Alles dreht sich (Etalagen V)

Eine gewisse Unruhe verspürend, werden hier Dinge zueinander gestellt, die gemeinhin getrennte Wege gehen beziehungsweise befahren. Auf den ersten Blick fallen die Rennräder auf, die an silbernen Ketten prunkvoll von der Decke hängen. Das erste, ein himmelblaues Colnago, Dura-Ace-Schaltgruppe mit gelben Akzenten am Ober- und Unterrohr. Zwar sehen die Reifen aus, als hätten sie noch nie Asphalt berührt, doch der abgesessene Sattel wüsste einige Geschichten vom Leben auf der Straße zu erzählen. Irritiert muss man feststellen, dass es sich weder um ein Fahrradgeschäft noch eine Werkstatt handeln kann. Im Hintergrund fallen hochtourige Motorräder auf. Chopper für die Lang- sowie Supersportler für die Rennstrecke, dazwischen auf dem ölverschmierten weißen Fließboden einige Kisten, vermutlich gefüllt mit Ersatzteilen. Hinzu kommt ein Autoreifen, mit schwarz mattierter Felge, darauf zwei Modellfahrzeuge und Figuren einer Carrera-Bahn drapiert. Die Rennbahn schlängelt sich durch das ebenerdige Lokal. Immer wieder tauchen kleine Sportwagen auf, vor allem ein Porsche Carrera, über den sich ebenso ein Fotobuch dort befindet. Außerdem winzige Figuren, die die Strecke betrachten. Im Dunkeln dahinter ein gelbes Stahlrahmen-Bahnrad, Hersteller nicht zu erkennen. Auch ein Colnago? Im Fenster rechts daneben dasselbe Arrangement: Rennbahn, Modellfahrzeuge, Ersatzteile, reihenweise Fahrräder im Hintergrund. Von der Decke ein Mountainbike, selbstverständlich Colnago, in Airbrush Regenbogen-Optik. Nebst auf selber Höhe ein Rennrad in Blau-Weiß, Schaltgruppe und Laufräder von Campagnolo, der Rahmen trägt den Schriftzug Carrera. Folgt man der Rennbahn um die Ecke, begegnet man als erstes hinter den blau eingefassten Fensterscheiben einem fuchsroten Stahlrahmen-Bahnrad von RIH. Tiefhängender Vorbau, grau umwickelte Lenker, steiles Mittelrohr auf dem ein brauner Ledersattel thront. Der fehlende Antrieb lässt darauf schließen, dass dieses Gefährt besser nicht mehr bewegt werden sollte, um seinen Schlaf nicht zu stören. Traum: von einem Rennen alter Tage auf knatterndem Holzboden, mit acht Bar Schlauchreifen, jederzeit bereit zu platzen, nicht anders als die unbefahrbaren Schotterstraßen von Luc Moullets Parpaillon. »Zu jeder Gelegenheit«, empfiehlt unterdessen die antiquierte Martini-Werbung auf einem Sims direkt darunter. Rechts daneben ein rot eingefasstes Tablett, worauf sich fünf Apéritifgläser und zwei Krüge verteilen, allesamt mit Markenemblem versehen, die gelassen zur Straße lächeln. Ein mannshoher Plüscheisbär sitzt kopfgeneigt dahinter auf einem Motorrad, als hätte er den letzten Vieux Carré allein getrunken. Es hängt eine einsame Verlassenheit an den Dingen, die sich auf die polierten Oberflächen in notdürftig abgewischten Staubstellen einer alten Passion zeichnet. Neuerdings sehen Fahrradläden und Autohäuser aus wie Kaffeehäuser oder Elektrofachgeschäfte. Jedes noch so saubere Geschäft kann aber kaum verbergen, wenn es mit Fahrzeugen handelt, die manchmal leidend nach Öl schreien, nur um dann wieder friedlich zu verstummen. Es lässt sich hinter den Scheiben ein Geruch von Gummiabrieb und Benzingemisch erahnen. Ohne etwas zu riechen, ein Stechen in der Nase, während es zu regnen beginnt.

(Lazarettgasse)