Es gibt Fil­me, die wir an irgend­ei­nem Punkt im Lau­fe unse­res Lebens ins Herz geschlos­sen und in den Kam­mern „schö­nes Erleb­nis“, „wich­ti­ger Film“ oder „for­mal span­nend“ ver­wahrt haben. Die­se Bil­der und Töne tra­fen zu einer bestimm­ten Zeit einen Nerv, der eine drän­gen­de Nähe zu unse­rem per­sön­li­chen Befin­den, bri­san­ten gesell­schaft­li­chen The­men oder einer gera­de erst auf­blü­hen­den Ent­de­ckung von fil­mi­schen Her­an­ge­hens­wei­sen her­ge­stellt hat. Die beson­de­re Bezie­hung zu die­sen Fil­men ent­stand zu einem Zeit­punkt, der kurz dar­auf – das Grund­prin­zip der Zeit liegt schließ­lich in ihrem Ver­ge­hen – schon immer bereits unse­ren ver­gan­ge­nen Ichs ange­hör­te. Die­ser Film und das Ich haben eine prä­gen­de Zeit mit­ein­an­der erlebt, sie sind qua­si lebens­ab­schnitts­ver­part­nert. Aber wor­an ist uns am meis­ten gele­gen – an einer Aus­sa­ge, an einem Bild, an einer Emo­ti­on – was hat uns damals begeis­tert, erregt, auf­ge­regt? Eine Begeg­nung Jah­re oder gar Jahr­zehn­te nach dem letz­ten Auf­ein­an­der­tref­fen kann wie das Wie­der­se­hen einer alten Lie­be sein: herz­er­wär­mend, vol­ler Sehn­sucht, ernüch­ternd oder enttäuschend.

Weil vie­le Kulturkritiker*innen ihre roman­ti­sche Ader (und damit mei­ne ich auch die Lie­be zu ein­zel­nen Momen­ten und spe­zi­fi­schen For­men von Fil­men) sel­ten zur Schau stel­len, fra­gen sie bei einer sol­chen Wie­der-Begeg­nung mit fil­mi­schen Ver­trau­ten viel­leicht „Und, ist der gut geal­tert?“ Unter Filmrestaurator*innen mag die­se Fra­ge pas­sio­nier­te Dis­kus­sio­nen über den Zustand des Mate­ri­als her­vor­ru­fen, aber im Fal­le der Kritiker*innen ent­steht oft eine ver­nunft­ori­en­tier­te Span­nung zwi­schen Ratio und Emo­ti­on. Die Seh­erfah­rung wird nüch­tern in Wor­te gepackt und die kul­tu­rel­le Prä­gung urteilt über die ästhe­ti­sche Erfah­rung mit. In dem Moment, in dem ein Film gesell­schaft­li­che Kon­tex­te sicht­bar wer­den lässt, wird die Alters­fra­ge lau­ter. Die Ent­schei­dung bei der Fra­ge zwi­schen gutem und schlech­tem Altern – alles zwi­schen die­sen bei­den Polen wirkt eher unin­ter­es­sant – fällt meist zuguns­ten der Ratio aus, die per­sön­li­chen Emo­tio­nen schwe­ben als Fak­tor viel­leicht mit, soll­ten sich aber lie­ber in inof­fi­zi­el­len Gefil­den bewe­gen. Als gut geal­tert erklä­re ich einen Film, weil ich ihn selbst noch so spü­re wie frü­her, son­dern viel mehr, wenn ich sei­ne gesell­schafts­po­li­tisch offe­ne Hal­tung erken­nen kann, die die Rele­vanz sei­nes Hin­ein­rei­chens in die Gegen­wart unter­stützt. Lese ich auf der erzäh­le­ri­schen Ebe­ne stark kon­ser­va­ti­ve Wert­hal­tun­gen her­aus, mögen die­se zwar als Indi­ka­tor einer bestim­men Zeit und poli­ti­schen Rich­tung für den his­to­ri­schen Blick inter­es­sant wer­den, aber nicht mit dem libe­ra­len Fort­schritts­blick mei­ner gesell­schafts­op­ti­mis­ti­schen See­le ein­her­ge­hen. Die Fest­stel­lung eines guten Alterns bezieht sich also viel weni­ger auf eine mess­ba­re Distanz zum Zeit­punkt der Ent­ste­hung, son­dern erweist sich als Spie­gel gegen­wär­ti­ger The­men, die in der Ver­gan­gen­heit schon ein­mal auf eine ähn­li­che Wei­se erfahr­bar waren. Nicht die Fil­me ver­än­dern sich, son­dern die Welt und unse­re per­sön­li­chen Mikro­kos­men, in denen wir sie erle­ben. Aber wohin gelan­gen die Emo­tio­nen, mit denen wir noch ein­mal den Geschmack von Nost­al­gie auf der Zun­ge spü­ren? Sam­meln sie sich mit dem Pro­zess des Alterns an, um heim­lich die Herz­kam­mern zu befül­len und in unge­ahn­ten (Film-)Momenten plötz­lich her­vor­zu­quel­len? Gera­de Fil­me, mit denen wir auf­ge­wach­sen sind und die uns beson­ders geprägt haben, kon­fron­tie­ren wir oft vor­sich­tig mit der Alters­fra­ge. Es besteht die Gefahr, sich von die­sem Teil unse­res alten Ichs mit Tren­nungs­schmerz zu lösen, denn das Ich ist nicht mehr, wie es mal war. Doch wohin mit die­sen Fil­men, die ein­mal Teil von uns selbst waren, von denen wir uns eigent­lich nicht ganz tren­nen wol­len, die wir aber auch nicht mehr so schät­zen und lie­ben wie einst? Wie ver­än­dert sich unser Umgang mit Emo­tio­nen mit fort­schrei­ten­dem Alter? Wie begeg­nen wir unse­ren Lieb­lin­gen von damals? Ich schrei­be von einem wir, weil ich recht sicher bin, mit mei­ner Erfah­rung nicht allei­ne zu sein.

Für die Retro­spek­ti­ve „Young at heart – Coming of Age at the Movies“ der dies­jäh­ri­gen Ber­li­na­le wähl­ten 26 Film­schaf­fen­de ihre „per­sön­li­chen Lieb­lin­ge“ unter den Coming-of-Age-Fil­men aus. Vie­le von ihnen mögen hier ihrem ver­gan­ge­nen Ich wie­der­be­geg­net, erneut berührt wor­den oder ent­täuscht gewe­sen sein. Eine ande­re Emo­ti­on, die uns beim Wie­der­se­hen mit Fil­men beglei­ten kann, sind Wut oder Frus­tra­ti­on. Wut, weil wir so viel Zeit mit die­sen Fil­men ver­bracht haben, deren Wert­hal­tun­gen, die wir längst ableh­nen, uns per­sön­lich beein­flusst haben. Frus­tra­ti­on, weil wir in die­sen Fil­men unse­rem alten Ich begeg­nen und es am liebs­ten mit ande­ren Fil­men, die wir jetzt ästhe­tisch oder inhalt­lich weit mehr schät­zen, kon­fron­tie­ren wür­den, von denen wir damals aber ein­fach nicht wuss­ten oder zu denen wir kei­nen Zugang hatten.

Céli­ne Sciam­ma ent­schied sich im Rah­men der Retro­spek­ti­ve für Mar­tha Coo­lid­ges Not A Pret­ty Pic­tu­re aus dem Jahr 1976. Sie begrün­de­te, dass sie das Werk der US-Ame­ri­ka­ne­rin als Teen­age­rin selbst gern gese­hen hät­te. Kris­ten Ste­warts Ent­schei­dung bei­spiels­wei­se fiel auf eine Film­erzäh­lung, die sie als Mäd­chen tat­säch­lich ver­ehr­te: Now and Then von Les­li Lin­ka Glat­ter, der knapp zwan­zig Jah­re spä­ter erschien. Ich habe bei­de Fil­me erst im letz­ten Jahr gese­hen und wäre ihnen, genau wie die bei­den Fil­me­ma­che­rin­nen, auch gern frü­her, mit mei­nem alten Ich begeg­net. Doch hät­ten mich Not A Pret­ty Pic­tu­re und Now and Then im Teen­age­rin­nen-Alter eben­so nach­hal­tig beein­druckt, sodass ich sie als „wich­ti­ge Fil­me“ oder „schö­ne Erleb­nis­se“ abge­spei­chert hät­te? Gibt es Fil­me, für die wir den Moment ver­passt haben? Kön­nen wir Fil­me zu spät sehen? Mein geal­ter­tes Ich wird nie­mals eine Ant­wort auf die­se Fra­ge geben, son­dern ledig­lich Bedau­ern füh­len können.

Die Aus­sa­ge­kraft von Not A Pret­ty Pic­tu­re ver­mit­telt sich für mich heu­te durch sei­ne doku­men­ta­risch ange­leg­te Form, die ihn an eine nicht abge­ris­se­ne Dring­lich­keit – hier mischen sich Bedau­ern und Wut ange­sichts des feh­len­den Alterns so man­cher dar­in ver­ar­bei­te­ter Pro­ble­ma­tik – an femi­nis­ti­sche Dis­kur­se bin­det. Coo­lidge doku­men­tiert, wie sie als erwach­se­ne Frau ihre eige­ne Ver­ge­wal­ti­gungs­er­fah­rung als High-School-Schü­le­rin fil­misch zu erzäh­len ver­sucht. Indem sie Situa­tio­nen mit jugend­li­chen Darsteller*innen insze­niert, teilt sie sich als Opfer mit, kreist um den Her­gang der Tat und dekon­stru­iert sei­ne Bedeu­tung auf gesell­schafts­po­li­ti­scher Ebe­ne. Die Sze­nen­ar­beit wech­selt Not A Pret­ty Pic­tu­re mit Gesprä­chen zwi­schen Coo­lidge und den Darsteller*innen ab. Dar­in tref­fen Ansich­ten, indi­rek­te Hal­tun­gen und Ver­hal­tens­wei­sen der Mäd­chen und Jun­gen auf­ein­an­der. Coo­lidge miss­traut dem illus­tra­ti­ven Kino, macht ihre Inter­ven­tio­nen zum Gegen­stand des Films selbst. Es ist der Ver­such, Bil­der und Wor­te für etwas zu fin­den, was tie­fe Nar­ben hin­ter­las­sen hat. Das reinsze­nier­te indi­vi­du­el­le Erle­ben von Coo­lidge schlägt die Brü­cke zu einem schmerz­vol­len Emp­fin­den der See­le, das die Aus­sa­ge­kraft der Momen­te emo­tio­nal und ratio­nal auf­nimmt. Immer wie­der stel­le ich mir die Fra­ge, ob ich die­se Bedeu­tungs­ebe­nen damals, als Femi­nis­mus mehr­heit­lich als Belei­di­gung ein­ge­setzt wur­de und Femi­nis­tin­nen am Schul­hof für unat­trak­tiv erklärt wur­den, über­haupt grei­fen hät­te kön­nen. Ob ich über die Form des Films, die sich in Hand­ka­me­ra­auf­nah­men von län­ge­ren Gesprä­chen nie­der­schlägt, einen Zugang gefun­den hät­te? Ist die­ser Film in mei­nen Augen des­halb gut geal­tert, weil ich die Inten­tio­nen und Gedan­ken der Fil­me­ma­che­rin jetzt viel mehr zu ver­ste­hen glau­be, als ich es damals getan hät­te? Wie gut ein Film in unse­ren Augen geal­tert ist, hängt vom per­sön­li­chen Umgang mit Dis­kur­sen ab, genau­so wie von unse­rer Wahr­neh­mung sei­ner for­ma­len Ein­zig­ar­tig­keit. Hier tref­fen sich Emo­ti­on und Ratio. Wenn gewis­se The­men, die sel­ten fil­misch ver­ar­bei­tet wur­den, durch ein­zel­ne Wer­ke Sicht­bar­keit erfah­ren, dann kön­nen sie schnell einen Platz im Her­zen erobern. Denn im Her­zen fin­det sich mit dem Altern, basie­rend auf den Erfah­run­gen, auch die Sehn­sucht nach The­men und Dis­kur­sen. Genau­so aber macht sich die Sehn­sucht nach einer Berei­che­rung durch die Form breit, je häu­fi­ger wir, die wir im Kino auch die Kunst suchen und nicht nur den Kon­sum, sie schmerz­lich ver­mis­sen müs­sen. Mit dem Pro­zess des Alterns mag sich schlicht ver­än­dern, wofür wir bren­nen, was uns frus­triert und in wel­chen Kino­er­leb­nis­sen wir uns beson­ders genüss­lich ver­lie­ren. Inso­fern woh­nen einem Rück­blick, allei­ne in den eige­nen vier Wän­den oder im Rah­men einer Retro­spek­ti­ve, stets Freu­de oder Frust, Genuss oder Müh­sal, Wie­der­sehens­eu­pho­rie oder end­gül­ti­ge Tren­nung bei. Im Fall von Not A Pret­ty Pic­tu­re ver­mag ich mir die­ses Wie­der­se­hen nur vor­zu­stel­len. Aber selbst in der Vor­stel­lung spü­re ich das in mir, was man Altern nennt.