Justin de Marseille

And Life Goes On: Justin de Marseille von Maurice Tourneur

Eine Grup­pe von Kin­dern zieht durch den Vieux Port von Mar­seil­le. Ange­führt wird sie vom hie­si­gen Dorf­trot­tel, der wild ges­ti­ku­lie­rend den Jun­gen und Mäd­chen den Weg weist. Ohne gro­ße Umschwei­fe wird hier deut­lich gemacht an wel­chem Ort man sich befin­det. Die Kin­der besin­gen Frank­reichs zweit­größ­te Stadt, das mun­te­re Trei­ben des Fisch­markts steht stell­ver­tre­tend für süd­fran­zö­si­sches bon viv­re. Die ver­täu­ten Boo­te im Alten Hafen und der Markt­lärm wer­den im Ver­lauf des Films wie­der­holt zur Stim­mungs­bil­dung beitragen.

Justin de Marseille

Mit­ten­drin wird ein Repor­ter aus dem Nor­den auf den Umzug auf­merk­sam. Er soll über die kri­mi­nel­len Ban­den berich­ten, die Mar­seil­le seit eini­ger Zeit unsi­cher machen; ein Mar­ke­ten­der emp­fiehlt ihm über „Jus­tin“ zu schrei­ben. Der namens­ge­ben­de Prot­ago­nist des Films sorgt für Ord­nung in der Unter­welt der Hafen­stadt. Spä­ter wird ihn der Repor­ter mit den berühm­ten Paten Chi­ca­gos ver­glei­chen und ohne Zwei­fel hat sich Regis­seur Mau­rice Tour­neur die ame­ri­ka­ni­sche Gangs­ter­tra­di­ti­on zum Vor­bild genom­men. Tour­neur, wie Jah­re spä­ter sein Sohn Jac­ques, war lan­ge Zeit selbst in den Staa­ten tätig gewe­sen und hat sich dort als Stumm­film­re­gis­seur sei­ne Spo­ren ver­dient und sich für Jus­tin de Mar­seil­le inspi­rie­ren las­sen. Jus­tin hat so eini­ges gemein­sam mit den dubio­sen Licht­ge­stal­ten der gro­ßen Gangs­ter­epen der frü­hen 30er Jah­re. Er ist lis­tig, aber char­mant, gene­rös, aber durch­set­zungs­fä­hig. Der Han­dels­ha­fen von Mar­seil­le ist für ihn der idea­le Umschlag­platz für (ille­ga­le) Waren aller Arten und sei­ne klu­gen Metho­den über­for­dern die ört­li­che Zoll­wa­che. Ein­zig der ita­lie­ni­sche Empor­kömm­ling Espo­si­to, der ver­sucht das lukra­ti­ve Schmug­gel­ge­schäft an sich zu rei­ßen, macht ihm zu schaf­fen, droht er doch das fra­gi­le Gleich­ge­wicht der inter­na­tio­na­len „Han­dels­part­ner“ zu stören.

Der inter­na­tio­na­le Flair Mar­seil­les trägt ent­schei­dend zur Stim­mung des Films bei. Das Lokal­ko­lo­rit erstreckt sich nicht bloß auf den Akzent und das Set­ting, son­dern sorgt auch für eine Spur Exo­tik und über­tüncht die moti­vi­schen Anlei­hen beim Gangs­ter­gen­re. Mar­seil­le, das ist fron­tier, der Hafen die letz­te Bas­ti­on vor den unend­li­chen Wei­ten der Welt­mee­re. Hier tum­meln sich aller­hand abson­der­li­che und zwie­lich­ti­ge Gestal­ten. Chi­ca­go mag das ver­ruch­te Vor­bild in den Repor­ta­gen des Pari­ser Jour­na­lis­ten sein, doch in vie­ler­lei Hin­sicht ist das Mar­seil­le Jus­tins ein Grenz­pos­ten im Wil­den Wes­ten. Erstaun­lich, wie der Film ver­mei­det Ste­reo­ty­pen des Gangs­ter­gen­res all­zu stark zu bedie­nen, aber dabei in die Sphä­ren eines ande­ren klas­sisch ame­ri­ka­ni­schen Gen­res abglei­tet. Die star­ke loka­le Prä­gung, die den Film vor all­zu ver­hoh­le­nen Ver­glei­chen mit der Gangs­ter­welt bewahrt, führt zu einem Auf­blit­zen des mythi­schen Glan­zes des gesetz­lo­sen, ame­ri­ka­ni­schen Wes­tens. Die Wirk­mäch­tig­keit des Wes­tern­gen­res ist anschei­nend so groß, dass unwei­ger­lich sol­che Ver­bin­dun­gen auf­tre­ten, sobald sich ein Film so stark sei­nem Set­ting hingibt.

Justin de Marseille

In Fra­gen der Insze­nie­rung hebt sich Jus­tin de Mar­seil­le jedoch von bei­den Gen­res ab. Zum einen ist der Film recht anti-kli­mak­tisch – das ent­schei­den­de Duell zwi­schen Jus­tin und Espo­si­to fin­det Off-Screen statt, der gro­ße Coup, der die­sem vor­aus­geht, geht ohne gro­be Kom­pli­ka­tio­nen über die Büh­ne –, zum ande­ren spart der Film mit Gewalt und Blut. Jus­tin ist kein bru­ta­ler Ban­den­chef, der bei jedem Anlass mit den Fäus­ten spricht, son­dern ver­lässt sich auf sei­ne guten Kon­tak­te zu den Ord­nungs­hü­tern, sou­ve­rä­nes Auf­tre­ten und aus­ge­klü­gel­te Plä­ne. Er ist kein mor­den­der Sozio­path, son­dern ein klu­ger Stra­te­ge, der das Leben genie­ßen möch­te, anstatt in stän­di­ger Furcht vor Rache­ak­ten zu leben. Alles in allem, und das unter­schei­det ihn eben­falls von sei­nen ame­ri­ka­ni­schen Vet­tern, ist er ein sym­pa­thi­scher Kerl, dem man ver­gönnt letzt­end­lich die Ober­hand zu behal­ten. So ein Ende wäre im Hol­ly­wood des Pro­duc­tion Codes undenk­bar, doch in Mar­seil­le, da geht das Leben ein­fach weiter.