Berlinale 2016: Eine göttliche Komödie

  • Eigentlich wollte ich hier auch lustige Anekdoten einstreuen. Leider hat sich noch nichts Nennenswertes ereignet. Alles ist wunderbar geordnet, stramm organisiert und Riesenwaffeln gibt es auch keine.
  • Was ist von Mia Hansen-Løves L’avenir zu halten? Zum einen darf man kritisch anmerken, dass das Milieu der bürgerlichen Philosophieprofessoren bereits abgegrast ist, zum anderen hat man die Figuren, die sich in dieser Welt tummeln selten so körperlich und intim kennengelernt. Es ist die Unmittelbarkeit der Bilder einer Kamera, die sich forschend um die Figuren bewegt ohne aufdringlich zu werden. Im Zentrum steht Isabelle Hupperts bleiche, und leicht ausgemergelte Nathalie, die nach jahrzehntelanger Ehe von ihrem Mann verlassen wird und daraufhin versucht, neu Fuß zu fassen. Wie in einer verdrehten Coming-of-age-Geschichte wird sie sich ihrer neuen Freiheit bewusst, es gelingt ihr aber nicht so recht ihre Energie zu kanalisieren; mit politischen Utopien hat sie abgeschlossen (ehemals überzeugte Kommunistin ist sie zur Reaktionären geworden); der Bedarf an neuen philosophischen Lehrbüchern ist überschaubar. Mia Hansen-Løves Filmographie des Scheiterns ist um einen Eintrag reicher, weiß seine Bitterkeit aber gut unter einem Schleier aus Intellektualismus und Naturaufnahmen zu verbergen. Fast könnte man sich den Film in einer Sonntagsmatinee für frankophile Pensionisten vorstellen, doch dafür fehlt L’avenir zum Glück der nostalgische Pathos, denn das Ende krönt kein Feuerwerk, sondern das Leben geht einfach weiter.
Continuity von Omer Fast

Continuity von Omer Fast

  • Wer hätte gedacht, dass das erste Festivalhighlight ein deutscher Film ist? Continuity von Omer Fast entstand ursprünglich für die documenta 13, Fast hat die ursprüngliche Arbeit, die aus drei geloopten Segmenten bestand, nun jedoch neu geschnitten und um einige neue Szenen erweitert. Der eineinhalbstündige Spielfilm, der daraus entstanden ist, lässt sich nur schwer beschreiben. Im Zentrum steht ein Paar in mittlerem Alter, dass in einer bürgerlichen Wohnsiedlung lebt. Ihr Sohn scheint in Afghanistan gefallen zu sein, die Mutter wirkt traumatisiert. Ein Anruf, eine Autofahrt, die beiden holen einen jungen Mann vom Bahnhof ab, der die Rolle des Sohns übernehmen soll. Dieser Versuchsaufbau wiederholt sich noch zwei Mal mit anderen Männern und endet jeweils mit einem gemeinsamen Abendessen und sexuellen Allusionen. Geht es den beiden mehr um inzestuöse Sexualfantasien als um einen Sohnersatz? Gab es überhaupt jemals einen Sohn? Konsequent gibt der Film seine Bedeutungshoheit ab: mit jeder Iteration nehmen die Interpretationsmöglichkeiten zu; (Alb-)Traumbilder korrumpieren die betont naturalistische Bildgestaltung; Zeit- und Fiktionsebenen verschwimmen. Fast unternimmt einen gefährlichen inszenatorischen Tanz, indem er die immersiven Wirkung des psychologischen Kammerspiels immer wieder durch distanzierende Momente unterbricht, Figuren und Handlungsfolgen quasi neu erfindet. Es bleibt schlussendlich dem Betrachter und dessen persönlichen Erfahrungen überlassen, wie er die zahllosen im Material veranlagten thematischen Allusionen gewichtet und welche chronologische und kausale Reihung er vornimmt. In jedem Fall sieht man im deutschen Kino selten so eine elliptische Vorstellung von Raum und Handlungsfolgen. Schade, dass der Film im Forum Expanded weitestgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit läuft.
  • Mit Remainder hat Omer Fast noch einen zweiten Film im Programm, der aber leider weniger überzeugen kann. Remainder ist ein prätentiöser Film, wie man ihn sich von einem Überläufer aus dem Kunstbereich vorstellt. Das fängt bei der bedeutungsschwangeren Bildgestaltung an und endet mit der kühl-distanzierten Unnahbarkeit mit der die Figuren behandelt werden. Es sind Filme wie dieser, die dem Begriff „Kunstfilm“ seine pejorative Dimension geben: aufgesetzt, klinisch und konstruiert. Grundsätzlich ist durchaus positiv anzumerken, wenn ein Film sich einer einfachen Deutung widersetzt, Remainder macht das jedoch aus Berechnung, bleibt kryptisch, weil es das Drehbuchkonstrukt so vorsieht und nicht weil es sich aus der Notwendigkeit von Form und Inhalt so ergibt. Da hilft es auch nicht, dass der Film in seinen besseren Momenten an Charlie Kaufmans Synecdoche, New York erinnert und das Finale gekonnt inszeniert ist und für einiges an Spannung sorgt.
  • „Behave yourself, Emily!“ Das Leben im puristischen 19. Jahrhundert war eindeutig kein Zuckerschlecken. Das wissen wir aus einschlägigen Literaturverfilmungen und Biopics von Merchant-Ivory und Konsorten. Gestelzte Dialoge und bauschige Kostüme gehören in Filmen dieser Art ebenso zum guten Ton, wie die Bedrückung und Bitterkeit, die durch die gesellschaftlichen Verhältnisse entsteht. A Quiet Passion von Terence Davies spart nicht mit gestelzten Dialogen, bauschigen Kostümen und Bitterkeit, zählt aber dennoch (ein wenig überraschend) zu den besseren Filmen, die ich bisher gesehen habe. Das liegt zu großen Teilen an der grandiosen schauspielerischen Leistung von Cynthia Nixon, die Emily Dickinson verkörpert, deren stille Passion dem Film seinen Namen gibt. Nicht weniger bedeutend für die Wirkung des Films ist eine tonale Umkehrung erzählerischer Konventionen. Anders als verwandte Filme, die die tragischen Verhältnisse am Ende in einem Happy-End verpuffen lassen, gibt sich A Quiet Passion als bissige Komödie (der Kinosaal bog sich vor Lachen), um am Ende vollends in bitterernster Tragik aufzugehen. Emily altert und verhärmt, den Bildern wird die Farbe entzogen, die Lacher bleiben zunehmend im Halse stecken. So gesehen ist A Quiet Passion ein Film der Gegensätze, der seiner Protagonistin alle Ehre wert macht, zugleich fromme Gläubige und aufmüpfige Frevlerin, gefühlvolle Dichterin und eiseskalte Jungfer, selbstbewusst und von Selbstzweifeln zerfressen.

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