It is only that youth is still able to belie­ve
It will get away with any­thing, while age
Knows only too well that it has got away with nothing

(aus The Sea and the Mir­ror von W.H. Auden)

Ich möch­te Ste­ven Spiel­berg wider­spre­chen. Das heißt, ich möch­te ihm begeg­nen, ent­geg­nen. Ich möch­te etwas zu sei­nen mich nach­hal­tig stö­ren­den Fil­men sagen, was nicht gesagt wur­de oder etwas ver­nei­nen, wider­le­gen, anzwei­feln, auf­lö­sen. Ich kann und möch­te nicht, sei­ne Bedeu­tung für das Kino hin­ter­fra­gen. Eben­so­we­nig soll sich das hier wie eine Kri­tik an sei­nem Schaf­fen lesen, dafür feh­len mir die Instru­men­te und die Lau­ne. Viel­mehr möch­te ich über ihn ver­ste­hen, was mich am Kino stört. Sein neu­er Film The Fabel­mans bie­tet sich als per­fek­tes Bei­spiel für die­se Unter­neh­mung an, schließ­lich lie­fert er eine selbst­my­tho­lo­gi­sie­ren­de, irgend­wie alles zusam­men­fas­sen­de Gene­se sei­ner durch die Fil­me schim­mern­den Per­so­na, sei­ner über­lap­pen­den Visi­on eines Kinos und der durch das Kino ver­form­ten Welt. Wann immer hier also von The Fabel­mans geschrie­ben wird, ist eigent­lich und unbe­dingt das Werk Spiel­bergs an sich gemeint.

Ich kann mich noch genau erin­nern, ich muss fünf Jah­re alt gewe­sen sein, als ich den Namen Spiel­berg zum ers­ten Mal bewusst hör­te. Bei einem Abend­essen im Nach­bar­haus erzähl­ten sich die alle­samt älte­ren Kin­der von wei­ßen Hai­en und Dino­sau­ri­ern und in mei­nem Kopf ent­stand neben manch furcht­erre­gen­der Phan­ta­sie ziem­lich schnell eine Ver­bin­dung zwi­schen Namen und Beruf. Spiel­berg und Regis­seur. Ein biss­chen so wie Becker und Ten­nis­spie­ler, Mat­thä­us und Fuß­ball­spie­ler, Clin­ton und Prä­si­dent. Mei­ne ers­te Begeg­nung mit einem Film Spiel­bergs habe ich ver­ges­sen, da muss ich ihm also gleich wider­spre­chen, da er in The Fabel­mans doch all­zu dick auf­ge­tra­gen von bestimm­ten Fil­men erzählt, die ihn geprägt hät­ten. So ganz stimmt das natür­lich nicht, denn auch ich hat­te sol­che Erleb­nis­se im Kino. Die aber kann ich kaum mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen und Licht­strah­len ver­knüp­fen. Viel­mehr erleb­te ich sie, zum Bei­spiel bei mei­ner ers­ten Begeg­nung mit Antoine Doi­n­el ganz bei mir selbst, gar nicht so stark auf die Lein­wand fixiert, son­dern mehr von ihr durch­drun­gen, das, was sie zeig­te, durch mich flie­ßend erspü­rend. Ich ent­deck­te das Kino weni­ger im Kino als in dem, was von ihm in mir fort­leb­te. Für mich hängt das Altern an den geheims­ten Momen­ten, dann, wenn ich allei­ne bei mir erahn­te, dass es etwas gab, was ich nicht kannte. 

Spiel­berg aber zeigt Erkennt­nis­ge­winn in pene­trant licht­durch­flu­te­ten Nah­auf­nah­men, er behaup­tet, dass man (ich, du, die Kame­ra und vor allem ein omi­nö­ses Wir) sieht und des­halb emp­fin­det. Das war immer anders für mich. Gera­de weil ich dem Sehen so viel Bedeu­tung bei­mes­se und stets bei­gemes­sen habe, emp­fin­de ich stär­ker in der Erblin­dung, dann also, wenn sich etwas über das Sehen stülpt, sei es eine Berüh­rung, ein Geräusch oder ein kör­per­li­ches Erin­nern (die leich­ten Zuckun­gen, mit denen ich ein­schla­fe, der Phan­tom­schmerz, der sich gegen das inne­re Ver­ges­sen sträubt, ein plötz­li­cher, ver­lo­ren­ge­glaub­ter Geruch, der mich am Leben hält). Wenn je etwas in mir gereift ist, dann geschah dies in der Dun­kel­heit, eben dort, wo mich nie­mand sehen konn­te, am wenigs­tens ich selbst, in einem Zustand ent­blöß­ter Inti­mi­tät, gebor­ge­ner Ver­traut­heit, mich umge­ben­der Sicher­heit. In die­se Dun­kel­heit, die es bei Spiel­berg schlicht nicht gibt, weil er alles aus­schließt, was sich nicht erzäh­len lässt, zer­re ich bis heu­te mei­ne Ängs­te und Begeh­ren. Die­se Dun­kel­heit ist para­do­xer­wei­se das Kino für mich. Ich weiß aber nicht, ob das so wider­sprüch­lich ist. Es spielt auch kei­ne Rol­le, es führt nur letzt­lich dazu, dass mir die For­men des Erin­nerns, des Kon­stru­ie­rens eines Lebens in The Fabel­mans uner­träg­lich falsch vor­kom­men, ein biss­chen so, als hät­te Proust geschrie­ben: Ich sah den Sand­teig und alles war klar. Spiel­berg filmt immer nur die Blü­ten und behaup­tet, dass sie Samen wären. War­um? Wahr­schein­lich weil die Blü­ten den grö­ße­ren gemein­sa­men Nen­ner erzeu­gen, sie lösen die Emo­ti­on aus, die er ein­fan­gen will, wäh­rend die Samen viel zu unbe­re­chen­bar und ehr­lich wären für die­ses Kino der Gefühlskontrolle. 

Nun mag man mir ent­geg­nen (ich kann mir kei­nen Dia­log mit Spiel­berg vor­stel­len, weil ich tief in mir über­zeugt bin, dass ihm das alles egal ist), dass die­ser Mann nun mal filmt und wenn man filmt, dann geht es ums Sicht­ba­re und dann kann ich nicht erwar­ten, dass er das filmt, was man nicht sieht. Das ist wie­der­um mir egal. Mal abge­se­hen davon, dass ich glau­be, dass es Fil­me über das Her­an­wach­sen gab, die die­se Dun­kel­heit erahnt haben (zum Bei­spiel von Mau­rice Pia­lat), behaup­te ich im Gegen­satz zu die­sem Regis­seur kei­nes­wegs, dass mei­ne Form des Älter­wer­dens kol­lek­ti­ve Gül­tig­keit hat; ich bin nicht dazu in der Lage und ich bin nicht dazu bereit, mich selbst so sehr zu ent­lee­ren, dass ande­re sich auf mich, in mich pro­ji­zie­ren sol­len. Die­se Form der Pro­jek­ti­on (in die­sem Wort wer­den jene, die Spiel­berg zuspre­chen, die gewünsch­te Dop­pel­deu­tig­keit fin­den) beseelt bezie­hungs­wei­se per­ver­tiert jede Sekun­de in The Fabel­mans, einem Film, der angeb­lich aus Kind­heit und Jugend sei­nes Machers berich­tet, wäh­rend man dazu ein­ge­la­den wird, in jedem Bild sich selbst zu ent­de­cken. Man blickt in den gro­ßen, alles über­blen­den­den Spie­gel der west­li­chen Mit­tel­klas­se. Die dar­aus fol­gen­de Rüh­rung ist ledig­lich nar­ziss­ti­sche Flucht in über­la­de­ne und schlicht­weg fal­sche Bedeu­tun­gen von Fami­lie, Mut­ter, Vater, ers­te Lie­be, die auch des­halb so anwi­dernd effek­tiv arbei­ten, weil die­se limi­tier­te, auf eine bestimm­te Bil­dungs­schicht zie­len­de Art des Füh­lens längst den Ereig­nis­sen vor­aus­geht. Wie ich bereits erwähn­te, kann­te ich Spiel­berg bevor ich mich in eine Klas­sen­ka­me­ra­din ver­lieb­te und bevor ich mich ins Meer wag­te. Sein lar­ger than life Kino erzeugt Erwar­tun­gen an das eige­ne Leben. Bis zur Ver­wechs­lung. Spiel­berg wür­de mir, so den­ke ich, ohne mit der Wim­per zu zucken, sagen, was es bedeu­tet, mei­nen Vater zu lie­ben. Aber er kennt mei­nen Vater nicht und das macht mich stutzig.

Das Älter­wer­den in The Fabel­mans ist ein sen­ti­men­ta­les Unter­fan­gen. Dage­gen habe ich nichts ein­zu­wen­den, auch wenn die im Film vor­herr­schen­de Sen­ti­men­ta­li­tät eher der über­höh­ten Erin­ne­rung an die Jugend, als dem tat­säch­li­chen Durch­le­ben sel­bi­ger geschul­det scheint. Das Sen­ti­men­ta­le, Glor­rei­che, Über­wäl­ti­gen­de der Jugend äußert sich auch nicht sti­lis­tisch, wie das zum Bei­spiel in den Kind­heits­er­in­ne­run­gen von Dani­lo Kiš geschieht, dafür ist Spiel­berg viel zu indus­tri­ell, brav. Er behaup­tet (und vie­le fol­gen ihm), dass man in die­sem indus­tri­el­len, von bekann­ten Gram­ma­ti­ken beherrsch­ten Sys­tem per­sön­lich erzäh­len kann. Das muss man sich erst­mal trau­en. Aber seis drum. Spiel­berg behaup­tet auch, dass man ent­lang einer nach­träg­lich nach­voll­zieh­ba­ren Linie altert, dass sich das, was zählt, auf­ein­an­der schich­tet und ergänzt, dass es einen Ari­ad­ne­fa­den gibt, ent­lang des­sen man sich irgend­wann zurück durch das eige­ne Leben bewe­gen kann. Eine Begeg­nung hier, ein Schei­tern dort, ein Trau­ma, eine Erfah­rung, ein Erfolg und schon ist man wer und kann davon erzäh­len. Mein Älter­wer­den dage­gen bestach stets dadurch, dass das, was mir eben noch wich­tig schien, kurz dar­auf bereits wie­der ver­ges­sen war. Das ist auch heu­te noch so, schließ­lich wer­de ich noch immer älter und möch­te mich auch wei­gern, je so alt zu wer­den, dass ich zurück­bli­cke auf etwas, das ich als abge­schlos­sen erzäh­len möch­te. Wenn ich unter Ein­fluss von uner­wünsch­ten Gefühls­re­gun­gen doch einen Blick zurück­wer­fe, dann emp­fin­de ich meist Ent­frem­dung. Mei­ne Ich-Erzäh­lun­gen las­sen kei­ne Fäden erken­nen, sie ver­ir­ren sich unun­ter­bro­chen, enden in Sack­gas­sen und ja, es sind die­se Sack­gas­sen, in denen ich viel­leicht etwas von mir erken­ne. Eine Begeg­nung mit mei­nem jün­ge­ren Ich wür­de nicht die­se von Hol­ly­wood pro­pa­gier­te Lebens­weis­heit aus­lö­sen, son­dern schlicht Irri­ta­ti­on. Jedes Jahr ist letzt­lich eine Anein­an­der­rei­hung genui­ner Feh­ler, die mich ein biss­chen mehr ver­ste­hen las­sen, dass ich nicht bin, wer ich glaub­te zu sein. Es mag ein Bild geben, das dadurch ent­steht, aber ich könn­te die­ses Bild nie selbst erzeu­gen, emp­fin­de mich viel­mehr im stän­di­gen Wider­spruch zu die­sem Bild. Ich muss stän­dig Rol­len aus mei­ner Ver­gan­gen­heit spie­len, die mir kei­nes­wegs ent­spre­chen. Spiel­berg dage­gen bedient sein eige­nes Bild, er erschafft es gleich mit, weil er weiß, dass die Mythen­bil­dung Teil der Film­welt ist. Es lässt sich bestimmt auch bes­ser leben, wenn man sich selbst nar­ra­ti­ve­ren kann. Wer nun sagt, dass es nun mal zum Kino gehört, ein Leben in Plot-Points und der­lei Stumpf­sinn ein­zu­tei­len, hat nie Fil­me gese­hen. Und irgend­wann muss auch ernst­haft dar­über dis­ku­tiert wer­den, dass Fil­me enden, das Älter­wer­den aber nicht. Es fällt auf, dass kaum ein Film je über die dust to dust Reli­gio­si­tät hin­weg­ge­gan­gen ist, um wirk­lich zu zei­gen, was pas­siert, wenn man immer wei­ter altert, selbst wenn man schon tot ist. Kör­per schei­nen ohne­hin nicht so wich­tig für das Kino-Altern, zumin­dest bei Spiel­berg, bei dem nie wer müde wird oder lasch, bei dem es nie das Gefühl gibt, dass vor drei Jah­ren noch schmerz­frei war, was heu­te höl­lisch weh­tut. Auch das ist ver­geis­tigt, spi­ri­tu­el­le Bli­cke in den hell strah­len­den Him­mel. Das wah­re geis­ti­ge Sym­ptom des Alterns jedoch, das sich an sich selbst berau­schen­de Selbst­mit­leid, spart er aus. Es ist zu wenig tröst­lich für sei­ne Art des Kinos. Er über­lässt es den Zuschau­ern, die unter­stützt von pene­tran­ter Musik wei­nen sol­len. Die­se Musik ent­spricht sel­ten dem Raum des Gesche­hens, sie kommt aus dem Raum des Betrach­tens. Spiel­berg zeigt wie­der­holt sein Alter Ego beim Set­zen von Musik auf bereits exis­tie­ren­de Bil­der, man könn­te es musi­ka­li­sche Unter­ma­lung nen­nen, nur dass die Bil­der hier eher die Musik unter­ma­len; hier ver­rät er sich, denn sein Erin­nern ist nicht sub­jek­tiv, es sucht nach einem all­ge­mein­gül­ti­gen Effekt. Und was ist dar­an schlimm? Gar nichts, nur dass eben nichts gezeigt und gesagt wird. The Fabel­mans ist rei­nes Sug­ges­tiv­ki­no, eine lee­re Samt­hül­le, in die sich jene (vor allem Män­ner) ein­ku­scheln kön­nen, die ihren eige­nen Bezug zur Kind­heit ver­lo­ren haben. Kind sind ohne­hin alle geblie­ben, nur die Jugend ver­liert man zu schnell (auch die­ser Satz lässt mich schnel­ler altern). Es ist nicht wirk­lich trau­rig, dass sich die Eltern des jun­gen Fabel­mans oder Spiel­bergs tren­nen, trau­rig ist, dass ein Gefühl der Gebor­gen­heit nicht halt­bar ist, und das haben letzt­lich alle schon, aber alle anders erlebt. Wür­de einer schrei­ben: Wir alle ver­lie­ren das Gefühl der Gebor­gen­heit, wür­de man ihn als Schrift­stel­ler kaum ernst neh­men. Im Kino dage­gen scheint die­ser All­ge­mein­platz aus­zu­rei­chen, weil das Kino nur all­zu gern die Wahr­heit betrügt, für ein egal wie bil­li­ges Gefühl kol­lek­ti­ver Erinnerung.

Zum Spiel­berg-Mythos gehört bei­spiels­wei­se, dass er als klei­ner Jun­ge ger­ne Züge kol­li­die­ren ließ und weil er das immer wie­der­ho­len woll­te, zum Kino gekom­men ist. Ist es nicht span­nend, dass ein destruk­ti­ver, auf die rei­ne Freu­de an der unvor­her­seh­ba­ren, zer­stö­re­ri­schen Bewe­gung gerich­te­ter Impuls zu einem Kino führ­te, das für sich bean­sprucht, alles fügen, in run­de For­men gie­ßen zu kön­nen? Was ist aus die­sem Jun­gen gewor­den, der angeb­lich einen Zug in die Luft spren­gen woll­te für das Kino? Jemand, der glaubt rück­wir­kend alles zusam­men­fü­gen zu kön­nen, einer, der schwel­ge­risch lügt über das, was angeb­lich irgend­wann alles Sinn ergibt, statt ein­fach wei­ter zu erken­nen, dass das mit dem so innig gelieb­ten Licht am schöns­ten ist, wenn es durch die Ris­se und Nar­ben dringt. Einer, der klebt, statt sprengt. Spiel­bergs angeb­lich jün­ge­res Ich hat viel mehr über mein Älter­wer­den ver­stan­den als die­ser alte Mann, der dar­über Fil­me macht. Am Ende steht dann auch in The Fabel­mans eine Art offe­ne Erkennt­nis, etwas Erbau­li­ches, mit dem man wei­ter altern kann. Ich muss nicht beto­nen, dass mir Der­ar­ti­ges noch nie wider­fah­ren ist. Je älter ich wer­de, des­to unab­ge­schlos­se­ner jede Erkennt­nis. Jeder Abschluss führt nur zu wei­te­ren Ver­äs­te­lun­gen. Kann man dar­über nicht erzäh­len? Ist es so viel wich­ti­ger, das Gegen­teil zu behaup­ten? Für jede letz­te Ein­stel­lung, in der wer auf einen wie auch immer kadrier­ten Hori­zont zusteu­ert, stirbt jemand, weil von rechts oder links zufäl­lig genau dann ein Auto kommt. Es war John Ford, der in sei­nem Young Mr Lin­coln ver­stan­den hat, wie man eine sol­che, dem Hori­zont zuge­neig­te Schluss­erkennt­nis zei­gen könn­te: in einem Gewit­ter, in dem klar wird, dass das, was kommt, alles was war, weg­wi­schen wird.