Schwalle und Hoffnung: Ein Gespräch mit Alexander Horwath

Haben Peter Kon­lech­ner und Peter Kubel­ka im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um jah­re­lang defi­niert, was und wie Film sein kann, hat ihr nun schei­den­der Nach­fol­ger Alex­an­der Hor­wath, den wir eini­ge Jah­re sei­nes Schaf­fens in Wien beob­ach­ten konn­ten, für uns vor allem und dar­über hin­aus gezeigt, was Kino­lie­be ist und wie sie sich äußern kann. Vale­rie und Patrick haben ihn zum Gespräch in sei­nem legen­där ver­qualm­ten Büro getrof­fen. Es ging um sei­ne vor­letz­te gro­ße Retro­spek­ti­ve, die der­zeit unter dem Titel «Euro­pa erzäh­len» Bil­der Euro­pas vor­schlägt, sei­ne Auf­fas­sun­gen zum Kura­tie­ren und die Ent­wick­lun­gen der Filmlandschaft.

Sans toit ni loi von Agnès Varda (© Österreichisches Filmmuseum)
Sans toit ni loi von Agnès Var­da (© Öster­rei­chi­sches Filmmuseum)

Patrick Holz­ap­fel: Bei dem Titel der Schau „Euro­pa erzäh­len“ scheint es sehr ein­fach, zunächst über Euro­pa nach­zu­den­ken. Wir woll­ten uns aber erst­mal auf das Erzäh­len kon­zen­trie­ren und von dir wis­sen, was das eigent­lich ist oder sein kann in die­sem Zusam­men­hang, das Erzäh­len von Europa? 

Alex­an­der Hor­wath: Das ist für mich nicht weit her­ge­holt, son­dern steht in Ver­bin­dung mit einer sehr frü­hen, zen­tra­len Ent­schei­dung im Arbeits- und Fin­dungs­pro­zess die­ser Schau. Zunächst ent­stammt die­ses The­ma oder die­ser Fokus einem inter­es­san­ten Gespräch, das ich mit einem befreun­de­ten Fil­me­ma­cher hat­te. Ihm ist Euro­pa sehr viel wert und er frag­te sich und mich, war­um es für euro­päi­sche Fil­me­ma­cher so viel schwie­ri­ger zu sein scheint, Euro­pa als Erzähl­stoff zu fas­sen, als für ame­ri­ka­ni­sche Fil­me­ma­cher bezüg­lich der USA. Viel­leicht stimmt das auch gar nicht, aber das war der ers­te Samen und hat mich ins Nach­den­ken über die­se The­ma­tik gebracht. Von Anfang an gab es also die­sen Fokus aufs Erzäh­len, zum dem natür­lich auch eine lite­ra­tur­ge­schicht­li­che Dimen­si­on kommt. Das führt dann zu etwas ande­ren Ergeb­nis­sen, als wenn es um Bil­der, ums Zei­gen von Euro­pa gin­ge – wenn also die Initia­ti­ve von einem Gespräch mit einem Maler oder einer Foto­gra­fin aus­ge­gan­gen wäre, die viel­leicht ande­re ästhe­ti­sche Pfei­le abge­schos­sen hät­ten. Zum ande­ren wur­de mir dann beim Nach­den­ken über die­se Schau bewusst, dass eine Ein­schrän­kung auf, ich sage das jetzt banal: „Spiel­film“, dem Pro­jekt gut tun wür­de. Natür­lich könn­te man mei­nen, dass es auf­re­gen­der wäre, die Gat­tun­gen des Films zu kom­bi­nie­ren, aber da hat­te ich schlicht die Sor­ge, dass ich über­haupt zu kei­ner annehm­ba­ren Linie oder Lini­en fin­de. Also ist es mir, auch prak­tisch gedacht, klü­ger erschie­nen, dem Akt des Erzäh­lens zu ver­trau­en und das noch wei­ter ein­zu­schrän­ken auf das abend­fül­len­de Erzäh­len. Ich hat­te auch Vari­an­ten am Anfang, in denen ein­zel­ne Kurz­fil­me im Pro­gramm waren, aber habe mich dann dage­gen ent­schie­den. Der abend­fül­len­de Spiel­film war und ist, so wie der Roman, eine Arti­ku­la­ti­ons­form für künst­le­risch den­ken­des Tun, die sehr ver­brei­tet ist – und ich woll­te mir anse­hen, was eigent­lich im Zuge die­ser Rah­mung ent­stan­den ist. Und so hat sich das dann zusam­men­ge­fügt. Am Ende gab es auch zwei Aus­nah­men, zwei doku­men­ta­ri­sche Arbei­ten: Näm­lich D’Est von Chan­tal Aker­man und Hat Wolff von Ame­ron­gen Kon­kurs­de­lik­te began­gen? von Ger­hard Friedl. Ich bin dann immer dafür, auch den beson­de­ren Impul­sen zu ver­trau­en, die sich von einem Kon­zept lösen. Manch­mal ist ein­fach eine bestimm­te Far­be in der Palet­te nötig, und wenn die­se Far­be von zwei Fil­men aus­geht, die man Essay­fil­me nen­nen könn­te, dann soll mir das auch Recht sein. Das berührt ja etwas Grund­sätz­li­ches bei der kura­to­ri­schen Arbeit: das Ver­hält­nis zwi­schen soge­nann­ter Stren­ge und Klar­heit eines Kon­zepts und soge­nann­ter Offen­heit gegen­über unrei­nen Teil­ent­schei­dun­gen. Ich ver­su­che meis­tens, bei­den Tei­len gerecht zu wer­den und damit natür­lich nie einem der bei­den zur Gän­ze. Aber ich woll­te mir eben nicht pri­mär das „Bild Euro­pas“ vor Augen füh­ren, son­dern die Bewe­gung des Erzäh­lens. Das könn­te auch damit zu tun haben, dass ich mir immer unsi­che­rer wer­de – das mag am eige­nen Älter­wer­den lie­gen oder an eini­gen Jah­ren der Ent­täu­schung –, ob die­se Bewe­gung im gegen­wär­ti­gen oder auch zukünf­ti­gen Kino eine Chan­ce hat. Das Erzäh­len im Modus Fern­seh­se­rie trifft offen­bar auf grö­ße­res Inter­es­se. Aber wie ist steht es mit der Opti­on, die­sen Kon­ti­nent wei­ter­hin in dem Modus zu erzäh­len, in dem es der Spiel­film getan hat? Da bin ich mir offen gesagt etwas unschlüs­sig. Wie viel Luft ist da noch drin­nen? Die Schau zeigt zwar Fil­me bis 2012, mit Tabu von Miguel Gomes als jüngs­tem Bei­spiel, und natür­lich sehe ich hin und wie­der neue Fil­me, die ein Teil der Schau sein könn­ten, aber es ging schon auch dar­um, eine ziem­lich gro­ße his­to­ri­sche Kraft zu zei­gen, deren Über­le­bens­fä­hig­keit ich skep­tisch beur­tei­le. Was nicht heißt, dass ich nicht mehr an das Kino glau­be oder irgend­wel­che abso­lu­ten Aus­sa­gen täti­gen will. Es gibt ein­fach eine Skep­sis. Die­se Fil­me in der Schau hat­ten ja auch alle eine Leben­dig­keit, und ihre Kraft hat­te damit zu tun, dass es ein eben­so leben­di­ges Publi­kum gab. Manch­mal hat­ten sie am Anfang viel­leicht kein Publi­kum, wie zum Bei­spiel Sier­ra de Teruel oder La règ­le du jeu, aber sie hat­ten eine Kraft in sich, die dann viel­leicht zwan­zig oder vier­zig Jah­re spä­ter zur Wir­kung kam. Die­se Kraft scheint mir erwie­sen und die hat auch mit dem his­to­ri­schen Gegen­über, also mit der Publi­kums­sei­te zu tun. Mei­ne Skep­sis rich­tet sich dem­entspre­chend eben­so an das frag­li­che künf­ti­ge Gegen­über wie an die Fil­me selbst. Ich weiß nicht mehr ganz, an wen sich die neue­ren Fil­me rich­ten. Abge­se­hen davon, dass sich Fil­me nicht an jemand Spe­zi­fi­schen, an ein „Ziel­pu­bli­kum“ rich­ten müs­sen, ent­fal­ten sie sich trotz­dem nur mit einem Gegen­über. Die­se aktu­el­le Unsi­cher­heit, die ich spü­re, hat viel mit poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen zu tun – und das war dann wohl auch ein Motiv die­ses „Erzäh­lens von Europa“.

L'Espoir von André Malraux (© Österreichisches Filmmuseum)
L’E­s­poir von André Mal­raux (© Öster­rei­chi­sches Filmmuseum)

Vale­rie Dirk: Beim Stich­wort Unsi­cher­heit möch­te ich gleich ein­ha­ken. Es wird ja sehr viel von Split­ter­haf­tig­keit im Pro­gramm­text gespro­chen, die Split­ter­haf­tig­keit des euro­päi­schen Erzähl­ki­nos im Gegen­satz zum einen­den Nar­ra­tiv des ame­ri­ka­ni­schen Kinos. Inwie­fern drückt sich denn dar­in die­se Unsi­cher­heit aus?

A.H.: Ich ver­ste­he die Fra­ge gut, sie hängt sicher mit einer gewis­sen „self-ful­fil­ling pro­phe­cy“ zusam­men. Ich hät­te natür­lich genau­so gut Fil­me aus­su­chen kön­nen, in denen der deut­li­che Ver­such des Geein­ten oder Einen­den im Vor­der­grund steht. Das gilt für die Erzähl­stra­te­gien der Fil­me wie auch für deren Begrif­fe oder Visio­nen von Euro­pa. Mei­ne Erfah­rung seit über drei Jahr­zehn­ten hat mir aber gesagt, dass die­se Art des Kinos sel­ten befrie­di­gend aus­fiel; ich habe mir immer gedacht, dass das im ame­ri­ka­ni­schen Kino stim­mi­ger gelöst ist. Ich den­ke da an diver­se Ver­su­che eines euro­päi­schen Gen­re­ki­nos oder die­se „Europudding“-Tendenz, also Anläu­fe, um Euro­pa pro­duk­ti­ons­tech­nisch zu einen. Man macht mehr und mehr Fil­me, in denen vie­le Natio­nen mit­wir­ken oder in denen ein Ensem­ble an Schau­spie­lern auf­tritt, das ver­schie­de­ne die­ser Frag­men­te Euro­pas reprä­sen­tiert. Die Sachen, die mir aus die­sem Bereich bekannt sind, sind von sehr beschei­de­ner Schlag- oder Aus­sa­ge­kraft. Mit „self-ful­fil­ling pro­phe­cy“ mei­ne ich das, was mir am euro­päi­schen Kino am stärks­ten und über­zeu­gends­ten vor­kommt, näm­lich eher die „ris­si­gen“ oder offe­ne­ren Ästhe­ti­ken und Erzähl­wei­sen. Fil­me, die den Betrach­te­rIn­nen viel Raum geben, wo man von den Fil­me­ma­chern ein­ge­la­den wird, etwas erst zusam­men­zu­set­zen. Ich glau­be, dass ich die Grö­ße des euro­päi­schen Kinos ent­lang des­sen wahr­neh­me, was es bes­ser oder anders kann als das ame­ri­ka­ni­sche Kino. Das liegt auch dar­an, dass ich zunächst mit dem ame­ri­ka­ni­schen Kino sozia­li­siert wur­de. Mein Begriff von Kino war zuerst, im Gro­ßen und Gan­zen, von popu­lä­ren ame­ri­ka­ni­schen Fil­men geprägt. Und Alter­na­ti­ven dazu habe ich dann zunächst als nicht-ame­ri­ka­nisch wahr­ge­nom­men. Aber als ich dann mit 17, 18, 19 Jah­ren, also gar nicht so früh, begann euro­päi­sche Fil­me zu sehen, habe ich das auch als eine wert­vol­le Form von Oppo­si­ti­on betrach­tet. Wenn man einen Ursprung der eige­nen Kino­lie­be sucht oder fest­ma­chen will, auch wenn man mit Ursprün­gen vor­sich­tig sein soll­te, dann wäre das in mei­nem Fall das Popu­lär­ki­no der USA. Das Auf­re­gen­de dann im Wei­ter­for­schen ist zu sehen, was es bedeu­tet, wenn Renoir oder Ros­sel­li­ni Spiel­fil­me machen oder Rei­sen­der Krie­ger, der mich beglei­tet, seit ich ihn mit 18 oder 19 zum ers­ten Mal im Fern­se­hen gese­hen habe. Inso­fern kann ich die Fra­ge nicht wirk­lich beant­wor­ten. Ist das euro­päi­sche Kino per se so „split­ter­haft“ oder ist das ein Ergeb­nis mei­ner Art von Nähe zum euro­päi­schen Kino? Viel­leicht ist die­ser Ansatz auch mei­ne Ant­wort an den Fil­me­ma­cher, der an der Erzähl­bar­keit Euro­pas im Kino zwei­fel­te. Sei­ne The­se war eigent­lich, dass man damit nicht durch­kommt. Die Ame­ri­ka­ner kom­men gewis­ser­ma­ßen durch mit ihrem Mythos, mit ihrer auf weni­ge Begrif­fe und Bil­der fokus­sier­ten natio­na­len Erzäh­lung. Viel­leicht besteht unse­re euro­päi­sche Ant­wort dann eben aus die­sen Frag­men­ten und der Offenheit.

P.H.: Nur weiß das euro­päi­sche Kino um die­se eige­nen Eigenschaften?

A.H.: Das ist natür­lich ein gro­ßes Pro­blem der EU-Film­po­li­tik. Auf der einen Sei­te weist man immer auf die loka­len Kräf­te und das Regio­na­le hin, aber wenn sich dann auf der ande­ren Sei­te zeigt, dass dar­aus ein gro­ßes, wuchern­des Bün­del von Din­gen wird, dann erkennt man auch, dass man damit am Mas­sen­markt nicht groß reüs­sie­ren wird. Also erfin­det man recht künst­lich ein angeb­li­ches Mas­sen­ki­no euro­päi­scher Her­kunft und Iden­ti­tät, des­sen Gestalt meist eine läp­pi­sche Nach­ah­mung der ame­ri­ka­ni­schen Erzähl­mo­del­le, Gen­res oder Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­ge­bo­te ist. Und das ist doch lang­wei­lig, da war mein Reflex immer, dass ich lie­ber zum Schmied gehe, als mich mit dem Schmiedl abspei­sen zu las­sen. In mei­nen film­po­li­ti­schen Aus­flü­gen argu­men­tie­re ich auch immer, dass man akzep­tie­ren soll­te, das euro­päi­sche Kino nicht so „ver­kau­fen“ zu kön­nen wie das ame­ri­ka­ni­sche. Und ich bin recht froh, dass in Öster­reich noch Film­ent­ste­hungs- und Film­för­de­rungs­mi­lieus exis­tie­ren, die nicht die­ses ver­rück­te Spiel spie­len, das sich zwi­schen Frank­reich, Deutsch­land und ande­ren immer wie­der abge­spielt hat, näm­lich die­se Idee einer B‑Version des ame­ri­ka­ni­schen Kinos, die sich kul­ti­vier­ter vor­kommt als das Ori­gi­nal. Das bringt nichts. Es wäre bes­ser, auf Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen zu ach­ten, in denen die Kraft ein­zel­ner Künst­le­rIn­nen, die „ver­schro­ben“ sein mögen und eben auch „Frag­men­ta­ri­sches“ pro­du­zie­ren, wei­ter­hin unter­stützt wird. Aber natür­lich braucht es auch die, die das dann sehen. Und so etwas kann man nicht durch Film­po­li­tik oder För­de­run­gen her­bei­füh­ren. Das heißt, man muss sich viel­leicht einer Rea­li­tät stel­len, in der die Ent­wick­lun­gen unse­rer Gesell­schaft und ihrer For­men von Inter­ak­ti­on weg­füh­ren vom Kino in sei­ner Form als abend­fül­len­der Spiel­film; dass die­se Form also viel­leicht lang­sam his­to­risch wird. Ich woll­te nicht, dass die­se Film­schau als kul­tur­pes­si­mis­tisch ver­stan­den wird, aber aus mei­nen Ant­wor­ten kann man viel­leicht erken­nen, dass es einen Hauch davon gibt. Wie wäre es, wenn das Publi­kum für euro­päi­sches Kino, so wie man es lan­ge Zeit rezi­piert hat, irgend­wie aus­rinnt? Dann wäre die­se Retro­spek­ti­ve eine Rück­schau auf die Groß­ar­tig­keit einer Kunst- und Erzähl­form auf die­sem Kon­ti­nent im 20. Jahrhundert.

Pasażerka von Andrzej Munk (© Österreichisches Filmmuseum)
Pasażer­ka von Andrzej Munk (© Öster­rei­chi­sches Filmmuseum)

P.H.: Hängt die­se Rück­schau auch ein wenig an dei­nem per­sön­li­chen Abtre­ten aus dei­ner Posi­ti­on hier im Filmmuseum?

A.H.: Das will ich gar nicht abstrei­ten. Ich woll­te sehr gern noch ein paar Din­ge machen, bevor ich hier auf­hö­re. Zum Bei­spiel woll­te ich unbe­dingt noch die Schau „Der gro­ße Grant“ über vier Komi­ker (W.C. Fields, Hans Moser, Totò, Lou­is de Funès) rea­li­sie­ren, und im Sep­tem­ber wird es ein paar klei­ne­re Din­ge geben, die mir wich­tig sind. Es gibt heu­te ein biss­chen die Ten­denz, sich vor „zu gro­ßen“ The­ma­ti­ken zu hüten, um den Kanon-Ver­dacht zu ver­mei­den, aber ich dach­te mir bei die­sem Euro­pa-The­ma: Wenn, dann jetzt. Daher stammt dann viel­leicht auch die­ser zurück­schau­en­de Ges­tus, der eben mit mei­nen sech­zehn Jah­ren Arbeit hier zu tun hat. Vie­les in die­sem Pro­gramm haben wir schon gezeigt, oft mehr­fach, aber ich woll­te ganz bewusst Din­ge, die ich für ganz zen­tral, aber noch nicht aus­rei­chend gewür­digt hal­te, ein wei­te­res Mal in die­ses Spiel brin­gen. Mein Den­ken über Kino und Euro­pa ist schlicht­weg mit­ge­prägt von die­sen Mar­kie­run­gen, und es käme mir ganz falsch vor, Fil­me wie Pasażer­ka von Andrzej Munk oder eben Rei­sen­der Krie­ger von Chris­ti­an Scho­ch­er da nicht mit rein­zu­neh­men, nur weil das Film­mu­se­um die­se bei­den Fil­me schon vier­mal in mei­ner Amts­zeit gezeigt hat. Bei meh­re­ren die­ser Fil­me haben wir uns auch erfolg­reich bemüht, sie für die Samm­lung zu erwer­ben, das ist auch ein wich­ti­ger Aspekt. Etwa 50% der Wer­ke in der Schau stam­men aus der Samm­lung des Hau­ses. Das ist also auch ein Schau­fens­ter für Din­ge, die das Film­mu­se­um in letz­ter Zeit oder schon lan­ge vor­her erwor­ben hat. Wir haben z.B. ganz zu Beginn mei­ner Zeit hier eine Munk-Retro­spek­ti­ve gemacht und uns seit­her dar­um bemüht, Pasażer­ka zu erwer­ben. Irgend­wie ist das jah­re­lang an ver­schie­de­nen Kon­stel­la­tio­nen geschei­tert, aber jetzt ist es Regi­na Schlag­nit­weit tat­säch­lich gelun­gen, für die­se Schau eine neue Kopie zu erwer­ben. Das freut mich sehr. Rück­schau also auf mei­ne Tätig­keit hier und auf etwas Grö­ße­res, 100jähriges, des­sen Kräf­te sich der­zeit stark verändern.

P.H.: Du hast jetzt eine Les­art der Schau ange­bo­ten, die mir oder unse­rem Blog an sich sehr nahe ist, also mit film­po­li­ti­scher Ein­bet­tung und so wei­ter. Aller­dings fin­de ich in dem Fall die­ser Schau tat­säch­lich, dass sie nicht zuletzt auf­grund der Euro­pa-The­ma­tik sehr aktu­ell ist und eben nicht nur eine Rück­schau und eine Kino­ge­schich­te, son­dern ein Poli­tik dar­stellt. Das fin­de ich sehr span­nend und vor allem in Ver­bin­dung mit den Fil­men, die in der Schau sind, die von nicht-euro­päi­schen Fil­me­ma­chern gemacht wur­den, die also von „Außen“ kom­men. Da fra­ge ich mich dann nicht nur, wann ein Film euro­pä­isch ist, son­dern auch, wann er von Euro­pa erzählt.

A.H.: Ich habe am Anfang sogar zwei Lis­ten geführt. Auf der einen waren qua­si ech­te euro­päi­sche Pro­duk­tio­nen und auf der ande­ren waren Fil­me von Men­schen aus ande­ren Kon­ti­nen­ten, die von Euro­pa erzäh­len. Da kommt man dann sehr schnell drauf, dass wenn man zum Bei­spiel mit An Ame­ri­can in Paris von Vin­cen­te Min­nel­li anfin­ge, eine Schau zusam­men­stel­len könn­te, die das kom­plet­te Gegen­teil erzäh­len wür­de. Da wür­de dann aber nicht Mr. Arka­din oder Mr. Klein drin­nen sein, son­dern zum Bei­spiel ame­ri­ka­ni­sche Musi­cals wie Fun­ny Face. Es war mir wich­tig, dass es da kei­ne Rein­heit bezüg­lich des Ursprungs gibt. Aber vie­le Fil­me, die von ande­ren Kon­ti­nen­ten auf Euro­pa bli­cken, unter­stüt­zen nicht unbe­dingt die­se The­se, die­se Erzäh­lun­gen von Euro­pa, die mir wich­tig waren. Und natür­lich hast du Recht damit, dass die­se Erzäh­lun­gen im gegen­wär­ti­gen Euro­pa, spä­tes­tens mit dem Brexit, noch ein­mal eine ande­re Dimen­si­on gewin­nen. Letz­ten Som­mer, wäh­rend des FIAF-Kon­gres­ses in Bolo­gna, sind unse­re bri­ti­schen Freun­de tage­lang nie­der­ge­schla­gen auf der Piaz­za Mag­gio­re geses­sen und woll­ten gar nicht mehr heim­keh­ren. Die­se Nie­der­ge­schla­gen­heit hat der Schau dann den letz­ten Schub gege­ben. Im Lauf des Som­mers habe ich dann Tomas Zier­ho­fer-Kin von den Wie­ner Fest­wo­chen getrof­fen. Ich hät­te die Schau sowie­so gemacht, aber ich habe ihn gefragt, ob die Wie­ner Fest­wo­chen da als Part­ner mit dabei sein wol­len. Natür­lich schwingt da vie­les mit, was wir in den letz­ten zwei Jah­ren in Euro­pa und der gan­zen Welt erle­ben muss­ten. Es sind ja auch mehr­heit­lich Fil­me, die einen jetzt nicht total glück­lich aus dem Kino ent­las­sen. Das ist mir schon bewusst. Ande­rer­seits habe ich die fast när­ri­sche Hoff­nung, dass man, wenn man sich die­ser Schau in einem grö­ße­ren Maße aus­setzt, so etwas wie Stolz oder einen neu­en Glau­ben an Euro­pa gewin­nen könnte.

Die letzte Chance von Leopold Lindtberg (© Österreichisches Filmmuseum)
Die letz­te Chan­ce von Leo­pold Lindt­berg (© Öster­rei­chi­sches Filmmuseum)

P.H.: L’Espoir, Hoff­nung scheint ein gutes Wort dafür.

A.H.: Ja, genau. Ein gro­ßes Wort natür­lich. Aber des­halb habe ich im Ein­lei­tungs­text auch so Begrif­fe wie ‚Espoir‘ oder ‚Pro­mes­se‘ betont, nicht nur weil es Film­ti­tel sind, son­dern weil es wirk­lich um Ver­spre­chun­gen geht. Die Grün­dung der EU und die Nach­kriegs­dis­kur­se haben uns ja ein Ver­spre­chen gege­ben und eine Hoff­nung aus­ge­drückt. Man kann natür­lich sagen, dass das hoh­le Begrif­fe sind, die Poli­ti­ker immer ver­wen­den, aber ich woll­te sie lie­ber ernst neh­men und fra­gen, wo sie sich zei­gen im fil­mi­schen Schaf­fen, in den Nar­ra­tio­nen, die die­ser Kon­ti­nent her­vor­ge­bracht hat. Heu­te sind wir ja ger­ne so iro­nisch gegen­über allem, und ich bemü­he mich, das nicht zu sein, wo ich nur kann. Also schaue ich mir die­se Ver­spre­chen, die­se Uto­pien mal genau­er an. Dass das auch mit schwie­ri­gen Gefüh­len bei man­chen die­ser Fil­me ver­bun­den ist, ist klar. Wenn man aus Le dia­ble pro­ba­blem­ent her­aus­kommt, dann wird man nicht unbe­dingt die gro­ße Hoff­nung für Euro­pa gewin­nen, das ist mir klar. Aber wenn man zum Bei­spiel sieht, wie in Le dia­ble pro­ba­blem­ent, in einer Zeit, in der die öko­lo­gi­sche Bewe­gung noch weit nicht jene Prä­senz hat­te wie heu­te, mit Robert Bres­son jemand kommt, der alles ande­re als ein Mes­sa­ge-Fil­me­ma­cher ist und einen jun­gen Mann als Prot­ago­nis­ten in die­ser Post-68er Stim­mungs­welt wählt, der Sui­zid begeht, und das im Film aber mit der Zer­stö­rung der Natur zusam­men­hängt, dann ist das ein Weg aus die­sem illus­tra­ti­ven Kura­tie­ren her­aus­zu­kom­men. Letz­te­res hie­ße, die wich­ti­gen The­men und Dis­kur­se in Euro­pa seit den 1920er oder 30er Jah­ren her­zu­neh­men und sie mög­lichst punkt­ge­nau mit Fil­men abzu­bil­den. Nichts inter­es­siert mich weni­ger als die­se Metho­dik. Es geht eher dar­um, aus Fil­men, die ich für zwin­gend oder begeis­ternd hal­te, erst die Dis­kur­se her­aus­zu­lö­sen, die dann eine Rol­le spie­len wer­den. Dazu braucht man kei­ne „The­men­fil­me“, son­dern man kann die­se Begrif­fe aus Fil­men wie Le dia­ble pro­ba­blem­ent gewinnen.

V.D.: Du sagst, dass dich das illus­tra­ti­ve Kura­tie­ren nicht inter­es­siert. Trotz­dem sind in der Schau eini­ge Punk­te ver­tre­ten wie Geschich­te, Geld, oder Bewe­gung über Gren­zen, die dann in fast allen Fil­men immer wie­der auf­tau­chen auf die eine oder ande­re Art und Wei­se. Außer­dem geht es sehr viel um Frei­heit und Auf­klä­rung. Das mit der Auf­klä­rung inter­es­siert mich sehr. Was hast du dir dabei gedacht? Am Ende des Pro­gramm­texts steht ja: „50 Fil­me für die kom­men­de Aufklärung“.

A.H.: Ja, ich habe viel­leicht kei­ne Hoff­nung in ein zukünf­ti­ges euro­päi­sches Kino­pu­bli­kum, aber ich habe Hoff­nung, dass sich unse­rer Jetzt-Zustand ver­än­dern kann. Der ist doch genau­so wenig das Ziel der Geschich­te wie die voll­ends auf­ge­klär­te oder kom­mu­nis­ti­sche Gesell­schaft das Ziel der Geschich­te sein kann. Es gibt kein Ziel der Geschich­te, das irgend­wann ein­mal erreicht wird. Die­ser Moment, der in mei­nem bis­he­ri­gen Leben sicher der depri­mie­rends­te Moment ist bezüg­lich der Welt­la­ge und der gesell­schaft­li­chen Umstän­de, ist auch nicht der End­punkt. Wenn da also am Ende steht „die kom­men­de Auf­klä­rung“, dann soll das nichts ande­res sein ein klei­ner Bei­trag zur Über­win­dung der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on. Es geht dar­um, dass ein Blick auf die jün­ge­re Geschich­te des­sen, was Euro­pa bereits erzäh­len konn­te, und auf was es bereits zäh­len konn­te, sich lohnt. Ich glau­be nicht, dass sich His­to­ri­sches 1:1 wie­der­holt, aber jeg­li­che Schär­fung hin­sicht­lich zukünf­ti­ger Mög­lich­kei­ten geht aus einer his­to­ri­schen Ana­ly­se her­vor. Das ist für mich die ein­zig denk­ba­re Wei­se des Fort­schritts oder eben der Befrei­ung aus schein­ba­ren Sack­gas­sen. Natür­lich ist eine kom­men­de Auf­klä­rung eine Behaup­tung, aber sie ist auch die Anga­be eines Ziels. Ich bin Anhän­ger davon, dass wir aus dem extrem unauf­ge­klär­ten Zustand, in dem sich momen­tan nicht nur die euro­päi­schen Gesell­schaf­ten befin­den, eine zwei­te, fünf­te oder hun­derts­te Auf­klä­rung anstre­ben soll­ten. Ich ver­ste­he die­ses Pro­gramm als ein Mosa­ik von Mög­lich­kei­ten, wo man anset­zen könn­te. Es soll auch zei­gen, dass es sehr wohl Alter­na­ti­ven gibt. Das sind nur Fil­me, kei­ne Staats­ge­bil­de oder Ver­fas­sun­gen, aber als Fil­me sind es erkenn­ba­re und rele­van­te Vor­schlä­ge. Wir dür­fen halt nur nicht dem Gedan­ken anhän­gen, his­to­ri­sche Erfah­run­gen oder Begrif­fe 1:1 zu über­tra­gen. Die Fra­ge ist immer: Wovon lernt man? Und was braucht es, damit das Gelern­te über­haupt nutz­bar gemacht wer­den kann in der aktu­el­len Situa­ti­on? Das ist das Aller­schwie­rigs­te – die rich­ti­gen Schlüs­se zu zie­hen. Und da gehö­re ich zu den Mil­lio­nen von Über­frag­ten. Aber es braucht erst­mal das Mate­ri­al. Wenn man nicht ein­mal dar­an glaubt, dass es Mate­ri­al gäbe für eine kom­men­de Auf­klä­rung, dann soll man sich gleich aus der Exis­tenz verabschieden.

Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen? von Gerhard Friedl (© Österreichisches Filmmuseum)
Hat Wolff von Ame­ron­gen Kon­kurs­de­lik­te began­gen? von Ger­hard Friedl (© Öster­rei­chi­sches Filmmuseum)

V.D.: Und wie kom­men jetzt sol­che Begrif­fe wie Geschich­te, Geld und Gren­zen zu Stan­de in dei­ner Arbeit an einer sol­chen Schau?

A.H.: Das kam eigent­lich erst im zwei­ten oder drit­ten Schritt. Die Arbeit hat nicht mit die­sen drei Leit­be­grif­fen begon­nen. Ich weiß nur, dass wenn eine Schau eine gewis­se Stim­mig­keit hat, dann ist es mir ab einem bestimm­ten Zeit­punkt mög­lich, sol­che Lini­en sel­ber zu erken­nen und sie dann auch zu benen­nen und dem Publi­kum anzu­bie­ten. Aber ich habe kei­nen die­ser Fil­me qua­si nach­träg­lich hin­ein­ge­nom­men, nur weil er einem sol­chen Teil­the­ma ent­spre­chen wür­de. Es war mir ab einem bestimm­ten Punkt klar, dass die­se Lini­en bei der Ver­mitt­lung des­sen hel­fen wür­den, wel­ches Euro­pa ich mei­ne. Ich habe nicht so viel neu gesich­tet für die­se Schau. Man­ches habe ich gezielt und zum ers­ten Mal ange­schaut, eini­ges wie­der gese­hen. Das ist alles ein wenig so wie eine Land­kar­te. Man­che Orte sind besetzt und dann fragt man sich, in wel­chem Ver­hält­nis die­se Orte zuein­an­der ste­hen. Auch bestimm­te AutorIn­nen-Posi­tio­nen fin­de ich da wich­tig. Zum Bei­spiel Jean-Luc Godard. Wir hat­ten jetzt drei Jah­re in Fol­ge im Früh­jahr Retro­spek­ti­ven zu Godard. Heißt das jetzt, dass man der vom Kul­tur­be­trieb ver­lang­ten Logik der Abwechs­lung folgt und damit eine Pau­se macht? Das wäre ein fal­sches Argu­ment. Ich bin der Mei­nung, dass die­se Schau einen Godard-Film braucht. So wie sie einen Ros­sel­li­ni-Film braucht, der nahe­lie­gen­der­wei­se Euro­pa 51 heißt oder, mit La Règ­le du jeu, einen Renoir-Film. Bei Godard gab es nahe­lie­gen­de Kan­di­da­ten wie Film Socia­lis­me oder Alle­ma­gne Neuf Zéro. Das wäre aber zu illus­tra­tiv gewe­sen. Und dann bin ich auf Mas­cu­lin Fémi­nin gekom­men, und zwar über Lina Wert­mül­lers I basi­li­schi. Das ist ein Film, den ich erst vor drei Jah­ren ent­deckt habe, obwohl wir ihn in der Samm­lung haben. Mei­ne Lie­be zum Kino von Lina Wert­mül­ler ist beschränkt, was ihr soge­nann­tes Haupt­werk der 1970er Jah­re betrifft. Sie ist also kei­ne Fil­me­ma­che­rin, von der ich glau­be, dass sie in einer sol­chen Schau unbe­dingt ver­tre­ten sein muss. Aber Peter Kon­lech­ner hat in sei­ner Car­te Blan­che im Jahr 2014 die­sen Film aus­ge­wählt und da habe ich ihn gese­hen und war wirk­lich begeis­tert. Ich war dann auch fas­sungs­los über mei­ne eige­ne Igno­ranz dies­be­züg­lich. Es ist einer jener Fil­me, die nicht die gro­ße poli­ti­sche Ges­te in sich tra­gen. Er spielt in einem Kaff und bleibt mehr oder weni­ger in die­sem Kaff. Nie­mand wür­de auf den ers­ten Blick sagen, dass das ein „Euro­pa-Film“ ist. Aber er hält eine Situa­ti­on jun­ger Men­schen fest, die an die­sem Ort recht weni­ge Außen­im­pul­se emp­fan­gen, wie Ame­ri­ka­ni­sie­rung, Glo­ba­li­sie­rung, Media­li­sie­rung; das ist dort eine Art mil­des Gefäng­nis, wo aber vie­le gar nicht weg wol­len. Und dazu dann die „Kin­der von Marx und Coca-Cola“ im Paris der 1960er Jah­re zu sehen, Jugend­li­che, die sich an alle Impul­se ran­hän­gen, an Ame­ri­ka, an Pop und so wei­ter, fast im sel­ben his­to­ri­schen Moment, das fin­de ich sehr span­nend. So kamen Mas­cu­lin Fémi­nin und I basi­li­schi zusam­men. Ich habe bei die­sen Asso­zia­tio­nen dann auch mehr und mehr gehofft, dass ich zwei Fil­me wie die­se bei­den auch wirk­lich nach­ein­an­der zei­gen kann. Sol­che Hoff­nung ist meis­tens illu­so­risch, wenn man sie auf eine gan­ze Schau anwen­det, da steht meis­tens irgend­ei­ne prak­ti­sche Rea­li­tät dage­gen, weil zum Bei­spiel nicht alle Film­ko­pien zu jedem belie­bi­gen Zeit­punkt ver­füg­bar sind. Aber da in die­sem Fall vie­les aus der eige­nen Samm­lung kommt und wir das mit den Leih­ko­pien gut regeln konn­ten, hat es tat­säch­lich durch­gän­gig geklappt. Es gibt 25 Aben­de mit jeweils 2 Fil­men, die mit­ein­an­der spre­chen. Natür­lich man fragt sich, ob man manch­mal, um das Kon­zept ein­zu­hal­ten, Nach­bar­schaf­ten erzeugt, die kei­ne sind. Das mag schon sein. Aber am Ende habe ich mich zu mei­ner eige­nen Über­ra­schung sehr wohl gefühlt mit all die­sen Paa­run­gen. Mir ist sehr bewusst, dass nur weni­ge Men­schen zwei Fil­me am Tag sehen wer­den. Die Zahl jener, die so etwas regel­mä­ßig tun, wird jeden­falls nicht grö­ßer, glau­be ich. Aber viel­leicht kennt man ja schon einen Film und schaut sich dann den ande­ren an und stellt so Ver­bin­dun­gen her. Dabei geht es auch nicht dar­um, dass man sich in ers­ter Linie über die Fra­ge der Paa­rung Gedan­ken macht. Ich ver­ste­he mich nicht als all­zu didak­ti­scher Kura­tor. Es geht mir dar­um, dass man star­ke Erfah­run­gen machen kann, eben auch mit einer Paa­rung, wie zum Bei­spiel Mr. Arka­din von Orson Wel­les und Mr. Klein von Joseph Losey, die star­ke ästhe­ti­sche Dif­fe­ren­zen ent­hält. Und dann kommt so ein Film wie La Ques­ti­on humaine von Nico­las Klotz, ein Film der mich begeis­tert, seit ich ihn vor zehn Jah­ren zum ers­ten Mal gese­hen habe. Der hat kei­nen beson­de­ren Sta­tus im cine­phi­len Milieu, aber für mich ist das einer der poli­tisch här­tes­ten und klars­ten Fil­me der jün­ge­ren Zeit. Und er hat zum The­ma „Geld“ eine beson­ders auf­fäl­li­ge Nähe, so wie eben Mr. Klein oder David Golder oder mein liebs­ter Fass­bin­der, In einem Jahr mit 13 Mon­den. Auf ein­mal gibt es also auf die­ser Land­kar­te meh­re­re Fil­me, die Öko­no­mie und das Kapi­tal the­ma­ti­sie­ren. Der Boden für die­se Lese­an­ge­bo­te der Schau sind die Wer­ke sel­ber. Und beim Begriff der „Frei­heit“, die in Eurer vor­he­ri­gen Fra­ge anklang, bin ich von etwas aus­ge­gan­gen, das Harun Faro­cki ein­mal in bestechen­der Klar­heit gesagt hat. Näm­lich dass das star­ke Stre­ben nach einem mög­lichst frei­en Waren­ver­kehr und Kapi­tal­fluss kein recht­li­ches Äqui­va­lent hat, was die Bewe­gungs­frei­heit von Men­schen betrifft. Was das bedeu­tet, sehen wir in den letz­ten Jah­ren, aber man muss dazu gar nicht Fuo­co­amma­re oder ähn­li­che aktu­el­le Kino­re­fle­xe zei­gen, man kann schon aus Fil­men wie Die letz­te Chan­ce von Leo­pold Lindt­berg oder Topio stin omic­h­li von Theo Ange­lo­pou­los sehr viel mit­neh­men. Es geht um das unglei­che Ver­ständ­nis von Frei­hei­ten. Hier gibt es eine Flücht­lings­dis­kus­si­on, dort eine Freihandelsdiskussion.

La Règle du jeu von Jean Renoir (© Österreichisches Filmmuseum)
La Règ­le du jeu von Jean Renoir (© Öster­rei­chi­sches Filmmuseum)

V.D.: Gehen und Geschich­te ste­hen ja im Kon­trast mit Nar­ra­ti­ven, die man aus den USA kennt. Ich glau­be ja, dass wenn man von außen auf Euro­pa schaut, dann sieht man zuerst die Geschichte.

A.H.: Das Gewicht der Geschich­te, ja.

V.D.: Wie zum Bei­spiel in Play­ti­me mit die­ser Post­kar­ten­ge­schich­te, die dann in so Spie­ge­lun­gen exis­tiert. Und das Gehen ist ja etwas, was in Ame­ri­ka in dem Sin­ne eigent­lich nicht existiert.

A.H.: Ein Grund, dass ich das unter „Gehen“ sub­su­miert habe, ist auch recht sim­pel – es beginnt eben­falls mit „Ge“, und ich habe sol­che Alli­te­ra­tio­nen ganz gern. Aber der zwei­te Grund ist tat­säch­lich die­ser Kon­trast zum Fah­ren, das wir ja hier vor eini­gen Jah­ren schon mit einer zwei­tei­li­gen Schau beleuch­tet haben. Natür­lich fah­ren die Leu­te auch in Euro­pa sehr viel. Ich mei­ne also ins­ge­samt eher eine Bewe­gung, über Gren­zen hin­weg. Aber im Gehen drückt sich etwas spe­zi­fisch hie­si­ges aus, weil die Distan­zen klei­ner sind. Und man kann sich irgend­wie nicht so gut vor­stel­len, dass hun­dert­tau­send Syrer an der US-Ost­küs­te lan­den und dann nach Min­nea­po­lis gehen. Hier in Euro­pa ist das anders. Nach die­sen Moti­ven, wie dem des Gehens, habe ich dann mit Regi­na Schlag­nit­weit auch die Fotos für das Pro­gramm­heft aus­ge­wählt. Ich den­ke dabei immer auch an Sand­ri­ne Bon­n­aire in Sans toit ni loi. Sie bricht die Kon­ven­ti­on nicht, indem sie sich in ein Auto setzt, son­dern sie fängt an zu gehen.

P.H.: Ich tue mir sehr schwer damit, Sachen wie Geld oder Gehen an einen Kon­ti­nent zu bin­den. Zum Bei­spiel den­ke ich beim Gehen sehr stark an vie­le Enden in ame­ri­ka­ni­sche Fil­men, etwas Chap­lin oder Ford, das sind für mich mit die stärks­ten Bil­der des ame­ri­ka­ni­schen Kinos. Auch bei Ozu zum Bei­spiel wird unglaub­lich viel gegangen.

A.H.: Ich woll­te nicht sagen, dass die­se Begrif­fe exklu­siv zu Euro­pa gehö­ren. Sie haben sich ein­fach im Zuge mei­ner Aus­wahl als drei gro­be begriff­li­che Lini­en eta­bliert. Ich wür­de das wirk­lich eher mit Bewe­gung als mit Gehen umschrei­ben. D’Est von Chan­tal Aker­man ist da ein gutes Bei­spiel. Das ist ein ganz eigen­tüm­li­ches Fah­ren in die­sem Film, ein Fah­ren, das Gehen­de und Ste­hen­de filmt. Ein Fah­ren, das sich unter­bricht und in kon­kre­te Woh­nungs­zu­sam­men­hän­ge hin­ein­geht. Die Gefahr in sol­chen Gesprä­chen, wie wir es jetzt füh­ren, ist, dass man alles rest­los zu erklä­ren ver­sucht, was man im Lauf der Zeit ent­schie­den hat. Aber in Wahr­heit ist sehr vie­les gar nicht erklär­bar, son­dern stim­mig. Das ent­spricht dem schon beschrie­be­nen Ansatz, von Fil­m­erin­ne­run­gen aus­zu­ge­hen und die­se dann zu befra­gen im Hin­blick auf ein sol­ches The­ma. Es geht dar­um, den Fil­men zu ver­trau­en. Und die Prä­sen­ta­ti­on die­ser Fil­me, das ist auch Stra­te­gie und Erzäh­lung. Das ist halt mei­ne Erzäh­lung über die Arbeit, der ich mich aus­ge­setzt habe. Und wenn ich in mei­nem Text zur Schau dann einen lan­gen Absatz habe, in dem ich zwan­zig Film­ti­tel ver­wen­de, dann ist das auch eine Reak­ti­on auf Gedan­ken­pro­zes­se in der Zusam­men­stel­lung sol­cher Tex­te. Der Text hat bis zu dem Zeit­punkt einen kla­ren Auf­bau und dann woll­te ich ein­fach so einen Trak­tor der Fil­m­erin­ne­run­gen anwer­fen. Wie lässt sich ein bestimm­ter Teil mei­ner Aus­wahl begriff­lich so kom­bi­nie­ren, dass etwas noch mal kla­rer wird. Da ändert sich dann auch der Duk­tus des Schrei­bens, das sind nicht mal gan­ze Sät­ze. Das gefiel mir dann, dass der Text fast mit die­sem Schwall endet. Der gibt auch den Schwall wie­der, dem man sich aus­ge­setzt fühlt, wenn man so ein Pro­gramm erar­bei­tet oder auch nur betrachtet.

Le diable probablement von Robert Bresson (© Österreichisches Filmmuseum)
Le dia­ble pro­ba­blem­ent von Robert Bres­son (© Öster­rei­chi­sches Filmmuseum)

P.H.: Die­se Art des Schrei­bens hat ja doch auch viel mit dem zu tun wie du pro­gram­mierst, kura­tierst. Die Wahl der Fil­me, ihre Kom­bi­na­ti­on, das hat alles sehr viel mit Erfah­rung und Erin­ne­rung zu tun. Das hat sehr viel mit impul­si­ven Ent­schei­dun­gen zu tun aus mei­ner Sicht. Ich mag das sehr. Aber jetzt, wo du auf­hörst, stellt sich dir da nicht die Fra­ge wie man so etwas wei­ter­ge­ben könn­te? Wie soll denn dei­ner Mei­nung nach kura­tiert wer­den, also selbst wenn man nicht dei­nen Erfah­rungs­schatz hat?

A.H.: Ich habe schon mit 22 Jah­ren begon­nen, Pro­gram­me zu machen. Mei­ne ers­te Schau, die ich jeman­dem ange­bo­ten habe, war ein Pro­gramm der Fil­me, die Val Lew­ton pro­du­ziert hat. Das war im Stadt­ki­no, 1986 als Mit­ter­nachts­schie­ne. Zu dem Zeit­punkt habe ich wahr­schein­lich ein Fünf­tel der Fil­me gekannt, die ich heu­te ken­ne, oder noch viel weni­ger, aber die Fil­me von Val Lew­ton habe ich aus­rei­chend gut gekannt. Natür­lich strebt man an, mög­lichst viel zu ken­nen, aber das lässt sich nicht anders bewerk­stel­li­gen als lang­sam auf­bau­end. Mein eige­ner Kennt­nis­stand ist außer­dem wie bei jedem ande­ren Men­schen durch libi­di­nö­se Nei­gun­gen geprägt. Man­ches ist einem näher, man­ches weni­ger. Ich kann mich bemü­hen, die Din­ge, die mir weni­ger nahe sind, trotz­dem zu ver­ste­hen und mehr und mehr davon zu sehen, aber ich ken­ne zum Bei­spiel im asia­ti­schen Gen­re­ki­no unend­lich wenig, ver­gli­chen mit spe­zia­li­sier­te­ren Kol­le­gen. Das Auf­nah­me­ver­mö­gen ist halt begrenzt. Das gilt auch für das aktu­el­le Kino. Ich ver­su­che da schon mit­zu­kom­men, des­halb fah­re ich ja auch wei­ter auf Fes­ti­vals, aber seit eini­gen Jah­ren habe ich das Gefühl, dass ich das ein­fach nicht mehr schaf­fe. Das ist auch kein beson­de­res Dra­ma oder Trau­ma für mich. Das ist halt so. Das muss man mit Beschei­den­heit betrach­ten. Und was das Wei­ter­ge­ben betrifft – die­se Arbeit in den letz­ten 16 Jah­ren war für mich nicht nur ein Wei­ter­ge­ben von Wer­ken oder Wis­sen an ein Publi­kum, son­dern auch das Wei­ter­ge­ben bestimm­ter Prak­ti­ken. Wie man im Modus des Pro­gramm-Machens und Pro­gramm-Wahr­neh­mens Film und Film­ge­schich­te ver­mit­teln bzw. auf­fas­sen könn­te. Das ist eine Sache der Pra­xis, man muss es sozu­sa­gen tun – das Zei­gen wie das Anschau­en. Das geht mit Film­wis­sen­schaft allei­ne nicht. Ich war und bin ja auch sel­ber Publi­kum ver­schie­de­ner Insti­tu­tio­nen und habe dar­aus diver­se Ansät­ze oder Ideen mit­ge­nom­men und ande­re zurück­ge­wie­sen. Es gibt also ein Fort­schrei­ben, eine Genea­lo­gie. Zumin­dest habe ich mei­ne Arbeit immer als Teil einer Genea­lo­gie emp­fun­den, die auch stark von Wien und sei­ner Film­kul­tur geprägt ist. Dar­um fin­de ich die Tätig­keit hier auch so span­nend und beglü­ckend. Ich war hier lan­ge im Publi­kum, habe die Sze­ne ken­nen­ge­lernt und Figu­ren wie Peter Kubel­ka erlebt, bestimm­te Rede­wei­sen, Schreib­wei­sen und Pro­gramm­ma­ti­ken erlebt. Dar­aus konn­te ich immer schöp­fen, und Ande­res konn­te man woan­ders mit­neh­men. Das ver­knüpft sich dann im Lauf der Zeit, und irgend­wann kommt hof­fent­lich etwas Eige­nes dabei raus. Die­se Dis­zi­plin, an der mir viel liegt, näm­lich Film Cura­tor­ship, inklu­diert ja idea­ler­wei­se auch ein hohes Bewusst­sein von den Relais zwi­schen ver­schie­de­nen Gene­ra­tio­nen. Das ist ins­ge­samt ein Métier, das im Schat­ten der Kunst­ku­ra­to­ren­schaft steht und noch recht wenig reflek­tiert wird, gera­de auch von denen, die es sel­ber betrei­ben. Ich habe es als Teil mei­ner Arbeit ver­stan­den, die­ses Métier sicht­ba­rer und auch „selbst­re­fle­xi­ver“ zu machen. Mit dem Ziel oder der Hoff­nung, dass die Befas­sung mit Film und Film­ge­schich­te in den kom­men­den Jahr­zehn­ten als not­wen­di­ges Ele­ment der gene­rel­len kul­tur­ge­schicht­li­chen Refle­xi­on ver­stan­den wird. Damit bin ich natür­lich nicht sehr weit ent­fernt von jenen, die vor 70, 80 Jah­ren Kine­ma­the­ken und film­kul­tu­rel­le Insti­tu­tio­nen gegrün­det haben oder die begon­nen haben, ernst­haft über Film zu schrei­ben – fast immer mit dem Ziel einer Auf­wer­tung. Das ist sicher auch zwei­schnei­dig. Das hat dann auch dazu geführt, dass man dem Film nur „als Kunst“ einen Wert zuge­stand, was mei­ner per­sön­li­chen Anschau­ung wider­spricht. Aber die­ses Motiv, den Film in ernst­haf­te kul­tu­rel­le und ästhe­ti­sche Debat­ten zu inte­grie­ren, war für jede Gene­ra­ti­on und auch für mich prä­gend. Ich mer­ke auch, dass es heu­te wie­der – mehr als vor fünf­zehn Jah­ren – vie­le Dis­kur­se gibt, die in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung führen.

Alexander Horwath (© Österreichisches Filmmuseum)
Alex­an­der Hor­wath (© Öster­rei­chi­sches Filmmuseum)

V.D.: Inwie­fern?

A.H.: Wenn ich mir zum Bei­spiel die Ver­leih- und Kino­land­schaft anschaue. Also die Motiv­la­gen, die dar­über ent­schei­den, was aktu­ell ins Kino kommt. Ich habe das Gefühl, dass die Moti­ve für oder gegen die Her­aus­brin­gung eines Films doch viel rück­schritt­li­cher sind als vor 15 oder 25 Jah­ren. Wenn vor 20 Jah­ren ein Film von der inter­na­tio­na­len Kri­tik ein­hel­lig als künst­le­risch rele­van­tes State­ment begrif­fen wur­de, dann war es selbst­ver­ständ­lich, dass sich auch in Öster­reich ein Ver­leih und Kinos dafür fin­den. Wenn man jetzt beob­ach­tet, was her­aus­ge­bracht wird, dann sind es ande­re Motiv- und Bedürf­nis­la­gen, die den Aus­schlag geben. Es sind offen­bar auch ande­re gesell­schaft­li­che Bedürf­nis­se, die sich an das Kino rich­ten. Wenn man das, wie ich, als einen Rück­schritt in der Film­kul­tur betrach­tet, muss man erst recht dafür ein­tre­ten, wie­der rele­van­te Räu­me für den Film im öffent­li­chen Gespräch zu schaf­fen. Ein ande­rer Aspekt ist das Lei­den am Film­jour­na­lis­mus, der mitt­ler­wei­le wie­der zu einem beträcht­li­chen Teil aus Stim­men besteht, die sich „gene­ra­lis­tisch“ mit allem und jedem befas­sen, ohne von einem kon­kre­ten Feld viel Ahnung zu haben. Dafür hat sich an man­chen Orten der Film­kul­tur aber auch eine Ver­bes­se­rung ein­ge­stellt, den­ke ich; an den Uni­ver­si­tä­ten zum Bei­spiel. Einer­seits spricht viel dafür, dass mit dem Film jetzt das­sel­be pas­siert wie mit ande­ren älte­ren Küns­ten – eine Art „Absin­ken“ im Main­stream bei gleich­zei­ti­gem „Auf­stieg“ in die Hoch­kul­tur. Ander­seits kommt mir vor, dass das Bil­dungs­bür­ger­tum, das für die­se Pro­zes­se im 19. und 20. Jahr­hun­dert zumin­dest in Euro­pa sehr auf­nah­me­fä­hig und wich­tig war, auch deut­lich schrumpft. Damit stellt sich die Fra­ge, wer jetzt und künf­tig den gesell­schaft­li­chen Raum bil­den könn­te, den der Film dann „bespielt“. Das hat natür­lich viel mit dem all­ge­mei­nen Medi­en­wan­del zu tun, mit den neu­en For­men der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Und ich habe wenig Ansät­ze dafür, was das bedeu­ten wird für die Rol­le des Films in 20 oder 40 Jahren.