Brückenbilder (zu Frederick Wiseman)

Die­ser Text ist in der Publi­ka­ti­on Fre­de­rick Wise­man. Das Schau­spiel der Gesell­schaft, Han­nes Brühwiler(Hg.), Bertz + Fischer Ver­lag, Ber­lin 2023 (ISBN 978−3−86505−338−1) abge­druckt und wird hier mit freund­li­cher Erlaub­nis des Her­aus­ge­bers aus trau­ri­gem Anlass noch­mal veröffentlicht.

Eine Kat­ze schleicht durchs hoch­ste­hen­de Gras eines ver­wahr­los­ten Klein­stadt­gar­tens in Tal­la­de­ga, Ala­ba­ma. Autos fah­ren durchs Bild, unzäh­li­ge Fahr­zeu­ge auf den Stra­ßen, Wegen, Flüs­sen. Irgend­wo weht eine ame­ri­ka­ni­sche Stoff­flag­ge im Wind, man hört das Gestän­ge kla­cken, zum Bei­spiel vor den städ­ti­schen Ämtern in Bos­ton oder dem Kapi­tol von Boi­se, Ida­ho. Jemand schlen­dert müde im New Yor­ker Cen­tral Park umher, die Hän­de hin­term Rücken ver­schränkt. Eine jun­ge Frau steigt irgend­wo auf dem Cam­pus von Ber­ke­ley auf ihr Rad, es fällt ihr schwer, gelb gefärb­tes Herbst­laub fällt auf den Weg vor ihr. Man kennt sol­che Bil­der auch von ande­ren Fle­cken die­ser Erde, man sieht sie jeden Tag und ver­gisst sie meist sofort. Es sind Bil­der, die an einem vor­bei­lau­fen, die man kaum bemerkt. Fre­de­rick Wise­man aber nutzt sie, um sei­ne Fil­me zu bau­en; die­se Bil­der, nen­nen wir sie Zwi­schen- oder Brü­cken­bil­der, sind sein Lehm. Sie dyna­mi­sie­ren, rhyth­mi­sie­ren und struk­tu­rie­ren sei­ne Fil­me. In die­sen Bil­dern sieht man nur sel­ten Men­schen, die auch in ande­ren Sze­nen vor­kom­men. Sie die­nen, ober­fläch­lich betrach­tet, als rei­ner Über­gang zwi­schen zwei Sze­nen, lei­ten einen Orts- oder Zei­ten­wech­sel ein. In ihnen gibt es kei­nen Dia­log, kei­ne tie­fer­ge­hen­de Beob­ach­tung. Viel­mehr ent­spre­chen die häu­fig in ver­hält­nis­mä­ßig schnel­ler Fre­quenz (cir­ca vier Sekun­den pro Brü­cken­bild) geschnit­te­nen Sequen­zen dem schwei­fen­den Blick einer Ziga­ret­ten­pau­se. Man bekommt ein Gefühl für das, was auf der Stra­ße pas­siert, nach­dem man Stun­den in Büros, Klas­sen­zim­mern oder Nacht­clubs ver­bracht hat. Aber ist es nicht so, dass man manch­mal nach einem lan­gen und inten­si­ven Gespräch etwas erkennt, etwas ver­steht, wäh­rend man in die Unüber­sicht­lich­keit vor sich blickt? Liegt viel­leicht sogar im wort­lo­sen, all­täg­li­chen Trei­ben, das sich unbe­ein­druckt fort­setzt, wäh­rend hin­ter Fens­tern phi­lo­so­phiert, debat­tiert, getanzt, kom­mu­ni­ziert, gelebt und gestor­ben wird, das eigent­li­che exis­ten­zi­el­le Dra­ma, das tie­fer­lie­gen­de Bewusst­sein einer beru­hi­gen­den Bana­li­tät des Seins? Für Wise­man jeden­falls sind sol­che Bil­der spä­tes­tens mit Model (1981) fes­ter Bestand­teil sei­nes Blicks auf die Welt.

Annä­he­rung
Eigent­lich sind sol­che Bil­der in Fil­men kei­ne Sel­ten­heit. Auch fik­tio­na­le Arbei­ten begin­nen oft mit Mon­ta­ge­se­quen­zen, in denen atmo­sphä­ri­sche Bil­der von Orten oder Milieus in die Hand­lung ein­füh­ren. Ein berühm­tes Bei­spiel dafür fin­det sich in den ers­ten Minu­ten von Dog Day After­noon (1975; R: Sid­ney Lumet), in denen, beglei­tet von Elton Johns Song Amo­ree­na, Ein­drü­cke eines Som­mer­tags im New York der frü­hen 1970er Jah­re gezeigt wer­den. Bau­ar­bei­ter, Men­schen, die ihre Rasen­flä­chen wäs­sern, der Stra­ßen­ver­kehr, Flug­zeu­ge und so wei­ter. Ähn­lich führt auch Wise­man wie­der­holt in sei­ne Fil­me ein, zum Bei­spiel in Adjus­t­ment & Work (1986) oder Bel­fast, Maine (1999). So ermög­licht er eine geo­gra­fi­sche und zeit­li­che Ori­en­tie­rung, man bekommt ein Gefühl für die Ört­lich­kei­ten, das Tem­po, die Tem­pe­ra­tur die­ses Hand­lungs­or­tes. Zugleich wir­ken die­se Frag­men­te des All­tags so, als suche die Kame­ra noch nach dem Film, der sogleich folgt. Zusam­men mit dem Zuschau­er kommt Wise­man erst ein­mal an, fin­det sich zurecht, die durch­aus dis­pa­ra­ten Ein­drü­cke erin­nern an die ers­ten Impres­sio­nen bei der Ankunft in einer neu­en Stadt. Man sieht viel, ist wacher als sonst, aber erkennt noch kei­ne Zusam­men­hän­ge, hat noch kei­nen Fokus. In Adjus­t­ment & Work filmt Wise­man ver­schie­de­ne Gebäu­de, man fragt sich, wel­ches zur im Film por­trä­tier­ten Ala­ba­ma Indus­tries for the Blind gehört, ob die Bil­der bereits in Rela­ti­on ste­hen zur Arbeit mit seh­be­hin­der­ten Men­schen oder ob sie zufäl­lig ent­stan­den sind. Es ist ein Her­an­tas­ten, ein Annä­hern. Belie­ße Wise­man es dabei, sei­ne Fil­me mit sol­chen Sequen­zen zu begin­nen, wäre dar­an nichts Beson­de­res. Denn schon bald taucht er ein in die Insti­tu­tio­nen, derent­we­gen er gekom­men ist. Außer­ge­wöhn­lich ist, dass Wise­man Sequen­zen wie die­se mehr­fach über sei­ne Fil­me hin­weg wie­der­holt. Ein sol­ches Vor­ge­hen ist, beson­ders in die­ser struk­tu­rel­len Stren­ge, äußert sel­ten. Am ehes­ten erin­nert es noch an die pil­low shots im Kino von Yasu­ji­rō Ozu, so genannt auf­grund ihre Rela­ti­on zu den Maku­ra­ko­to­ba (»Kis­sen­wör­tern«) in der japa­ni­schen Waka-Dicht­kunst, ein­zel­ne Ein­stel­lun­gen, die die Betrach­ten­den aus der Hand­lung rei­ßen und neue Bedeu­tun­gen gene­rie­ren. Bei Ozu sind das typi­scher­wei­se Auf­nah­men von Wäsche­lei­nen, Tee­kes­seln oder vor­bei­zie­hen­den Wol­ken. Bei Wise­man sind es Stra­ßen, Fah­nen und Bäu­me. Obwohl Ozu deut­lich spar­sa­mer und sta­ti­scher mit sol­chen Zwi­schen­bil­dern umgeht, ähneln sich die­se Sequen­zen bei bei­den Fil­me­ma­chern, geht es hier wie dort um die Ver­or­tung in einer schein­bar gleich­gül­ti­gen Welt. Man fühlt sich klein, wenn man plötz­lich bemerkt, dass die Wäsche drau­ßen hängt, wäh­rend man um sei­ne Lie­be trau­ert. Man fühlt sich klein, wenn man jeman­dem hilft, nur um dann zu bemer­ken, dass drau­ßen jemand anders auf der Park­bank schla­fen muss und die Autos ein­fach immer wei­ter­fah­ren. Bei bei­den Fil­me­ma­chern bewir­ken die­se oft stil­len Zwi­schen­bil­der eine gewis­se Sanft­heit. Statt den Zuschau­er und die Figu­ren in Kon­fron­ta­ti­ons­si­tua­tio­nen gefan­gen zu hal­ten, wehen die­se Bil­der wie eine Bri­se in den fort­schrei­ten­den Film. Sie öff­nen ihn, ermög­li­chen es, ihn noch ein­mal anders zu betrachten.

Innen und Außen
Obwohl Wise­man erst mit Model bewusst für die struk­tu­rie­ren­de Ver­wen­dung sol­cher Brü­cken­bil­der ein­setzt, fin­den sich ähn­li­che Schnit­te auch in sei­nen frü­he­ren Arbei­ten. Wie so oft ver­ra­ten die ers­ten rudi­men­tä­ren Spu­ren einer inzwi­schen gera­de­zu obses­siv ver­folg­ten Stra­te­gie eini­ges über deren Bedeu­tung. Bereits in sei­nem Debüt Titi­cut Fol­lies (1967) fin­det sich ein Brü­cken­bild. Es folgt aus einer inter­es­san­ten Schnitt­fol­ge: Ein Blick durchs Schlüs­sel­loch einer Zel­le im Bridge­wa­ter Sta­te Hos­pi­tal, einer psych­ia­tri­schen Anstalt für Kri­mi­nel­le, zeigt den Insas­sen wie ein Insekt am durch sein Fens­ter bre­chen­den Licht kle­ben. Die nächs­te Ein­stel­lung zeigt uns den Mann ohne das Schlüs­sel­loch in sel­ber Posi­ti­on, und dann schnei­det Wise­man in den Hof, also an jenen Ort, den der Pati­ent ver­mut­lich von sei­ner Zel­le aus betrach­tet hat. Die Tota­le im Hof wird zu einem Brü­cken­bild. Aus grö­ße­rer Distanz gefilmt, strahlt das eine gewis­se Ruhe aus und steht so im kras­sen Gegen­satz zum Gemur­mel, Geschrei, Gere­de der Kor­ri­do­re und deren para­no­ider Über­wa­chungs­form. Es ist ein klei­nes Bild des schein­ba­ren Frie­dens im Irr­sinn von staat­li­cher Gewalt und men­ta­ler Auf­lö­sung. Die äußerst elo­quen­te Schnitt­fol­ge, die uns von innen nach außen führt, ver­rät viel über Wisem­ans Anlie­gen. Zum einen hilft ihm das Außen bei der Ver­ar­bei­tung des Innen. Schwer erträg­li­che Sze­nen mensch­li­chen Leids wer­den nicht ein­fach anein­an­der­ge­klebt, sie bekom­men einen Zwi­schen­raum. In die­sem öff­net sich gleich­zei­tig ein wei­te­rer Raum, der das Gese­he­ne in Rela­ti­on zur Umge­bung setzt. Die Insti­tu­tio­nen agie­ren nicht im luft­lee­ren Raum, sie sind Teil einer Gesell­schaft. Dabei kann man unter­schei­den zwi­schen Fil­men, die die Grund­stü­cke der jewei­li­gen Insti­tu­tio­nen ver­las­sen, zum Bei­spiel City Hall (2020) oder Ex Libris: The New York Public Libra­ry (2017), und sol­chen, die das nicht tun, zum Bei­spiel Cen­tral Park (1990) oder Zoo (1993). Die Arbeit des Doku­men­ta­ris­ten hängt gera­de im Fall von Wise­man sehr an Zugän­gen: der Mög­lich­keit eines Zutritts, der Erlaub­nis zum Betre­ten eines Ortes. Die Über­gän­ge zwi­schen Außen und Innen sind zwar flie­ßend in Wisem­ans Kino, dabei aber ange­zeigt. Er macht uns bewusst, dass er ein Außen­ste­hen­der ist, ganz ein­fach, indem er unent­wegt außen steht, bevor er ins Innen geht. Fol­ge­rich­tig inter­es­siert er sich auch für Schwel­len, also jene archi­tek­to­ni­schen oder funk­tio­na­len Ele­men­te, die das Innen vom Außen tren­nen. In sei­nen Fil­men fin­den sich unzäh­li­ge Auf­nah­men von Fens­tern, Schau­fens­tern, Dreh­tü­ren oder Auf­zü­gen. Im Ton hört man Tele­fon­läu­ten, Tür­klin­geln oder Kir­chen­glo­cken, alle­samt Geräu­sche, die ein Außen ins Innen drän­gen las­sen. The Store (1983) ist ein gutes Bei­spiel für einen Film, der die inne­re Welt des Nei­man-Mar­cus-Kauf­hau­ses in Dal­las als auto­no­mes Habi­tat ver­steht, das durch qua­si-osmo­ti­sche Ver­bin­dung mit der städ­ti­schen Umge­bung und den poten­zi­el­len Kun­den in Aus­tausch steht. Man ver­gisst fast, dass es eine äuße­re Welt gibt. Das erin­nert ein biss­chen an unan­ge­neh­me Zahn­arzt­be­su­che, nach denen man manch­mal auch gera­de­zu über­rascht ist, dass es eine gegen­über den eige­nen Ängs­ten gleich­gül­ti­ge Welt gibt, die drau­ßen ein­fach wei­ter­lief, wäh­rend man auf dem Behand­lungs­stuhl lag. Ein­zig die Schwel­len, also Schau­fens­ter, Rekla­me­schil­der oder Leucht­kör­per, ver­bin­den in the store das Innen mit dem Außen. Wise­man begibt sich immer wie­der in die­ses Außen, um sich und uns einen distan­zier­te­ren, kri­ti­schen Blick zu erlau­ben. Man erkennt den Kapi­ta­lis­mus und sei­ne zer­stö­re­ri­sche Wucht nicht unbe­dingt, wenn man in Geld und Waren schwimmt. Vom Ufer aus kann man die Gier und Unge­rech­tig­keit erken­nen. Die Brü­cken­bil­der wer­den zu Schwel­len­bil­dern. Es geht um die Über­gän­ge zwi­schen Welt und Insti­tu­ti­on, (manch­mal fehl­ge­lei­te­ten) Idea­len und der Wirk­lich­keit. Weit­aus kom­pli­zier­ter gestal­tet sich das übri­gens in einem Film wie Zoo, da hier die Wahr­neh­mung von Innen und Außen in ihren Grund­fes­ten erschüt­tert wird. Wer auf wen blickt und ob nun die Men­schen oder die Tie­re als Brü­cken­bil­der die­nen, wird zuneh­mend unklar. Da Wise­man stets an Blick- und damit ver­bun­de­nen Macht­struk­tu­ren inter­es­siert ist, filmt er nicht ein­fach, was er sieht – er filmt das Ver­hält­nis zwi­schen dem, was er sieht, und sei­ner Kame­ra. Wenn die Schwel­len zwi­schen Objek­tiv und Objekt nicht mehr erkenn­bar sind, wird die Rol­le zwi­schen Innen und Außen hin­ter­fragt. So wie der Insas­se in Titi­cut Fol­lies nach außen blickt, so blickt Wise­man nach innen. Die Schwel­len kön­nen jedoch bei­de nicht übertreten.

Raum und Zeit
Zugleich nutzt Wise­man die Brü­cken­bil­der ganz prag­ma­tisch und banal. Er ori­en­tiert den Zuschau­er mit ihrer Hil­fe räum­lich und zeit­lich. In In Jack­son Heights (2015) etwa hüpft er förm­lich von Loca­ti­on zu Loca­ti­on im namens­ge­ben­den Stadt­vier­tel von Queens, New York. Er saugt das Leben auf der Stra­ße auf, bevor er sich in die nächs­te Situa­ti­on stürzt. Er zeigt die Fas­sa­den der Gebäu­de, in denen er filmt. Es ist, als wür­de man mit Wise­man und sei­ner Kame­ra anrei­sen. Wie bei­läu­fig kann er so jedoch auch etwas über das Zusam­men­le­ben ver­schie­dens­ter Kul­tu­ren erzäh­len. In den Über­gän­gen ver­bin­den sich die Geschich­ten. So schnei­det er von einer Bus­hal­te­stel­le zu eini­gen Män­nern, die vor einem Kiosk her­um­lun­gern, zu einem Mar­ti­al-Arts-Cen­ter zu einer Eis­ver­käu­fe­rin zu einem Ampel­licht zu einem Rad­fah­rer zu einem Bus zur U‑Bahn und schließ­lich zu einem Club, in dem ein Kon­zert mit latein­ame­ri­ka­ni­scher Musik statt­fin­det. Fast unmerk­lich ist es wäh­rend der Bil­der­fol­ge Nacht gewor­den. Ein ganz ähn­li­ches Bei­spiel, das eben­falls den Über­gang von Nacht zu Tag zeigt, fin­det sich in Cra­zy Hor­se (2011), wenn Wise­man aus dem ero­ti­schen Nacht­spek­ta­kel über Auf­nah­men eines lang­sam in den Tag über­ge­hen­den Paris in die har­te Arbeit über­lei­tet, die dadurch ermög­licht wird. In Aspen (1991) zeigt eine sol­che Sequenz den begin­nen­den Schnee­fall an. Ohne auf die Hil­fe einer Erzähl­stim­me oder ein­ge­blen­de­ter Text­ta­feln zurück­zu­grei­fen, macht Wise­man so bewusst, dass Zeit ver­gan­gen ist. Das alles hilft bei der Ori­en­tie­rung, denn auch wenn die Fil­me kaum chro­no­lo­gi­sche Zusam­men­hän­ge auf­zei­gen wol­len, so wer­den die rhe­to­ri­schen und poli­ti­schen Nar­ra­ti­ve, die sich durch sie zie­hen, doch zu bestimm­ten Bedin­gun­gen in eine bestimm­te Zeit an bestimm­ten Orten ein­ge­ord­net. Das fällt, auch weil es sel­ten vor­kommt, beson­ders dann auf, wenn Wise­man Schil­der abfilmt oder ein­zel­ne Bil­der wie­der­holt, zum Bei­spiel die Stu­fen hin­auf zum Ver­wal­tungs­ge­bäu­de der Uni­ver­si­tät in at ber­ke­ley oder den Lon­do­ner Tra­fal­gar Squa­re in Natio­nal Gal­lery (2014). Das unver­än­der­te Motiv ermög­licht die Kon­zen­tra­ti­on auf sich ver­än­dern­de Ele­men­te, etwa Tages­zei­ten, Wet­ter­be­din­gun­gen oder ein schwe­rer zu grei­fen­des Ver­hält­nis zwi­schen Archi­tek­tur und Wer­ten, dem, was man eben gese­hen und gehört hat und dem, was aus die­sem Zwi­schen­bild spricht. Die Löwen­sta­tu­en am Tra­fal­gar Squa­re ver­wan­deln sich so unent­wegt, ihre Bedeu­tung chan­giert je nach­dem, was man zuvor über die Arbeit mit Kunst erfuhr. Dabei ent­steht in der Wahr­neh­mung von Zeit und Raum in Wisem­ans Fil­men ein Span­nungs­feld zwi­schen dem kau­sa­len Zusam­men­hang von Hand­lun­gen, etwa wenn ein Gre­mi­um im Cen­tral Park das Rad­fah­ren abseits der Wege unter­sagt und man die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Per­so­nal und Rad­fah­rern dar­über in einem Brü­cken­bild sehen kann, und der Gleich­zei­tig­keit der Din­ge, wenn schein­bar Zufäl­li­ges, Unbe­tei­lig­tes, Unzu­sam­men­hän­gen­des in die Welt der Fil­me ragt.

Atmen
Die Brü­cken­bil­der die­nen auch der Rhyth­mi­sie­rung der Fil­me. Wise­man beschrieb die­sen Vor­gang als das Fin­den einer exter­nen Struk­tur. Es gehe ihm dar­um, nach emo­tio­na­len Sze­nen ein ruhi­ge­res Bild zu fin­den oder zeit­li­che und räum­li­che Über­gän­ge anzu­zei­gen. In At Ber­ke­ley (2013) folgt auf jede Sequenz, in der gespro­chen oder dis­ku­tiert wird, eine Fol­ge wort­lo­ser Bil­der. Aus den Hör­sä­len geht es raus in den Park. Auch die­ses Stil­ele­ment gab es bei Wise­man bereits, bevor er die Brü­cken­bil­der fest in sei­nem Fil­me­ma­chen ver­an­ker­te. So fol­gen auf die inten­si­ven Gesprä­che in Juve­ni­le Court (1973) wie­der­holt Sze­nen, in denen die Beam­ten des titel­ge­ben­den Jugend­ge­richts in Mem­phis durch die Kor­ri­do­re gehen. Sie spre­chen nicht, wir­ken so, als müss­ten sie selbst ver­dau­en, was eben geschah. Auf die Spra­che folgt das Schwei­gen, auf die Kon­fron­ta­ti­on die Bewe­gung. Es ist so, als erlaub­te der Fil­me­ma­cher uns kurz durch­zu­at­men. Aus die­sem Gefühl könn­te der Ein­druck ent­ste­hen, dass es in die­sen Zwi­schen­bil­dern nichts Ent­schei­den­des zu sehen gibt. Wise­man stellt durch­aus die para­do­xe Fra­ge, ob man Bil­der in einen Film mon­tie­ren kann, die unsicht­bar blei­ben. Das hängt letzt­lich auch mit der domi­nan­ten Posi­ti­on von Spra­che in All­tag und Film­re­zep­ti­on zusam­men. Oft­mals wer­den Sze­nen, in denen nichts gesagt wird, für weni­ger wich­tig erach­tet, eine Fol­ge jahr­zehn­te­lan­ger Berie­se­lung der Zuschau­er mit Wer­be­bot­schaf­ten. Man den­ke an Seri­en­for­ma­te, die kur­ze, inhalts­ent­leer­te Zwi­schen­se­quen­zen nut­zen, um ihre Fol­gen zu struk­tu­rie­ren. In der deut­schen Serie Strom­berg (2004–2012) etwa gibt es wie­der­holt Auf­nah­men des Kaf­fee­ko­chers oder des Dru­ckers. Die­se Bil­der erin­nern erst mal an das, was man bei Wise­man sehen könn­te, der aller­dings wie­der­holt nur ganz sel­ten. Am ehes­ten noch lie­ße sich fest­stel­len, dass der Fil­me­ma­cher auf­fäl­lig gern zum Him­mel blickt. Flug­zeu­ge, Vögel, Luft­bal­lo­ne, Heiß­luft­bal­lo­ne, Fall­schir­me. Die lang­sa­men Bewe­gun­gen des Schwe­bens, Stei­gens und Sin­kens ermög­li­chen tat­säch­lich eine kurz­zei­ti­ge Flucht aus der Dring­lich­keit boden­na­her Ereig­nis­se. Auch Wisem­ans Vor­lie­be für gegen­läu­fi­ge Bewe­gun­gen, also zum Bei­spiel Ein­stel­lun­gen der Stra­ße, auf denen Autos nach links und rechts durchs Bild fah­ren, spre­chen für die­se kurz­zei­ti­ge Ent­lee­rung des Blicks. Gera­de in der schein­ba­ren Unsicht­bar­keit aber, in der Stil­le kann bei Wise­man alles pas­sie­ren. Das bes­te Bei­spiel hier­für fin­det sich in cen­tral park. Die bereits erwähn­te Feh­de zwi­schen Rad­fah­rern, die abseits der Wege durch Wie­se und Gebüsch bret­tern, und der Park­ver­wal­tung bekommt dank der Brü­cken­bil­der eine herr­lich iro­ni­sche Wen­dung. Denn wäh­rend die Parkan­ge­stell­ten ver­zwei­felt berich­ten, dass sie die Moun­tain­bi­ker nicht auf fri­scher Tat ertap­pen, gelingt Wise­man das gleich mehr­fach. Wie­der­holt zeigt er in Sequen­zen mit ande­ren all­täg­li­chen Hand­lun­gen im Park, wie Rad­fah­rer über Stei­ne und Grä­ser fah­ren, und in gewis­ser Wei­se ver­bün­det er sich mit deren Hand­lun­gen, weil er sie nicht ver­rät, zumin­dest nicht jenen gegen­über, die sie bestra­fen könn­ten. Es gibt einen Pakt zwi­schen Bil­dern und jenen, die auf ihnen zu sehen sind. Sei­ne Bil­der sind kei­ne Bewei­se, sie sind ein Mosa­ik, aus dem stän­dig eine Hal­tung spricht, die es zu erken­nen gilt. Dass die Hin­wen­dung an demo­kra­ti­sche Wer­te in City Hall oder das mul­ti­kul­tu­rel­le Zusam­men­le­ben in In Jack­son Heights ihre logi­sche Fort­set­zung in den Brü­cken­bil­dern fin­den, zeigt immer auch, wie die in den Insti­tu­tio­nen anvi­sier­ten Idea­le sich bes­ten­falls in der Gesell­schaft zei­gen. In die­sem Fall wür­de man eher auf­at­men als durchatmen.

Die Rän­der
Wise­man arbei­tet aber nicht nur mit har­mo­ni­schen Fort­set­zun­gen vom Innen ins Außen, son­dern auch mit Gegen­sät­zen. Ein her­aus­ra­gen­des Bei­spiel hier­für ist Model. Der Hoch­glanz­welt wird die Armut der Stra­ße ent­ge­gen­ge­setzt. Vor dem Guc­ci-Geschäft lun­gern die Bett­ler. Hier gibt es kein fal­sches Lächeln mehr. Statt Eye­li­nern und Fet­zen von Nichts sind es die in Lum­pen geklei­de­ten Ver­zwei­feln­den, die sich nichts von dem leis­ten kön­nen, was die Prot­ago­nis­ten des Films ver­kau­fen. Das Außen steht hier im Gegen­satz zum Innen. In the Gar­den (2005) sind es die Putz­kräf­te im Madi­son Squa­re Gar­den, die zuver­läs­sig nach den gro­ßen Stars die Are­nen und Büh­nen betre­ten, die das ermög­li­chen, was alle mit einem Ort oder einer Insti­tu­ti­on ver­bin­den. Eines der liebs­ten bei­läu­fi­gen Moti­ve Wisem­ans ist daher auch die Gar­ten­ar­beit. Sie ist über­all nötig, egal ob vor Gerichts­ge­bäu­den, bei Schu­len, in Ort­schaf­ten oder am Rand einer Pfer­de­renn­stre­cke. Die Gärt­ner sind die stum­men Hel­den in Wisem­ans Kino. Ohne an den Rän­dern auf­tau­chen­de Figu­ren las­sen sich kom­ple­xe Sys­te­me nicht ver­ste­hen. Vom in Canal Zone (1977) gezeig­ten Impe­ria­lis­mus der US-Ame­ri­ka­ner in Pana­ma zeugt der durchs Bild huschen­de, zei­tungs­kau­fen­de Motor­rad­fah­rer genau wie die Mili­tär­pa­ra­den. Vom ver­derb­li­chen Tou­ris­mus erzäh­len die durchs Bild dröh­nen­den Blech­kis­ten in aspen genau wie die sich in den Hotels ein­nis­ten­de Schön­heits­in­dus­trie. Neben den Schnit­ten hin­aus auf die Stra­ße gibt es eben auch bestän­dig die klei­nen Rand­be­ob­ach­tun­gen. Wise­man gibt jenen Raum, die gera­de nicht zuhö­ren, die lie­ber lesen, als Bil­lard zu spie­len, die eigent­lich gar nicht da sind. Er ver­steht, dass kein Bild kom­plett ist ohne das, was nur an den Rän­dern exis­tiert. Er zeigt, dass auch sein Bild nie­mals kom­plett ist, dass es unzäh­li­ge wei­te­re Gebäu­de gäbe, die man betre­ten könn­te, Men­schen, denen man fol­gen müss­te.

Die sich fort­set­zen­de Welt
Eine der blei­bends­ten Auf­nah­men im Kino Wisem­ans ist jene eines gegen einen Baum gelehn­ten, im Licht des Son­nen­un­ter­gangs schla­fen­den Mön­che in Esse­ne (1972). In die­sem Bild ver­kör­pert sich das geist­li­che Ide­al eines in die Welt fort­ge­setz­ten Bei-Sich-Seins. Es ist streng­ge­nom­men kein Brü­cken­bild, und doch ver­bin­det es die inne­re Welt der im Film gezeig­ten Gebe­te und Gesän­ge und der Dis­zi­plin mit dem äuße­ren Frie­den, einer gro­ßen Ruhe und Ver­bin­dung mit der Natur. Man könn­te die­se Zwi­schen­se­quen­zen im Kino Wisem­ans durch­aus so ver­ste­hen: als ange­wand­te Pra­xis einer zuvor erlern­ten Welt­sicht. Das gin­ge aber zugleich zu weit und nicht weit genug. Viel­mehr erzäh­len die zwi­schen­mon­tier­ten Auf­nah­men von der über­bor­den­den Wirk­lich­keit, die es stän­dig zu ord­nen und zu fil­tern gilt, derer man nie ganz hab­haft wird. Es ist eine Flüch­tig­keit, eine Flüs­sig­keit, die alles aus dem jeweils ande­ren her­vor­tre­ten lässt. In die­ser Hin­sicht sind die Sequen­zen doch eine Schu­le des Sehens. Sie füh­ren uns vor, wie sich unser Blick auf die Welt ver­än­dert, wenn wir einen Film Wisem­ans sehen, und wenn wir dann unse­ren Schnitt ins Außen wagen und den Kino­saal ver­las­sen, tref­fen wir exakt auf jene Frag­men­te, die der Fil­me­ma­cher uns so gekonnt gezeigt hat. Bes­ten­falls sehen wir sie jetzt anders als zuvor.

In Erin­ne­rung an Fre­de­rick Wise­man (1930−2026)