Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Copie Conforme: Entre onze heures et minuit von Henri Decoin

Man kann wohl unter­schei­den zwi­schen Fil­men, die mehr in einen Dia­log mit der Welt tre­ten und Fil­men, die mehr in einen Dia­log mit dem Kino tre­ten. Ent­re onze heu­res et minuit von Schwimm­welt­meis­ter Hen­ri Deco­in gehört mit gro­ßer Sicher­heit zu letz­te­rer Kate­go­rie. Es ist ein vogel­wil­der Meta-Noir-Dop­pel­gän­ger-Film, beses­sen von den Wel­ten des ame­ri­ka­ni­schen Gen­res und so sehr dar­in ver­haf­tet, dass er stän­dig zur glei­chen Zeit par­odis­tisch und tod­ernst daher­kommt. Schon zu Beginn erfährt man die Gang­art, als in einer Art Pro­log vor einem Film­thea­ter über die Dop­pel­gän­ger des Kinos phi­lo­so­phiert wird. Mit dabei sind neben Char­lie Chap­lin in The Gre­at Dic­ta­tor auch Edward G. Robin­son in The Who­le Town’s Tal­king und Lou­is Jou­vet in Copie Con­for­me. Der Dop­pel­gän­ger habe Hoch­kon­junk­tur im Kino. Es ist eben jener Jou­vet, der auch in Ent­re onze heu­res et minuit die Haupt­rol­le spielt und so kann man die­sen Beginn schon fast als eine iro­ni­sche Recht­fer­ti­gung für den Film betrach­ten. Ähn­li­ches konn­te man vor kur­zem in Abel Fer­ra­ras Wel­co­me to New York sehen. Men­schen tre­ten aus dem Kino und Deco­in beginnt hier sein State­ment für eine Welt der Illu­sio­nen und Geheim­nis­se abzu­feu­ern. Sie beschwe­ren sich über die Unglaub­wür­dig­keit sol­cher Fil­me. Eine ver­bit­ter­te, älte­re Frau mit her­un­ter­hän­gen­den Mund­win­keln, die stän­dig den Bli­cken ihres Gat­ten aus­weicht und von einer Erzähl­stim­me als „char­mant“ bezeich­net wird, sagt die­sem auf die merk­wür­digs­te und des­il­lu­sio­nie­rends­te Art, dass er ein­zig­ar­tig sei. Die bei­den recht­fer­ti­gen die Rea­li­tät als dem Kino über­le­gen, aber sie haben ihre Rech­nung ohne Deco­in gemacht. Die bei­den set­zen sich in ihr Auto und plötz­lich taucht ein Dop­pel­gän­ger vor ihnen auf.

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Von die­sem Zeit­punkt gibt es kein zurück mehr, es geht hin­ein in die Schat­ten­wel­ten des Kinos, das Her­aus­kom­men aus dem Tem­pel des Films zum Auf­takt war die sinn­lo­se Ges­te einer Des­il­lu­sio­nie­rung, denn was Deco­in uns klar­macht ist, dass der dop­pel­te Boden des Kinos über­all lau­ern kann. Dar­über hin­aus ist es gera­de die Unsi­cher­heit über Ori­gi­nal und Fäl­schung, die hier zur glei­chen Zeit Span­nung und Humor beinhal­tet. Auf ein­mal befin­den wir uns in einem Tun­nel. Mit Blen­den und extrem unter­sich­ti­gen Ein­stel­lun­gen fol­gen wir Schat­ten an der Wand, Lich­ter spie­geln sich auf den dunk­len Gangs­ter­au­tos. Es gibt Schüs­se, jemand geht zu Boden. Wer hat geschos­sen? Dann ler­nen wir Jou­vet in der Rol­le des Kom­mi­sars Car­rel ken­nen. Ein grim­mi­ger, wach­sa­mer Mann, der ein­mal sagt, dass er ab jetzt lie­ben und geliebt wer­den will und das auf kei­nen und doch auf jeden Fall ernst meint. Er ermit­telt in einem Haus, indem man sein eige­nes Wort kaum ver­ste­hen kann, wenn die Pari­ser U‑Bahn vor­bei­fährt. Sol­che Absur­di­tä­ten am Ran­de zie­hen sich durch den gan­zen Film. So neh­men sich Poli­zis­ten gegen­sei­tig Krü­mel aus dem Gesicht wäh­rend Gangs­ter sich bestän­dig an ihren eige­nen Plä­nen erfreu­en. Auf einer Mode­schau, die mit dem Gang einer Frau beginnt, bei dem man nicht weiß, ob es sich um eine Zeit­lu­pe han­delt oder nicht, wer­den die Klei­der nach Best­sel­ler­ro­ma­nen benannt: „I kil­led a cop“, woan­ders kommt sich ein Klein­gangs­ter vor wie in einem syn­chro­ni­sier­ten Film.

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Ein Poli­zist flüs­tert Car­rel etwas ins Ohr. Es geht um die Lei­che im Tun­nel: Die­se wür­de dem Kom­mis­sar bis zu den Haar­spit­zen ähneln! Et voi­là, will­kom­men im rei­gen­haf­ten Spiel der Wen­dun­gen und irr­sin­ni­gen Situa­tio­nen. Natür­lich wird Car­rel in die Rol­le des eigent­lich Ver­stor­be­nen schlüp­fen und sozu­sa­gen under cover of his own face ermit­teln. Ori­gi­nal und Fäl­schung machen Lie­be bis zur nebe­li­gen Gren­ze der iro­nisch-düs­te­ren Noir-Land­schaft. So taucht der dop­pel­te Boden bald auch in den kri­mi­nel­len Plä­nen des eigent­lich ver­stor­be­nen Vidau­ban auf, der sich bei einer Mode­schau als Opfer insze­nie­ren woll­te, obwohl er ein Täter war. Vidau­ban, so wird ein­mal bemerkt, das könn­te auch der Name eines Getränks oder einer Pil­le sein und so folgt die Logik des Films einer Unsi­cher­heit über Wahr­heit und Fäl­schung bis zu den Geld­schei­nen und natür­lich der Lie­be selbst, die sich womög­lich im absur­den Spiel zwi­schen dem Kom­mis­sar und der Lei­che fin­den lässt.

Man darf sich hier nicht vor­stel­len, dass Car­rel im Stil eines vor­be­rei­te­ten Super­agen­ten in die Rol­le des Kri­mi­nel­len schlüpft. Ganz im Gegen­teil, er ist ein Impro­vi­sa­ti­ons­künst­ler, der stän­dig aus dem Ver­hal­ten, der Aus­sa­gen und der Mimik sei­nes jewei­li­gen Gegen­übers fil­tern muss, war­um er eigent­lich hier ist. Dar­aus ent­ste­hen äußerst komi­sche Dia­lo­ge und Situa­tio­nen. Ein Höhe­punkt ist sicher­lich eine Sze­ne im Tanz­lo­kal. Eine blon­de Frau, rau­chend, for­dernd, sitzt am Neben­tisch und starrt den ver­un­si­cher­ten Car­rel als Vidau­ban bestän­dig ver­lo­ckend an. Car­rel blickt immer wie­der etwas hilf­los und fra­gend zu ihr. Hier offen­bart sich die gan­ze Kraft von Ent­re onze heu­res et minuit, denn zum einen ensteht aus dem Geheim­nis um die­se Frau ein Span­nungs­mo­ment, eine gefähr­li­che Situa­ti­on um eine mög­li­che Mör­de­rin und Femme Fata­le im jaz­zi­gen Dunst eines Blicks, der ganz im Gegen­teil zu jenem der „char­man­ten“ Frau zu Beginn des Films tau­send Geschich­ten in sich trägt und zum ande­ren liegt in der Hilf­lo­sig­keit und Ver­lo­ren­heit von Car­rel die Komik, das Par­odis­ti­sche. Die­ser dop­pel­te Boden hat es wirk­lich in sich, weil die für das Gen­re so ent­schei­den­de „Und dann?“ Logik hier wie so oft in ein Laby­rinth führt, aber die­ses Laby­rinth besteht aus Spie­geln, die einem zum Lachen brin­gen. Oft denkt man mehr an Lubit­sch als an Carol Reed, aber Reed ver­schwin­det nie völlig.

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Es ist der ver­spiel­te Insze­nie­rungs­rausch, der aus einer augen­zwin­kern­den Lie­be zum Kino ent­steht, die Deco­in auf­ge­saugt hat und durch den Ziga­ret­ten­rauch geheim­nis­vol­ler Gesich­ter wie­der auf die Lein­wand bläst. Dabei macht er kei­nen beson­ders gefähr­li­chen oder außer­ge­wöhn­li­chen Film, aber in der hand­werk­li­chen Sou­ve­rä­ni­tät und Viel­schich­tig­keit ent­fal­tet sich eine Wild­heit, die einen die­se Lie­be zum Kino spü­ren lässt. Ich habe sol­che Fil­me lan­ge Zeit Truf­f­aut-Fil­me genannt, viel­leicht lag das an per­sön­li­chen Erin­ne­run­gen und Erleb­nis­sen, viel­leicht, weil man nach einem sol­chen Film Truf­f­aut sein möch­te, mit Leder­ja­cke und Enthusiasmus,das Kino gese­hen und geküsst.