“In other words, this morning, I went to church alone”

Forum Expanded Gruppenausstellung: An Atypical Orbit

von Flo­ri­an Weigl

Der Ein­gang ist ein Abstieg. Ich scan­ne mein Ticket und gehe im sanf­ten Gefäl­le einen Schacht hin­un­ter, der mich tie­fer unter die Erde des ehe­ma­li­gen Kre­ma­to­ri­ums im silent green trägt. Der Tod ist hier längst Event gewor­den, naht­los ein­ge­fä­delt in die Prag­ma­tik eines Kul­tur­quar­tiers. So wie das silent green mit sei­ner Kup­pel­hal­le seit sei­ner Ein­wei­hung in 2013 ein fes­ter Spiel­ort des Forum Expan­ded ist, ist auch die Betonhalle—ein unter­ir­di­scher Hal­len­kom­plex unter dem silent green—seit ihrer Fer­tig­stel­lung in 2019 fes­ter Ort für die Grup­pen­aus­stel­lung. Das Forum Expan­ded hat sich mit sei­ner Grün­dung 2006 vor allem den Spiel­wei­sen des Films ver­schrie­ben, die des­sen Zwi­schen­räu­me aus­lo­ten. Dies mein­te immer auch Instal­la­tio­nen, Video­ar­bei­ten und eine all­ge­mei­ne Nähe zu den Gale­rien als Orte, die sich mit dem Kino über­schnei­den. Die­ses Jahr steht die Aus­stel­lung unter dem Titel An Aty­pi­cal Orbit und beschäf­tigt sich mit „künst­le­ri­sche Posi­tio­nen, die sich mit zeit­li­chen und räum­li­chen Grä­ben kon­fron­tiert sehen, die über­brückt oder aus­ge­hal­ten wer­den müssen.“

Die ers­te Instal­la­ti­on ist am Ende des Schachts über den Ein­gang zu der Hal­le pro­ji­ziert. Man sieht ein mit­tel­al­tes viet­na­me­si­schen Paar, auf einer Matrat­ze träu­men. Es sind lang­sa­me, schlaf­si­che­re Bil­der, die einen beru­hi­gen, aber in der Wei­te des Gangs etwas ver­lo­ren gehen. (Es han­delt sich wie ich auf dem Rück­weg her­aus­fin­de um Dreams - der ers­ten von fünf Arbei­ten Ten­zin Phunt­songs.) Etwas ver­steckt in der Ecke und nicht offi­zi­ell Teil des Pro­gramms war­tet zuerst eine Instal­la­ti­on von Micha­el Snow, Puc­ci­ni Con­ser­va­to, die als eine post­hu­me Wür­di­gung für den kürz­lich ver­stor­be­nen Fil­me­ma­cher und Künst­ler aus­ge­stellt ist. Das Werk wird hier ton­los auf einem alten 4:3 Röh­ren­fern­se­her gezeigt. In dem Film spielt Snow etwas Puc­ci­ni auf einem PANA­SO­NIC-CD-Spie­ler und ver­sucht, den Rhyth­mus der Musik mit sei­ner hand­ge­führ­ten Kame­ra nach­zu­ah­men, ehe er Ver­satz­stü­cke von Natur­auf­nah­men zwi­schen­schnei­det: eine Blu­men­wie­se, Brenn­holz im Kamin. Nimmt man die­sem Kon­zept jedoch die Musik, bleibt nur eine schnel­le Abnut­zung von Ober­flä­chen, die sich nur begrenzt von selbst poetisieren.

Im Foy­er mit sei­ner ver­las­se­nen Bar ist ein Tri­but für den 2022 ver­stor­be­nen Taka­hi­ko Iimu­ras auf­ge­baut. Eine Sechs-Kanal-Video­in­stal­la­ti­on ver­sucht, das ers­te vom Arse­nal auf­ge­führ­te Pro­gramm sei­ner Wer­ke zu rekon­stru­ie­ren. Iimu­ra war einer der Pio­nie­re der Video­tech­nik, das Arse­nal aber damals noch nicht in der Lage, die­se auf eine Lein­wand zu pro­ji­zie­ren. So wur­den kur­zer­hand sechs Röh­ren­fern­se­her ange­schafft und mit­ein­an­der ver­bun­den, um die Wer­ke zei­gen zu kön­nen. Eine Anord­nung, die auch im silent green repro­du­ziert wird. Gezeigt wer­den vier Arbei­ten – A Chair, Blin­king, Time Tun­nel und I Am (Not) Taka­hi­ko Iimu­ra, I Am (Not) Aki­ko Iimu­ra – von denen ich Blin­king, einen zwei­mi­nü­ti­gen Fli­cker­film, der die übli­chen Fern­seh­test­bil­der in sei­ne Fre­quenz ein­ar­bei­tet, am bes­ten fin­de. I Am /​I Am (Not) ist die Art von struk­tu­rel­ler Arbeit, die in der Form­stren­ge ihrer Kon­zep­ti­on ihre Schön­heit und Schwä­che hat. Die Kame­ra rotiert um Taka­hi­ko und Aki­ko Iimu­ra, wäh­rend jede Ein­stel­lung mit einem Sprech­akt gleich­ge­setzt wird, der die Iden­ti­tät ent­we­der negiert, auf­fängt, spie­gelt, oder auf den Zuschau­er abschiebt. Der Witz ist, dass es kei­ne linea­re Kor­re­la­ti­on zwi­schen der Ein­stel­lung und der Ein­schrei­bung gibt, son­dern jede Per­spek­ti­ve ein­mal durch­ge­spielt wird, was das End­ergeb­nis aber auch wort­wört­lich um sich selbst krei­sen lässt. Time Tun­nel, der mit 32 Minu­ten längs­te Film im Pro­gramm, ver­folgt einen ähn­li­chen struk­tu­rel­len Ansatz. Als Zeit­rei­se­film mit Licht und Count­down, ent­fal­tet er schnell einen hyp­no­ti­schen Sog. Es sind die Ver­stol­pe­rer, die Unge­reimt­hei­ten in denen sich der Rhyth­mus zurück­setzt und neu for­ma­tiert, die mich ein­neh­men. Men­schen kom­men, set­zen sich, gehen wie­der. Erst nach etwa zwan­zig Minu­ten löse ich mich, gehe wei­ter in den Haupt­raum und bin überfordert.

Time Tun­nel: Taka­hi­ko Iimu­ra at Kino Arse­nal, 18. April 1973

Der Ton ist ein Zusam­men­prall aller Wer­ke. Er schwimmt von einer Instal­la­ti­on zur ande­ren, mischt sich ein, zieht dann auch wie­der ab, nur um an ande­ren Orten erneut über­ra­schend auf­zu­tau­chen. Es ist die­se Gleich­zei­tig­keit an Gefüh­len und Ein­drü­cken, die es aus­zu­hal­ten und ein­zu­ord­nen gilt. Die Wer­ke sind jeweils auf einer der drei Wän­de ver­la­gert. Links Edu­ar­do Wil­liams A Very Long Gif, mit­tig Wali Raads Com­ra­de lea­der, com­ra­de lea­der, how nice to see you und rechts die ver­blei­ben­den Arbei­ten von Ten­zin Phunt­song; eine Zwei-Kanal-Video­in­stal­la­ti­on namens Father Mother und drei Ein­zel­ka­nal­in­stal­la­tio­nen (Sum­mer Grass, Dancing Boy und Acha­la). Wil­liams Werk ist mit Abstand das bekann­tes­te der drei Künst­ler und mit 72 Minu­ten auch das längs­te Werk der Aus­stel­lung. Es ist ent­ge­gen des Titels kein .gif, son­dern eine Video­in­stal­la­ti­on mit drei teil­wei­se chan­gie­ren­den Krei­sen. Der größ­te, mitt­le­re Kreis zeigt Auf­nah­men einer pil­len­för­mi­gen Kame­ra, die Wil­liams geschluckt hat und die ihren Weg durch sei­nen Ver­dau­ungs­trakt macht. Die bei­den klei­ne­ren Krei­se sind Loops von All­tags­sze­nen, auf­ge­nom­men mit einem Tele­ob­jek­tiv. Ein Wech­sel­spiel der Inti­mi­tä­ten. Die Auf­nah­men haben einen Grad der Abs­trakt­heit, der die Ver­or­tung unmög­lich macht, ohne kom­plett die Kör­per­lich­keit auf­zu­ge­ben. Hier wird das Bild im wört­lichs­ten Sin­ne produziert.

A Very Long Gif

Die Arbeit wur­de wegen der abs­trak­ten Qua­li­tät der Kör­per­auf­nah­men mit Luci­en Cas­taing-Tay­lors und Véré­na Para­vels De Huma­ni Cor­po­ris Fabri­ca ver­gli­chen, fin­det im Kon­text der Aus­stel­lung aber sei­ne natür­li­che Span­nung im Dia­log mit Phunt­songs Ein­zel­in­stal­la­tio­nen, zu denen ich nach einer Wei­le hin­über­wan­de­re. Braucht Wil­liams für sei­nen Inti­mi­täts­ent­wurf die Grö­ße der Gale­rie, bleibt Phunt­song bei den Smart­phones. Durch das ein­jäh­ri­ge Ver­bot von WeChat in den USA, das die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Phunt­song und sei­ner Fami­lie abschnitt, wird das All­täg­li­che hier zum Schatz erho­ben und die Käs­ten teil­wei­se mit Jade ver­ziert. Die Auf­nah­men haben eine Unmit­tel­bar­keit, die sei­nen Video­ar­bei­ten durch ihre Bild­grö­ße schlicht fehlt. Mei­ne liebs­te die­ser Auf­nah­men ist Sum­mer Grass. Man sieht Ein­drü­cke aus der Mon­go­lei, das Wei­de­land, die Scha­fe, die Her­den­hun­de, die Arbeit. Ein­mal gibt es einen Cut und wir sehen eine hand­ge­hal­te­ne Ein­stel­lung, wäh­rend die Kame­ra auf dem Pferd mit­rei­tet. Das Kern­pro­blem in der Rezep­ti­on eth­no­gra­phi­scher Arbei­ten ist oft, dass man ten­den­zi­ell mehr in den Bil­dern lesen will, als was sie eigent­lich zei­gen wol­len oder kön­nen. Ich läch­le und schaue zurück zu A Very Long Gif, wo der Kör­per nun dem Oze­an gewi­chen ist, in einer noch grö­ße­ren Bewe­gung auf­geht. Die bei­den äuße­ren Krei­se wech­seln Posi­tio­nen, ent­fer­nen sich lang­sam aus dem Frame, doch die Wel­len blei­ben bestän­dig. Dann wird der Bild­schirm schwarz. Der Film star­tet von vor­ne. Ich sehe einen Raum in einem Kran­ken­haus, Wil­liams und sei­nen Part­ner, ein Dok­tor. Die pil­len­för­mi­ge Kame­ra wird dem Fil­me­ma­cher gereicht, ein kur­zes Lächeln, dann ist sie geschluckt und die Kör­per­wel­ten begin­nen von vor­ne. Ich fra­ge mich, wo die Gren­zen die­ses „Aus­hal­tens“ sind, wo die Arbei­ten sich erlau­ben zusam­men­zu­bre­chen und nicht mehr von vor­ne begin­nen, aber fin­de kei­ne Antworten.

Zwi­schen den Arbei­ten Wil­liams und Phunt­song, spielt Wali Raads Com­ra­de lea­der, com­ra­de lea­der, how nice to see you ein ein­mi­nü­ti­ger Zwei-Kanal Loop. Raad pro­ji­ziert Was­ser­fäl­le an die Wand, die von der Decke zum Boden flie­ßen und wegen ihrer Grö­ße bereits aus der Vor­hal­le erkenn­bar sind. Nähert man sich ihnen, erkennt man klei­ne Papp­sta­tu­en ehe­ma­li­ger Anfüh­rer, die am Boden posi­tio­niert sind und von der Was­ser­men­ge erschla­gen wir­ken. Die Tafel auf der Sei­te erklärt, dass die zahl­rei­chen Mili­zen, die sich wäh­rend den liba­ne­si­schen Krie­gen form­ten, die Was­ser­fäl­le nach den poli­ti­schen Anfüh­rern der Län­der benann­ten, die sie unter­stüt­zen. Als sich die Alli­an­zen änder­ten, wur­den die Was­ser­fäl­le schlicht umbe­nannt. Wie­der und wie­der und wie­der. Heu­te sind die Was­ser­fäl­le im Leba­non als „Fick­le Falls“ bekannt. Raad ver­sucht bewusst nicht Bedeu­tungs­ho­heit zurück­zu­ge­win­nen, son­dern die Iro­nie die­ses Unter­fan­gens auf­zu­zei­gen. Eine klei­ne, gro­ße Arbeit.

Com­ra­de lea­der, com­ra­de lea­der, how nice to see you

Etwas abge­schirmt am Ende des Rund­gangs wird Tamer El Saids Bor­ro­wing A Fami­ly Album gezeigt. El Said arbei­tet dabei mit Erin­ne­rungs­for­ma­tio­nen, ver­sucht das Per­sön­li­che im Fami­li­en­ar­chiv einer grie­chi­schen Fami­lie zu fin­den. El Said hat­te eine Schwes­ter, Eman, die, als sie vier oder fünf Jah­re alt war, ver­schwand. Spiel­zeug, Bil­der, Name. El Said war sich ihrer Exis­tenz des­we­gen lan­ge Zeit unsi­cher, erfand neue Erin­ne­run­gen und Pro­jek­ti­ons­flä­chen, um sie am Leben zu hal­ten. Als er 14 wird, erwähnt ein Ver­wand­ter ver­se­hent­lich ihren Tod. Bor­ro­wing A Fami­ly Album spielt mit die­sen Ersatz­er­in­ne­run­gen, in denen die eige­ne Geschich­te in den Doku­men­ten ande­rer fort­ge­schrie­ben wird.

Die Instal­la­ti­on selbst ist raum­grei­fend und kom­plex. Es ist eine Sechs-Kanal-Video­in­stal­la­ti­on von Super8-Auf­nah­men des Fami­li­en­ar­chivs. (Ein Kind lernt lau­fen. Der Vater lächelt breit und führt es an den Hän­den.) Ein Foto­tisch mit Auf­nah­men aus dem Fami­li­en­al­bum und zwei klei­ne­re Loops. Dar­auf eben­falls zwei Foto­al­ben mit Abzü­gen aus dem Fami­li­en­al­bum und die Bit­te an die Besu­cher, ihre Asso­zia­tio­nen zu den Bil­dern zu tei­len. Die Foto­al­ben sind fast bis zum Ende hin gefüllt. In Chi­ne­sisch, Korea­nisch, Deutsch, Spa­nisch, Ita­lie­nisch und mehr oder weni­ger fes­tem Eng­lisch. Man­che beschrei­ben nur die Bil­der, ande­re schrei­ben aus der Per­spek­ti­ve der grie­chi­schen Fami­lie, vie­le wer­den per­sön­lich. Ich will die­sen Bei­trag, dar­um auch mit frem­den Wor­ten schlie­ßen. Sie gehö­ren einem roten Bunt­stift, der cir­ca fünf Ein­trä­ge in dem Foto­buch hin­ter­las­sen hat. In Chi­ne­sisch und Eng­lisch. Manch­mal sogar in Ergän­zung oder als Kom­men­tar zu frem­den Ein­trä­gen. Die Per­spek­ti­ve ist hier gram­ma­ti­ka­lisch nie so klar: es wird sowohl fan­ta­siert als auch pro­ji­ziert. Erzählt und erfun­den. Der Ein­trag und des­sen Schluss­zei­le, die auch den Titel die­ses Bei­trags aus­macht, ist zu einem der bemer­kens­wer­tes­ten Bil­der geschrie­ben wor­den. Ein Kind balan­ciert auf der Stan­ge einer Brü­cke. Der Schritt ist gelang­weilt, die Hän­de sacht an den Sei­ten gehal­ten. So selbst­ver­ständ­lich, als könn­te es nie stol­pern oder fal­len. Der Text erzählt roman­tisch von der Frei­heit und der Ein­sam­keit, beschreibt sie als all­um­fas­send und uns struk­tu­rie­rend. “I find breath, I catch air. I see mys­elf ful­ly. Each silent moment. – ”

Bor­ro­wing A Fami­ly Album