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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Spell Reel von Filipa César

Berlinale 2017: Spell Reel von Filipa César

Spell Reel von Fili­pa César beginnt mit fla­ckern­den, kopf­über ste­hen­den Schwarz­weiß­auf­nah­men eines Wald­stücks. Das Digi­ta­li­sat die­ser Archiv­auf­nah­men nimmt nur einen Teil des Film­bilds ein, ein Recht­eck auf der lin­ken Hälf­te der Lein­wand, klar abge­grenzt vom umge­ben­den Schwarz. Rechts neben die­sen Film­auf­nah­men erscheint ein wei­ßer Schrift­zug, der sug­ge­riert, dass es sich bei den Bil­dern um die Per­spek­ti­ve eines Baums hand­le. Die Schrift, wie auch das umge­ben­de Schwarz wird schließ­lich durch die Farb­bil­der einer digi­ta­len Film­ka­me­ra aus­ge­löscht. Schließ­lich ver­schwin­det auch das Recht­eck aus dem Bild und über­lässt den Bil­dern der Gegen­wart das Frame.

Die Archiv­auf­nah­men stam­men aus der Zeit des Befrei­ungs­kampfs Gui­nea-Bis­s­aus, gefilmt von eini­gen Guer­ril­la­kämp­fern (dar­un­ter Césars Ko-Regis­seur Sana na N’Ha­da), die zu die­sem Zweck in Kuba aus­ge­bil­det wor­den waren. Im wei­te­ren Ver­lauf des Films wer­den Auf­nah­men die­ser Art immer wie­der auf die­se Wei­se ins Bild gesetzt. In immer gleich gro­ßen Kadern ver­de­cken sie dann Tei­le der Bil­der der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit, die von Césars Kame­ra­frau Jen­ny Lou Zie­gel gefilmt wur­den. Die Digi­ta­li­sa­te zwin­gen sich dem Bild nicht auf, wol­len es nicht über­wu­chern, son­dern viel­mehr eine ergän­zen­de Sicht­wei­se anbie­ten, in Dia­log tre­ten. Ihre Funk­ti­on ist nicht ein­deu­tig fest­zu­le­gen: sie agie­ren als Zeit­kap­seln, als Refe­renz­punk­te, als Kom­men­ta­re, bedür­fen aber selbst der Kom­men­tie­rung und Kon­tex­tua­li­sie­rung. Sie sind Zeug­nis­se einer Zeit des uto­pi­schen Über­muts, als sich Gui­nea-Bis­sau durch bewaff­ne­ten Wider­stand gegen die Kolo­ni­al­macht Por­tu­gal zur Wehr setz­te, um jenen Vor­bild­län­dern nach­zu­ei­fern, in denen die füh­ren­den Köp­fe der Revo­lu­ti­on stu­diert hat­ten und die ihren Unab­hän­gig­keits­kampf finanzierten.

Spell Reel von Filipa César
© Stills from Spell Reel

Knapp vier­zig Jah­re spä­ter zählt Gui­nea-Bis­sau zu den ärms­ten Län­dern der Welt. Von der Uto­pie, die, wie sich schon zum dama­li­gen Zeit­punkt abzeich­ne­te, aus man­nig­fal­ti­gen Grün­den zum Schei­tern ver­ur­teilt war, sind nur weni­ge Stun­den an Film­auf­nah­men erhal­ten geblie­ben. Nach den Tumul­ten des letz­ten poli­ti­schen Umbruchs haben sich die archi­va­ri­schen Bedin­gun­gen des halb­of­fi­zi­el­len Film­ar­chivs von Gui­nea-Bis­sau zudem noch wei­ter ver­schlech­tert. Von ins­ge­samt rund hun­dert Stun­den Mate­ri­al aus der Zeit des Unab­hän­gig­keits­kampfs sind heu­te sech­zig Pro­zent unwi­der­bring­lich ver­lo­ren und auch die rest­li­chen vier­zig Pro­zent sind stark in Mit­lei­den­schaft gezo­gen (auch dar­über legen die Ein­blen­dun­gen des digi­ta­li­sier­ten Archiv­ma­te­ri­als Zeu­gen­schaft ab).

Spell Reel ent­stand, wie auch schon Fili­pa Césars letzt­jäh­ri­ger Ber­li­na­le-Bei­trag Trans­mis­si­on from the Libe­ra­ted Zones, aus einem Recher­che­pro­jekt, dass sich dem fil­mi­schen Erbe Gui­nea-Bis­s­aus wid­met. Initi­iert wur­de es durch das Pro­jekt „Visio­na­ry Archi­ve“ des Arse­nals, finan­ziert zu gro­ßen Tei­len vom deut­schen Aus­wär­ti­gen Amt. Die in Ber­lin leben­de Por­tu­gie­sin Fili­pa César unter­nimmt in Kol­la­bo­ra­ti­on mit eini­gen Vete­ra­nen der Unab­hän­gig­keits­be­we­gung eine Spu­ren­su­che nach der Ent­ste­hungs­ge­schich­te die­ser Film­rol­len und Magnet­bän­der, die in Frag­men­ten den ent­schei­den­den Zeit­punkt in der Geschich­te des unab­hän­gi­gen Gui­nea-Bis­s­aus fest­hal­ten. Spell Reel ist einer­seits ein Doku­ment, dass den Pro­zess die­ser medi­en­ar­chäo­lo­gi­schen Arbeit fest­hält und ande­rer­seits ein Essay zu Fra­gen des Ver­hält­nis­ses von Geschich­te, Erin­ne­rung und Gegen­wart, zur Kolo­ni­al­ge­schich­te eines Lan­des und, dar­über hin­aus, zu den heu­te herr­schen­den Macht­struk­tu­ren in der Welt.

Spell Reel von Filipa César
© Stills from Spell Reel

Ste­fa­nie Schul­te Strat­haus, eine der Lei­te­rin­nen des Arse­nals, sprach in einem Vor­trag zum The­ma des Archivs kürz­lich davon, dass die Auf­ar­bei­tung jenes fil­mi­schen Erbes, dass in Asi­en, Latein­ame­ri­ka und Afri­ka unter teils kata­stro­pha­len Lager­be­din­gun­gen sei­nem Ver­fall aus­ge­lie­fert ist, die Film­ge­schichts­schrei­bung radi­kal ver­än­dern wür­de. Spell Reel zeugt vom Ver­such die­sem Ver­fall ent­ge­gen­zu­wir­ken. Die ver­schie­de­nen Sta­di­en die­ses Pro­zes­ses zeich­nen sich im Film ab. Der Film ist zunächst Zeug­nis einer Recher­che­ar­beit, die in der Digi­ta­li­sie­rung des Mate­ri­als mün­de­te. Aus Kos­ten­grün­den konn­te das Mate­ri­al zwar nicht in sei­ner ana­lo­gen Form restau­riert wer­den, aber immer­hin ist so ein Fak­si­mi­le erstellt wor­den bevor die Film­rol­len noch stär­ker in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wor­den sind und ihr doku­men­ta­ri­scher Wert womög­lich für immer ver­lo­ren gegan­gen wäre. Die Digi­ta­li­sie­rung brach­te außer­dem mit sich, dass die Auf­nah­men nun erst­mals in grö­ße­rem Umfang der Bevöl­ke­rung vor­ge­führt wer­den konn­ten. Auch von die­sen Bemü­hun­gen zeugt der Film, wenn er Sana na N’Ha­da und ande­re ehe­ma­li­ge Guer­ril­las bei der Vor­füh­rung und Erklä­rung ihrer Fil­me zeigt – sowohl für die länd­li­che Bevöl­ke­rung Gui­nea-Bis­s­aus, als auch bei poli­ti­schen und diplo­ma­ti­schen Anläs­sen im Aus­land. Spell Reel ist somit nicht nur Teil eines wich­ti­gen Pro­jekts, um Gui­nea-Bis­sau sein fil­mi­sches Gedächt­nis zurück­zu­ge­ben, son­dern lässt auch erah­nen, wie wich­tig die­se Form der Archiv­ar­beit für die Kon­sti­tu­ti­on von Geschichts­be­wusst­sein und Iden­ti­tät ist – macht­los (bis­wei­len steckt auch poli­ti­sche Berech­nung dahin­ter) müs­sen die Staa­ten des „glo­bal south“ mit­an­se­hen, wie ihnen ihre eige­ne Geschich­te ent­glei­tet, wäh­rend in Deutsch­land, wo die Mit­tel dafür vor­han­den wären die­ses Gedächt­nis leben­dig zu hal­ten, die Archi­ve im Essig-Syn­drom ersticken.

Es gibt Grund zur Hoff­nung, dass ähn­li­che Pro­jek­te ver­gleich­ba­re Reso­nanz erzeu­gen, den Staa­ten und ihren Bewoh­nern ihre eige­ne Geschich­te wie­der zugäng­lich machen und somit Iden­ti­tät stif­ten. Zugleich ist Spell Reel geprägt von Bit­ter­keit ange­sichts des unwi­der­bring­li­chen Gedächt­nis­ver­lusts, den man durch den Ver­fall des Mate­ri­als in den letz­ten Jahr­zehn­ten hin­neh­men muss­te. Am Ende Films ertönt ein Lied der süd­afri­ka­ni­schen Sän­ge­rin Miri­am Make­ba, die als pro­mi­nen­te Ver­tre­te­rin des Pan­afri­ka­nis­mus auch den Kampf der Rebel­len in Gui­nea-Bis­sau unter­stütz­te. An frü­he­rer Stel­le sah man sie sin­gend in Film­auf­nah­men aus der Zeit. Die genau­en Umstän­de die­ser Auf­nah­men las­sen sich heu­te auf­grund der dün­nen Mate­ri­al­la­ge nicht mehr rekon­stru­ie­ren. Es scheint, die Idee des Pan­afri­ka­nis­mus, die heh­ren Idea­le der uto­pi­schen Revo­lu­tio­nä­re, sind heu­te eben­so dem Ver­fall preis­ge­ge­ben, wie das Mate­ri­al, dass über ihre Exis­tenz und ihre Erfol­ge Zeug­nis ablegt. Man könn­te es auch so aus­drü­cken: ihrer bei­der Ver­fall bedingt sich gegenseitig.