Cut the grass off the surface: La Nuit du carrefour von Jean Renoir

Ein Film wie der wei­nen­de Nebel einer unwirk­li­chen Nacht, Godard nann­te ihn den mys­te­riö­ses­ten von Renoir, eine Sime­non-Ver­fil­mung am Abgrund einer Dun­kel­heit; die Zuge­hö­rig­keit zum Kri­mi­gen­re ver­gisst sich hier ein­mal mehr selbst und ver­liert sich im Schwarz einer trau­ri­gen Ero­tik zwi­schen Schat­ten, die von Taschen­lam­pen beleuch­tet wer­den und der zer­brech­li­chen Bläs­se von Win­na Win­fried. Als es im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um am Abend der Vor­füh­rung zu einer unfrei­wil­li­gen Unter­bre­chung kommt und die Film­rol­le neu ein­ge­legt wer­den muss, glaubt man fast, dass dies ein Teil des Zau­bers ist. Geor­ges Sime­non woll­te, dass Renoir die­se ers­te Mai­gret-Ver­fil­mung auf die Lein­wand bringt und wirk­te am Dreh­buch mit. Irgend­wo an einer die­ser ver­las­se­nen Kreu­zun­gen und Tank­stel­len (man denkt an Only Angels Have Wings von Howard Hawks oder Osses­sio­ne von Luch­i­no Vis­con­ti) geschieht ein Mord in einer Gara­ge, aller­hand vage Gesich­ter tum­meln sich in einer end­lo­sen Nacht, die auch am Tag stän­dig wie ein Schat­ten über die Auf­klä­rung des Falls her­fällt. Ein frem­den­feind­li­ches Ver­steck­spiel in einer ver­bo­te­nen Länd­lich­keit, die Renoir mal unschul­dig, mal sati­risch (P’tit Quin­quin is wat­ching) beleuch­tet. Es gibt eine Auto­werk­statt, einen Dänen mit sei­ner angeb­li­chen Schwes­ter und es gibt die Eifer­sucht, die wie ein wüten­des Feu­er unter dem Nebel brennt. Der Film ent­stand im Win­ter des Jah­res 1932 außer­halb von Paris, der Nebel ist – wie so oft bei Renoir – kei­ne Erfin­dung, er ist eine Doku­men­ta­ti­on. Als Mai­gret beob­ach­ten wir Pierre Renoir (den Bru­der von Jean, der hier vie­le Freun­de besetzte/​besetzen muss­te), irgend­wie genau­so undurch­dring­bar wie alles ande­re in die­sem Film. Eine Gewöhn­lich­keit und Bei­läu­fig­keit prägt sein Spiel und klei­ne Bewe­gun­gen las­sen ihn jeder­zeit vor uns entstehen.

La nuit de carrefour2

La Nuit du car­re­four inter­es­siert sich für das, was wir gera­de noch so erken­nen kön­nen, der sei­de­ne Faden des Lichts. In einer famo­sen Ver­fol­gungs­jagd durch die Nacht taucht das ver­folg­te Auto nur im auf­brau­sen­den Licht der abge­feu­er­ten Schuss­waf­fen auf. Die Fet­zen Licht und die Dun­kel­heit tan­zen hier zwi­schen einer sozia­len und natür­li­chen Ord­nung, der Orga­ni­sa­ti­on und der Lei­den­schaft. Das eine ver­steckt immer­zu das ande­re und so sehen wir sel­ten und hören noch sel­te­ner, was eigent­lich los ist. Mit sei­nen ver­schlei­er­ten Augen ist La Nuit du car­re­four auch eine Poe­sie des Frem­den, das sich in einem Sur­rea­lis­mus offen­bart, der oft mehr mit Man Ray (man den­ke an den Fund Mai­grets hin­ter dem Bild oder den Akzent von Else, die mit Bier ver­gif­tet wur­de) als mit einem fran­zö­si­schem Kri­mi­nal­film zu tun hat. Die zärt­li­che Rau­heit der ers­ten Ton­fil­me von Renoir ist hier wie in La Chi­en­ne oder Bou­du Sau­vé des Eaux jeder­zeit spür­bar, sie ist aller­dings noch ein wenig wil­der, unkon­trol­lier­ter, zer­fal­le­ner. Immer wie­der bre­chen Schnit­te die Hand­lung auf. Füße und Zei­tun­gen in den Pfüt­zen vor einem Zei­tungs­stand oder eine Auf­nah­me der gefähr­li­chen Nacht wäh­rend wir in den spär­li­chen beleuch­te­ten Zim­mern zu lang­sam vorwärtskommen.

Es ist ein Film mehr über die Stim­mung und phy­si­sche Rea­li­tät die­ser Ermitt­lungs­ar­beit, als über die Nar­ra­ti­on eines Kri­mi­nal­falls. Renoir filmt die obsku­re Prä­senz einer Welt, in der man, wie er selbst sagt, den Dreck an den Stie­fel spürt und den Nebel, der einem die Sicht ver­deckt. In die­sem Film flirrt eine trau­ri­ge Ero­tik in der zer­flie­ßen­den Ver­gäng­lich­keit der Figur von Else, ver­kör­pert von der däni­schen Tän­ze­rin Win­na Win­fried, die wie eine geis­ter­haf­te Nar­be aus einem Drey­er-Film in einer ewi­gen Ver­füh­rung gefan­gen ist und auf ihre Befrei­ung war­tet bis ihre Hand­ge­len­ke in einer unver­gess­li­chen Sze­ne Kon­takt mit kal­ten Hand­schel­len machen. Es spricht für Renoir, dass er das impro­vi­sier­te Ende (zwei Rol­len gin­gen ver­lo­ren) mit ihrer Befrei­ung fin­det, in jener Tie­fen­schär­fe, die er so maß­geb­lich geprägt hat und die ihm und uns immer­zu gera­de noch so erlebt, etwas zu erken­nen, eine Gleich­zei­tig­keit, einen Gegen­satz, ein Licht.