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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Vittorio De Sica

De Sica-Retro: Vittorio, Schauspieler

Wenn eine Retro­spek­ti­ve zu Vitto­rio De Sica eines zeigt, dann, dass er kei­nes­falls auf sei­ne neo­rea­lis­ti­schen Fil­me zu redu­zie­ren ist – zu viel­sei­tig und unstet ist sein Schaf­fen. Was ihn wirk­lich aus­macht, ist schwer zu sagen, außer einem Hang zu ele­gan­ter Insze­nie­rung (so wenig das hei­ßen mag) und wie­der­keh­ren­der Moti­ve, fin­det sich kaum ein roter Faden in sei­nem Oeu­vre. Hier, am Blog haben wir uns schon ein wenig mit De Sicas Talent in der Aus­wahl sei­ner Dar­stel­ler beschäf­tigt, ich will im fol­gen­den Bei­trag aber qua­si vor die Kame­ra wech­seln und mich mit De Sicas Schau­spiel­kar­rie­re befassen.

Meint man, der Regis­seur De Sica sei nur wenig oder unge­nü­gend erforscht, so sieht man sich in einer Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nem schau­spie­le­ri­schen Lebens­werk mit noch mar­gi­nale­ren Auf­zeich­nun­gen und Ana­ly­sen kon­fron­tiert. Der Schau­spie­ler De Sica, obwohl über rund drei Jahr­zehn­te einer der prä­gen­den lea­ding men der ita­lie­ni­schen Film­in­dus­trie, und bis heu­te dem (ita­lie­ni­schen) Publi­kum noch gut im Gedächt­nis, hat es nie geschafft das Inter­es­se der Aka­de­mi­ker und Kri­ti­ker auf sich zu zehen. Ver­kom­pli­ziert wur­den mei­ne Recher­chen noch durch den Umstand, dass mei­ne Ita­lie­nisch­kennt­nis­se für eine Aus­ein­an­der­set­zung mit ein­schlä­gi­ger Lite­ra­tur in De Sicas Mut­ter­spra­che unzu­rei­chend sind. Schließt man die­se Quel­len aus, so sieht die Sache noch pre­kä­rer aus.

Vittorio De Sica

De Sicas Schau­spiel­kar­rie­re ist eng mit sei­nem Lebens­lauf ver­knüpft, ich wage zu behaup­ten enger als sei­ne Arbei­ten als Regis­seur. Gebo­ren 1901 in Sora im Lati­um, auf hal­bem Weg zwi­schen Rom und Nea­pel, komm er aus beschei­de­nen Ver­hält­nis­sen. Er selbst bezeich­ne­te sich als aus einer armen Fami­lie stam­mend und obwohl vie­le hung­ri­ge Mäu­ler zu ver­sor­gen waren, lässt die väter­li­che Erwerbs­bio­gra­fie dar­auf schlie­ßen, dass die Fami­lie eher der unte­ren Mit­tel­schicht zuzu­rech­nen ist. Der Vater Umber­to war Bank­an­ge­stell­ter und wur­de meh­re­re Male ver­setzt, was die ursprüng­lich nea­po­li­ta­ni­sche Fami­lie erst nach Sora gebracht hat­te, und spä­ter nach Flo­renz wei­ter­zie­hen ließ. Die ver­schie­de­nen Aspek­te der ita­lie­ni­schen Kul­tur mit denen er durch die häu­fi­gen Umzü­ge kon­fron­tiert wur­de, ver­ar­bei­te­te er spä­ter in sei­nen Regie­ar­bei­ten; selbst sah er sich aber in ers­ter Linie als Neapolitaner.

Durch­aus kuri­os dann sei­ne Jugend­jah­re. Wäh­rend er selbst eine siche­re Posi­ti­on in einer Bank oder ähn­li­ches anstreb­te, also sei­nem Vater nach­ei­fer­te, sah die­ser für sei­nen Sohn eine Zukunft im Show­busi­ness. Durch Bekann­te sicher­te Umber­to dem jun­gen Vitto­rio ers­te Film­rol­len in den Jah­ren 1917 und 1918, die Vitto­rio nur annahm um damit sei­ne Schul­ge­bühr bezah­len zu kön­nen – fürs Schau­spie­len begeis­tern konn­te er sich noch immer nicht so recht.

Sei­ne Mei­nung soll­te sich erst in den 20er Jah­ren enden, als er nach Been­di­gung sei­nes Mili­tär­diensts in die Thea­ter­trup­pe von Tat­ja­na Paw­lo­wa ein­trat. Zuerst spiel­te er alte Män­ner und Clowns, wur­de aber bald durch sein gutes Aus­se­hen und sein ele­gan­tes Auf­tre­ten als Haupt­dar­stel­ler in diver­sen Roman­tik­ko­mö­di­en ein­ge­setzt. Die glei­chen Eigen­schaf­ten soll­ten ihn rund zehn Jah­re spä­ter zum mati­née idol der tele­fo­ni bian­chi-Ära wer­den las­sen. Neben­her ver­fei­ner­te De Sica sei­ne Tech­nik, ent­le­dig­te sich sei­nes nea­po­li­ta­ni­schen Dia­lekts und knüpf­te Ver­bin­dun­gen zu den Almi­ran­te-Brü­dern, zu Mario Mat­tò­li und schließ­lich auch zu Mario Came­ri­ni – unwei­ger­lich führ­ten ihn die­se Krei­se in die Welt des Films.

Dort mach­te man sich sei­ne Popu­la­ri­tät als Thea­ter­dar­stel­ler zunut­ze und besetz­te ihn zunächst in ähn­li­chen Rol­len. 1932 gelang ihm mit Mario Camer­inis Gli uomi­ni, che mas­cal­zo­ni! der Durch­bruch und er wur­de vom bekann­ten Thea­ter­schau­spie­ler zum Film­star. Über die nächs­ten sie­ben Jah­re folg­ten vier wei­te­re Fil­me unter der Regie Camer­inis und an der Sei­te der Aktri­ce Assia Nor­ris, die er eben­falls schon aus sei­ner Zeit am Thea­ter kann­te (durch die Mit­ar­beit an die­sen Fil­men lern­te er auch Cesa­re Zava­tti­ni ken­nen, der sei­ne Regie­ar­bei­ten ent­schei­dend prä­gen soll­te). Die­se Fil­me waren es vor allem, die De Sicas Ruf als „Ita­li­an Che­va­lier“ bzw. „Ita­li­an Cary Grant“ fes­tig­ten (auch wenn Grant wohl nie Chauf­feu­re und Mecha­ni­ker gespielt hät­te). Anders als ein Che­va­lier, konn­te er jedoch in Hol­ly­wood nie rich­tig Fuß fas­sen, und trotz einer Oscar-Nomi­nie­rung für Charles Vidors Heming­way-Adap­ti­on A Fare­well to Arms, mag das mit ein Grund sein, wes­halb sein schau­spie­le­ri­sches Oeu­vre im Dis­kurs heu­te wei­test­ge­hend aus­ge­klam­mert wird.

Neben die­sen fil­mi­schen Erfol­gen spiel­te De Sica aber auch wei­ter­hin am Thea­ter. Mehr­mals beton­te er, dass er sich dort viel woh­ler füh­le. Ins­ge­samt schaff­te er es in sei­ner Kar­rie­re auf rund 125 Thea­ter­pro­duk­tio­nen und 160 Film­rol­len. De Sica war also ein Viel­ar­bei­ter, denn neben­her insze­nier­te er ja auch immer wie­der Büh­nen­stü­cke und eige­ne Fil­me (in sie­ben sei­ner Fil­me besetz­te er sich selbst – teils aber nur in win­zi­gen Neben­rol­len). Die­ses Arbeits­pen­sum hat meh­re­re Grün­de, aber vor allem mit sei­nem Pri­vat­le­ben zu tun. De Sica war noto­ri­scher Spie­ler (ein Fak­tum, das in Fil­men wie Il gene­ra­le del­la Rove­re und L’oro di Napo­li auf­ge­grif­fen wird) und hat­te meh­re­re Fami­li­en zu ver­sor­gen. Für sei­ne zwei­te Ehe mit der spa­ni­schen Schau­spie­le­rin María Mer­ca­der (Fun-Fact: Schwes­ter des Trotz­ki-Atten­tä­ters Ramón Mer­ca­der), nahm er sogar eigens die fran­zö­si­sche Staats­bür­ger­schaft an, da Schei­dun­gen zu die­ser Zeit in Ita­li­en gesetz­lich nicht vor­ge­se­hen waren. Dar­über hin­aus finan­zier­te er mit sei­nen Schau­spiel­erga­gen zum Teil auch sei­ne Regie­pro­jek­te (soweit die­se nicht eben­falls als Auf­trags­ar­bei­ten aus finan­zi­el­ler Not her­aus entstanden).

Vittorio De Sica in Il signor Max

Aber wie­der zurück in die 30er Jah­re als De Sica als jun­ger Feschak Frau­en­her­zen höher schla­gen ließ. Gutes Aus­se­hen allein reich­te dafür natür­lich nicht, De Sicas Screen Per­so­na war nicht bloß jugend­li­cher Lieb­ha­ber, son­dern schel­mi­scher Herz­bu­be, ein aus­ge­fuchs­ter Her­zens­bre­cher, dem man so eini­ge Eska­pa­den ver­zieh, solan­ge er sich am Ende nur doch für das rich­ti­ge Mäd­chen ent­schied (wie­der­um, bio­gra­phi­sche Gemein­sam­kei­ten). Mit den Jah­ren muss­te sich die­ses Schar­la­ta­nen­tum natür­lich ver­än­dern, dabei kam De Sica sein Gen­pool zugu­te, denn als Ita­lie­ner alter­te er in Wür­de und mit den ers­ten grau­en Haa­ren erlang­te er gleich­sam dar­stel­le­ri­sche Erha­ben­heit. Wie von Geis­ter­hand ver­schwand die jugend­li­che Leich­tig­keit und der Mecha­ni­ker der unte­ren Mit­tel­schicht ent­wi­ckel­te sich zum ita­lie­ni­schen Baron, zu Cara­bi­nie­ri-Offi­zier, zum Welt­mann. Sein Lächeln ist geblie­ben, doch sein Rol­len­fach hat sich je gewandelt.

Die­sen Umstand mach­te sich ein ganz gro­ßer des ita­lie­ni­schen Kinos zunut­ze. Rober­to Ros­sel­li­ni, selbst etwas in der Kri­tik und in der Kri­se besetz­te De Sica 1959 als Haupt­dar­stel­ler in Il gene­ra­le del­la Rove­re, einem Film über einen Hoch­stap­ler in den letz­ten Mona­ten des Zwei­ten Welt­kriegs, der von einem gewief­ten Nazi-Offi­zier in ein Gefäng­nis ein­ge­schleust wird, um dort als Par­ti­sa­nen­ge­ne­ral del­la Rove­re an stra­te­gi­sche Geheim­nis­se zu kom­men. Ros­sel­li­ni macht sich De Sicas eta­blier­te Screen Per­so­na zunut­ze, passt sei­ne Rol­le an De Sicas Bio­gra­fie an (Spiel­sucht, Vor­na­me, Geburts­ort – das vol­le Pro­gramm) und lässt schließ­lich die fri­vo­le Leich­tig­keit und die schel­mi­sche Unschuld im Ange­sicht von Kriegs­wir­ren und Gesta­po­fol­ter zu grau­en­vol­lem Hor­ror umschla­gen. Ein unglaub­li­cher Bruch, der einen Schock aus­löst, der die­sen Film umso mäch­ti­ger wir­ken lässt.

Ein Höhe­punkt sei­ner Kar­rie­re, auf den wenig wei­te­re fol­gen soll­ten. Frus­triert stell­te er in einem Inter­view mit Charles Tho­mas Samu­els gegen Ende sei­nes Lebens fest, dass immer­zu sei­ne schlech­ten Fil­me mehr Geld ver­dien­ten, als jene, die er für gut erach­te­te. Wegen sei­ner finan­zi­el­len Mise­re konn­te er es sich aber schlicht nicht leis­ten vie­le Rol­len abzu­leh­nen. Eine Kar­rie­re, die ihn unter ande­rem für Vitto­rio Cot­ta­fa­vi, Ales­san­dro Bla­set­ti, Augus­to Geni­na, Dino Risi, Lui­gi Comen­ci­ni, Mario Monicel­li, Anto­nio Pietran­ge­li, Alber­to Caval­can­ti, Rober­to Ros­sel­li­ni, Charles Vidor, Max Ophüls, Abel Gan­ce, Antho­ny Asquith, Joseph Losey und Terence Young vor der Kame­ra ste­hen ließ ende­te schließ­lich in einem kur­zen Cameo-Auf­tritt als ver­arm­ter ita­lie­ni­scher Baron in der War­hol-Pro­duk­ti­on Blood for Dra­cu­la. Ein Film­auf­tritt, sym­pto­ma­tisch für die Prag­ma­tik in De Sicas Rol­len­aus­wahl, außer­ge­wöhn­lich weil er sich selbst auf Eng­lisch spricht, und viel­leicht auch des­halb ganz kuri­os, absurd, befrem­dend über­spitzt gespielt (an der Sei­te von Udo Kier fällt das aber kaum auf). 1974 trat Vitto­rio De Sica von der Büh­ne des Lebens ab.

John Dar­ret­ta über De Sicas Kino: „Life, at times, may be a Nea­po­li­tan fes­ti­val, but it is always at the mer­cy of the gambler’s com­pa­n­ion: Fate.“