Das blaue T (Etalagen I)

Zentral gelegen, eigentlich mitten in der Stadt, an einer Kreuzung, die man täglich passiert. Schon am frühen Morgen bleiben Menschen für zwei Augenblicke stehen, als würden sie sich spontan an etwas erinnern und dann wieder vergessen. Also ist es doch eher ein Moment der Gedankenverlorenheit. Das passiert in der Regel zufällig, hier aber mit Vorsatz und Bedacht. Bis in die Nacht erleuchten diese Fenster den Gehweg davor, abseits davon bleibt es trist und zappenduster. Erstaunlich, wie solch ein dürftiger Ort mit Behaglichkeit erfüllt werden kann. Von den Wänden schauen bunte Vögel, hauptsächlich Meisen, aus stillosen Rahmen herab. Daneben ein Spiegel, der im Vorbeigehen, gepaart mit einem vorübergehenden Schauer, erst das eigene müde Gesicht gebiert, dann die der anderen. Manchmal glaubt man aus dem Augenwinkel jemand neben sich stehen zu haben, nur um dann doch dem Trugbild der Reflexion aufzulaufen. Im Vordergrund stehen die virtuos gefertigten Murano-Glasarbeiten, unzählige tulpenförmige Vasen und immer wieder ausladende Aschenbecher. Vis-a-vis soll eine Ausstellung mit noch ausschweifenderen Formen stattfinden, verrät ein Plakat. Im zweiten Fenster tummeln sich noch mehr Vasen, viel kleiner und aus Keramik. Nur ein Büschel Thymian würde darin möglicherweise Platz finden. Links, aufgereihte Porzellanfigürchen in drei Stockwerken. Zahllose Schnabeltiere, ein umschlungen tanzendes Paar und wieder ein Aschenbecher, den eine eingebrannte Salzburger Stadtansicht ziert. Asche auf Salzburg, das muss es sein. Im Allgemeinen erscheinen die Dinge immer winziger zu werden, je länger man mit ihnen Zeit verbringt. Das dritte und letzte Fenster, dessen Beleuchtung erstaunlicherweise gegenüber den anderen zu wünschen übriglässt, birgt reichlich Schmuck, vor allem Ringe aus abgenutztem Gold und Silber mit funkelnden, aber wohl billigen Steinen, die sich an samtene Handattrappen schmiegen. Hoch oben in der Ecke hängend, fällt ein blauer Buchstabe auf. T, wie Tafelspitz, Theodora, Tastsinn, Tragödie, Tod, Triangel. Immer tiefer versunken, spaziert plötzlich ein hell summender Herr mit eiligem Schritt vorbei und ich wundere mich, ob er wirklich so neugierig wie dreist fragte: »Etwas gefunden?«. Tatsächlich, subtil versteckt eine gerahmte Landkarte der polnisch-slowakischen Hohen Tatra aus dem Jahr 1814. Leider bis über die Feiertage geschlossen.