Die Geträumten von Ruth Beckermann

Berlinale 2016: Traum und Wirklichkeit

  • Zurecht hat­te ich gro­ße Erwar­tun­gen an Ruth Becker­manns Die Geträum­ten. Der Film ist ein küh­nes Pro­jekt: die fil­mi­sche Beglei­tung zwei­er Spre­cher, die im Stu­dio den Brief­wech­sel zwi­schen Paul Celan und Inge­borg Bach­mann auf­neh­men. Becker­mann, die in ers­ter Linie für ihre inves­ti­ga­ti­ven Rei­se­fil­me bekannt ist, in denen sie sich auf die Suche nach den Spu­ren der Ver­gan­gen­heit macht, ver­lässt für Die Geträum­ten nie die Räum­lich­kei­ten des Radio­kul­tur­haus im vier­ten Wie­ner Gemein­de­be­zirk. Was die bei­den Dich­ter ver­bin­det wird nie expli­ziert, es wird aber sehr deut­lich, dass sie sich zeit­le­bens zuein­an­der hin­ge­zo­gen fühl­ten – selbst als sie bei­de in Bezie­hun­gen mit ande­ren leb­ten. Sie waren für­ein­an­der Bezugs- und Ver­trau­ens­per­so­nen, in guten Momen­ten fühl­ten sie sich zutiefst ver­bun­den, in schlech­ten taten sich abgrund­tie­fe Ris­se zwi­schen ihnen auf. Das alles ver­mag Becker­mann rein durch die Auf­nah­men der Schau­spie­ler zu evo­zie­ren, die im Stu­dio ihre Tex­te ein­spre­chen. Sie wer­den sicht­lich mit­ge­nom­men von der Arbeit an und mit den fein­ge­wo­be­nen Tex­ten; durch ihre Augen bli­cken wir sech­zig Jah­re zurück in die Zeit und spü­ren den gan­zen Schmerz und die gan­ze Wär­me, die in der Bezie­hung zwi­schen Celan und Bach­mann mit­ein­an­der rin­gen. Die­se Unmit­tel­bar­keit ist schwie­rig zu ver­dau­en, sel­ten hat mich ein Film so bewegt wie die­se Lese­stun­de, die mit ein­fachs­ten Mit­teln maxi­ma­le Wir­kung erzielt. Mit Die Geträum­ten hat Becker­mann bren­nen­de, poe­ti­sche Ener­gie auf die Lein­wand gebracht. Han­eke, Seidl, Spiel­mann und wie sie alle hei­ßen zum Trotz, Ruth Becker­mann ist für mich die größ­te unter den akti­ven öster­rei­chi­schen Regisseuren.
  • So etwas wie eine Anek­do­te: Es kommt ja mit­un­ter vor, dass von Kino­gän­gern gefragt wird, ob ein Platz, der mit einer Jacke oder Tasche belegt ist noch frei sei. Zum ers­ten Mal habe ich aber ges­tern im Zoo Palast beob­ach­ten kön­nen, dass gefragt wur­de, ob ein Platz frei sei, auf dem bereits eine Frau geses­sen ist. Das pas­sier­te der Frau gleich zwei mal: The Thing und Mr. Fan­ta­stic waren aller­dings nir­gends zu sehen.
Posto avançado do progresso von Hugo Vieira da Silva
Pos­to avan­ça­do do pro­gres­so von Hugo Viei­ra da Silva
  • Cross­curr­ents von Yang Chao ist einer jener Fil­me gegen des­sen ein­zel­ne Bau­stei­ne man nichts aus­zu­set­zen hat, der aber im Zusam­men­spiel sei­ner Teil­stü­cke nicht auf­geht. Der Film folgt dem Boots­mann Chun, der mit sei­nem Last­kahn den Jang­tse fluß­auf­wärts schifft um eine Fracht abzu­lie­fern – und dem Fan­tas­ma einer Lie­be hin­ter­her. Dabei schwankt der Film zwi­schen Mys­ti­fi­zie­rung (was von chi­ne­si­schen Zen­so­ren bekannt­lich nur ungern gese­hen wird) und Erklä­rungs­wut, zwi­schen nüch­ter­nem Natu­ra­lis­mus und träu­me­ri­scher Poe­tik, tou­ris­ti­schem Wer­be­film und ver­ros­te­ten Frach­tern. Schön anzu­se­hen, in sei­nen bes­ten Momen­ten durch­aus pro­fund, aber lei­der eben­so unaus­ge­go­ren und inkonsequent.
  • Zwei Män­ner in strah­lend wei­ßen Kolo­ni­al­uni­for­men, die engels­gleich lumi­nis­zie­ren; im Hin­ter­grund nur tro­pi­sche Vege­ta­ti­on; die Kame­ra ent­fernt sich (das Boot auf dem sie sich befin­det legt ab), lässt die bei­den auf einem Steg zurück; ver­lo­re­ne Boten der Zivi­li­sa­ti­on in der Wild­nis. Das Ziel der bei­den Por­tu­gie­sen ist ein abge­le­ge­ner Han­dels­pos­ten im tie­fem Dschun­gel Kon­gos, wo sie Elfen­bein beschaf­fen sol­len, aber ihre eigent­li­che Auf­ga­be wird bald zur Neben­sa­che, denn Pos­to avan­ça­do do pro­gres­so von Hugo Viei­ra da Sil­va ist die Ver­fil­mung von Joseph Con­rads An Out­post of Pro­gress und der­ge­stalt mehr tro­pi­scher Fie­ber­traum als kolo­nia­les Aben­teu­er. Tref­fend über­setzt Viei­ra da Sil­va die erdrü­cken­de Schwü­le in Kino­bil­der, ent­zieht den kräf­ti­gen Far­ben des Urwalds jeg­li­che Vital­kraft, indem er sie durch einen fei­nen Dunst­schlei­er filmt. Die­ser Nebel aus Was­ser­dampf ist nicht bloß Natur­phä­no­men, son­dern auch Aus­druck der geis­ti­gen Illu­mi­na­ti­on der bei­den Kolo­ni­al­be­am­ten, die dem Wet­ter und dem guten Wil­len ihrer ser­vi­len Bediens­te­ten aus­ge­lie­fert sind. Sie sind Fremd­kör­per, die in leuch­ten­dem weiß erstrah­len und lang­sam dem Wahn­sinn anheim fal­len – Colo­nel Kurtz und Kas­par Almay­er las­sen grü­ßen. Tat­säch­lich ist Pos­to avan­ça­do do pro­gres­so auf sei­ne Art ein wür­di­ger Nach­fah­re von Apo­ca­lyp­se Now und La folie Almay­er (auch wenn es mir unmög­lich erscheint einen direk­ten Ver­gleich zwi­schen die­sen Fil­men zu ziehen).