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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Bilderzerstörung: Notiz zur Gruppenauslosung für die Fußballweltmeisterschaft 2026

Es wur­de hin­läng­lich und berech­tigt ange­wi­dert von der mora­lisch dreis­ten und insze­na­to­risch pein­li­chen Ver­an­stal­tung berich­tet, die der Welt­fuß­ball­ver­band ver­gan­ge­ne Woche durch­führ­te, um einen Spiel­plan für das im kom­men­de Som­mer statt­fin­den­de Welt­meis­ter­schafts­tur­nier aus­zu­lo­sen. Nichts dar­an über­rasch­te. In etwas mehr als zwei Stun­den voll­zog sich jedoch ganz neben­bei ein Anschau­ungs­un­ter­richt über den Gewichts­ver­lust von Bil­dern, eigent­lich eine Zer­stö­rung. Drei­mal gab es im Lauf der TV-Über­tra­gung unge­fähr drei­ßig Sekun­den lang Sze­nen aus der Welt­meis­ter­schafts­ge­schich­te zu sehen, die übli­chen Bil­der einer qua­si mytho­lo­gi­schen Nar­ra­ti­on: Jubel­po­sen, Gesich­ter, ath­le­ti­sche Bewe­gun­gen, die sich über das Fern­se­hen ins kol­lek­ti­ve Gedächt­nis ein­ge­schrie­ben haben. Becken­bau­er, Mara­dona, Pelé. Alles mon­tiert zu einem emo­tio­na­len Rausch. Bil­der, die jene, die es mit dem Fuß­ball hal­ten, begeistern.

Sich von die­sen Immer-Wie­der-Bil­dern ver­füh­ren zu las­sen, gehört zu einem iden­ti­täts­stif­ten­den Pro­zess, der heu­te so in ver­schie­dens­ten Grup­pen bewusst erlebt wird, um sich einer Sache affir­ma­tiv wid­men zu kön­nen. Man spielt mit, mit den Bil­dern, in den Bil­dern, sonst exis­tiert das, was man sich erträumt, nicht. Die Kom­men­ta­to­ren bemü­hen den Begriff der Gän­se­haut, um die­se Pro­duk­ti­on von Gemein­schaft sinn­lich auf­zu­la­den. Wer sich für den Fuß­ball begeis­tern kann, wird der einen oder ande­ren gezeig­ten Sze­ne mit Gefüh­len begeg­nen kön­nen. Das lernt man mit der Zeit, man wird kon­di­tio­niert auf die­se Bil­der. Die Bil­der sind Erin­ne­rung, Fami­lie, lei­der auch Natio­nal­iden­ti­tät, sie blei­ben uner­reich­bar, gera­de weil sie so mani­pu­lie­rend nah an ein Selbst­ver­ständ­nis rücken (als hät­ten wir wirk­lich alle gemein­sam erlebt, wie die­ses oder jenes Tor gefal­len ist, als wür­den die Prot­ago­nis­ten noch leben). Die Bil­der blei­ben dabei feder­leicht, weil in ihnen zwar Ent­täu­schung ange­legt sein kann, aber kei­ne Furcht und Gewalt. Man könn­te glau­ben, dass die­se ver­brauch­ten Bil­der unzer­stör­bar sind. Aber so ist das nicht.

Als die ers­te Sequenz sol­cher Sze­nen über die Bild­schir­me fla­cker­te, konn­te man noch etwas spü­ren, ein irgend­wo abge­leg­tes Ver­trau­en dar­in, dass das, was man sehen konn­te, so wirk­lich gesche­hen ist und dass man­ches dar­an ganz erstaun­lich, beglü­ckend, atem­be­rau­bend oder ästhe­tisch schön ist.

Als jedoch zwan­zig Minu­ten spä­ter erneut eine sol­che Sequenz gezeigt wur­de, ent­stand rasch ein Ver­dachts­mo­ment, man bemerk­te, wie die­se Bil­der gemacht sind (wie wenig sie sich in ihrer Mach­art von jenen unter­schei­den, die davor und danach kamen, wie wenig von den hoh­len Wor­ten, den fal­schen Ges­ten und so wei­ter) und wie man von ihnen anvi­siert wird, um genau die von den genann­ten Gefüh­len bestimm­ten Reak­tio­nen zu zei­gen, die man gern frei­wil­lig zei­gen wür­de (die Bil­der heu­te visie­ren einen an, man kann sie nicht mehr selbst auf­su­chen). Man spür­te, dass die­se Bil­der auch behaup­ten, dass sie wie­der­hol­bar sind und mit ihnen die Erin­ne­rung, die Fami­lie, die Nati­on, das alles wie­der­hol­bar ist oder blei­bend, ewig, zumin­dest von Dau­er. Man spür­te, dass sie behaup­ten und nicht ein­fach sind. 

Die­se Ver­än­de­rung hat sicher­lich nichts mit ihrer Men­ge zu tun, die viel­zi­tier­te Bild­in­fla­ti­on spielt hier kei­ne Rol­le, nicht­mal, dass es immer die glei­chen Bil­der sind, ist ent­schei­dend. Es liegt am Kon­text, in den sie ein­ge­bet­tet wer­den. Der Kon­text einer Pro­pa­gan­da­show. Ein Bild exis­tiert nicht unab­hän­gig vom Rah­men, in dem es gezeigt wird. Auch das ist kei­ne Über­ra­schung, die Fra­ge ist eher, wel­che Rah­men die Bil­der schüt­zen würden. 

Ein unbe­darft ins Bild huschen­des Kar­ni­ckel in einem Pro­pa­gan­da­film ist Teil der Pro­pa­gan­da, selbst wenn es nichts dafür kann, selbst wenn nie­mand es im Film haben woll­te. Es mag schö­ner, auf­rich­ti­ger, viel­schich­ti­ger sein als der Rah­men, aber es kann ihn nicht spren­gen. Der Rah­men die­ser Ver­an­stal­tung war der Schlimmst­mög­li­che, ein kor­rup­ter, bil­li­ger, ego­zen­tri­scher Weih­rauch­rah­men, aber die­sen Gewichts­ver­lust an Bil­dern kann man auch in ande­ren, weni­ger offen­sicht­lich abgrün­di­gen Kon­tex­ten bemer­ken, eigent­lich bemerkt man ihn die gan­ze Zeit. Pro­pa­gan­da als Modus, in dem der Rah­men die Bil­der überdeckt.

(Notiz: Die Bil­der vor den Kon­tex­ten schützen!)

Als eine ähn­li­che Sequenz mit Sze­nen aus der Fuß­ball­ge­schich­te ein drit­tes Mal abge­spielt wur­de, lie­ßen sich die Bil­der nicht mehr vom Kon­text unter­schei­den. Sie wur­den ein Teil der seich­ten Bedeu­tungs­ge­ne­rie­rung, der kapi­ta­lis­ti­schen Ona­nie, des Dau­er­lärms, des poli­ti­schen Argu­ments. Das, was aus den Bil­dern spre­chen könn­te, ver­stumm­te. Eine Jubel­po­se, eine schö­ne Bewe­gung, man spür­te es, könn­te ein Ver­bre­chen sein, wenn damit ver­bre­che­ri­sche Wer­te bewor­ben wer­den, wenn über­haupt etwas bewor­ben wird. Es geht nicht um einen äußerst nai­ven Glau­ben an die roman­ti­sche Unschuld von Sport, es geht nur dar­um auf­zu­zei­gen, wie fra­gil Bil­der sind. 

Jetzt näm­lich ver­sperr­ten die Bil­der den Zugang zu genau jenen Gefüh­len, die man ihnen zu Beginn noch ent­ge­gen­ge­bracht hat, das hat nicht­mal eine Stun­de gedau­ert. Die Bil­der sind wert­los gewor­den, die an ihnen haf­ten­den Gefüh­le verschwunden.


Wer schlau ist, hält in Zei­ten der fah­len Kon­tex­te, die Bil­der zurück.