La isla mínima von Alberto Rodríguez

Sumpf – Politik – Sumpf: La isla mínima von Alberto Rodríguez

Ein fik­ti­ver Seri­en­mör­der ent­führt Ende der 70er Jahr für Jahr in einem spa­ni­schen Pro­vinz­kaff sech­zehn­jäh­ri­ge Schul­mäd­chen tötet sie bru­tal und ent­sorgt sie in den umlie­gen­den Sümp­fen. Zu dem Zeit­punkt als die bei­den Kom­mis­sa­re Pedro Suá­rez und Juan Robles am Ort des Ver­bre­chens ein­tref­fen ist ihnen die­ser Umstand noch nicht bekannt: Ein­zig der Ver­bleib zwei­er jugend­li­cher Mäd­chen ist unge­wiss, eine Gewalt­tat wird ver­mu­tet, das vol­le Aus­maß des Ver­bre­chens erschließt sich erst mit Fort­dau­er des Films.

Raúl Arévalo in La isla mínima

Bereits die ers­ten Ein­stel­lun­gen von La isla míni­ma eta­blie­ren ein Leit­mo­tiv: Luft­auf­nah­men zei­gen grün­li­che Sumpf­ge­bie­te inmit­ten einer brau­nen Step­pe. Hier spielt sich ein Kampf zwi­schen den Mäch­ten des Was­sers (des Lebens) und den unwirt­li­chen Mäch­ten der stau­bi­gen Erde (des Todes) ab. Der Spät­som­mer ist heiß in Süd­spa­ni­en, die Poli­zei­trup­pen ähneln in ihrer Adjus­tie­rung den legen­dä­ren Wüs­ten­trup­pen der Frem­den­le­gi­on. Die­se sump­fi­ge, unfreund­li­che Gegend, die die Prot­ago­nis­ten ins Schwit­zen bringt, ist aber durch das Zusam­men­spiel von war­men Kli­ma und aus­rei­chend Feuch­tig­keit höchst frucht­bar. Das kost­ba­re Was­ser sorgt für ertrag­rei­che Böden, Spät­som­mer ist Ern­te­zeit und kul­tur­his­to­risch bedingt ist das die Zeit der Dorf­fes­ti­vi­tä­ten – im Schat­ten die­ser Fei­er­lich­kei­ten ver­schwin­den all­jähr­lich die Mäd­chen. Zugleich wer­den an die­sen Tagen die wirt­schaft­li­chen Bedin­gun­gen in der Regi­on gna­den­los auf­ge­deckt. Wäh­rend Ern­te­hel­fer zu Hun­ger­löh­nen schuf­ten ver­sucht die Jugend das Dorf zu ver­las­sen: eine Frau erzählt von ihren Kin­dern, die die Arbeits­su­che über ganz Euro­pa ver­teilt hat. Die­ser Wunsch weg­zu­kom­men aus dem länd­li­chen Gebiet ohne Zukunfts­per­spek­ti­ve führt die bei­den Poli­zis­ten schließ­lich auch auf die Spur des Täters – das Phan­tas­ma Mála­ga mit sei­nen luxu­riö­sen Bet­ten­bur­gen dient ihm als Lockmittel.

Die Puz­zle­tei­le set­zen sich frei­lich nur lang­sam zusam­men und der Film schrei­tet nicht so line­ar vor­an, wie man es von ver­gleich­ba­ren Kri­mis kennt. Zwar nimmt La isla míni­ma Anlei­hen bei ande­ren Ver­tre­tern des Gen­res – an vie­len Stel­len erin­nert der Film in sei­nen Bild­mo­ti­ven sogar sehr stark an ähn­li­che Fil­me, die in den ame­ri­ka­ni­schen Süd­staa­ten spie­len –, doch zeich­net sich der Film durch den Ver­such aus unter­kom­ple­xe Linea­ri­tät durch Dop­pe­lungs­mus­ter zu erset­zen, wie sie bereits in der ein­gangs erwähn­ten dop­pel­ten Natur der land­schaft­li­chen Gege­ben­hei­ten ver­an­kert sind. Zunächst ist da das unglei­che Ermitt­ler­paar des auf­stre­ben­den Pedro Suá­rez, der eine gro­ße Kar­rie­re in Madrid vor sich hat und des kran­ken Juan Robles, der einst unter dem fran­quis­ti­schen Régime sei­ne Hoch­zeit erleb­te. Die Bei­den ste­hen in wei­te­rer Fol­ge für den Kon­flikt zwi­schen dem noch neu­en demo­kra­ti­schen Sys­tem und der Mili­tär­dik­ta­tur, die noch immer all­ge­gen­wär­tig ist. Der Geist Fran­cos sucht den Film wie­der­holt heim: in Form von Graf­fi­tis, in Form von alt ein­ge­üb­ten Ver­hal­tens­mus­tern, in Form von eta­blier­ten Macht­struk­tu­ren, die nur schwer auf­ge­bro­chen wer­den kön­nen. Zu die­sen Macht­struk­tu­ren gehö­ren auch die Geschlech­ter­ver­hält­nis­se, denn Män­ner sind hier die Akteu­re und Frau­en die Opfer. Nicht zuletzt ist die­se Schil­de­rung der poli­ti­schen Zustän­de im Jahr 1980 auch eine Alle­go­rie auf die Gegen­wart, die loka­len Pro­ble­me des Dor­fes kön­nen haben sich seit­her auf das gan­ze Land aus­ge­brei­tet: Land­flucht, Arbeits­lo­sig­keit, Gene­ra­ti­ons­kon­flik­te, poli­ti­sche Unzufriedenheit.

La isla mínima von Alberto Rodríguez

Aus die­sen sehr star­ren Gegen­über­stel­lun­gen gilt es aus­zu­bre­chen. Die Rol­le des beweg­li­chen Ele­ments, das für agen­cy sorgt, über­nimmt Raúl Aré­va­los Pedro Suá­rez. Auf Jugend ohne Film legen wir bekannt­lich nicht viel Wert auf Kate­go­rien thes­pi­scher Schau­spiel­kunst (die für gewöhn­lich mit Prei­sen von diver­sen Aka­de­mien bedacht wer­den), aber wir schät­zen Qua­li­tä­ten von Kör­per­lich­keit und Iko­ni­zi­tät. Aré­va­lo zeigt eine sol­che von uns favo­ri­sier­te Prä­senz. Er wan­delt zwi­schen Sumpf und Staub, zwi­schen Zivi­li­sa­ti­on und Ödnis, ver­mit­telt zwi­schen den domi­nan­ten aber ableh­nen­den Män­nern, und den in Unsicht­bar­keit lei­den­den Frau­en. Aré­va­los Suá­rez steht für ein demo­kra­ti­sches Spa­ni­en, das sich aus den Trüm­mern der Fran­co-Dik­ta­tur erhebt, aber zugleich von die­sen Trüm­mern am Vor­wärts­kom­men gehin­dert wird.

Schließ­lich, und das ist sehr pas­send, lösen die bei­den Kom­mis­sa­re das Kri­mi­nal­rät­sel im strö­men­den Regen. Das lebens­ge­ben­de Nass tri­um­phiert über den stau­bi­gen Tod, hält aber sei­ner­seits Gefah­ren bereit (die Stra­ßen wer­den rut­schig, das Auto stürzt bei­na­he in den Gra­ben). Der Sumpf, wo der Mör­der die Mäd­chen zer­stü­ckelt ent­sorg­te wird zu des­sen eige­nem Grab und das alles ist nur mög­lich, weil sich die Ermitt­ler arran­gie­ren und der fran­quis­ti­sche Robles Suá­rez letzt­end­lich den Rücken frei­hält. Die Trüm­mer wer­den bei­sei­te geräumt, und es wird, trotz fah­len Nach­ge­schmacks ein Kom­pro­miss erzielt: La isla míni­ma löst sei­ne Kon­flik­te in einer mehr­schich­ti­gen, sym­bo­li­schen Syn­the­se auf – es bleibt die Hoff­nung sich zu arran­gie­ren, im Jahr 1980 wie heute.