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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Jackie von Pablo Larraín

Watching closely with your eyes shut: Jackie von Pablo Larraín

1963. Nur weni­ge Tage nach dem Begräb­nis von John F. Ken­ne­dy besucht ein Repor­ter die Prä­si­den­ten­wit­we in ihrem Anwe­sen an der Küs­te von Mas­sa­chu­setts. Das ist der Aus­gangs­punkt von Pablo Lar­raíns Jackie. Der Jour­na­list ist auf der Jagd nach einer Sto­ry, ver­sucht schon an der Ein­gangs­tür emo­tio­na­le Reak­tio­nen und pri­va­te Ein­bli­cke zu gewin­nen, doch Jackie Ken­ne­dy lässt sich nicht über­rum­peln und schil­dert gefasst ihre Ver­si­on der Ereig­nis­se. In ver­wa­sche­nen Rück­blen­den erzählt der Film dann von Jackies Amts­hand­lun­gen als First Lady, vom Atten­tat auf ihren Mann und den dar­auf­fol­gen­den Tagen. Dazwi­schen kehrt der Film immer wie­der zum Gespräch der bei­den zurück. Die Funk­ti­on des Inter­views erschöpft sich aber nicht in sei­ner dra­ma­tur­gi­schen Rol­le als struk­tur­ge­ben­des Ele­ment. Die Rück­blen­den set­zen unver­mit­telt ein, mäan­dern durch die Zeit, ver­schach­teln sich inein­an­der, enden abrupt. Die ver­schie­de­nen Sze­nen bil­den Asso­zia­tiv­ket­ten und Erin­ne­rungs­räu­me; wie Sedi­ment­schich­ten über­la­gern sich die Zeit- und Erzähl­ebe­nen. Das Inter­view geht als Refe­renz­punkt ver­lo­ren – die Rück­blen­den haben sich von ihrer ver­meint­li­chen Aus­gangs­si­tua­ti­on gelöst – es steht viel­mehr gleich­be­rech­tigt neben den ande­ren Szenen.

Jackie von Pablo Larraín

Jackie geht es, so wird schnell klar, um ihre öffent­li­che Dar­stel­lung: Wenn sie sich vor dem Repor­ter öff­net, dann „off record“; das Begräb­nis ihres Man­nes sti­li­siert sie zum Spek­ta­kel. Die öffent­li­che Dar­stel­lung erschöpft sich aller­dings nicht in Glanz, Sou­ve­rä­ni­tät oder Eitel­keit. Sie berück­sich­tigt auch Kate­go­rien wie Ver­letz­lich­keit und Schmerz. Jackie ist sich dar­über im Kla­ren, was der Jour­na­list hören will und gibt unter Trä­nen eine detail­lier­te Schil­de­rung ihrer Erleb­nis­se in Dal­las. Sie zün­det sich mit zit­tern­den Hän­den eine Ziga­ret­te an, um im nächs­ten Moment den Repor­ter beson­nen dar­auf hin­zu­wei­sen, die­se Pas­sa­ge aus den Auf­zeich­nun­gen zu strei­chen – die Gren­zen zwi­schen Kal­kül und ehr­li­cher Betrof­fen­heit ver­schwim­men. Der Film wech­selt stän­dig zwi­schen zärt­li­cher Wär­me und distan­zier­ter Küh­le: mit kli­ni­scher Sou­ve­rä­ni­tät weist sie den Repor­ter in die Schran­ken; herz­zer­rei­ßend hin­ge­gen der Mor­gen nach dem Atten­tat, als sie ihren zwei klei­nen Kin­dern erklä­ren muss, dass ihr Vater von ihnen gegan­gen ist; nüch­tern die Unter­hal­tung mit ihrem Pries­ter über Schick­sal und Gerech­tig­keit. Aus der Schich­tung die­ser Momen­te ergibt sich schließ­lich ein kom­ple­xes Geflecht aus Bezie­hun­gen, das Jackies Lebens­welt dar­stellt. Der Hauch eines Lächelns, wenn sie mit ihrer Sekre­tä­rin über den bevor­ste­hen­den Aus­zug aus dem Wei­ßen Haus spricht, oder ein Anflug von Trau­er, wenn sie mit ihrem Schwa­ger Bob­by über das Bestat­tungs­pro­ze­de­re spricht, erzäh­len schließ­lich mehr, als die Inter­view­pas­sa­gen, in denen die Alter­na­ti­on von Offen­heit und Ver­schlos­sen­heit oft all­zu berech­nend wirken.

Man sieht die­se Augen­bli­cke in Jackie Ken­ne­dys Leben und doch ent­zieht sich der Film einem kla­ren Blick. Obwohl man hin­sieht, kann man sich nicht so recht einen Reim dar­aus machen. Der Film wider­steht einer ein­deu­ti­gen Aus­le­gung – man sieht genau hin, aber es fühlt sich an, als hät­te man gar nichts gese­hen. Wie schon in Lar­raíns letz­tem Film Neru­da stellt sich die Fra­ge, inwie­fern sei­ne Kon­zep­ti­on der Prot­ago­nis­tin über­haupt mit der ech­ten Per­son über­ein­stimmt. Bei­de, Jackie Ken­ne­dy und Pablo Neru­da, beherrsch­ten das Spiel mit den Medi­en und sorg­ten für ihre eige­ne Mythen­bil­dung. Lar­raín nimmt bereit­wil­lig die­se Selbst­dar­stel­lun­gen in sei­ne Figu­ren auf, fügt ihnen jedoch zusätz­li­che Ebe­nen hin­zu. Im Fal­le von Neru­da kon­fron­tiert er den Prot­ago­nis­ten mit einer gänz­lich fik­ti­ven Figur, die ein­zig als Kata­ly­sa­tor der Hand­lung dient; im Fal­le von Jackie ver­mengt er sein eige­nes Mate­ri­al mit alten Archiv­auf­nah­men der tat­säch­li­chen Ereig­nis­se. In bei­den Fil­men ver­lau­fen schließ­lich die Gren­zen zwi­schen Selbst- und Fremd­zu­schrei­bun­gen, und es wird deut­lich, dass Kate­go­rien his­to­ri­scher Authen­ti­zi­tät irrele­vant sind, wenn es dar­um geht eine Per­son der Ver­gan­gen­heit zu por­trä­tie­ren und in ihr Inne­res vor­zu­drin­gen. Pablo Neru­da wie Jackie Ken­ne­dy wir­ken in Lar­raíns Fil­men plas­ti­scher und mensch­li­cher, als das eine fil­mi­sche Auf­zäh­lung ver­bürg­ter his­to­ri­scher Ereig­nis­se (und deren Emo­tio­na­li­sie­rung durch dra­ma­tur­gi­sche Mit­tel) leis­ten hät­te können.

Jackie zeigt eine Frau in einer Aus­nah­me­si­tua­ti­on, die ver­sucht Fas­sung zu bewah­ren. Mit­ge­fühl, Mit-Lei­den ist Teil die­ser Geschich­te, die­ser Kon­fron­ta­ti­on von Zer­brech­lich­keit und Grau­sam­keit. For­dert der Film Empa­thie aktiv ein (das geschieht am stärks­ten auf der Ton­spur), so folgt kurz dar­auf die küh­le, ana­ly­ti­sche Selbst­kri­tik. Wär­me und Käl­te wech­seln sich nicht nur in den Hand­lun­gen Jackies ab, son­dern auch in der Insze­nie­rung. Oft wird der Erfolg eines Bio­pics (oder eines figu­ren­zen­trier­ten Doku­men­tar­films) dar­an gemes­sen, ob wir dem Prot­ago­nis­ten „näher gekom­men sind“, doch letzt­lich ist das gar nicht von Belang. Inva­si­ves Ein­drin­gen in die Pri­vat­heit führt nicht zwangs­läu­fig (eher das Gegen­teil ist der Fall) zu grö­ße­rem Ver­ständ­nis, als eine mul­ti­per­spek­ti­vi­sche Beschrei­bung, die die Vibra­tio­nen wahr­nimmt, die sich aus der Dif­fe­renz zwi­schen öffent­li­cher und pri­va­ter Per­son erge­ben. Eine sol­che Beschrei­bung wird der Kom­ple­xi­tät des mensch­li­chen Wesens immer gerech­ter wer­den, als die Reduk­ti­on auf einen ver­meint­li­chen Kern, eine Essenz.

Jackie von Pablo Larraín

Jackie ist einer die­ser Fil­me, bei denen man bei Ver­las­sen des Kino­saals dar­auf brennt, mög­lichst zügig nach Hau­se zurück­zu­keh­ren, um zu recher­chie­ren, was es über die Prot­ago­nis­ten und ihre Zeit noch zusätz­lich zu erfah­ren gibt. Wäh­rend die media­le Auf­be­rei­tung von Infor­ma­ti­on nur all­zu oft auf Sät­ti­gung aus ist und dar­auf abzielt eine all­um­fas­sen­de, abge­schlos­se­ne Geschich­te zu erzäh­len, ist sich der Film bewusst, dass es nicht in sei­ner Macht steht die eine Wahr­heit zu ver­kün­den. Der Repor­ter sucht nach einem grif­fi­gen Nar­ra­tiv, der Pries­ter ent­geg­net mit trös­ten­den Phra­sen auf Fra­gen, für die es schlicht kei­ne Ant­wor­ten gibt. Die Welt ist kom­ple­xer als Repor­ter und Pries­ter sie dar­stel­len, sie ist kom­ple­xer als man es sich selbst zuge­ste­hen mag und sie lässt sich nicht durch eine objek­ti­vie­ren­de Auf­zäh­lung von Fak­ten beschrei­ben. Weder will der Film ein mög­lichst run­des Gesamt­bild zeich­nen, noch möch­te er sein Publi­kum von sei­ner Sicht der Din­ge über­zeu­gen, viel­mehr geht es in Jackie dar­um die Kom­ple­xi­tät der Welt mit fil­mi­schen Mit­teln zu evo­zie­ren und eine kri­ti­sche Hal­tung gegen­über die­ser fil­mi­schen Welt zu provozieren.