Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Boston Things: American Dreams

Die USA sind bekannt dafür, Din­ge groß zu machen. Milch- und Snack­pa­ckun­gen, Broad­ways, Enter­tain­ment, Schön­heits-OPs, aber auch Imma­te­ri­el­les, die gro­ßen Nar­ra­ti­ve, die in die gan­ze Welt schrei­en. Nicht nur die Mär vom Ame­ri­can Dream, auch All Hal­lows’ Eve ist so eines. Man sagt, die iri­schen Kolonialist*innen und Ein­wan­dern­den hät­ten ihre Hal­lo­ween-Bräu­che in die neue Hei­mat mit­ge­bracht und dort ver­brei­tet. Als ich am drei­ßigs­ten Okto­ber spät­nachts in der klei­nen Stadt Somer­ville, die inner­halb der Bos­ton Area liegt, ankom­me, schüt­tet es in Strö­men – auch in die aus­ge­höhl­ten Kür­bis­se hin­ein, von denen vie­le zwei Tage spä­ter von Schim­mel­pil­zen besie­delt wer­den. In New York über­flu­tet der Regen unter­des­sen die Stra­ßen und Kel­ler, es gibt zwei Tote. Hier steht das Was­ser auch und es ist dun­kel, vie­le Geh­steig­ab­schnit­te sind von Wur­zeln auf­ge­sprengt. Ich wei­che dem Wider­stand der Bäu­me aner­ken­nend auf den Blät­ter­tep­pich aus. Links und rechts thro­nen Ein- und Mehr­fa­mi­li­en- oder Wohn­ge­mein­schafts­häus­chen mit Holz­ver­tä­fe­lung. Man ist drin­nen und beob­ach­tet das Drau­ßen. Am nächs­ten Tag sehe ich mir die geschnitz­ten Kür­bis­se an, die die Veran­den und Trep­pen der Nach­bar­schaft bewa­chen. Man­chen grin­sen freund­lich-unschul­dig, ande­re bedroh­lich-hin­ter­häl­tig. Zusam­men mit den Hun­de- und Men­schen­ske­let­ten aus Plas­tik sagen sie vor­her, wie mutig die Süßig­keits­hung­ri­gen sein müs­sen, um sich an ihnen vor­bei zu wagen. Hal­lo­ween­schmuck ist hier kei­ne Opti­on, son­dern Pflicht. Ein ins­ge­hei­mer Kon­test. Groß­zü­gig umhül­len­der Flaum als Spinn­we­ben-Attrap­pe sorgt für die not­wen­di­ge spät­herbst­li­che Wär­me­däm­mung – trotz Dop­pel­fens­tern und ihren Läden bläst in die bun­ten Häu­sern der Wind hin­ein. Aber auch um sie her­um. Der wackeln­de Schmuck wächst über sei­ne Funk­ti­on hin­aus – Kür­bis­se und Ske­let­te sind poli­tisch. Sie grin­sen „Stand up for your rights“, „Be like Cory Boo­ker“, „BLM“, „Resist“ oder „No Kings“. Die Vor­gär­ten wer­den zum State­ment, um einer Stra­ße, einem Vier­tel, einer Stadt ein Gesicht zu geben. Die regio­na­le Wahl­wer­bung erin­nert außer­dem dar­an, dass nicht nur Mamda­ni für den vier­ten Novem­ber um Stim­men wirbt. Ihre Schild­chen gesel­len sich zu den Toten­mas­ken. Ich glau­be plötz­lich ein Gefühl für die Nach­bar­schaft zu bekom­men, auch wenn ich kei­ne Men­schen hin­ter den Vor­gar­ten­state­ments sehe. Ein paar fah­ren in ihren SUVs vor­bei und las­sen hin­ter den dunk­len Schei­ben nur erah­nen, dass jemand hin­term Steu­er sitzt. Fül­len Fotos von Veran­den ihre Ins­tasto­ries oder blei­ben die expres­si­ven Gärt­chen ein Live-Ersatz, ein Show­ing-Off im Ana­lo­gen? Ich muss an den Film Natio­nal Lampoon’s Christ­mas Vaca­ti­on den­ken, in dem der Chi­ca­go­er Fami­li­en­va­ter Clark alles dar­an setzt, die Vor­gär­ten der Nachbar*innen mit sei­nem Weih­nachts­schmuck zu über­trump­fen. Es treibt ihn in den Wahn­sinn, den sei­ne Yup­pie-Nach­barn stau­nend beobachten.

Am Nach­mit­tag sehe ich mir Aziz Ans­a­ris Debüt­film Good For­tu­ne an. Sei­ne in Komik ver­pack­te Gegen­warts­ana­ly­se bringt die Essenz der gro­ßen Erzäh­lung auf den Punkt:“The Ame­ri­can dream is dead!” Des­sen Geis­ter leben in ande­ren Fil­men und in Wahl­kampf­stra­te­gien wei­ter­hin fort. Hier um Har­vard her­um mate­ria­li­sie­ren sie sich außer­dem in der Form von Ame­ri­can Dream, dem immer schon pri­vi­le­gier­te Aus­gangs­la­gen vor­aus­ge­hen, noch recht gut. Die Mär, dass Leis­tung sich immer lohnt. Auch in Ans­a­ris Film bleibt trotz Kri­tik und Zynis­mus letzt­lich der Traum vom Auf­stieg bestehen und an das Indi­vi­du­um gebun­den, das von „ganz unten“ die dahin­schmel­zen­de Mit­tel­schicht über­sprin­gen muss. Ent­we­der ganz oben oder ganz unten, links oder rechts, SNAPS oder Who­le Foods, ver­si­chert oder nicht. Unheim­li­ches bleibt längst nicht mehr dem Okto­ber vorbehalten.

Der zeigt sich noch eine Wei­le von sei­ner son­nigs­ten Sei­te, bis auch die hin­ter dem Hori­zont ver­schwin­det. Danach gehe ich mit Freund*innen und Bekann­ten in ein Irish Pub. Die Ankün­di­gung „Cree­py Live Music“ ver­spricht wonach uns ist. Mit dem Fidd­le­head IPA in Hän­den und Magen lau­sche ich dem selt­sam ver­klei­de­ten Quar­tett. Ihre Perü­cken und Mas­ken ver­ber­gen ihre Stim­mung, wäh­rend sie gebückt an einem Vie­rer­tisch jam­men. Die Mischung aus zwei Kon­zer­ten (es tönt ein „Zombie“-Cover aus dem angren­zen­den Raum) for­dert unse­re Unter­hal­tung am let­zen frei­en Eck an der Bar her­aus. Rund­her­um wuseln Hexen, Päps­te, Bie­nen, Bun­nies, Bar­bies, Victoria’s Secret Models, Kareem Rah­ma, Bob der Bau­meis­ter, Mike Myers, ein Auto und unde­fi­nier­te Gestal­ten. Der Bar­kee­per spricht mit einem Bos­to­ner Klang, den ich schwer ver­ste­he. Ich glau­be er erwähnt Salem, die „Witch-City“ nörd­li­cher in Mas­sa­chu­setts. Bekannt gewor­den durch Hexen­ver­fol­gun­gen im Jahr 1692, die sich von dort aus über New Eng­land ver­brei­te­ten, bil­det sie heu­te eine Pil­ger­stät­te für Hal­lo­ween-Fans aller 50 Bun­des­staa­ten. So viel hat­te ich noch am Tag vor mei­ner Ein­rei­se auf Wiki­pe­dia gele­sen, um dem Grenz­be­am­ten mei­ne poten­zi­el­len Inter­es­sen in der Bos­ton Area zu unter­brei­ten. Ein Ort des his­to­ri­schen Grau­ens hat gelernt sich für alle nicht ver­folg­ten, selbst­er­nann­ten Hexen kon­su­mier­bar zu machen. Die Magie liegt zwi­schen den Dol­lars. Mein Wis­sen bereit­hal­tend stel­le ich fest, dass der Bar­kee­per doch den Namen des IPAs meint. Ich ver­ges­se, dass ich nicht nach der Grö­ße gefragt wer­de und kom­me in den vol­len Genuss eines gan­zen Salem-Pints, des Geschmacks von Hexen­ver­fol­gung. Eine leicht bit­te­re Note. Am Nach­hau­se­weg wün­schen uns ein paar Gemü­se mit leuch­ten­den Augen schö­ne Träume.