sen, las­sen sie ihre Pup­pen im Ate­lier selbst ein ana­mo­r­pho­ti­sches Bild zeich­nen und zei­gen die Arbeits­schrit­te und Werk­zeu­ge, wie sie die manie­ris­ti­schen Maler benutz­ten. Die Kame­ra bewegt sich dabei wie der Künst­ler selbst zwi­schen den ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven und Geräten.

Anamorphosis von Stephen und Timothy Quay
Ana­mo­r­pho­sis

Am Bei­spiel von Ana­mo­r­pho­sis wird die beson­de­re und unge­wöhn­li­che Rol­le der Kame­ra in den Fil­men der Quay Brot­hers beson­ders deut­lich. Anders als ihre Vor­bil­der wie Jan Švank­ma­jer, Jan Leni­ca oder Jiří Trn­ka, die einen eher klo­big-rucke­li­gen Ani­ma­ti­ons­stil kul­ti­vier­ten, zeich­net die Quays die Flui­di­tät der Kame­ra- und Figu­ren­be­we­gun­gen aus, aber vor allem auch die für Ani­ma­ti­ons­fil­me unge­wöhn­li­che Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit mit Fokus, Per­spek­ti­ve und Kame­ra­be­we­gung. Selbst die recht abs­trak­ten, sur­rea­lis­ti­schen Fil­me der gro­ßen (ost­eu­ro­päi­schen) Ani­ma­ti­ons­fil­mer bedien­ten sich der Kame­ra mehr­heit­lich als rei­nes Auf­nah­me­ge­rät und nutz­ten sie nur spär­lich als eige­nes for­ma­les Mit­tel. Die Quays hin­ge­gen zoo­men, schwen­ken, arbei­ten mit meh­re­ren Bild­ebe­nen, die sich durch unter­schied­li­che Fokus­sie­rung her­vor­he­ben. Ihre Figu­ren bewe­gen sich im Raum, durch Kulis­sen, durch Schat­ten und Nebel, Raum, anstatt in einer zwei­di­men­sio­na­len Büh­nen­an­ord­nung zu agie­ren, wie das für Pup­pen­ani­ma­tio­nen typisch ist. Da vie­le der Ani­ma­ti­ons­fil­mer, die mit Pup­pen­ar­bei­ten aus dem Pup­pen­thea­ter kom­men oder zumin­dest davon inspi­riert sind, ist die feh­len­de Räum­lich­keit wohl dar­auf zurück­zu­füh­ren. Durch die Räum­lich­keit in den Fil­men der Quay Brot­hers gewinnt auto­ma­tisch die Licht­set­zung an Bedeu­tung. Wäh­rend die Beleuch­tung für eine klas­si­sche Büh­nen­an­ord­nung ver­nach­läs­sig­bar ist, offen­bart sie in den Fil­men der Quay Brot­hers ihr vol­les Poten­zi­al. Die Quays haben Chia­ros­cu­ro und ande­re Licht-Schat­ten-Spie­le zu einem zen­tra­len Stil­mit­tel ihrer Ani­ma­ti­ons­fil­me erho­ben und zusam­men mit dem Sound­de­sign tra­gen sie ent­schei­dend zur Atmo­sphä­re ihrer Fil­me bei.

Die Quays las­sen sich pro­blem­los in eine Tra­di­ti­ons­li­nie des (ost-)europäischen Ani­ma­ti­ons­films ein­ord­nen, doch zeigt sich, dass ihre Fil­me nicht auf­grund des Pot­pour­ris an künst­le­ri­schen Vor­bil­dern inter­es­sant sind, son­dern dass die Quays ihre Bedeu­tung der raf­fi­nier­ten Art und Wei­se zu ver­dan­ken haben, mit der sie die­se Ein­flüs­se in ihrem eige­nen Stil ver­ar­bei­ten. Ihre Arbeits­wei­se und ihre for­ma­len Mit­tel unter­schei­den sich teils radi­kal von ihren Vor­bil­dern, Bild­mo­ti­ve und Nar­ra­ti­ve wer­den nur spär­lich eins-zu-eins über­nom­men, aber am Ende steht ein Gefühl, dass ihren Inspi­ra­ti­ons­quel­len erstaun­lich nahe kommt.