Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

A Question of Space: Videoessay zu White Out, Black In von Roger Koza

In der Unter­gangs­stim­mung des Kinos gibt es nur sel­ten noch die eupho­ri­sche Ent­de­ckung eines Poten­zi­als. Der Hype um den audio­vi­su­el­len Essay, der in den letz­ten Jah­ren rund um Grö­ßen wie Cathe­ri­ne Grant, Kevin B. Lee und Adri­an Mar­tin ent­stan­den ist, gehört sicher­lich dazu. In Video­form ver­mag eine neu­ar­ti­ge Kri­tik ent­ste­hen, die ihrer­seits fil­misch arbei­tet und einen ganz ande­ren und den­noch kri­ti­schen, refle­xi­ven, über den Film hin­aus­ra­gen­den Zugang zu ein­zel­nen Arbei­ten oder gan­zen Fil­me­ma­chern, Moti­ven etc bie­ten kann. Auf dem Film­fes­ti­val in Rot­ter­dam wur­den im Janu­ar im Rah­men der Critic’s Choice eini­ge sol­cher Arbei­ten gezeigt. Inzwi­schen gibt es die­se Vide­os fast alle online zu sehen und so konn­te ich mir in der Zwi­schen­zeit auch ein Bild vom Sta­tus Quo die­ses Fel­des machen und davon, was die Mög­lich­kei­ten denn über­haupt sind. Um es kurz zu machen: Ich bin über­wäl­tigt. Nicht alle Arbei­ten sind wirk­lich inter­es­sant, aber wenn sich die Kri­ti­ker wirk­lich dar­um bemüht haben, sich in die Ver­spre­chen die­ser Aus­ein­an­der­set­zung mit Film zu wer­fen, dann sind spek­ta­ku­lä­re Arbei­ten ent­stan­den, die glei­cher­ma­ßen sinn­lich, poe­tisch und ana­ly­tisch wir­ken. Ich hät­te hier auch ohne wei­te­res über den Essay von Cris­ti­na Álva­rez López und Adri­an Mar­tin schrei­ben kön­nen. Ich ent­schei­de mich aber dafür, über jenen von Roger Koza zu schrei­ben. Der Grund dafür ist, dass mir sein gewähl­ter Film Bran­co sai, pre­to fica von Adir­ley Quei­ros beim ers­te Sehen auf der Vien­na­le 2014 so gar nicht gefal­len woll­te, obwohl er mir unter ande­rem von Roger Koza enorm ange­prie­sen wur­de. Wenn für mich die Kri­tik eines Films trotz unter­schied­li­cher Mei­nung den­noch funk­tio­niert, dann kann das mit drei Din­gen zusam­men­hän­gen. Die ers­te Mög­lich­keit ist, dass ein Kri­ti­ker Wahr­hei­ten oder Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen über Film an sich aus­spricht, die mich inter­es­sie­ren oder bewe­gen. Die zwei­te Mög­lich­keit ist, dass die Aus­ein­an­der­set­zung mir einen neu­en Blick auf den Film ermög­licht und mei­ne bis­he­ri­ge Mei­nung über­den­ken lässt. Und die drit­te Mög­lich­keit ist, dass die Kri­tik in sich zu einem Kunst­werk wird, aus dem ich Inspi­ra­tio­nen zie­hen kann, die gar nichts mit dem Film zu tun haben müs­sen. Das Video von Koza hat mir alle drei Mög­lich­kei­ten auf ein­mal vor Augen geführt und zudem hat es die­se Mög­lich­kei­ten in einer Art und Wei­se bedient, die nur durch Ton und Bild bei mir ankom­men konnte.

A Ques­ti­on of Space ist nicht nur eine Aus­ein­an­der­set­zung mit Bran­co sai, pre­to fica, son­dern auch ein Spie­gel auf die Arbeit des Kri­ti­kers und über Denk- und Fühl­pro­zes­se eines Cine­phi­len. Das Video arbei­tet mit Asso­zia­tio­nen, mit dem eige­nen Kör­per, mit Recher­che, aber vor allem mit der Fähig­keit, zu sehen und zu hören:

White Out, Black In: A Ques­ti­on of Space from Roger Koza on Vimeo.

Zunächst stellt Koza im Stil von Man­ny Farb­er eine „Ques­ti­on of Space“. Nach einer unkom­men­tier­ten Auf­zug­fahrt aus dem Film sehen wir eine wei­te­re Ein­stel­lung dar­aus, in der ein Prot­ago­nist durch ein Wohn­vier­tel geht. Durch den Titel, der dem vor­an­ge­stellt wird, kann unser Blick auf den „Space“ gelenkt wer­den. Wir begin­nen, wie das in den bes­ten Kri­ti­ken der Fall ist, schon hier mit fri­sche­ren oder bes­ser ver­än­der­ten Augen zu sehen, ange­trie­ben von einer fas­zi­nie­ren­den Idee. Noch­mal erscheint dort „Space“. Koza setzt die Bil­der des Films zusam­men wie ein Mosa­ik. Man sieht zwei Ein­stel­lun­gen des­sel­ben Ortes aus unter­schied­li­chen Kame­ra­po­si­tio­nen. Nun habe ich die­se so nicht mehr in Erin­ne­rung, aber der Essay ruft sie in Erin­ne­rung, noch mehr: Er macht sie sicht­bar, ermög­licht einen Blick auf die Arbeit des Fil­me­ma­chers. Dann erscheint „Poe­tics“ auf dem Bild­schirm. Im Ton hören wir einen Alarm und zunächst scheint Koza das­sel­be Spiel noch ein­mal zu trei­ben. Er zeigt zwei Bil­der über­ein­an­der, die jeweils den glei­chen Ort aus unter­schied­li­chen Kame­ra­per­spek­ti­ven zei­gen. Nur die Bewe­gun­gen sind anders und es ent­steht ein Rhyth­mus. Da die rech­te Sei­te des Bild­schirms bis­lang Schwarz blieb, scheint etwas zu feh­len. Koza führt es nun zusam­men, er nennt es „Poe­tics of Space“. Stum­me Flü­ge über „Spaces“ bele­ben dann die rech­te Sei­te des Bild­schirms und zudem ver­set­zen sie einen in den hip­pen Sci­Fi-Flair des Films. Nur die lin­ke Sei­te bleibt dies­mal Schwarz. Zurück zu „Space“.

Es ist als wür­de Koza die Zeit, die für den Film eine Rol­le spielt, in sei­ne essay­is­ti­sche Ana­ly­se ein­glie­dern. Damit folgt er kine­ma­to­gra­phi­schen Geset­zen und offen­bart uns die Mög­lich­kei­ten des audio­vi­su­el­len Essays: Die Kri­tik ist nun auch an die Zeit gebun­den (und ich mei­ne damit nicht den Abga­be­ter­min…). Damit muss man arbei­ten. In der Fol­ge öff­net sich der Space auf Bil­der eines natio­na­len bra­si­lia­ni­schen Kinos. Bra­si­li­en im Film. Gewalt und Armut und wie sie gefilmt wur­den. Jeder kennt die For­mu­lie­run­gen der Kri­tik, wenn sie dar­auf ver­wei­sen will, was es sonst so gibt, wenn sie Ver­glei­che anbie­tet und so wei­ter, aber nie­mand kann mit die­sen For­mu­lie­run­gen die Kraft eines Bil­des errei­chen, das wie ein Made­lei­ne in unse­re Wahr­neh­mung des bespro­che­nen Films ein­fällt und in Bild und Ton vor uns lebt. Koza scheint sei­ne Begeis­te­rung für die flie­gen­den Bewe­gun­gen gefun­den zu haben, ganz so als wären die bra­si­lia­ni­schen Slums, nur von Ufos aus zu betrachten.

koza space3

Mit wel­chem „Space“ haben wir es hier zu tun? Es stel­len sich Ver­bin­dun­gen her zwi­schen einem poli­ti­schen, geo­gra­phi­schen und fil­mi­schen Raum. „Poli­tics“ lau­tet der nächs­te Titel, weil das die logi­sche Fort­set­zung die­ses Rau­mes ist. Die Kame­ra blickt wei­ter von oben auf das Gesche­hen, als etwa Bil­der aus City of God von Fer­nan­do Mei­reil­les oder Éli­te Squad von José Pad­hi­la zu sehen sind. Die logi­sche Fol­ge, wir haben sie bereits erahnt: „Poli­tics of Space“. Hier führt Koza sein Argu­ment zu einem ers­ten Ende. Nur sei­nen wah­ren Trumpf hat er noch nicht aus­ge­spielt (es ist als wür­den die­se Bil­der einer argu­men­ta­ti­ven Logik fol­gen). Wir sehen Kar­ten auf denen gezeich­net wird, eine Kar­te als ulti­ma­ti­ver Topshot, so weit oben, dass die Idee des Rau­mes abs­tra­hiert und poli­ti­siert wer­den kann. Die­ser „Space“ bei Koza ist eine Fra­ge der Distanz, der räum­li­chen und der zeit­li­chen Distanz.

Dann folgt der in sich außer­ge­wöhn­lichs­te und gelun­gens­te Teil des Vide­os. Eine Sze­ne aus Bran­co sai, pre­to fica zeigt den Prot­ago­nis­ten, der Hip­Hop-hörend durch die Stra­ßen fährt. Es folgt ein Schnitt auf ein Radio­ge­rät im Auto und nach einem „Volks­wa­gen“ Schrift­zug, der bei allem Humor den­noch von einer wei­te­ren Distanz erzählt, einer Distanz, die ein Kri­ti­ker immer hat und haben muss zu sei­nem Film, sehen wir Koza selbst im Auto sit­zen und aus dem Radio dringt sei­ne Stim­me mit Gedan­ken zum Film. Die­se Gedan­ken füh­ren uns zum Argu­ment, dass wir aus schrift­li­chen Film­kri­ti­ken ken­nen, aber zugleich führt es uns auch zur Ent­fer­nung von die­sem Argu­ment, da wir zum einen den Kri­ti­ker selbst vor uns sehen, der sozu­sa­gen die Welt des Films bereist und zum ande­ren dann sogar in den Film selbst geht, weil Koza wie­der zurück schnei­det, aber wei­ter­hin sei­ne Stim­me hör­bar wird. Um dem Gan­zen noch eine klei­ne Kro­ne auf­zu­set­zen, ent­spricht die­ser Bruch mit der bis­he­ri­gen Form auch dem Vor­ge­hen von Bran­co sai,preto fica von dem Koza aus dem Radio erzählt: Eine fil­mi­sche Rekon­tex­tua­li­sie­rung, die sich eben nicht von der eige­nen Wahr­neh­mung des argen­ti­ni­schen Kri­ti­kers lösen kann, der sich selbst in ganz ähn­li­chen Gegen­den (ver­mut­lich in Argen­ti­ni­en) fin­det und damit den „Space“ des Films nach außen lagert. Damit stellt er nicht nur Fra­gen an den Film, die Film­ge­schich­te, den Raum, die Poli­tik oder die Film­kri­tik, son­dern letzt­lich an sich selbst.

In der Fol­ge führt er sei­ne Argu­men­ta­ti­on in Kreis­be­we­gun­gen wei­ter. Zunächst mit Hil­fe wei­te­rer schein­bar asso­zia­tiv gewähl­ter Aus­schnit­te aus East Wind der Dzi­ga Ver­tov Grup­pe um Jean-Luc Godard und Road to Ytha­ca von Pedro Dio­ge­nes, Guto Paren­te, Luiz Pret­ti und Ricar­do Pret­ti. Letz­te­rer könn­te als Anschau­ungs­ma­te­ri­al die­nen wie aus einer Poe­sie ein Space wird, wie ein Gedicht in Wege und Reflek­tio­nen über­setzt wird. Er gibt wei­te­re Bei­spie­le und Koza defi­niert sei­ne The­se genau­er (rekon­tex­tua­li­siert sie): A Poe­tics of Space is always a Poli­tics of Space and a Space of Poli­tics. Die Geräu­sche und Bil­der des Films und jene aus Kozas tat­säch­li­cher Umge­bung begin­nen inein­an­der zu ver­schmel­zen. Der Kri­ti­ker und der Film fol­gen jetzt einem Gedan­ken, einer Mög­lich­keit. Eine wun­der­ba­re Arbeit, die es tat­säch­lich ver­steht Räu­me zu öff­nen und damit glei­cher­ma­ßen poe­tisch und poli­tisch zu sein. Und dann darf man durch­aus enthu­si­as­tisch sein, was die Zukunft einer lei­den­den Bran­che betrifft.

Space