• Der Tag beginn mit Schlan­ge­ste­hen, denn es galt Tickets für die Vor­stel­lung vom neu­en Lav Diaz Film Hele Sa Hiwa­gang Hapis zu ergat­tern – dafür wagt man sich ger­ne über­mü­det in die kal­te Ber­li­ner Morgenluft.
  • End­lich habe ich es auch in die Retro­spek­ti­ve geschafft, nicht ein­mal der sper­ri­ge Titel „Deutsch­land 1966 – Fil­mi­sche Per­spek­ti­ven in Ost und West“ konn­te mich davon abhal­ten. Die Haupt­vor­führ­stät­te der Retro­spek­ti­ve ist das Zeug­haus­ki­no und obwohl das Pro­gramm, das ich besuch­te in einem der ange­mie­te­ten Mul­ti­plex­ki­nos statt­fand, war eine Anpas­sung des Alters­durch­schnitts auf übli­ches Zeug­haus­ni­veau (Gene­ra­ti­on Ger­ia­trie) zu beob­ach­ten. Zu sehen gab es ein Kurio­sum des Deut­schen Films der Sech­zi­ger­jah­re und eine frü­he Stil­übung von Roland Klick. Unter dem Pro­gramm­ti­tel „Drift­ers and Sear­chers“ wur­de zunächst Klam­mer auf Klam­mer zu von Hell­muth Cos­tard gezeigt (das oben erwähn­te Kurio­sum), ein rund zwan­zig­mi­nü­ti­ger Film mit einem blut­jun­gen Klaus Wybor­ny in der Haupt­rol­le. Eine wahn­wit­zi­ge Road­mo­vie-Varia­ti­on, die vor Refe­ren­zen auf die Pop­kul­tur und die Film­ge­schich­te („Die­ses Auto ist Jean Vigo gewid­met“) nur so strotzt. Wybor­nys Ole will eigent­lich von Ham­burg aus die Welt erobern und nicht zuletzt vor der poli­ti­schen Stim­mung im Land flie­hen. Sein Weg führt in aber nur bis Lüne­burg und schon nach kur­zer Zeit kehrt er zurück: Eine absur­de Minia­tur, die auch aus der Feder eines Sur­rea­lis­ten stam­men könnte.
    Roland Klicks halb­lan­ger Film Jim­my Orpheus setzt eben­falls einen Streu­ner ins Zen­trum der Hand­lung. Jim­my ist ein Tage­löh­ner und Nichts­nutz (im Eng­li­schen wür­de man ihn wohl als „Hust­ler“ bezeich­nen), der sich im Hafen­vier­tel Ham­burgs auf der Suche nach einem Schlaf­platz ver­sucht an eine Frau her­an­zu­ma­chen (Auf­fal­lend die inhalt­li­che Nähe zu Fritz Kirch­hoffs Nur eine Nacht von 1950, der eben­falls in Ham­burg spielt und einen halb­wegs her­un­ter­ge­kom­me­nen Mann einer Dame nach­ja­gen lässt). Das Katz-und-Maus-Spiel zwi­schen Mann und Frau ver­setzt Klick mit Ele­men­ten des Gen­re­ki­nos und avant­gar­dis­ti­schen Tech­ni­ken, wie sie die Nou­vel­le Vague popu­la­ri­siert hat.
Klammer auf Klammer zu von Hellmuth Costard
Klam­mer auf Klam­mer zu von Hell­muth Costard
  • Ta’ang von Wang Bing zählt mit knapp zwei­ein­halb Stun­den gleich­zei­tig zu den län­ge­ren Fil­men im Pro­gramm der Ber­li­na­le und zu den kür­ze­ren Arbei­ten des Regis­seurs. In Zei­ten, in denen euro­päi­sche Medi­en Völ­ker­wan­de­run­gen her­bei­be­schwö­ren, beglei­tet Wang ver­schie­de­ne Flücht­lings­grup­pen aus dem Volk der Ta’ang die in Myan­mar an der Gren­ze zu Chi­na behei­ma­tet sind. Wegen bewaff­ne­ter Kon­flik­te in die­ser Regi­on sind in den letz­ten Jah­ren rund 100.000 Men­schen über die Gren­ze geflo­hen und leben in impro­vi­sier­ten Flücht­lings­la­gern oder schla­gen sich als unter­be­zahl­te Hilfs­ar­bei­ter durch. Kurz, es gibt auch außer­halb Euro­pas Kri­sen­re­gio­nen in denen Men­schen flüch­ten. Es gibt sogar sehr vie­le von ihnen (weit mehr als in Euro­pa) und sie leben unter teils kata­stro­pha­len Umstän­den. Beein­dru­ckend, dass die­se Men­schen selbst in die­sem Lebens­um­feld ver­su­chen eine Art von All­tag zu eta­blie­ren. Das Dröh­nen der Artil­le­rie wird zum stän­di­gen Beglei­ter, die impro­vi­sier­ten Gemein­schafts­es­sen am Lager­feu­er wer­den zum gesell­schaft­li­chen Ereig­nis. Wang wird mit sei­ner Kame­ra Teil die­ser Zweck­ge­mein­schaft, was ihm erlaubt sich von der Makro­ebe­ne zu lösen und den Kon­flikt aus der Per­spek­ti­ve indi­vi­du­el­ler Schick­sa­le zu zei­gen. Es wird deut­lich, dass die­se Men­schen zum Spiel­ball grö­ße­rer Inter­es­sen gewor­den sind, die sie nicht ver­ste­hen – so wird im Film gar nicht klar, wer über­haupt gegen wen kämpft und warum.
  • Ein Nach­trag zur Forum Expan­ded Aus­stel­lung in der Aka­de­mie der Küns­te: Nach län­ge­rer Über­le­gung habe ich beschlos­sen auch Andre­as Bun­tes Safe Dis­as­sem­bly ein paar Zei­len zu wid­men. Ganz ohne Kom­men­tar, weder in Wort, noch in Schrift, besucht Bun­te eine ehe­ma­li­ge Muni­ti­ons­fa­brik in Ost­deutsch­land, die vor eini­gen Jah­ren zu einem Abrüst­werk umfunk­tio­niert wur­de. Eine nor­we­gi­sche Fir­ma sorgt dort nun für die fach­ge­rech­te Ent­sor­gung von ver­bo­te­ner Streu­mu­ni­ti­on. Ohne Vor­wis­sen lässt sich das jedoch nur erah­nen. Die Arbeit der Maschi­nen (im gesam­ten Film kommt nur ein mensch­li­cher Arbei­ter vor) wider­setzt sich der ein­fa­chen Deu­tung – wer­den hier Waf­fen gefer­tigt oder zer­stört? – ste­tig und mecha­nisch folgt ein Arbeits­schritt auf den ande­ren und eben­so ste­tig und mecha­nisch rich­tet Bun­te sei­ne Kame­ra auf die voll­au­to­ma­ti­sier­ten Pro­zes­se. Es ist eine sel­te­ne Qua­li­tät nicht nur kei­ne Ant­wor­ten zu geben, son­dern sich dar­über hin­aus so vehe­ment jeder Fra­ge­stel­lung zu entziehen.