Es wurde hinlänglich und berechtigt angewidert von der moralisch dreisten und inszenatorisch peinlichen Veranstaltung berichtet, die der Weltfußballverband vergangene Woche durchführte, um einen Spielplan für das im kommende Sommer stattfindende Weltmeisterschaftsturnier auszulosen. Nichts daran überraschte. In etwas mehr als zwei Stunden vollzog sich jedoch ganz nebenbei ein Anschauungsunterricht über den Gewichtsverlust von Bildern, eigentlich eine Zerstörung. Dreimal gab es im Lauf der TV-Übertragung ungefähr dreißig Sekunden lang Szenen aus der Weltmeisterschaftsgeschichte zu sehen, die üblichen Bilder einer quasi mythologischen Narration: Jubelposen, Gesichter, athletische Bewegungen, die sich über das Fernsehen ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben. Beckenbauer, Maradona, Pelé. Alles montiert zu einem emotionalen Rausch. Bilder, die jene, die es mit dem Fußball halten, begeistern.
Sich von diesen Immer-Wieder-Bildern verführen zu lassen, gehört zu einem identitätsstiftenden Prozess, der heute so in verschiedensten Gruppen bewusst erlebt wird, um sich einer Sache affirmativ widmen zu können. Man spielt mit, mit den Bildern, in den Bildern, sonst existiert das, was man sich erträumt, nicht. Die Kommentatoren bemühen den Begriff der Gänsehaut, um diese Produktion von Gemeinschaft sinnlich aufzuladen. Wer sich für den Fußball begeistern kann, wird der einen oder anderen gezeigten Szene mit Gefühlen begegnen können. Das lernt man mit der Zeit, man wird konditioniert auf diese Bilder. Die Bilder sind Erinnerung, Familie, leider auch Nationalidentität, sie bleiben unerreichbar, gerade weil sie so manipulierend nah an ein Selbstverständnis rücken (als hätten wir wirklich alle gemeinsam erlebt, wie dieses oder jenes Tor gefallen ist, als würden die Protagonisten noch leben). Die Bilder bleiben dabei federleicht, weil in ihnen zwar Enttäuschung angelegt sein kann, aber keine Furcht und Gewalt. Man könnte glauben, dass diese verbrauchten Bilder unzerstörbar sind. Aber so ist das nicht.
Als die erste Sequenz solcher Szenen über die Bildschirme flackerte, konnte man noch etwas spüren, ein irgendwo abgelegtes Vertrauen darin, dass das, was man sehen konnte, so wirklich geschehen ist und dass manches daran ganz erstaunlich, beglückend, atemberaubend oder ästhetisch schön ist.
Als jedoch zwanzig Minuten später erneut eine solche Sequenz gezeigt wurde, entstand rasch ein Verdachtsmoment, man bemerkte, wie diese Bilder gemacht sind (wie wenig sie sich in ihrer Machart von jenen unterscheiden, die davor und danach kamen, wie wenig von den hohlen Worten, den falschen Gesten und so weiter) und wie man von ihnen anvisiert wird, um genau die von den genannten Gefühlen bestimmten Reaktionen zu zeigen, die man gern freiwillig zeigen würde (die Bilder heute visieren einen an, man kann sie nicht mehr selbst aufsuchen). Man spürte, dass diese Bilder auch behaupten, dass sie wiederholbar sind und mit ihnen die Erinnerung, die Familie, die Nation, das alles wiederholbar ist oder bleibend, ewig, zumindest von Dauer. Man spürte, dass sie behaupten und nicht einfach sind.
Diese Veränderung hat sicherlich nichts mit ihrer Menge zu tun, die vielzitierte Bildinflation spielt hier keine Rolle, nichtmal, dass es immer die gleichen Bilder sind, ist entscheidend. Es liegt am Kontext, in den sie eingebettet werden. Der Kontext einer Propagandashow. Ein Bild existiert nicht unabhängig vom Rahmen, in dem es gezeigt wird. Auch das ist keine Überraschung, die Frage ist eher, welche Rahmen die Bilder schützen würden.
Ein unbedarft ins Bild huschendes Karnickel in einem Propagandafilm ist Teil der Propaganda, selbst wenn es nichts dafür kann, selbst wenn niemand es im Film haben wollte. Es mag schöner, aufrichtiger, vielschichtiger sein als der Rahmen, aber es kann ihn nicht sprengen. Der Rahmen dieser Veranstaltung war der Schlimmstmögliche, ein korrupter, billiger, egozentrischer Weihrauchrahmen, aber diesen Gewichtsverlust an Bildern kann man auch in anderen, weniger offensichtlich abgründigen Kontexten bemerken, eigentlich bemerkt man ihn die ganze Zeit. Propaganda als Modus, in dem der Rahmen die Bilder überdeckt.
(Notiz: Die Bilder vor den Kontexten schützen!)
Als eine ähnliche Sequenz mit Szenen aus der Fußballgeschichte ein drittes Mal abgespielt wurde, ließen sich die Bilder nicht mehr vom Kontext unterscheiden. Sie wurden ein Teil der seichten Bedeutungsgenerierung, der kapitalistischen Onanie, des Dauerlärms, des politischen Arguments. Das, was aus den Bildern sprechen könnte, verstummte. Eine Jubelpose, eine schöne Bewegung, man spürte es, könnte ein Verbrechen sein, wenn damit verbrecherische Werte beworben werden, wenn überhaupt etwas beworben wird. Es geht nicht um einen äußerst naiven Glauben an die romantische Unschuld von Sport, es geht nur darum aufzuzeigen, wie fragil Bilder sind.
Jetzt nämlich versperrten die Bilder den Zugang zu genau jenen Gefühlen, die man ihnen zu Beginn noch entgegengebracht hat, das hat nichtmal eine Stunde gedauert. Die Bilder sind wertlos geworden, die an ihnen haftenden Gefühle verschwunden.
Wer schlau ist, hält in Zeiten der fahlen Kontexte, die Bilder zurück.

