• Bevor ich eini­ge Wor­te über den neu­en Film von Lav Diaz ver­lie­re, noch ein paar kur­ze Bemer­kun­gen zum Kurz­film­pro­gramm „Ber­li­na­le Shorts I“, das mit einer erstaun­lich hohen Tref­fer­quo­te an guten Fil­men auf­war­te­te. Drei der fünf Fil­me des Pro­gramms schei­nen mir beson­ders erwäh­nens­wert: Zum einen Sieg­fried A. Fru­haus Vin­ta­ge Print, der in bes­ter Fli­cker­film-Tra­di­ti­on die Netz­häu­te des Publi­kums an ihre Leis­tungs­gren­zen bringt (es ist meist ein gutes Zei­chen, wenn ein Film im Pro­gramm mit Epi­lep­sie­war­nung ange­kün­digt wird); zum ande­ren Ben Rus­sells He Who Eats Child­ren, der sich spie­le­risch mit einer loka­len Legen­de eines afri­ka­ni­schen Dorfs aus­ein­an­der­setzt. Dort wird ein wei­ßer Mann bezich­tigt Kin­der zu essen und Rus­sell begibt sich halb inves­ti­ga­tiv, halb augen­zwin­kernd mit eth­no­gra­fi­schem Blick auf die Suche nach dem Ursprung die­ses Mythos; zuletzt konn­te mich Este­ban Arran­goiz‘ El Buzo über­zeu­gen. Der Film folgt dem Arbeits­tag eines Tau­chers, der in Mexi­ko City für die War­tung von Abwas­ser­ka­nä­len zustän­dig ist und ver­eint dabei erfri­schen­de Neu­gier, eine gesun­de Por­ti­on Komik und for­ma­le Experimentierfreude.
Hele Sa Hiwagang Hapis von Lav Diaz
Hele Sa Hiwa­gang Hapis von Lav Diaz
  • Hele Sa Hiwa­gang Hapis ist ein Koloss, soviel ist sicher, und das nicht nur wegen sei­ner acht Stun­den Lauf­zeit. Es dau­ert sicher noch eini­ge Zeit, bis ich den Film voll­stän­dig ver­ar­bei­tet habe, aber zwei­fel­los zählt er zu den bes­ten Fil­men des Fes­ti­vals und schon jetzt zu einem der High­lights des aktu­el­len Kino­jah­res. Unfass­bar was Diaz aus den Mög­lich­kei­ten der digi­ta­len Bil­derpro­duk­ti­on her­aus­holt. Die­se hat bekannt­lich Schwie­rig­kei­ten in der Dar­stel­lung von Grau­ab­stu­fun­gen und von tief­schwar­zen Tönen, doch Hele Sa Hiwa­gang Hapis wider­setzt sich die­ser Fest­stel­lung. Die sorg­sam kom­po­nier­ten Bil­der über­tra­gen die Far­ben des Dschun­gels in zahl­lo­se Nuan­cen zwi­schen Weiß und Schwarz, üppi­ges Blät­ter­werk lässt die Tableaus zu Bil­der­rät­seln wer­den, mal nei­gen sie zur zwei­di­men­sio­na­len Flä­chig­keit, mal kon­stru­iert Diaz durch ela­bo­rier­te Belich­tung des Bild­hin­ter­grunds viel­schich­ti­ge, drei­di­men­sio­na­le Räu­me. All das ist kein plum­per Ästhe­ti­zis­mus, son­dern ent­springt dem Umgang mit den loka­len Bege­ben­hei­ten und der spe­zi­el­len Insze­nie­rungs­wei­se von Diaz. In gewohnt lan­gen, gemäch­li­chen Ein­stel­lun­gen erzählt Hele Sa Hiwa­gang Hapis von der Phil­ip­pi­ni­schen Revo­lu­ti­on Ende des 19. Jahr­hun­derts. Dabei kon­zen­triert er sich nicht auf die Hel­den des Auf­stands selbst, son­dern beschäf­tigt sich mit der Fra­ge, wie es wei­ter­geht, wenn die Revo­lu­ti­on und ihre Kin­der nie­der­ge­schla­gen sind. Die Wit­we des Revo­lu­ti­ons­füh­rers And­res Boni­fa­cio begibt sich auf die Suche nach des­sen Leich­nam, das letz­te Gedicht des Vor­den­kers José Rizal wird zur Inspi­ra­ti­on für den jun­gen Intel­lek­tu­el­len Isa­ga­ni. Man ver­bringt sehr lan­ge Zeit mit die­sen Figu­ren und ihren Geschich­ten, wenn die Dau­er eines ermög­licht, dann ist es ein Gefühl der Zuge­hö­rig­keit. Nach acht Stun­den will man das es ein­fach wei­ter­geht, wie auch das Leben ein­fach wei­ter­geht, danach über den Film zu schrei­ben macht ein Über­win­den des Tren­nungs­schmer­zes unmög­lich: Hele Sa Hiwa­gang Hapis ist ein Film der tie­fe Wun­den schlägt.
    Ein­zi­ger Wer­muts­trop­fen: Die Unter­ti­tel hät­te man noch­mal Kor­rek­tur­le­sen sollen.
  • Nach Diaz war noch nicht Fei­er­abend für mich: Vol­ker Koepp zählt zur lan­gen Lis­te von DEFA-Alum­ni, die sich vor allem in jener fil­mi­schen Form her­vor­ge­tan haben, die man gemein­hin als doku­men­ta­risch bezeich­net. In minu­tiö­sen Stu­di­en hat er sich vor allem kine­ma­to­gra­fisch ver­nach­läs­sig­ten Gebie­ten Deutsch­lands gewid­met. Für Land­stück hat er sich zum bereits drit­ten Mal in sei­ner Kar­rie­re in die Ucker­mark bege­ben, einer land­wirt­schaft­lich gepräg­ten Regi­on nord­öst­lich von Ber­lin. Das Haupt­an­lie­gen des Films scheint es zu sein, sich für öko­lo­gi­sche Land­wirt­schaft stark­zu­ma­chen und auf die Gefah­ren des Arten­ster­bens hin­zu­wei­sen. Gera­de noch so kratzt Koepp die Kur­ve, um nicht voll­ends zur Öko-Pre­digt und Glo­ri­fi­zie­rung von Aus­stei­ger­tum abzu­kip­pen, ins­ge­samt sind die ande­ren Aspek­te des Films ohne­hin inter­es­san­ter: einer­seits die Inter­views mit einer Run­de älte­rer Damen, die die land­wirt­schaft­li­che Ent­wick­lungs­ge­schich­te der Gegend beschrei­ben und ande­rer­seits die aus­gie­bi­gen Land­schafts­auf­nah­men, die als Ein­schü­be rein ihrem ästhe­ti­schen Selbst­zweck dienen.