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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes von Julian Radlmaier

Berlinale 2017: Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes von Julian Radlmaier

Fra­gen über Fra­gen wirft Juli­an Radl­mai­ers Selbst­kri­tik eines bür­ger­li­chen Hun­des auf: Kann ein Film zugleich bie­der-bil­dungs­bür­ger­lich, zeit­geis­tig-ver­spielt und post­mo­dern-iro­nisch sein? Haben die lan­gen Fes­ti­val­ta­ge und kur­zen Fes­ti­val­näch­te das Urteils­ver­mö­gen getrübt? War­um kann ich die­sem schein­bar selbst­ge­fäl­li­gen Ein­blick in eine Hipster­see­le so viel abge­win­nen? Anhand die­ser Fra­gen wird zumin­dest eines deut­lich, und zwar wie fehl­ge­lei­tet es ist, erklä­rungs­wü­tig ein­zel­ne Fil­me zu zer­pflü­cken, um sie in ver­meint­lich pas­sen­de, aber letzt­lich will­kür­lich gewähl­te, Schub­la­den zu ste­cken. Die Film­kri­tik bedient sich sehr ger­ne die­ser Kate­go­ri­sie­run­gen, wenn sie sich in ers­ter Linie als Dienst­leis­tungs­ser­vice ver­steht, die ihren Lesern näher­brin­gen will, was sie sich von einem Film erwar­ten kön­nen – sie also eher über Erwar­tungs­hal­tun­gen und Dis­kur­se, über sich selbst und ihr Publi­kum schrei­ben – als den Film selbst und ihre Wahr­neh­mung zu beschrei­ben. Prin­zi­pi­ell tritt die­ses Phä­no­men in der Fes­ti­val­be­richt­erstat­tung ver­stärkt auf, wo noch weni­ger Zeit und Ener­gie vor­han­den ist, um mit sei­nen eige­nen Ein­drü­cken ins Rei­ne zu kom­men, und das mög­lichst tages­ak­tu­el­le Pos­tu­lie­ren einer Mei­nung im Kampf um Medi­en­öf­fent­lich­keit Kon­junk­tur hat. Gera­de bei der dies­jäh­ri­gen Ber­li­na­le scheint man sich beson­ders an haar­sträu­ben­den, unüber­leg­ten Zuschrei­bun­gen zu ergöt­zen. Hong Sang-soos On the Beach at Night Alo­ne wird als stim­mi­ge Fort­füh­rung des Gesamt­werks des Korea­ners bespro­chen, ohne das schwie­ri­ge Ver­hält­nis des Films zu sei­ner Prot­ago­nis­tin, die­se schwer greif­ba­re und noch schwe­rer zu beschrei­ben­de Brü­chig­keit in Hongs Figu­ren­zeich­nung zu berück­sich­ti­gen. Alex Ross Per­rys Gol­den Exits wird als auf­ge­bla­se­ne Hipster­ro­man­tik gedeu­tet, unter Miss­ach­tung von Per­rys gut doku­men­tier­ter Abscheu für die­se Aus­for­mun­gen der ame­ri­ka­ni­schen Indie-Tra­di­ti­on und sei­ner eben­so gut doku­men­tier­ten cine­phi­len Hal­tung. Und Tho­mas Arslans Hel­le Näch­te wird unter Nicht­be­ach­tung sei­ner Ent­wick­lung als Fil­me­ma­cher in den letz­ten zehn Jah­ren, als nicht viel mehr als „noch so ein wei­te­rer“ Ber­li­ner Schu­le-Film abge­tan. Bei aller Pro­ble­me, die ich mit die­sem Film hat­te, und trotz Rein­hold Vor­schnei­der hin­ter der Kame­ra, hat Hel­le Näch­te dann doch rela­tiv wenig mit den Fil­men zu tun, die Anfang der 2000er mit die­sem Label ver­se­hen wurden.

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes von Julian Radlmaier
© fak­tu­ra film

Wür­de sich das Gros der media­len Auf­merk­sam­keit nicht auf den Wett­be­werb rich­ten, dann wür­de es Selbst­kri­tik eines bür­ger­li­chen Hun­des wohl ähn­lich erge­hen. Eine selbst­be­züg­li­che Übung in Nar­ziss­mus, eine wei­te­re lee­re Beschrei­bung des Lebens­ge­fühls eines Mil­le­ni­als, ein hal­bi­ro­ni­scher Hipster­film, ein geküns­tel­ter Stu­den­ten­film. Man könn­te die­se Lis­te noch eine Wei­le fort­set­zen, ohne dass einem die Schub­la­den aus­ge­hen. Der Film scheint dar­um zu bet­teln, sich eine davon zu wäh­len und ihn vor­schnell abzu­ur­tei­len. Dass man letzt­end­lich damit über­for­dert ist, die tref­fends­te die­ser Kate­go­ri­sie­run­gen zu fin­den, dass sich die Fra­ge, was das denn eigent­lich für ein Film ist gar nicht so ein­fach bean­wor­ten lässt, ist dann viel­leicht schon Ant­wort genug. Ehr­lich gesagt, fällt es mir selbst schwer eine zufrie­den­stel­len­de Ein­schät­zung des Films abzu­ge­ben, immer wenn sich mein Ver­stand an einem Aspekt des Films abar­bei­tet, pro­tes­tiert ein ande­rer Aspekt laut­hals und lässt mei­nen Urteils­spruch im Ansatz ersticken.

Radl­mai­er insze­niert sich selbst als im Schei­tern begrif­fe­ner Fil­me­ma­cher, des­sen Sach­be­ar­bei­ter im Arbeits­amt, ihm zum Äpfel­pflü­cken ver­don­nert. Eine Kaf­ka (und Straub)-Referenz spä­ter sin­niert er auf der Apfel­plan­ta­ge, inmit­ten des Pro­le­ta­ri­ats über Klas­sen­kampf und Revo­lu­ti­on. Auf der Suche nach einem Kom­mu­nis­mus ohne Kom­mu­nis­ten (denn die rui­nie­ren immer alles) ent­steht schließ­lich der nächs­te Film des Regis­seurs. Für sei­ne hoh­len Phra­sen im Publi­kums­ge­spräch nach der Pre­miè­re die­ses Films wird Radl­mai­er just durch ein gött­li­ches Wun­der in einen Wind­hund ver­wan­delt. Wo die Rah­men­hand­lung beginnt, die Film-in-Film­hand­lung auf­hört, wie sich zuein­an­der ver­hal­ten, und ob das über­haupt noch etwas mit der Bio­gra­phie Radl­mai­ers zu tun hat, lässt sich schließ­lich nicht mehr nach­voll­zie­hen. Anders, als man es wohl im Dra­ma­tur­gie­kurs bei­gebracht bekommt, ent­wirrt der Film nichts und wider­setzt sich dem Pri­mat einer befrie­di­gen­den Auf­lö­sung – das Dreh­buch wird hier also nicht zum Selbstzweck.

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes von Julian Radlmaier
© fak­tu­ra film

Man dreht sich im Kreis, beim Ver­such sich einen Reim dar­aus zu machen, ob das nun infan­ti­les Spie­le­rei ist, ob man die poli­ti­schen Aus­sa­gen ernst neh­men soll­te, oder ob das ohne­hin nur auf­ge­bla­se­nes, geküns­tel­tes Hipster­ge­ha­be ist. Ver­kom­pli­ziert wird die­ser Ver­such noch dadurch, dass die Selbst­kri­tik am eige­nen Film immer gleich mit­ge­lie­fert, aber wie­der­um so selbst­ge­fäl­lig in Sze­ne gesetzt wird, dass man sich aber­mals kaum sicher sein kann, wie­viel Bedeu­tung man ihr bei­mes­sen soll­te (die ulti­ma­ti­ve Kri­tik des Films an sich selbst, besteht immer­hin dar­in, dass das Alter Ego des Fil­me­ma­chers wegen sei­nes mate­ria­lis­ti­schen Welt­bilds durch die Inkar­na­ti­on des Hei­li­gen Fran­zis­kus in einen Hund ver­wan­delt wird).

Wir schrei­ben auf Jugend ohne Film ger­ne über Dring­lich­keit und Welt­haf­tig­keit. Dass es uns wich­tig ist etwas von der Not­wen­dig­keit in der Kunst zu spü­ren, wie sie von der klas­si­schen Moder­ne vor­ge­lebt wur­de. Von die­ser Not­wen­dig­keit ist in Selbst­kri­tik eines bür­ger­li­chen Hun­des nicht unbe­dingt viel zu spü­ren, ande­rer­seits geht der Film aber auch weit über ein ober­fläch­li­ches Spöt­teln über so einen Kunst­be­griff hin­aus. Er scheint die­se Dring­lich­keit viel­mehr selbst anzu­stre­ben ohne so recht zu wis­sen, wie sie fil­misch umzu­set­zen ist. Hin­ter dem Nar­ziss­mus ver­birgt sich womög­lich eine Suche nach einer Form des Aus­drucks, die einer Welt gerecht wird, die in ihrer Kom­ple­xi­tät kaum mehr zu beschrei­ben und zu füh­len ist. Ent­ge­gen aller Erwar­tun­gen ver­birgt sich hin­ter dem ver­schmitz­ten Grin­sen des Films, viel­leicht eine The­ma­ti­sie­rung ästhe­ti­scher Rat­lo­sig­keit, der man mit Ernst­haf­tig­keit ent­ge­gen tre­ten soll­te. Auf jeden Fall lässt sich mit die­ser Her­an­ge­hens­wei­se mehr aus dem Film mit­neh­men, als wenn man gewalt­sam ver­sucht ihn in eine Schub­la­de zu stecken.