Homemad(e) von Ruth Beckermann

Dossier Beckermann: A Morning Stroll (Homemade)

ich – eine Fehlerquelle?

bin ich eine fabrik für fehlerloses
oder ein lok­füh­rer der in irgend­ein ver­de­ben führt
höchs­tens ver­lo­cke ich leu­te gedich­te anzuhören
pro­du­zie­re trä­nen­flüs­sig­keit tex­te und aller­lei dreck
schau ins narrenkastl
ver­lier was
ver­giss was
sag etwas unbedacht
die per­fek­ten werd ich schon nicht zufriedenstellen
zeit mich mit mei­nen feh­lern auszusöhnen

(Elfrie­de Gerstl)

Homemad(e) von Ruth Beckermann

Ruth Becker­mann zählt vor rund fünf­zehn Jah­ren sechs Gas­tro­no­mie­lo­ka­le in der Marc Aurel-Stra­ße im Ers­ten Wie­ner Gemein­de­be­zirk. Nur ein klei­nes Geschäft ver­wies auf die Ver­gan­gen­heit die­ser Stra­ße, die einst­mals Zen­trum der Wie­ner Tex­til­bran­che war (Stra­ßen­na­men wie die angren­zen­de Tuch­lau­ben erin­nern noch heu­te dar­an). Die Marc Aurel-Stra­ße hat sich seit­her wei­ter gewan­delt und zum nörd­li­chen Aus­läu­fer des soge­nann­ten „Ber­mu­da-Drei­ecks“, einer Ansamm­lung von Bars und Nacht­lo­ka­len, ent­wi­ckelt. Wür­de man heu­te einen Film über die­se Stra­ße dre­hen, käme man nicht umhin das char­mant-unchar­mant her­un­ter­ge­kom­me­ne Retor­ten-Irish Pub Dick Macks, das wahr­schein­lich bes­te fran­zö­si­sche Restau­rant Wiens Le Salz­gries oder die obsku­re Piz­ze­ria del Popo­lo, die sich bei Ein­bruch der Nacht durch bil­li­gen Schnaps­prei­se und lau­te Radio­mu­sik zu einem Hot­spot für Nacht­schwär­mer ver­wan­delt, in Sze­ne zu set­zen. Das Café Salz­gries oder Adi Dofts Tex­til­la­den, die bei­den Haupt­schau­plät­ze des Films, sind hin­ge­gen heu­te Geschichte.

Ruth Becker­mann schließt mit Homemad(e) an „die gro­ße Rei­se“ ihres letz­ten Films an, die sie in Ein flüch­ti­ger Zug nach dem Ori­ent auf den Spu­ren der Kai­se­rin Sisi nach Ägyp­ten geführt hat. Sie setzt damit den rhyth­mi­schen Wech­sel in ihrem Film­schaf­fen fort, der sie mal zur Erkun­dung der Frem­de, mal zur Unter­su­chung ihrer unmit­tel­ba­ren Umwelt bewegt. Die­se Bewe­gung ist an eine Wech­sel­wir­kung gekop­pelt, denn in der Frem­de begibt sich Becker­mann auf die Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät, wäh­rend sie sich zuhau­se eher für das Ver­misch­te und Frem­de vor der eige­nen Haus­tü­re inter­es­siert. Man könn­te viel­leicht auch sagen, dass sich die­se bei­den Bewe­gun­gen gar nicht so genau von­ein­an­der abgren­zen las­sen. Ähn­lich ver­hält es sich in ihren Fil­men mit der Zeit: Die Ver­gan­gen­heit wird immer auf ihre Aus­wir­kun­gen in der Gegen­wart hin befragt, die Gegen­wart offen­bart die Sedi­ment­schich­ten der Ver­gan­gen­heit, in jedem Fall wird eine äußerst kom­pli­zier­te Ver­zah­nung deut­lich. Homemad(e) wirkt so zunächst als nost­al­gi­sches Fest­klam­mern an die Erin­ne­rung an eine glor­rei­che Ver­gan­gen­heit und ent­puppt sich schließ­lich als Kom­men­tar zu den gro­ßen gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen im Öster­reich der 90er und den dar­aus resul­tie­ren­den poli­ti­schen Ver­wer­fun­gen (die bis heu­te nicht über­wun­den sind).

Am Anfang steht ein radi­ka­ler Schnitt. Becker­mann ver­lässt die bun­ten und lau­ten Basa­re Kai­ros und dringt in einen Mikro­kos­mos ein, der sich bei genaue­rem Hin­se­hen als eben­so son­der­bar ent­puppt wie die ägyp­ti­sche Groß­stadt. Ein­zig die Schau­plät­ze sind ande­re: das Café Salz­gries ist zen­tra­le Anlauf­stel­le für das gesell­schaft­li­che Leben des Vier­tels, fast wie am Basar wird hier debat­tiert und ver­han­delt. Becker­mann inter­es­siert sich zunächst vor allem für die Ent­wick­lun­gen der letz­ten Jah­re und Jahr­zehn­te, die Ver­än­de­run­gen der Stra­ße, der Stadt und der Bevöl­ke­rung. Wie die gesam­te Innen­stadt Wiens hat sich auch die­ses Vier­tel vom Wohn­be­zirk zum Geschäfts- und Tou­ris­mus­vier­tel gewan­delt und nicht ohne Weh­mut erzäh­len die Stamm­gäs­te des Cafés und die Geschäfts­leu­te der Stra­ße von den alten Zei­ten. Zugleich ist die­se Annä­he­rung an die Ver­gan­gen­heit aber Moment­auf­nah­me einer Gegen­wart, die heu­te eben­falls Ver­gan­gen­heit ist. Becker­mann ist Chro­nis­tin eines ver­gan­ge­nen, viel­leicht sogar ver­lo­re­nen Wiens und Öster­reichs. Wie auch Wien retour ist Homemad(e) ein Doku­ment, dass Orte und Kul­tu­ren zeigt und Men­schen zu Wort kom­men lässt, die schon bald aus dem Stadt­bild ver­schwun­den sein wer­den (oder es schon sind): die Innen­stadt vor ihrer Ver­wand­lung zum Frei­luft­mu­se­um, die mitt­ler­wei­le fast abge­schlos­sen ist; das jüdisch-wie­ne­ri­sche Idi­om; das Kaf­fee­haus als sozia­le Institution.

Homemad(e) von Ruth Beckermann

Zwei­fels­frei ist Homemad(e) ein Lie­bes­ge­ständ­nis an eine Stra­ße, die Zuhau­se gewor­den ist, ein tief per­sön­li­cher, aber auch geschichts­träch­ti­ger Ort, der je nach Blick­win­kel unter­schied­li­che Sei­ten zum Vor­schein bringt, wie ein schil­lern­der Kris­tall, der ver­schie­den­ar­tig ange­blickt und bewun­dert wer­den kann. Die größ­te Leis­tung des Films ist mög­li­cher­wei­se das Mul­ti­per­spek­ti­vi­sche sei­ner Erzählung(en), die stets per­sön­li­che Schick­sa­le, glo­ba­le Geschichts­ver­läu­fe und zukünf­ti­ge Ent­wick­lun­gen mit­ein­an­der ver­webt. Dazu braucht es kei­ne lan­gen, aka­de­mi­schen Erklä­run­gen zur Ver­zah­nung von Geschich­te und Geschich­ten, es genügt der Ver­weis auf die nahe Syn­ago­ge und die dor­ti­ge Poli­zei­prä­senz (das alle jüdi­schen Insti­tu­tio­nen in Öster­reich und Deutsch­land bis heu­te Poli­zei­schutz bedür­fen ist ein beschä­men­der und irri­tie­ren­der Befund für unse­re Gesell­schaft), den angren­zen­den Mor­zin­platz, wo einst­mals die Gesta­po ihr Haupt­quar­tier hat­te, den römi­schen Kai­ser, der im dama­li­gen Mili­tär­la­ger Vin­do­bo­na ver­starb und der Stra­ße sei­nen Namen gibt – ein Film als Kris­tall und als Sedimentanhäufung.

Die Fil­me­ma­che­rin arbei­tet sich schein­bar mühe­los durch die­se Sedi­ment­schich­ten, mit gewohn­ter Leich­tig­keit und in stän­di­ger Inter­ak­ti­on mit ihren Gesprächs­part­nern navi­giert sie zwi­schen Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit, abs­tra­hiert mal auf das „gro­ße Gan­ze“ und führt an ande­rer Stel­le auf per­sön­li­che Erzäh­lun­gen zurück. Schluss­end­lich ord­net sich der Film naht­los in das rest­li­che Oeu­vre Becker­manns ein, ganz ohne Ver­klä­rung und Nost­al­gie wid­met er sich dann der poli­ti­schen Gegen­wart, der Ange­lo­bung der schwarz-blau­en Regie­rung Schüs­sel, dem Höhe­punkt einer poli­ti­schen Ent­wick­lung, deren Aus­gang Becker­mann bereits Ende der 80er in Die papie­re­ne Brü­cke doku­men­tier­te, als sie eine Wahl­kampf­ver­an­stal­tung von Kurt Wald­heim film­te. In die­sen letz­ten Momen­ten wird deut­lich, dass die Marc Aurel-Stra­ße, der per­si­sche Hote­lier, der jüdi­sche Tex­til­händ­ler, die frei­geis­ti­gen Kul­tur­schaf­fen­den nicht zufäl­lig The­ma von Becker­manns Film waren. Die Fas­zi­na­ti­on von Homemad(e) ist nicht auf das Lokal­ko­lo­rit die­ses Stadt­vier­tels zurück­zu­füh­ren, nicht auf die poin­tier­ten Erzäh­lun­gen der Prot­ago­nis­ten, nicht auf die Unmit­tel­bar­keit der Home­mo­vie-Ästhe­tik, nicht auf die per­sön­li­che Note, die für emo­tio­na­le Auf­la­dung sorgt. Das sind alles nur Mosa­ik­stü­cke, die in ihrem Zusam­men­spiel ein monu­men­ta­les Bild zeich­nen, das weit über die Gren­zen des Vier­tels und die per­sön­li­chen Befind­lich­kei­ten der Fil­me­ma­che­rin hin­aus­geht und des­sen Bedeutung(en) facet­ten­reich und wan­del­bar ist. Es ist gar nicht abzu­se­hen – und das ist eine sel­te­ne Qua­li­tät –, wel­che neu­en Sicht­wei­sen der Film in zehn, zwan­zig oder fünf­zig Jah­ren offen­ba­ren wird.