Nach einer renovierungsbedingten Schließung des Wiener Museums moderner Kunst, dem großen Anthrazitblock im Museumsquartier, der kontrapunktisch in die Länge gezogene Weißräume beherbergte, sind dessen Türen seit Juni wieder geöffnet. Nun unter der neuen kuratorischen Leitung von Fatima Hellberg, die nicht nur angeblich an den räumlichen Gegebenheiten etwas änderte, sondern auch mit einer neuen Ausstellung zusammen mit Lukas Flygare beginnt, mit der sich der Blick auf das Museum verändern soll. Ein Ansatz, der sich deutlich weniger doktrinär als die ausgetretene Kritik am white cube ausnimmt, am Ende aber doch auf alt bekannte Probleme stößt. Mit dem Sammlungsschwerpunkt auf die österreichische Avantgarde, Video- und Raumkunst setzt Hellberg insofern fort, dass sie die Neuankäufe unmittelbar als Anlass für diese ihre erste Schau Terminal Piece verwendet, in der Kate Milletts gleichnamige im obersten Geschoss befindliche Installation im Zentrum steht.
Bevor man dahin gelangt, trifft man im zwischenräumlichen Erdgeschoss auf Bühnenbilder von Anne Viebrock zu Goethes Faust, in denen weitere Ankäufe, darunter einige kleinere Werke von Sol LeWitt ausgestellt sind. Oft handelt es sich hier um Pastichearbeiten, in denen Reste oder Notizen assembliert sind, so zum Beispiel auch von Daniel Spoerri, Alan Kaprow, Gerhard Rühm oder Friederike Mayröcker. Auffällig bleibt die Schwelle zwischen Ready-Made und gebrauchsförmiger Kunst, wenn etwa Lutz Bachers achtundfünfzig übergroße Pistolenreklamen oder Thomas Ruffs Zeitungsfotografien in überquellender Hängung zu sehen sind. Wenngleich man sich hier in Vierbrocks Wänden kanonisch in sicheren Händen fühlt und sich ein – vor allem us-amerikanisch geprägtes – Konzeptkunst-Gesamtbild der post-surrealistischen Neo-Avantgarde zusammensetzt, zeichnen sich doch immer wieder Brüche ab. Das sind vor allem Wanddurchbrüche, die weitere Blickachsen eröffnen, wodurch der Raum fraglich wird und weniger die Werke. Damit handelt es sich um eine Vorschau auf den Hauptteil der Ausstellung, der sich dem Sehen im und mit dem Museum beschäftigt.
So stehen im Zentrum des in vier Akte aufgeteilten Rundgangs vor allem drei dunkle Räume, in denen sich an erster Stelle Kate Milletts große Rauminstallation Terminal Piece befindet. Hinter gitterartigen Holzstangen, die sich undurchdringbar über die Breite des ganzen Raumes ziehen, stehen zwei Klappstuhlreihen, auf denen eine einzige Holzpuppe sitzt. Sie soll Millett ähnlich sehen, gleichzeitig sind ihre Gesichtszüge durch die Schattenwürfe schwer wahrnehmbar, was den gespenstigen Eindruck spürbar verstärkt. Sie befindet sich dabei in einer Pose, als könnte sie jeden Moment aufstehen oder würde applaudieren, wodurch aber nicht nur das Hierarchieproblem der Kunstbetrachtung situativ in ein Moment der Selbsterfahrung übertragen wird, sondern auch ein besondere Stille entsteht. Wie sehr das Hören und Sehen auf einander bezogen sind, trägt Hellbergs Schau wohl eher unbewusst – eher ist es ihr blinder Fleck. Denn die beiden anderen Räume werden von zwei säuselnden dann wieder dröhnenden Videoinstallationen dominiert, deren Künstlerinnen – Elisabeth Subrin mit Swallow sowie Verena Paravel und Lucien Castain-Taylor mit Leviathan dem Kino nicht unbekannt sind.
Beide Arbeiten zeichnen sich durch eine ungeheure Schaunähe aus, was auch durch die Leinwandgröße verstärkt wird. Während Subrin autobiografisch ihrem eigenen Aufwachsen mit einer Essstörung und Depression anhand von found Footage nachgeht, sehen Paravel und Castain-Taylor den Widrigkeiten der Hochseefischerei direkt ins Auge. Damit will man für einen Moment glauben, das Kino wäre im Gegensatz zum Museum das bessere Sehmedium, weil es anders als beim Lesen oder betrachten von Werken, das Abschweifen verhindert. Kino wird aus dieser reduktiven Perspektive aber auch als mechanisch herbeigeführter Schauzwang begriffen, dem die Freiheit des Blicks mangele. Einen Nachhall dieser endindividualisierten Sehanordnung oder vorgestellten Abrichtung der Augen könnte man vielleicht auch in dem inflationären Begriffsgebrauch der Zeugenschaft hören, der ebenso in Terminal Piece an einigen Stellen anklingt. Zugleich lassen sich dort aber genauso subversivere beziehungsweise subtilere oder sublime Formen des Blicks entdecken.
In einer Wiederholung des Motivs der Materialassemblagen in den Arbeiten von Louis Goodman kann man beispielsweise eine geradezu auseinandernehmende, analysierende Blickerfahrung machen. Dann, wenn man versucht, die Einzelteile einer Skulpturen zu erfassen, ihre ursprüngliche Verwendung und anschließende Verformung nachzuvollziehen. Es überrascht kaum, dass im Mittelpunkt, der auf einem großen Tisch angeordneten Figuren, eine von Essbesteck gehaltene Sonnenbrille zu sehen ist. Immer wieder sind auch kleine Schaukästen mit naiv wirkenden Miniaturen aufgestellt, die sich dem Betrachten erst verschließen, wenngleich sie aufgrund ihre Größe entdeckt und gefunden werden wollen. Daran schließt sich auch die Erfahrung des verspielten Blicks an, der weniger dekonstruieren als bewegen, tasten oder sich mitreißen lassen will. Wie etwa bei Christine Gironcoli Resten einer Restaurierungsarbeit, die die Hände eines Generaldirektors an einer Zigarette zeigen. Oder die klumpigen Materialverdichtungen von Jean Fautrier. Dass es sich dabei allerdings um Schreie von Opfern der Nazifolterei handelt, lässt den eigenen Blick im nächsten Moment wieder erstarren.
Abstand davon nehmend, eignet man sich mit dem Ende der Ausstellung immer stärker einen seltsam überschauenden, denkend-zusammensetzenden Blick an, der sich vielleicht auch als Fallstrick der Raumdurchbrüche zu erkennen gibt. Der letzte Akt steht unter der Frage, was ein Bild zu einem Bild macht und rückt dafür wieder das Museum als Bemessungsinstanz ins Licht. Einerseits verteilen sich den Wänden nach oben und unten an Lichtbilder erinnernde rhythmisch-strukturierte Arbeiten von Nina Porter. Man sieht bewegliche Lichtquellen und transparente, zerstückelte Negativ-Fragmente. Andererseits richtet sich auch wieder die Aufmerksamkeit auf Kate Milletts Terminal Piece, das nun archivarisch mit Skizzen, Notizen, Dokumenten und Fotografien aufbereitet wird. Die immer weiter auf Öffnung zielende Blickführung schließt sich wieder, was womöglich auch einen enttäuschenden Blick hervorrufen könnte, weil das Sehen selbst zu einem Bild geworden ist.
Die teilweise beschriebenen Wände des letzten Raums erinnern auf bezeichnende Weise dann nochmal an die von LeWitt vielfach fotografierten Tags und Affichen im Prolog, in denen sich verdeutlicht, dass das Sehen immer nur am Übergang zur Teilnahme zu stehen scheint. Gleichzeitig hängt daran auch das Vereinzelnde, selbst wenn man mit anderen Besuchern gemeinsam Werke betrachtet, dieselben aber später aus der Ferne oder einem Blick zur Seite beobachtet. Und so erzählt die kuratorische Verdopplung der Installation auch von der Verdopplung des Sehens, die vor allem danach fragt, was andere sehen. Eine Frage, die sich nicht nur stellt, wenn Besucher die Arbeiten, die sie gerade betrachten mit ihren iPhones fotografieren, oder wenn sich Mitarbeiter des Museums unterhalten, während sie Kunstwerke auf Rollflächen durch die Räume bewegen, was aussieht, als nähme man gerade an einer Sehperformance teil. Sondern auch dann, wenn Menschen abgewandt durch die spärlichen mumok-Fenster auf das Kunsthistorische Museum und über die Wiener Dächer blicken.

