Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Ohne Spiegel (oder Pille)

The Man Who Envied Women von Yvonne Rainer

Woher weiß ich, wie alt ich bin, wenn ich kei­nen Spie­gel oder gar Kalen­der habe? Wenn mir kei­ne Fal­te oder Jah­res­zahl sagt, wo ich mich in mei­nem Leben befinde?

Wie stellt sich ein Gefühl für Zeit her, das kei­ne sol­che Reprä­sen­ta­ti­on benö­tigt? Und was bedeu­tet die Abwe­sen­heit die­ser visu­el­len Deter­mi­na­ti­on im Film?

Was pas­siert, wenn ich das erzäh­len­de Gegen­über nicht sehen, son­dern nur hören kann? Wenn ich kein Ras­ter habe, in das ich es bild­lich ein­ord­nen, unter­ord­nen kann?

Yvonne Rai­ner kon­fron­tiert uns mit dem Poten­ti­al die­ser Leer­stel­le in ihrem Film The Man Who Envied Women, indem sie ihre Spre­che­rin­nen über­wie­gend kör­per­los erschei­nen lässt. Abwech­selnd krei­sen deren Stim­men dabei um All­täg­li­ches (Bezie­hun­gen, Woh­nungs­kri­se, poli­ti­sches Gesche­hen) wie um Abs­trak­tes (Macht, Begeh­ren, Spra­che). Die meist kör­per­lo­sen Frau­en* üben Kri­tik an der Bestimmt­heit männ­lich-domi­nier­ter Dis­kur­se. Es ent­steht ein poly­pho­ner Gedan­ken­strom als eine essay­is­tisch-per­for­ma­ti­ve Refle­xi­on über ver­schie­de­ne Wis­sens­for­men, die Mög­lich­kei­ten von Kör­per­lich­keit und Kom­mu­ni­ka­ti­on sowie deren Widersprüche.

Die Erzäh­le­rin ist Tri­sha (Tri­sha Brown), die auf unge­wöhn­li­che, klu­ge Wei­se mit einem Mann abrech­net, mit dem sie fünf Jah­re zusam­men war. Die­ser Mann, Jack, wird gleich von zwei Män­nern ver­kör­pert. Sie lau­fen mit Kopf­hö­rern durch die Gegend und hören nicht, was die Men­schen auf den New Yor­ker Stra­ßen zu sagen haben. Die kri­tisch-bei­läu­fi­gen Gesprächs­fet­zen glie­dern das Gesche­hen, das sich aus ver­schie­de­nen Figu­ren und Text­for­men speist.

Wäh­rend Tri­sha ange­nehm unbe­stimmt bleibt, ver­strickt sich der titel­ge­ben­de Mann, Aka­de­mi­ker und selbst ernann­ter „Woma­ni­zer“ zuse­hends in sei­nen Wor­ten und gibt dabei vor allem die wort­ge­wal­ti­ge Lächer­lich­keit sei­nes Selbst­be­wusst­seins Preis. Dabei wird er mit sei­nem eige­nen Refe­renz­sys­tem geschla­gen; Psy­cho­ana­ly­se und (Post)Strukturalismus sind die gro­ßen Denk­sys­te­me, die hier, ganz zwei­deu­tig, im Sin­ne femi­nis­ti­scher Film­theo­rie vor­ge­führt wer­den. Die­se war von Beginn an beson­ders an Fra­gen von Blick- und Macht­struk­tu­ren, von Sub­jekt­wer­dung und Posi­tio­nie­run­gen inter­es­siert, die im Film durch die Über­la­ge­rung ver­schie­de­ner Bild- und Ton­ebe­nen zum Aus­druck kommen.

Dass sich die Frau­en dabei ver­mehrt der Lein­wand ent­zie­hen, ist ein außer­or­dent­li­cher und doch so simp­ler Kniff, der mich begeis­tert; als Ver­wei­ge­rung der visu­el­len (Über)Repräsentation und Deter­mi­na­ti­on des Weib­lich-Kör­per­li­chen. Sind akus­ma­ti­sche, also bild­lich-abwe­send spre­chen­de Wesen, meist männ­lich, wird hier die­se macht­vol­le Posi­ti­on gekonnt ein­ge­nom­men. Die kör­per­li­che Unge­bun­den­heit eines Sprach­ak­tes kor­re­spon­diert mit einer bestimm­ten Vor­stel­lung von All­macht und ‑Wis­sen, von der das Weib­li­che aus der (Film)geschichte über­wie­gend aus­ge­schlos­sen wur­de. Der kaum unter­bro­che­ne Rede- und Gedan­ken­fluss kom­men­tiert die­sen Tat­be­stand und ent­larvt dabei humor­voll pater­na­lis­ti­sches Redeverhalten.

Iden­ti­tät wird dabei dekli­niert durch eine Col­la­ge aus Zita­ten, die aus Gesprä­chen, Mono­lo­gen und Büchern stam­men, deren Zuord­nung wir schein­bar nicht bedür­fen. Denn Dekon­struk­ti­on von Macht heißt hier, auf die Her­kunft von Gedan­ken zu ver­zich­ten und sie, um ihres Zusam­men­spiels wil­len, zu benut­zen. So scheint in die­ser Auf­fas­sung der ein­zel­ne Gedan­ke als beschei­dend, fest­le­gend, kurz: defi­zi­tär. Dem­ge­gen­über steht ein Schau­spiel des Den­kens, das sich immer wie­der neu konfiguriert.

An der Wand ändert sich die Kon­stel­la­ti­on der Bil­der, Zei­tungs­ar­ti­kel und Pla­ka­te, die das Netz des Fil­mes auf­span­nen. Ein ande­res Lay­out ergibt einen ande­ren Aus­schnitt; von sexis­ti­schem Jour­na­lis­mus und Wer­bung für Hor­mon­the­ra­pie in der Meno­pau­se, über die bru­ta­len US-ame­ri­ka­ni­schen Inter­ven­tio­nen in Mit­tel­ame­ri­ka bis zur future-femi­nis­ti­schen Ant­wort in Liz­zy Bor­dens Sci-Fi-Film Born in Fla­mes. Es ist ein para­tak­ti­sches Den­ken, das nicht unter­ord­net, son­dern sucht, nach Ver­bin­dun­gen und Kom­pli­zin­nen­schaft; nach einer „Awo­men­li­ne­ss“, wie es am Schluss heißt.

Nicht nur Rai­ner selbst beschreibt ihr Vor­ha­ben, eine Art Zeit­geist der spä­ten 1970er und frü­hen 1980er-Jah­re ein­zu­fan­gen, als ambi­tio­niert. Dass die Fra­gen, die da gestellt wer­den, 2023 jedoch nicht obso­let sind, muss ich gar nicht schrei­ben. Und was mit Frau­en vor und nach der Meno­pau­se pas­siert, soll­te kei­ne Fra­ge des Alters sein. Genau­so wenig wie die Fra­ge danach, wie wir leben wol­len, von unse­rem Ein­kom­men abhän­gig sein sollte.