Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

La frontière de l'aube von Philippe Garrel

À la recherche de l’amour: Philippe Garrel im Arsenal – Teil 2

Ursprüng­lich woll­te ich die­sen Text mit der Fest­stel­lung begin­nen, dass die Vor­stel­lun­gen der Retro­spek­ti­ve so spär­lich besucht sind, dass auch der klei­ne Kino­saal des Arse­nals aus­ge­reicht hät­te. Das Arse­nal kam mir jedoch zuvor, denn seit die­ser Woche fin­det die Gar­rel-Retro­spek­ti­ve tat­säch­lich im klei­ne­ren der bei­den Säle statt. Dort kom­men zwar auch nicht mehr Leu­te, aber es wirkt vol­ler. Die­ses Gefühl ver­än­dert spür­bar die Wahr­neh­mung der Fil­me im Kino. Man­che Fil­me sieht man gern in einer gro­ßen Men­schen­mas­se, die gebannt auf die Lein­wand starrt, bei Gar­rel geht es mir eher wie etwa bei Mar­ko­pou­los – man ist miss­trau­isch, wenn sich so vie­le Jün­ger zusam­men­fin­den (die Chan­ce ist grö­ßer, dass ein Judas unter ihnen ist). Nichts­des­to­trotz kehrt eine Art Hei­mat­ge­fühl ein, wenn die Stil­le von Les hau­tes soli­tu­des den Raum erfüllt und nur das ver­hal­te­ne Hus­ten eini­ger Zuse­her und das andäch­ti­ge Röcheln der Schla­fen­den für eine dezen­te Geräusch­ku­lis­se sorgt (anders als im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um, ist es in den Ber­li­ner Licht­spiel­häu­sern nicht üblich Stumm­fil­me ohne Musik­be­glei­tung zu spielen).

Die Arbeit des Kri­ti­kers (wenn ich mich an die­ser Stel­le ganz unver­blümt als ein sol­cher bezeich­nen darf) ist immer auch die Arbeit an einem selbst, Schreib­the­ra­pie könn­te man sagen, in der man nicht nur Ver­bor­ge­nes in den Fil­men auf­deckt, son­dern auch in einem selbst. Ich fra­ge mich beim Schrei­ben, was es bedeu­tet, dass mich Le Révé­la­teur und Les hau­tes soli­tu­des so nach­hal­tig beein­druckt haben. Bei­des sind sprö­de Fil­me in Schwarz­weiß, ohne Ton­spur und ohne Erzäh­lung. Es sind Fil­me, die nicht ein­mal wirk­lich ihre eige­ne Form auf intel­lek­tu­el­le Wei­se the­ma­ti­sie­ren, wie die klas­si­sche Avant­gar­de der 30er Jah­re oder das New Ame­ri­can Cine­ma, son­dern durch die radi­ka­le Puri­tät ihrer Form spre­chen. Das lässt sich weni­ger gut beschrei­ben, als erfah­ren (pro­ba­b­ly NOT in a thea­ter near you).

Les hautes solitudes von Philippe Garrel
Les hau­tes soli­tu­des von Phil­ip­pe Garrel

Ich soll­te bei Gar­rels expe­ri­men­tel­len Wer­ken der 70er wohl an Andy War­hol den­ken, doch es gelingt mir nicht wirk­lich. Wo sich War­hol ganz kan­tig jeder Inter­pre­ta­ti­on und Emo­ti­on ver­wei­gert, ent­wi­ckelt Gar­rel aus ähn­li­chen Zuta­ten eine ganz eige­ne Poe­sie, die am stärks­ten in Les hau­tes soli­tu­des zur Gel­tung kommt. Die­ser Film, ein Ske­lett, in dem kaum etwas pas­siert, aber viel zu sehen ist, ist wohl einer der fort­ge­schrit­tens­ten Ver­su­che einer Kris­tal­li­sie­rung von Emo­ti­on im Film. Der Film hat eine anzie­hen­de Wir­kung, bannt und macht gleich­sam frei, befreit von All­tags­las­ten, lässt den Geist schwe­ben. Den­ke, oder bes­ser gesagt, füh­le ich des­halb eher Ken­neth Anger als War­hol? Obwohl ungleich pop­pi­ger als Gar­rel, setzt auch Anger Poe­sie frei, die anzieht und zugleich Frei­raum lässt, zum wil­den Asso­zi­ie­ren anregt (eine rare Qua­li­tät). Nicht alle Fil­me aus die­ser Pha­se haben die­se Güte. Le ber­ceau de cris­tal, nur ein Jahr nach Les hau­tes soli­tu­des ent­stan­den, wirkt wie ein plat­tes Abzieh­bild des Letz­te­ren. Auf selt­sa­me Art und Wei­se ist der Film gefäl­lig (auf ande­re Art noch unzu­gäng­li­cher), in Far­be, mit psy­che­de­li­scher Musik unter­legt und ästhe­ti­sie­rend. Fil­mi­sche Iko­nen­ma­le­rei zu Ehren der Muse Nico – nichts zu spü­ren, von die­ser fas­zi­nie­ren­den Emo­ti­on, die einen in Les hau­tes soli­tu­des bin­det und nicht mehr loslässt.

Genug den Anfän­gen, zurück in die Gegen­wart: Die ein­zi­gen Film­bil­der, die ich bis­her von Gar­rel gese­hen habe, die jene in Le révé­la­teur und Les hau­tes soli­tu­des über­tref­fen, sind die unfass­ba­ren Auf­nah­men aus La fron­tiè­re de l’aube. Die Schön­heit des Films schmerzt fast kör­per­lich. Das ver­träumt kon­trast­rei­che Schwarz­weiß betäubt und fes­selt den Blick. Wie so oft bei Gar­rel wer­fen sich schö­ne Men­schen bedeu­tungs­schwe­re Bli­cke zu – das macht einen beacht­li­chen Teil die­ser Schön­heit aus – ein­zig dies­mal mani­fes­tiert sich die­se Bedeu­tung in kon­kre­tem Schmerz und kon­kre­ter Ver­wir­rung, die nicht ober­fläch­lich bleibt oder mit Indif­fe­renz beob­ach­tet wird (in Fil­men wie Le cœur de fan­tô­me spielt Gar­rel hin­ge­gen bewusst und sehr geschickt mit die­ser Indif­fe­renz). Der Foto­graf Fran­çois (Lou­is Gar­rel) soll eine Foto­stre­cke der Schau­spie­le­rin Caro­le (Lau­ra Smet) auf­neh­men. Bei der Arbeit kom­men sich die bei­den näher und zwi­schen Fran­çois und der ver­hei­ra­te­ten Caro­le ent­wi­ckelt sich eine Lie­bes­ge­schich­te. Ohne selbst wirk­lich einen Grund dafür zu haben, been­det Fran­çois die Bezie­hung schließ­lich, was Caro­le in den Wahn­sinn und letzt­lich in den Selbst­mord treibt. In einer bedrü­ckend und zugleich wun­der­schö­nen Sze­ne sehen wir Caro­le nach ihrer Ent­las­sung aus der psych­ia­tri­schen Anstalt in ihrem Zim­mer. Dem Alko­hol auch zuvor nicht abge­neigt, ertränkt sie ihren Lie­bes­kum­mer nun in Spi­ri­tuo­sen. Der Alko­hol reicht nicht aus. Sie schleppt sich ins Bade­zim­mer, plün­dert dort ihre Medi­ka­men­ten­samm­lung. Danach wankt sie wie ange­zählt aus dem Bad in den Flur ihrer Woh­nung, öff­net die Tür und ver­lässt das Haus. In der nächs­ten Ein­stel­lung besucht Fran­çois ihr Grab – sie wur­de nur 25 Jah­re alt. Ihn berührt das zunächst wenig, hat er doch mit der hüb­schen Eve bereits eine Neue gefun­den, mit der er eine Fami­lie grün­den will. Mit der Hoch­zeit und der Schwan­ger­schaft kom­men aber auch die Zwei­fel; der Geist Caro­les sucht ihn mehr­mals heim. Sie erscheint mehr­mals im gro­ßen Spie­gel sei­ner Woh­nung, ver­drängt sein Spie­gel­bild, bit­tet ihn zu ihr zu kom­men. Die Geis­ter­ma­ni­fes­ta­tio­nen wecken eine Mischung aus Ver­lan­gen, Todes­sehn­sucht und Schuld­ge­füh­len in ihm. Die Lie­be kann nicht ret­ten, was das Schick­sal für ihn bereit­hält, mit einem Sprung aus dem Fens­ter ent­schei­det er sich schließ­lich für Caro­le und gegen Eve. Ein ech­ter Ham­mer von einem Film, der ohne Amboss ein­fach durch einen durch­fährt. Erst durch die per­fek­ten Bil­der des kör­ni­gen, stark­be­lich­te­ten Schwarz­weiß kommt die Bit­ter­keit zur vol­len Ent­fal­tung. Die Bit­ter­keit, dass die Schön­heit im Film ver­schwen­det wird, dass sie zum Glück nicht aus­reicht und für die Lie­be schon gar nicht. Erst die Schön­heit lässt das Schwel­gen in einer Mischung aus Nost­al­gie und Apa­thie zu einer schmerz­haf­ten Trau­er aus­ar­ten. Als Fran­çois sich nach sei­ner letz­ten Begeg­nung mit Caro­les Geist umwen­det, aus dem Bild ver­schwin­det und nur das Öff­nen des Fens­ters zu hören ist, wäh­rend die Kame­ra auf dem geis­ter­haf­ten Nach­bild ver­harrt, als lang­sam die Gewiss­heit ein­tritt, dass Fami­li­en­glück und Lie­be in die­ser, der schöns­ten aller Wel­ten, kei­nen Bestand hat, möch­te man am liebs­ten laut aufschreien.

La frontière de l'aube von Philippe Garrel
La fron­tiè­re de l’au­be von Phil­ip­pe Garrel

In La fron­tiè­re de l’aube fin­det nie die grau­sa­me Rela­ti­vie­rung statt, die eini­ge der ande­ren Fil­me Gar­rels aus den letz­ten drei Jahr­zehn­ten prägt. Durch Ellip­sen und Frag­men­tie­run­gen zer­legt Gar­rel in J’entends plus la gui­t­are und Le cœur de fan­tô­me sein eige­nes Leben in klei­ne Hap­pen, um sie zu ent­wir­ren, aus­zu­brei­ten, viel­leicht um sie selbst zu ver­ste­hen. Die Bru­ta­li­tät die­ser Fil­me liegt weni­ger an offen zur Schau getra­ge­nen Kon­flik­ten, als in ihrer Dar­stel­lung von All­täg­lich­keit und ihrer Frag­men­tie­rung, die das Leben auf nur weni­ge Momen­te redu­ziert, die nicht immer jene sind, die man ger­ne in Erin­ne­rung bewah­ren wür­de. Das Leben aus einer gewis­sen Distanz zu betrach­ten führt zu einer Rela­ti­vie­rung von ein­schnei­den­den Erleb­nis­sen – Dro­gen­ab­hän­gig­keit, Lieb­schaf­ten, Kindern.

In die­sen Fil­men der spä­ten 80er und 90er spielt Fami­lie eine gro­ße Rol­le, sowohl in den Film­hand­lun­gen, als auch im Cas­ting. Da ist zum einen der Vater, Mau­rice Gar­rel, der in den Fil­men auch zumeist die Rol­le des Vaters des Prot­ago­nis­ten (der meist das Alter Ego des Regis­seurs dar­stellt) ein­nimmt. Zum ande­ren spielt Phil­ip­pe Gar­rels Sohn Lou­is in eini­gen der spä­te­ren Fil­me die Haupt­rol­le. Für mich ragen zwei Momen­te her­aus, die durch die beson­de­re Beset­zung der Rol­len mit Fami­li­en­mit­glie­dern zusätz­lich an Kraft gewin­nen. Bei­de Sze­nen sind Bei­spie­le für die oft bru­ta­le Öff­nung und Ehr­lich­keit Gar­rels im Umgang mit auto­bio­gra­phi­schen Stof­fen. Zum einen sind das die Auto­fahr­ten mit dem Vater in Le cœur de fan­tô­me. Sie sind Momen­te der Re-Ori­en­tie­rung, in denen der Prot­ago­nist Phil­ip­pe Rat annimmt, bevor der Vater gegen Ende des Films erkrankt und schließ­lich stirbt. Ein Sohn begräbt sei­nen Vater – nicht nur im Film – Regis­seur Phil­ip­pe Gar­rel lässt den Schau­spie­ler Mau­rice Gar­rel ster­ben und begra­ben. Eine Art der Zukunfts­be­wäl­ti­gung, eine Übung für den Ernst­fall, ein vor­weg­ge­nom­me­ner Abschied vom Vater, der dem Leben rund ein Jahr­zehnt zuvor­kommt. Zum ande­ren ist da eine Sze­ne in La fron­tiè­re de l’aube. Lou­is Gar­rel spielt dar­in die Haupt­rol­le, die nicht ganz frei von bio­gra­phi­schen Bezü­gen des Vaters ist. Sei­ne Freun­din eröff­net ihm, dass sie schwan­ger ist und er reagiert zu ihrem Schock mit dem Bekennt­nis, dass er kei­ne Kin­der will. In einem ers­ten Impuls schlägt er eine Abtrei­bung vor, sei­ne Freun­din bricht in Trä­nen aus. Eine kom­ple­xe Situa­ti­on wird noch kom­ple­xer, wenn man berück­sich­tigt, dass die­ser Film­va­ter der Sohn des Regis­seurs und Dreh­buch­au­tors ist, der ihm die­se Wor­te in den Mund legt; er schlägt qua­si sei­ne eige­ne Abtrei­bung vor. Sze­nen wie die­se zeu­gen von einer ent­waff­nen­den Ehr­lich­keit im Werk Gar­rels, von einem Bewusst­sein dafür, wie fehl­bar und fra­gil die Figu­ren im Film und im Leben sind. Gar­rel gibt viel von sich preis und ver­langt ähn­li­ches Enga­ge­ment vom Publi­kum. Er bie­tet die Gele­gen­heit sich auf Augen­hö­he zu tref­fen und sich auf die vol­le Schön­heit, aber auch auf die vol­le Bit­ter­keit einzulassen.