Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Der Brief von Vlado Kristl

Berlinale 2016: Passion und Sinnlichkeit

  • Wenn man in Wien Theater‑, Film- und Medi­en­wis­sen­schaft stu­diert hat, kommt man an Vla­do Kristl nicht vor­bei. Wenig ver­wun­der­lich also, dass es mich zu einem der raren Scree­nings sei­ner Fil­me im Rah­men der Retro­spek­ti­ve ver­schlug: Der Brief ist ein wil­der, erra­ti­scher Galopp, der weder an der Film­in­dus­trie, noch am klein­bür­ger­li­chen Leben in Deutsch­land ein gutes Haar lässt. Zwar ent­wi­ckelt sich der Film mit zuneh­men­der Dau­er zu einer Gedulds­pro­be – so viel Ver­frem­dung muss man erst­mal ver­ar­bei­ten –, dass ein Lang­film in die­ser Form über­haupt ent­ste­hen konn­te, sagt jedoch eini­ges über die Mög­lich­kei­ten in der dama­li­gen Pro­duk­ti­ons­land­schaft in Deutsch­land aus: Der Brief ist in die­ser Hin­sicht das Epi­zen­trum der dies­jäh­ri­gen Retrospektive.
  • Nach­dem Micha­el Moo­re sich über die Jah­re als wüten­der Mann eta­bliert hat, der in sei­nen Fil­men auf die sozia­len, poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Miss­stän­de in sei­nem Hei­mat­land hin­weist – und das auf sehr bra­chia­le Wei­se –, so hat er mit Whe­re to Inva­de Next die über­trie­be­ne Schwarz­ma­le­rei mit nai­ver Begeis­te­rung ersetzt. Er bleibt laut, ein­sei­tig und betreibt wei­ter gna­den­lo­se Selbst­in­sze­nie­rung wäh­rend er durch Euro­pa zieht, um dort gute poli­ti­sche Ideen zu „erobern“. Man kommt mit dem Kopf­schüt­teln gar nicht hin­ter­her, wenn man den Film sieht oder dar­über nach­denkt. Trotz allem fra­ge ich mich, ob Moo­re viel­leicht in eini­gen Jahr­zehn­ten nicht einer Re-Eva­lua­ti­on unter­zo­gen wer­den könn­te. Er ist zwar ein Pro­pa­gan­dist mit einer ein­deu­ti­gen poli­ti­schen Agen­da, der kei­nen Raum lässt für kri­ti­sche Refle­xi­on sei­nes Gegen­stands, aber damit wäre er kein Ein­zel­fall im film­ge­schicht­li­chen Kanon. Es wird sich wei­sen, ob man mit etwas zeit­li­chem Abstand von den bra­chia­len, direk­ten Bot­schaf­ten abs­tra­hie­ren wird kön­nen. In zumin­dest drei Punk­ten scheint mir ein Poten­zi­al in Moo­res Fil­men zu ste­cken, das womög­lich unter der auf­ge­bla­se­nen Kunst­fi­gur des Regis­seurs und sei­ner all­zu ein­deu­ti­gen poli­ti­schen Agen­da ver­schüt­tet ist: Ers­tens arti­ku­liert er sein poli­ti­sches Pro­gramm zwar über­deut­lich, aber aus mora­li­scher Sicht scheint es mir über vie­le Zwei­fel erha­ben – die Welt, die Moo­re anstrebt, ist eine bes­se­re Welt. Zwei­tens ist er ein berech­nen­der Fil­me­ma­cher, der sei­ne Inhal­te sehr effek­tiv an den Mann bringt, indem er Pole­mik und Komik auf ein­drucks­vol­le Wei­se mit­ein­an­der ver­bin­det. Kurz, Moo­re ist ein exzel­len­ter Dreh­buch­au­tor. Drit­tens, und qua­si die Syn­the­se aus den bei­den vor­he­ri­gen Punk­ten: Die Kom­bi­na­ti­on aus per­sön­li­chem Enga­ge­ment und hand­werk­li­chem Geschick erzeugt eine Ener­gie, die sei­ne Fil­me unge­fil­tert an das Publi­kum wei­ter­ge­ben. Für den Moment mate­ria­li­siert sich die­se Ener­gie in frag­wür­di­gen pole­mi­schen Paro­len, aber wer weiß, ob sich mit eini­gem Abstand nicht eine ande­re Les­art von Moo­res Fil­men erge­ben könnte.
A Road von Daichi Sugimoto
A Road von Dai­chi Sugimoto
  • Japan ist mir sehr fremd. Japa­ni­sche Fil­me haben für mich zumeist exo­ti­schen Wert, indem sie mich mit die­ser ande­ren Kul­tur und ihren kryp­ti­schen Ver­hal­tens­mus­tern kon­fron­tie­ren. Ich schät­ze die­sen unge­wohn­ten Blick, die­se frem­de Sen­si­bi­li­tät sehr; A Road ver­eint die­se Eigen­schaf­ten mit etwas Ver­trau­tem. Ich spü­re hier Figu­ren und eine Welt, die doch nicht so weit ent­fernt von mei­ner zu sein scheint, eine Coming-of-age-Sen­si­bi­li­tät, mit der ich mich iden­ti­fi­zie­ren kann. Das liegt viel­leicht an der per­sön­li­chen Her­an­ge­hens­wei­se von Regis­seur Dai­chi Sug­i­mo­to, der einen Abschnitt sei­nes eige­nen Lebens ver­filmt, der an und für sich gar nicht beson­ders außer­ge­wöhn­lich zu sein scheint. Sug­i­mo­to, der sich im Film selbst spielt lässt die Ereig­nis­se rund um sei­ne Auf­nah­me­prü­fung an der Film­schu­le Revue pas­sie­ren und schafft damit ein ein­dring­li­ches Por­trät zwi­schen Fik­tio­na­li­sie­rung und Re-Enactment.
  • Noch immer bin ich auf der Suche nach Anek­do­ten: Es scheint, dass die kli­ni­sche und hek­ti­sche Atmo­sphä­re rund um den wenig ein­la­den­den Pots­da­mer Platz jeg­li­che Form von unfrei­wil­li­ger Komik unter­bin­det. Eben­so frus­trie­rend: Nach Hälf­te des Fes­ti­vals gab es zudem kei­ne Fes­ti­val­ta­schen mehr.