Vor einigen Monaten berichtete mir ein Freund, dessen Sohn seit ein oder zwei Jahren dem Fußballfieber verfallen ist, dass es bei den Kindern in seinem Umfeld inzwischen üblich sei, nicht mehr Fan einer bestimmten Mannschaft sondern von einzelnen Spielern zu sein. Die Kinder würden eher Mbappé oder Haaland lieben, nicht mehr Werder Bremen oder Arsenal London. Wir waren uns einig, dass das eine bedauerliche Entwicklung ist, weil ein solcher Personenkult den Blick auf den eigentlichen Sport, eine Mannschaftsangelegenheit immerhin, verstellt und die eigentümliche Herzensbindung an einen Verein tilgt, die auch mit bestimmten Werten und einer historischen Narration verbunden ist.
Während der letzten Wochen musste ich häufiger an den Sohn meines Freundes denken. Bei der aufgeblasenen und alles in allem untragbaren Weltmeisterschaft in Übersee waren und sind (das Turnier läuft ja immer noch…) es nämlich vor allem die Stars, die im Fokus stehen: Messi, Mbappé, Haaland, Kane (der mit Donald Trump Golf gespielt hat, wie man erfuhr, und man fragt sich, in welcher Welt diese Menschen leben) oder Dembélé. Selbst um die, die nicht auf ihrem höchsten Niveau gespielt haben und spielen, wie Ronaldo und Yamal, dreht sich alles. Dazu kommen die penetranten Kameraaufnahmen von Legenden des Spiels auf den VIP-Tribünen. Müde Gestalten, die sicher keinen Eintritt bezahlen mussten, um ihren staubigen Glanz zu versprühen und die in feinem, oftmals zu engen Zwirn beinahe einschlafen bei all den nicht gerade berauschenden Spielen. Die Torjägerliste liest sich wie ein Inventar der Stars und überall wird spekuliert, warum das so ist. Man spricht von Unterschiedsspielern und der besonderen Magie, die diese Einzelkönner mitbringen. Gegen die tiefen Verteidigungsblöcke, so liest man, brauche es eben das Außergewöhnliche. Nie schien der berühmte Satz des lange verstorbenen schottischen Trainers Bill Shankly passender: «Fußball ist wie Klavier spielen. Du brauchst acht Mann, die es tragen und drei, die es spielen können.»
Es sagt jedoch viel, dass diese außergewöhnlichen Könner allesamt Offensivspieler sein sollen. Scheinbar muss man nichts können, um zu verteidigen oder ein Spiel zu eröffnen. Bei allem, was dieses Turnier und sein Drumherum dem Fußball antut (wobei man zugeben muss, dass die FIFA letztlich nur jene Aspekte ins Pervertierte fortführt, die ohnehin schon angelegt sind in der ideologisch fragwürdigen Kommerzmaschine), ist die Erzählung von den Einzelnen, die alles entscheiden, eine der traurigsten Entwicklungen. Sie lässt den ohnehin nicht gerade vor Komplexität strotzenden Sport noch weiter verdummen. Zugegeben, bei den Nationalbewerben ist der Aspekt einzelner Spieler seit jeher gewichtiger als im Vereinsfußball. Das taktische Niveau ist niedriger, die Teams sind nicht in gleichem Maße eingespielt. Trotzdem wissen alle, die schon einmal fünf Minuten beim Kleinfeld-Hobbyturnier in Langweid am Lech über den zu hohen Rasen gehechelt sind, dass man alleine nichts bewegen kann in diesem Sport.
Und dann gibt es die spanische Mannschaft. Es wäre ein bisschen viel, ihr zu unterstellen, sie würden den Fußball retten. Manche würden sogar so weit gehen, ihr das Gegenteil vorzuwerfen. Allzu mechanisch abwägend, wirkt ihr am eigenen Ballbesitz, und nur an diesem, interessiertes Spiel. Wenn sie spielen, passiert oft lange nichts. Sie drosseln das Tempo, mindern die Möglichkeiten auf Überraschendes. In den besten Angriffspositionen wenden sie plötzlich ab und spielen zurück bis zum eignen Torwart, als würde man wie in einer Trainingsform ein Tor nur dann erzielen, wenn alle elf Spieler den Ball berührt haben, nicht wenn das Netz zappelt. Sie spielen gewissermaßen ohne Überschuss, erledigen vielmehr das Nötigste, um zu gewinnen. Vor allem bedeutet das: Verteidigen. Ihr Trainer Luis de la Fuente Castillo, ehemals ein biederer Linksverteidiger (keiner, den man auf die VIP-Tribüne setzen würde), hat in den letzten Jahren eine Strategie perfektioniert, die jedem Gegner die Lust am Fußball raubt. Vor allem das extreme Gegenpressing bei Ballverlust fällt auf. Geht ein Ball verloren, umzingeln sofort mehre Spieler den Ballführenden und zwar nicht, um einen sofortigen Konter einzuleiten, sondern um den Ball sogleich wieder in den eigenen Reihen zirkulieren zu lassen. Was es dafür braucht, ist eine enorme taktische Disziplin und Laufbereitschaft.
Im Halbfinale gegen Frankreich am gestrigen Abend konnte man eine solche Szene über fünfzig Mal sehen. Der oftmals verpönte Rückpass ist von dieser Mannschaft zur Kunstform erhoben worden. Sie spielen ihn selbst dann, wenn er eigentlich gefährlich ist, durch zwei lauernde Angreifer hindurch oder gegen das Anrennen der Gegenspieler. Dazu kommt, dass die Spieler aussehen wie Bürokraten aus dem Bürgeramt und deren Praktikanten. Meist muss man nichts Schlimmes von ihnen befürchten, man fragt sich, ob sie ein Leben haben (spielen sie Golf?) und sobald man das Amt verlässt, hat man ihre Gesichter wieder vergessen.
Laporte, Merino, Oyarzabal, Baena, Porro, Simón, Fabián, Cubarsí, Olmo. Ferran Torres, der gefühlt immer zur gleichen Minute eingewechselt wird, sieht aus, als wollte er lieber anderswo sein. Pedris Puls dürfte kaum über 100 gesprungen sein während der Spiele. Einzig der wildgelockte Cucurella und der inspirierte Yamal stechen ein bisschen aus dem Kollektiv heraus, aber nicht sehr weit und in ersterem Fall hat es sicher mehr mit der Erscheinung als der Interpretation des Fußballs zu tun.
Angeführt wird dieses Ensemble von Rodri, der wie so viele in der Mannschaft während des Turniers Geburtstag feierte. Wenn er seine Torte so schnitt, wie er Fußball spielt, waren alle Stücke, die er verteilte, genau richtig bemessen. Wer auf den Bildschirm starrt, um zu warten, bis es lauter wird, kann diesen Mann gar nicht sehen. Kaum etwas, was er macht, fällt auf. So wie er spielt, stellen wir uns vor, dass Beckenbauer gespielt hat. Jeder Pass ist wohltemperiert. Die Bewegungen folgen einer ausgewogenen Logik des Raumes. Wie die Allergrößten kann er die Zeit verändern. Er verlangsamt oder beschleunigt (eher selten). Dasselbe gilt für den Raum, der durch ihn mal größer und mal kleiner wird. Er kann einen Ball langweilig spielen. Der Ball langweilt sich fast, wenn er in dieser Weise von ihm berührt wird. Aber er kann ihn auch erregen, bezirzen, verführen, verletzen, bezaubern. So oder so erinnert er daran, dass dieses Spiel Schönheiten in sich trägt, die nicht mit dem Tor und dem Gewinnen zusammenhängen. Wer schonmal auf einem Bolzplatz stundenlang einen Gegner dem Ball vorenthalten hat, weiß wovon ich spreche: Die Freude der Überlegenheit, ein bisschen tatsächlich wie im Stierkampf, ein bisschen wie in all jenen Künsten, die es sich zum Wert erklärt haben, das Schwierige leicht und gewöhnlich aussehen zu lassen. Auch Rodri glänzt nicht. Auf den Trikots der Kinder steht Yamal nicht Rodri. In seinen Interviews strahlt er immerzu aus, dass sich alle beruhigen sollen. Es war nur ein weiterer Arbeitstag und es liegen noch einige Akten auf dem Tisch. Als das Spiel gestern beendet war, wachten die französischen Stürmer überrascht auf. Was, es ist schon vorbei? Es hat doch gerade erst begonnen?, fragten sie. Sie waren Rodris Zeitzauber unterlegen.
Während der vergangenen Saison gab es viele kontroverse Diskussionen über den Spielstil des FC Arsenal. Im Guardian echauffierten sich Journalisten wiederholt über die mechanische, risikominimierende, auf Standards ausgelegte Spielweise. Es wäre ein Grauen, diesem Team beim Siegen zuzusehen, hieß es da. Die meisten Fußballfans pflichteten bei. Mit Merino, Zubimendi und Raya sind immerhin drei Spieler aus der Equipe des spanischen Trainers Mikel Arteta, wenn auch in untergeordneter Rolle, Teil der spanischen Auswahl. Arsenal wurde zum ersten Mal seit 22 Jahren Meister, auch weil sie verstanden haben, dass man Fußballspiele dann gewinnt, wenn man das Spiel des Gegners verunmöglicht. Fast wissenschaftlich berechnend wirkt das, erinnert etwa an das Fahren nach Wattzahlen im Radsport oder eine Diät nach genauer Abwägung der Kalorien. Es ist sicherlich nicht völlig abwegig, den spanischen Stil mit dem von Arsenal zu vergleichen. Und trotzdem steht dieses Spiel, der zwischen den Positionen pendelnden Pässe und Laufwege, dem stumpfsinnigen Stargetue entgegen. Er muss sich beruhigen, sagte Rodri folglich über den jungen Yamal, dessen Starambitionen in der eigenen Wahrnehmung leiden unter den fehlenden Toren. Er sei Teil der Mannschaft und leiste einen großen Beitrag. Genau diese in mancher Hinsicht anachronistische Unterwerfung unter das Gemeinsame ist die große Qualität der spanischen Mannschaft. Wenn alles versucht wird, um den im Kern doch sehr einfachen Sport aufzublasen, lässt diese Rückbesinnung auf dessen eigentliche Form die Luft aus solchen Bemühungen. Am Ende könnt ihr noch so nach Entertainment schreien, scheinen die Spanier zu sagen, schauen wir mal, wer nach dem Abpfiff gewonnen hat. Je extremer das Aufblasen desto heftiger das Luft-Rauslassen, das ist klar.
Die Narration des mannschaftlichen Gefüges gegen die Übermacht der Stars wurde freilich auch von den berichtenden Medien ausgeschlachtet. Man muss aufpassen, einer Mannschaft wie der von Frankreich zu unterstellen, sie würden nicht als Team agieren. Genauso wie man danebenliegen würde, den einzelnen spanischen Spielern ihre herausragenden Fähigkeiten abzusprechen, ganz im Gegenteil, Cubarsi beispielsweise ist einer der besten Spieler dieser WM. Es geht hier nicht um diesen Populärdiskurs von «Das ist keine Mannschaft», der immer dann bemüht wird, wenn man mal wieder bemerkt, dass die Faktoren des Zufalls und der unsichtbaren Dynamiken in einem solch absurden Spiel mit elf Akteuren und einem Ball und einem Schiedsrichter und einer Zeit, nicht wirklich zu greifen sind. Was ich hier meine, hängt an einer Haltungsfrage. Versteht der Orchestermusiker, dass der leise Ton, den man eigentlich gar nicht hört im Crescendo, entscheidend ist für die Wirkung? Die spanische Mannschaft jedenfalls entgegnet dem ausufernden Spektakel mit der nüchternen Schönheit des Zusammenspiels. Fußball als Raum- und Zeitsport. Für mehr Torraumszenen bleiben die zigfachen Highlightfunktionen in den Mediatheken. Wäre ich mein Freund, ich würde meinem Sohn ein Trikot der spanischen Nationalmannschaft geben. Ohne Namen drauf.

