Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Golden Exits von Alex Ross Perry

Berlinale 2017: Golden Exits von Alex Ross Perry

Im Lau­fe der letz­ten Jah­re hat Alex Ross Per­ry eine Nische für sich gefun­den, die irgend­wo zwi­schen US-Indie­ki­no und euro­päi­schem Autoren­ki­no ange­sie­delt ist. Zwi­schen die­sen bei­den Polen bewe­gen sich sei­ne Fil­me, mal stär­ker auf der einen, mal stär­ker auf der ande­ren Sei­te. In allen Fäl­len sind sei­ne Fil­me geprägt von bewuss­ten Set­zun­gen, Set­zun­gen bewuss­ter Refe­ren­zen auf Per­rys Vor­bil­der aus der klas­si­schen Cine­phi­lie und Set­zun­gen bewuss­ter Anspie­lun­gen auf die Kli­schees eines bestimm­ten ame­ri­ka­ni­schen Kinos, dass sehr stark mit dem Sun­dance-Fes­ti­val ver­bun­den ist (eine Form von Fil­men, die eine Nische im ame­ri­ka­ni­schen Kino­markt beset­zen; in der Über­zahl sind es figu­ren­zen­trier­te, humor­vol­le Dra­men über die Mit­tel­schicht). Das soll nicht bedeu­ten, dass ein­zel­ne Figu­ren, Sze­nen und Moti­ve im Bau­kas­ten­prin­zip zu einem Film zusam­men­ge­setzt wer­den, im Gegen­teil ergibt sich aus der eigen­wil­li­gen Mischung die­ser Refe­ren­zen ein eige­nes Gefühl, das sich mitt­ler­wei­le als Per­rys fil­mi­scher Stil her­aus­kris­tal­li­siert hat.

Golden Exits von Alex Ross Perry
© Sean Pri­ce Williams

Nach­dem Per­rys letz­ter Film Queen of Earth deut­li­che Spu­ren eines Bergman’schen Psy­cho­kam­mer­spiels auf­wies, bewegt sich Gol­den Exits nun wie­der stär­ker auf der Sei­te des ame­ri­ka­ni­schen Indie­ki­nos. Der Schau­platz ist das son­nen­durch­flu­te­te Brook­lyn, die Haupt­fi­gur eine jun­ge Aus­tra­lie­rin, Nao­mi (Emi­ly Brow­ning), die einen Job als Assis­ten­tin von Nick (Adam Horo­vitz) ange­nom­men hat. Nick arbei­tet als eine Art Archi­var, der sich um die Orga­ni­sa­ti­on von Nach­läs­sen küm­mert. Sein aktu­el­les Pro­jekt sind die Hin­ter­las­sen­schaf­ten sei­nes Schwie­ger­va­ters, eines erfolg­rei­chen Ver­le­gers. Nicks Frau Alys­sa (Chloë Sevi­gny) und ihre Schwes­ter Gwen (Mary-Loui­se Par­ker) befürch­ten (nicht ganz unbe­grün­det), dass Nick Nao­mi bei der Arbeit in sei­nem klei­nen Büro viel­leicht zu nahe­kommt. Nur weni­ge Blocks wei­ter hat Jess (Anal­eigh Tip­ton) ähn­li­che Sor­gen bezüg­lich ihres Ehe­manns Bud­dy (Jason Schwartzman), einem Jugend­freund Naomis.

Schon nach weni­gen Minu­ten wird klar, dass vie­le der Figu­ren an der Gren­ze zur Kari­ka­tur ange­sie­delt sind. Nao­mi ist die exo­ti­sche Frem­de, die durch ihren Auf­tritt einen Mikro­kos­mos erschüt­tert; Nick ist ein schrul­li­ger Eigen­bröt­ler mit leicht Woo­dy-Alle­nes­ker Sprach­me­lo­die; alle Figu­ren sind irgend­wie fami­li­är oder beruf­lich mit­ein­an­der ver­bun­den; Brook­lyn erscheint als Para­dies aus son­nen­be­schie­nen Rei­hen­häu­sern und hip­pen Cafés; die Bil­der des Films erin­nern nicht zufäl­lig an den Vin­ta­ge-Chic sol­cher Loka­le; kurz, alles ist auf den ers­ten Blick sehr quir­ky, iro­nisch und hip. Doch Gol­den Exits ist, noch weni­ger als The Color Wheel und Lis­ten Up Phil­ip, eine Par­odie des Erfolgs­mo­dells „Sun­dance-Film“, son­dern viel­mehr eine behut­sa­me Ver­for­mung, die durch die Hin­zu­nah­me von Kunst­grif­fen aus dem Reper­toire des euro­pä­isch gepräg­ten Autoren­ki­nos an Eigen­stän­dig­keit gewinnt: der Vin­ta­ge-Look kommt nicht aus dem Com­pu­ter, son­dern durch ech­tes 16mm-Film­ma­te­ri­al zustan­de, das Schau­spiel bricht an unzäh­li­gen Stel­len aus den übli­chen Bah­nen aus und wirkt distan­ziert, gestelzt, ver­frem­det und die emo­tio­nal gela­de­nen Kon­fron­ta­tio­nen zwi­schen den Figu­ren kön­nen nicht ver­ber­gen, dass Per­ry sich bei der Insze­nie­rung sol­cher Sze­nen von Berg­man und Fass­bin­der inspi­rie­ren lässt.

Golden Exits von Alex Ross Perry
© Bow and Arrow Entertainment

Lang­sam aber ste­tig sorgt Per­ry so für ein Knis­tern, dass die Bezie­hun­gen der Brook­ly­ni­tes unter­ein­an­der belas­tet. Die Ehe­frau­en ver­däch­ti­gen ihre Män­ner, suchen Rat bei ihren Schwes­tern, die nur all­zu bereit­wil­lig auf ihren Schwa­gern her­um­ha­cken, die wie­der­um wegen ihres Begeh­rens für Nao­mi von schlech­tem Gewis­sen geplagt sind. Der gro­ße Coup von Gol­den Exits ist nun aber, dass sich nie ein Grund ergibt, dass sich die auf­ge­bau­te Span­nung ent­lädt. Letzt­end­lich las­sen sowohl Nick als auch Bud­dy die Fin­ger von der Aus­tra­lie­rin und geben ihren Ehe­frau­en kei­nen wei­te­ren Anlass sich zu grä­men. Im Grun­de ver­bin­det Per­ry hier den Anspruch der klas­si­schen Moder­ne das Dra­ma ins Lee­re lau­fen zu las­sen mit einem Nar­ra­tiv und Milieu, wie man es aus dem ame­ri­ka­ni­schen Indie­ki­no kennt. Als Nao­mi nach eini­gen Mona­ten nach Aus­tra­li­en zurück­kehrt, geht das Leben wei­ter sei­nen Lauf. Alles bleibt beim Alten, kein Grund für Ver­söh­nung, weil nichts pas­siert ist.