Permanent Vacation von Jim Jarmusch

A Certain Kind of Tourist: Permanent Vacation von Jim Jarmusch

Anfang der 80er Jah­re, als die Rebel­len frü­he­rer Tage sich in ihren kali­for­ni­schen Ran­ches von der Müh­sal des kom­mer­zi­el­len Erfolgs erhol­ten, betrat ein neu­er Maverick des ame­ri­ka­ni­schen Kinos die Büh­ne, die mitt­ler­wei­le alte Gar­de des New Hol­ly­wood abzu­lö­sen. Die­ser jun­ge Mann mit den mar­kan­ten wei­ßen Haa­ren war Jim Jar­musch, sein ers­ter Film Per­ma­nent Vaca­ti­on. Über die Bedeu­tung die­ses Films und der fol­gen­den Arbei­ten für das unab­hän­gi­ge Film­schaf­fen in den USA ist zur Genü­ge geschrie­ben wor­den, mein Anlie­gen ist jedoch eine ande­re Tra­di­ti­ons­li­nie im ame­ri­ka­ni­schen Film­schaf­fen auf­zu­zeich­nen, die in Per­ma­nent Vaca­ti­on eine Fort­set­zung fin­det (und womög­lich auch in Jar­muschs spä­te­ren Fil­men – das müss­te man sich genau­er ansehen).

Permanent Vacation von Jim Jarmusch

Per­ma­nent Vaca­ti­on gewann 1980 bei der Mann­hei­mer Film­wo­che den Josef von Stern­berg-Preis, eine Aus­zeich­nung, die nach dem berühm­ten Regis­seur benannt ist, der in den 40er Jah­ren auch an der Uni­ver­si­ty of Sou­thern Cali­for­nia unter­rich­te­te. Einer sei­ner dor­ti­gen Schü­ler war Gre­go­ry J. Mar­ko­pou­los, sei­nes Zei­chens eines der füh­ren­den Häup­ter der losen Bewe­gung ame­ri­ka­ni­scher Expe­ri­men­tal­fil­mer, die man heu­te gemein­hin unter dem Label New Ame­ri­can Cine­ma sub­sum­miert. Die­se Über­lei­tung ist frei­lich tri­vi­al, doch die Ver­or­tung von Per­ma­nent Vaca­ti­on im Kon­text des US-Avant­gar­de­ki­nos ist es nicht. Das mag weit her­ge­holt klin­gen, zumal Jim Jar­musch sei­ne Ein­flüs­se sehr offen kom­mu­ni­ziert, aber dabei kaum auf das unab­hän­gi­ge Film­schaf­fen der US-Avant­gar­de ein­geht. Nichts­des­to­trotz fla­ckern in Per­ma­nent Vaca­ti­on immer wie­der zen­tra­le Moti­ve auf, wie man sie auch in den frü­hen Fil­men von Mar­ko­pou­los, Stan Brak­ha­ge, Ken­neth Anger oder Maya Deren fin­det, gut drei­ßig Jah­re nach­dem die­se Gene­ra­ti­on von jun­gen, unab­hän­gi­gen, expe­ri­men­tier­freu­di­gen Künst­lern sich mit mehr als beschei­de­nen Mit­teln dem Fil­me­ma­chen wid­me­te, folgt ihnen ein ande­rer jun­ger, unab­hän­gi­ger, expe­ri­men­tier­freu­di­ger Künst­ler nach. Jar­musch ist zu die­sem Zeit­punkt ohne Zwei­fel durch sei­ne Zeit an der Film­schu­le ein (hand­werk­lich) rei­fe­rer Fil­me­ma­cher, und ver­fügt zudem über fort­ge­schrit­te­ne Tech­no­lo­gie, vor allem was die Ton­auf­nah­me und –mischung betrifft. Es erscheint mir trotz­dem nicht all­zu abwe­gig, dass Mar­ko­pou­los oder Brak­ha­ge mit ver­gleich­ba­ren Mit­teln in die­sem Ent­wick­lungs­sta­di­um einen ähn­li­chen Film gedreht hät­ten. Am offen­sicht­lichs­ten wird das in der Wahl der Haupt­fi­gur, die in ihrer buben­haf­ten Schön­heit auch genau­so gut Du sang de la volup­té et de la mort (oder einem belie­bi­gen Früh­werk von Ken­neth Anger) ent­sprun­gen sein könn­te. Jar­musch wirft sei­nen engels­glei­chen Prot­ago­nis­ten in den Dreck von New York City, dort fla­niert er erha­ben und unbe­fleckt durch die Rui­nen der Zeit, wie die stil­prä­gen­den Figu­ren in den gro­ßen Trance­fil­men der 40er und 50er. (An die­ser Stel­le soll­ten auch die frü­hen fil­mi­schen Ver­su­che von Stan Brak­ha­ge nicht uner­wähnt blei­ben, in denen er, inspi­riert vom ita­lie­ni­schen Neo­rea­lis­mus eben­falls her­un­ter­ge­kom­me­ne Schau­plät­ze für sei­ne klei­nen Melo­dra­men wähl­te.) Allie aus Per­ma­nent Vaca­ti­on ist der namen­lo­sen Dame aus Mes­hes of the After­noon womög­lich ähn­li­cher als den her­um­strei­fen­den Vaga­bun­den und Fla­neu­ren, an deren Sei­te ihn das Arse­nal pro­gram­miert, die klars­te Genea­lo­gie lässt sich aber zum spa­zie­ren­den Prot­ago­nis­ten aus Bezúčelná pro­cház­ka von Alex­an­der Hacken­schmied (dem spä­te­ren Lebens­ge­fähr­ten von Maya Deren) zie­hen, der das Motiv des ziel­los Wan­dern­den und der urba­nen Peri­phe­rie mit­ein­an­der ver­bin­det. Allie ist weni­ger Fla­neur als stol­pern­der Som­nam­bu­ler, der auf sei­nen Streif­zü­gen durch das her­un­ter­ge­kom­me­ne New York auf opa­ke und mys­te­riö­se Gestal­ten trifft (die Sze­ne im Wald mit dem halb­ver­rück­ten Kriegs­ve­te­ra­nen könn­te auch aus Alex Ross Per­rys Impolex stam­men – die Ver­zwei­gun­gen der Ein­flüs­se und Refe­ren­zen lie­ße sich also bis in die Gegen­wart fort­set­zen), die eben­falls wie Traum­ge­stal­ten aus einem Trance­film agie­ren, Bedeu­tun­gen wer­den durch die Inter­ak­tio­nen von Allie mit den Neben­fi­gu­ren nicht auf­ge­deckt, son­dern noch tie­fer unter Meta­pho­rik und Sym­bo­lik begra­ben. Ergänzt wird die­se schlaf­wand­le­ri­sche Trance durch die unheim­lich anmu­ten­den, rhyth­mi­sie­ren­den Musik­stü­cke, die sich wie­der­holt zu Jazz­stü­cken ent­wi­ckeln. Der Jazz ist dann aber auch das ent­schei­den­de Ele­ment, dass die Trance durch­bricht, und den Geist der Neu­en Wel­len der 60er Jah­re in den Film ein­führt. Per­ma­nent Vaca­ti­on ist ein Film dop­pel­ter Natur: einer­seits zwar expe­ri­men­tel­ler Trance­film, ande­rer­seits aber nar­ra­ti­ves, wenn auch unor­tho­do­xes Erzähl­ki­no. Jar­musch inter­es­siert sich zugleich für die fil­mi­sche Auf­ar­bei­tung eines Wan­delns durch die Stadt, für die Erzeu­gung einer trance­ar­ti­gen Atmo­sphä­re, als auch für eine Psy­cho­lo­gi­sie­rung mit Dia­lo­gen und Hand­lun­gen, die alo­gi­sche und inko­hä­ren­te Zwi­schen­räu­me auf­fül­len. Die Abkehr vom Pri­mat der Erzäh­lung führ­te bewusst oder unbe­wusst zu einer Annä­he­rung an eine fil­mi­sche Tra­di­ti­on, die sich seit Jahr­zehn­ten mit Pro­blem­stel­lun­gen des non-nar­ra­ti­ven Fil­me­ma­chens aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Für wen wäre eine Aus­zeich­nung, die nach Josef von Stern­berg benannt ist, bes­ser geeignet?

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