Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Cinderella’s Slums: The Florida Project (Sean Baker)

Vio­lett, rosa, tür­kis, gelb leuch­ten die Häu­ser. Sie sind mit­ten in das saf­ti­ge Grün der Grä­ser, Pal­men und Büsche gepflanzt. Die blau­en Pools lie­gen wie Wach­hun­de vor den Gebäu­den. Ein Gesteck aus Stra­ßen und Wegen ver­bin­det sie, dazwi­schen ein Asphalt- und Schleich­pfad-Mika­do, durch das die sechs­jäh­ri­ge Moo­nee und ihre Freund*innen in The Flo­ri­da Pro­ject streu­nen. Der Film zeigt Moo­nee (Brook­lynn Prin­ce) und ihre Mut­ter Hal­ley (Bria Vin­ai­te), die in einem Bil­lig-Motel in der Nähe von Dis­ney World leben, immer kurz davor, das Zim­mer wegen Geld­man­gel zu ver­lie­ren (eine Wohn­si­tua­ti­on, die in den USA offi­zi­ell als Obdach­lo­sig­keit aner­kannt wird). Trotz der klar struk­tu­rier­ten, auf die bun­ten Fas­sa­den zen­trier­ten Ein­stel­lun­gen, die sich an den men­schen­lee­ren Land­schafts­fo­to­gra­fien der «New Topo­gra­phics» ori­en­tie­ren, sprüht The Flo­ri­da Pro­ject vor Leben und zeigt All­tag in klei­nen Details und Zufällen.

Die­ses Zusam­men­spiel gelingt vor allem Dank der Hal­tung gegen­über den gefilm­ten Men­schen: Der Film bleibt offen für spon­ta­ne und all­täg­li­che Ent­schei­dun­gen sei­ner Figu­ren. Der Regis­seur Sean Bak­er lässt die Kin­der Furz­ge­räu­sche imi­tie­ren und dann zufäl­lig eine Spin­ne am Boden ent­de­cken, im Büro des Motels ver­ste­cken spie­len oder aus der Fer­ne star­ten­de Heli­ko­pter anpö­beln. Die Hand­lung wird als eine Ansamm­lung von Neben­säch­li­chem gezeigt, in der sich die öko­no­mi­schen Zwän­ge immer aus­weg­lo­ser auf­tür­men. Abge­se­hen von Wil­lem Dafoe, der den herz­er­wär­mend steif-schlak­si­gen Haus­wart des Motels spielt, hat­ten nur weni­ge Darsteller*innen schau­spie­le­ri­sche Erfah­rung. Was die Kame­ra zeigt, ist den Figu­ren und ihren zufäl­li­gen Hand­lun­gen eigen. Sie wer­den nicht zweck­mä­ßig in eine Nar­ra­ti­on oder eine abs­trak­te sozi­al­kri­ti­sche Aus­sa­ge ein­ge­spannt, son­dern behaup­ten ihre Eigen­wirk­lich­keit. Wenn die Kame­ra nicht in wei­ten Ein­stel­lun­gen die bebau­te Land­schaft auf­fä­chert, hef­tet sie sich mit einer Ste­ady­cam an die Figu­ren und folgt ihren Wegen.

«Es ist die erstaun­li­che ästhe­ti­sche Para­do­xie die­ses Films, dass er die Stren­ge einer Tra­gö­die besitzt und alles doch nur zufäl­lig pas­siert.» Was der Film­kri­ti­ker und ‑theo­re­ti­ker André Bazin in die­sem Satz und an ande­ren Stel­len über Vitto­rio de Sica’s Ladri di Bici­c­lette schreibt, funk­tio­niert auch als Beschrei­bung von The Flo­ri­da Pro­ject. Auch hier ver­flech­tet sich eine kla­re «ästhe­ti­sche Ord­nung [mit der] amor­phen Unord­nung der Wirk­lich­keit.» Es gibt jedoch einen wich­ti­gen Unter­schied zwi­schen bei­den Fil­men: Ladri di Bic­ci­c­lette spielt in der his­to­ri­schen Innen­stadt Roms, The Flo­ri­da Pro­ject hin­ge­gen zeigt uns einen Ort, der durch­drun­gen ist von Dis­ney. Die Archi­tek­tur ist wie in den nahe lie­gen­den The­men­parks in pop­kul­tu­rel­le und loka­le Iko­no­gra­fien ver­packt. Die bun­ten Gebäu­de sind deko­riert als Magic Cast­le oder ver­klei­det als Oran­ge, Zau­be­rer und Eis­be­cher. Die Architekturtheoretiker*innen Robert Ven­tu­ri, Deni­se Scott Brown und Ste­ven Izen­our wür­den sie als «deko­rier­te Schup­pen» und «Enten » bezeichnen.

The Flo­ri­da Pro­ject nimmt eine zutiefst künst­li­che Archi­tek­tur zur Aus­gangs­la­ge, um die All­täg­lich­keit des Lebens in die­ser Archi­tek­tur zu zei­gen. Dass die Ein­stel­lun­gen den Spa­gat zwi­schen Archi­tek­tur­fo­to­gra­fie und einem all­täg­li­chen Rea­lis­mus schaf­fen, ohne sich je von den Hand­lun­gen der Figu­ren zu ent­fer­nen, liegt am Ver­hält­nis zwi­schen der stel­len­wei­se stoi­schen Kadrie­rung und den anar­chi­schen Wegen der Figu­ren. Wel­ches Gebäu­de die nächs­te Ein­stel­lung zeigt, hängt davon ab, wohin es die Kin­der treibt. Eine Sze­ne zeigt das beson­ders deut­lich: Moo­nee klin­gelt zusam­men mit einem Freund ein Mäd­chen aus dem benach­bar­ten Motel zum Spie­len raus. Statt wie geplant zurück zum eige­nen Motel – dem Magic Cast­le Inn – zu gehen, neh­men die Kin­der eine Abzwei­gung über eine Wie­se und füh­ren die Kame­ra in eine Rei­he fron­ta­ler Gebäudeeinstellungen.

Sie hüp­fen und ren­nen am unte­ren Bild­rand vor der über­di­men­sio­nier­ten Oran­ge und dem starr grin­sen­den Zau­be­rer durch oder blei­ben kurz zöger­lich ste­hen. Dabei debat­tie­ren sie über Oran­gen (« I don’t love oran­ges, I love oran­ge soda»), wie man deren Scha­le nennt («but the only thing I don’t like about oran­ges is the lid» – «you mean the peel?» – «the lid» – «yeah, that’s cal­led the peel») und wie weit sie sich vom eige­nen Motel ent­fer­nen dür­fen («don’t you think we’re going too far?» – «nooo, just come on! Don’t be a… don’t be a loser!» – «don’t call me that but, okaay!»). Schliess­lich lan­den sie beim Eis­be­cher-Häus­chen, wo sie sich Geld für Eis schnor­ren («and this is whe­re we get free ice cream»): Der Film gibt sei­nen Figu­ren die Macht dar­über, wel­che foto­gra­fi­schen Ansich­ten zu sehen sind.

Im Kon­trast zur geo­me­tri­schen Insze­nie­rung des Rau­mes wird die Frei­heit der dar­in statt­fin­den­den Hand­lun­gen deut­lich, ohne dabei die Wir­kung der sozio­öko­no­misch geplan­ten Topo­gra­fie zu unter­schla­gen. Die Rea­li­tät der sozia­len Umstän­de wird ernst genom­men und als ein Leben in, mit, par­al­lel und quer zu die­ser Archi­tek­tur gezeigt. Die ästhe­ti­sche Reprä­sen­ta­ti­on des Dreh­orts und der All­tag der dar­in leben­den Men­schen sind inein­an­der inte­griert (was nicht heißt, dass Aus­ein­an­der­set­zun­gen aus­blei­ben wür­den). «Rea­li­tät ist nicht Kunst, aber eine rea­lis­ti­sche Kunst ist die­je­ni­ge, wel­che eine inte­grie­ren­de Ästhe­tik der Rea­li­tät schaf­fen kann», schreibt Bazin an ande­rer Stel­le. Er meint damit eine Kunst, die sich mit einer mate­ri­el­len und sozia­len Rea­li­tät aus­ein­an­der­setzt, indem sie das Sicht­ba­re und Hör­ba­re die­ser Rea­li­tät in sich auf­nimmt und ästhe­tisch trans­for­miert. Aus Ästhe­tik wird Ethik und umge­kehrt. The Flo­ri­da Pro­ject scheint ein bazin’scher Film zu sein. Doch was heißt das?

Die rea­lis­ti­sche Film­theo­rie tritt in ers­ter Linie gegen Fil­me an, denen das Thea­ter einen Anstrich von Legi­ti­mi­tät zu geben ver­sucht und in denen das Stu­dio­de­kor alles Leben­di­ge erstickt. Fil­me, denen die Bil­der und Töne egal schei­nen und in denen nur zählt, was nach­er­zähl­bar und ver­wert­bar ist. Fil­me, die so begin­nen könn­ten: «Graf und Grä­fin sit­zen beim Früh­stück. In der Tür erscheint der Die­ner und über­reicht sei­ner gnä­di­gen Herr­schaft einen anschei­nend gewich­ti­gen Brief, den der Graf erbricht und liest»; um dann so zu enden: «Es rol­len noch wei­te­re Bil­der auf. Zuletzt endet alles gut. Der Die­ner wird von Detek­tiv­fäus­ten gepackt und der Graf kehrt mit sei­nen zwei­mal­hun­dert-tau­send Mark glück­lich, obgleich unwahr­schein­lich, wie­der nach Hau­se. Nun folgt ein Kla­vier­stück mit erneu­er­tem ‚Bier gefäl­lig mei­ne Herrschaften’.»

In Robert Walsers Beschrei­bung die­ser Kino­in­tri­ge um den «höchst unwahr­schein­li­chen Gra­fen» schie­ben sich die Staf­fa­ge des Kos­tüm­films und die Anprei­sun­gen des Pau­sen­kell­ners immer mehr inein­an­der, bis sich der fik­ti­ve Die­ner und der Kinokell­ner kaum mehr aus­ein­an­der­hal­ten las­sen. Gleich­zei­tig aber bleibt eine gro­ße Lücke klaf­fen zwi­schen dem Adel auf der Lein­wand und dem Vor­ort­ki­no, in dem der Film gese­hen wird. Da die fer­ne Fik­ti­on der Wirk­lich­keit eines Gra­fen, hier die unmit­tel­ba­re Rea­li­tät des wind­schie­fen Kinos: Bei­de sind öko­no­misch auf ein­an­der ange­wie­sen und trotz­dem mei­len­weit von­ein­an­der ent­fernt. Hier das Licht auf der Lein­wand, mit Gra­fen und allem, was an Luxus dazu­ge­hört, da «das Unge­heu­er von Kell­ner» und der kon­stan­te Kon­sum von «Bier, Brau­se, Nuss­stan­gen, Scho­ko­la­de [und] beleg­ten Bröt­chen» – bei­des ist nicht von­ein­an­der zu tren­nen. Die Rea­li­tät des Vor­ort­ki­nos wäre undenk­bar ohne Fik­tio­nen wie die von fast ver­gif­te­ten Adli­gen, und auch fik­ti­ve Adli­ge müs­sen von ech­ten Men­schen gespielt wer­den, die auf Ein­nah­men der Vor­ort­ki­nos ange­wie­sen sind. Die Fik­ti­on ist immer auch real, da sie auf mate­ri­el­ler Her­stel­lung beruht, und die (fil­mi­sche) Rea­li­tät ist immer schon fik­tiv, da sie ästhe­tisch her­ge­stellt wer­den muss. Ers­te­res wird oft als die Grund­the­se rea­lis­ti­scher Film­theo­rien ver­stan­den, wäh­rend letz­te­res vor allem in den Tex­ten von André Bazin ger­ne über­le­sen wird.

So beschreibt Bazin Wil­liam Wylers stoff­ge­treue Thea­ter­ver­fil­mung The Litt­le Foxes gera­de des­halb als «rea­lis­tisch», weil die Kame­ra das Stu­dio­de­kor und die Schauspieler*innen als eigen­mäch­ti­ge Rea­li­tät begreift, aus der durch for­mal stren­ge, unbe­weg­te Ein­stel­lun­gen eine Aus­wahl getrof­fen wer­den muss, die sich dann wie­der­um zu die­ser Rea­li­tät ver­hält. Film fes­selt sich trotz sei­nem engen Rea­li­täts­be­zug nicht skla­visch an die Din­ge ‚wie sie halt eben sind’, son­dern eröff­net der Rea­li­tät mit­tels Fik­ti­on neue Mög­lich­kei­ten. Die Din­ge erhal­ten Poten­ti­al für Ver­än­de­rung. Was Jean-Lou­is Comol­li über den Doku­men­ta­ris­mus des Direct Cine­ma schreibt, scheint auch die kri­ti­sche Agen­da Bazins zu sein: Es geht «eben nicht um die Unter­wer­fung des Films unter die Din­ge oder die Suche nach der größt­mög­li­chen Trans­pa­renz gegen­über der Welt, son­dern das genaue Gegen­teil: die gegen­sei­ti­ge Ver­än­de­rung von Welt und Film» und damit auch um die Gleich­zei­tig­keit von Rea­li­tät und Fik­ti­on. Dass bei­de das Poten­ti­al haben, sich gegen­sei­tig zu ver­än­dern, scheint den uto­pi­schen Cha­rak­ter aus­zu­ma­chen, der in Bazins empa­thi­scher Begeis­te­rung für das Kino aufscheint.

Wie steht es aber um den Rea­lis­mus in einer Gegen­wart, deren Wirk­lich­keit durch­drun­gen ist von den All­tags­my­then Hol­ly­woods? Die Bedeu­tung die­ser Fra­ge zeigt sich zum Bei­spiel in der Ein­kaufs­mei­le an der Schloß­stra­ße im Süd­wes­ten Ber­lins: An man­chen Tagen begrü­ßen But­ler in Frack und Zylin­der die Kund*innen der Shop­ping­mall Das Schloss und erin­nern dabei an den Die­ner aus Robert Walsers Pro­sa­stück. Das Inne­re des Ein­kaufs­zen­trums ist geschmückt mit pseu­do-anti­ken Säu­len, die nach schlech­tem Film­de­kor aus­se­hen. In den fal­schen Lam­pen­schir­men, die an den Säu­len befes­tigt sind, befin­den sich «ins­ge­samt 78 Spe­zi­al­pro­jek­to­ren mit unglaub­li­chen 62.000.000 Pixeln» die einen beweg­ten Pan­ora­ma­him­mel an die Decke wer­fen. Ver­lässt man Das Schloss in Rich­tung Tita­nia Palast (dem Vor­ort­ki­no) wer­den die Stra­ßen bevöl­kert von Geor­ge Cloo­ney auf Wer­be­pla­ka­ten. Screens und Kame­ras hef­ten sich an his­to­ri­sche Archi­tek­tu­ren und an einer Ecke freut sich ein Kind über ein Spi­der­man-Kos­tüm. Wie ver­hält sich ein rea­lis­ti­scher Film also zu den unter­schied­lichs­ten pop­kul­tu­rel­len Fik­tio­nen, die die Rea­li­tät maß­geb­lich mit­for­men? Zuge­spitzt: Wie wür­de Vitto­rio de Sicas Ladri di Bici­c­lette aus­se­hen wenn er statt in Rom in Las Vegas oder zwi­schen den fal­schen römi­schen Säu­len von Das Schloss spie­len würde?

The Flo­ri­da Pro­ject gibt viel­leicht eine Ahnung davon, wie ein sol­cher Film aus­se­hen könn­te. Die bun­ten Gebäu­de der Agglo­me­ra­ti­on um Orlan­do FL sind für die Tourist*innen an Dis­ney World ange­gli­chen – dem größ­ten Wirt­schafts­fak­tor in der Gegend. Die Dis­ney Cor­po­ra­ti­on bleibt jedoch für den größ­ten Teil des Films nur in ihren Aus­wir­kun­gen sicht­bar. Bak­er kon­zen­triert sich auf den All­tag in einer Gegend, die ein Stadt­ma­ga­zin in Orlan­do «Cinderella’s Slums» nennt und spart die The­men­parks vor­erst aus. Wäh­rend Dis­ney World als städ­tisch orga­ni­sier­te Traum­fa­brik bzw. (Disney-)Filmerfahrung kon­zi­piert wur­de (der Stadt­pla­ner James Rou­se bezeich­ne­te das Vor­bild Dis­ney­land 1963 als «the grea­test pie­ce of urban design in the United Sta­tes»), ist die Gegend rings­her­um von den ideo­lo­gi­schen und ästhe­ti­schen Impul­sen der Dis­ney Cor­po­ra­ti­on geprägt. The Flo­ri­da Pro­ject ist nicht umsonst nach Walt Dis­neys gleich­na­mi­gem Expe­ri­ment in Raum­pla­nung und ‚Pri­va­te Govern­ment’ benannt.

Das Pro­jekt wur­de erst­mals 1967 in einem Kino­scree­ning öffent­lich vor­ge­stellt. In einem 25-minü­ti­gen Wer­be­film, der als Pitch für die loka­le Ver­wal­tung und Pres­se dien­te, stell­te Walt Dis­ney die uto­pi­sche Stadt EPCOT (Expe­ri­men­tal Pro­to­ty­pe Com­mu­ni­ty of Tomor­row) vor – kom­plett mit Glas-Dome und Mono­rail (aber kaum exis­ten­tem Wahl­recht für die Einwohner*innen). «The most exci­ting and by far the most important part of our Flo­ri­da Pro­ject – in fact, the heart of ever­y­thing we’ll be doing in Dis­ney World » will be our Expe­ri­men­tal Pro­to­ty­pe Com­mu­ni­ty of Tomor­row. (…) EPCOT will always be a show­ca­se to the world for the inge­nui­ty and ima­gi­na­ti­on of Ame­ri­can free enter­pri­se.» EPCOT wur­de nie gebaut.

Trotz­dem erhielt die Dis­ney Cor­po­ra­ti­on im neu ange­leg­ten Ree­dy Creek Impro­ve­ment Dis­trict die Befug­nis, die Land­nut­zung zu regle­men­tie­ren, eine eige­ne Poli­zei und Feu­er­wehr zu unter­hal­ten, Stra­ßen und eine Kana­li­sa­ti­on zu bau­en, die Pro­duk­ti­on und den Ver­kauf von Alko­hol zu lizen­sie­ren, und einen Flug­ha­fen oder ein Atom­kraft­werk (!) zu bau­en. Gleich­zei­tig erhielt der Kon­zern Immu­ni­tät gegen­über der staat­li­chen Zonen­pla­nung und den Bau- und Land­nut­zungs­vor­schrif­ten, wie der Poli­to­lo­ge Richard E. Fog­le­song schreibt. Die Web­sei­te des Dis­tricts hebt den wirt­schaft­li­chen und infra­struk­tu­rel­len Erfolg der Zusam­men­ar­beit mit der Dis­ney Cor­po­ra­ti­on her­vor: «The result is an exam­p­le of how a working part­ner­ship bet­ween busi­ness and govern­ment can be pro­spe­rous for both sides. (…) Through the crea­ti­on and effec­ti­ve ope­ra­ti­on of the Dis­trict, Walt Dis­ney was able to turn 38.5 squa­re miles of remo­te and lar­ge­ly unin­ha­bi­ted pas­tu­re and swamp land into a world-class tou­rist desti­na­ti­on that wel­co­mes mil­li­ons of visi­tors every year. » Der Dis­trict wird von einem fünf­köp­fi­gen Board of Super­vi­sors ver­wal­tet, das von den Landbesitzer*innen gewählt wird, wobei die Dis­ney Cor­po­ra­ti­on rund 69 Pro­zent des Lan­des besitzt. Dem Dis­trict sel­ber gehö­ren 29 Pro­zent, den Rest tei­len sich der Staat Flo­ri­da und klei­ne­re Eigentümer.

Obwohl Walt Dis­neys städ­te­pla­ne­ri­sche Uto­pie sehr kon­kret eine gegen­sei­ti­ge Ver­än­de­rung von Rea­li­tät und fil­mi­scher Fik­ti­on anstreb­te – Dis­ney World nahm Iko­no­gra­fien aus Dis­ney­fil­men auf und beein­fluss­te die Motiv­welt zukünf­ti­ger Fil­me, wäh­rend EPCOT Ideen aus der Sci­ence Fic­tion über­nahm und spä­ter Fil­me wie Dis­neys Tomor­row­land inspi­rier­te – unter­schei­det sie sich stark von der Uto­pie Bazins und Com­mol­lis: Es geht Dis­ney in ers­ter Linie nicht um eine (ästhe­ti­sche) Befrei­ung der Din­ge, son­dern um eine freie Öko­no­mie. Statt um die gegen­sei­ti­ge Ver­än­de­rung von Film und Rea­li­tät geht es um die Beein­flus­sung der Rea­li­tät durch die Film­in­dus­trie. Bak­ers The Flo­ri­da Pro­ject ver­sucht ers­te­res und zeigt dadurch die archi­tek­to­ni­schen und raum­pla­ne­ri­schen Aus­wir­kun­gen von letzterem.

Der Frei­zeit­park selbst bleibt dabei bis auf das Ende, das mit der Insze­nie­rung des rest­li­chen Films bricht, abwe­send. Erst als Moonee’s All­tag defi­ni­tiv aus­ein­an­der­fällt, flüch­tet sie zusam­men mit ihrer bes­ten Freun­din nach Dis­ney World: Der plötz­lich her­ein­stür­zen­de orches­tra­le Sound­track nimmt das musi­ka­li­sche The­ma von Kool & The Gang’s Cele­bra­ti­on – Bak­er ver­weist mit dem Song auf die gleich­na­mi­ge, 1994 von der Dis­ney Cor­po­ra­ti­on rea­li­sier­te Plan­stadt in der Nähe des Dreh­orts – aus den Ope­ning Cre­dits wie­der auf. Der Zeit­raf­fer bricht mit den ruhig gefilm­ten topo­gra­fi­schen Archi­tek­tur­auf­nah­men, wäh­rend die wack­li­ge Kame­ra an die Hand­ka­me­ra anschließt, die vor­her schon in Kon­flikt­si­tua­tio­nen eta­bliert wur­de – um schließ­lich doch auf dem Dis­ney-Schloss zu enden, wäh­rend die bei­den Mäd­chen im Men­schen­ge­wim­mel ver­schwin­den. Die waren­för­mi­ge Mär­chen­welt wird erst am Ende des Films als Schock­kur gezeigt, met­ony­misch auf den Punkt gebracht durch das iko­ni­sche Cin­de­r­el­la Cast­le am Ende der Main Street, U.S.A. Die Nar­ra­ti­on öff­net sich in die Fan­ta­sie, an den Anfang eines neu­en, ande­ren Films (eines Mär­chen­films): «The Main Street train sta­ti­on is the curtain, behind which are pos­ters of coming attrac­tions. The win­dows along Main Street are the ope­ning cre­dits, and Cin­de­r­el­la Cast­le repres­ents the start of the movie» steht im fast 500 Sei­ten dicken Dis­ney World-Rei­se­füh­rer Mou­se­jun­kies!

Obwohl der in The Flo­ri­da Pro­ject gezeig­te All­tag damit in sich zusam­men­fällt, wird man dem Ende nicht gerecht, wenn man es – wie vie­le Kritiker*innen – nur als Kapi­tu­la­ti­on vor den erdrü­cken­den öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­sen deu­tet. Die Flucht in die Mär­chen-Fik­ti­on hat trotz der zutiefst trau­ri­gen Ver­zweif­lung etwas hoff­nungs­voll Trös­ten­des. Dis­ney World nimmt Moo­nee ihre Last ab und deu­tet einen Neu­an­fang an. Das Ende von des Films schließt an die trös­ten­de Eksta­se an, die der sowje­ti­sche Regis­seur und Film­theo­re­ti­ker Ser­gej Eisen­stein den Dis­ney­fil­men der Vor­kriegs­zeit attes­tier­te. Dis­neys Fil­me bis Snow White and the Seven Dwarfs sei­en «wie ein Trop­fen der Freu­de, wie ein Augen­blick der Erleich­te­rung, eine flüch­ti­ge Lip­pen­be­rüh­rung in jener Höl­le der sozia­len Last, Unge­rech­tig­keit und Qual (…), in den der Kreis sei­ner ame­ri­ka­ni­schen Zuschau­er so aus­weg­s­los ein­ge­schlos­sen ist.» Eisen­stein sah in der zwang­lo­sen Meta­mor­pho­se der Dis­ney-Figu­ren ein tief­sit­zen­der Wunsch nach kör­per­li­cher Selbst­be­stim­mung und eine not­wen­di­ge Atem­pau­se für die Psy­che der aus­ge­beu­te­ten Mas­sen – ohne sich jedoch von den Fil­men eine Ver­än­de­rung der Situa­ti­on zu erhof­fen: «Das ist eine fik­ti­ve Frei­heit. Für den Augen­blick. Eine kurz­zei­ti­ge, fik­ti­ve, komi­sche Befrei­ung vom Uhr­werk des ame­ri­ka­ni­schen Lebens. Fünf Minu­ten Pau­se für die Psy­che, wäh­rend der Zuschau­er selbst an das Maschi­nen­rad gefes­selt bleibt.»

Die Zei­chen­trick­fil­me von Dis­ney geben die Ding­haf­tig­keit und die dar­an geknüpf­ten mate­ri­el­len Zwän­ge voll­stän­dig auf: «Dis­ney – und nicht zufäl­lig ist sei­ne Welt gezeich­net – bedeu­tet eine voll­stän­di­ge Rück­kehr in das Reich unein­ge­schränk­ter Frei­heit – einer nicht zufäl­lig fik­ti­ven Frei­heit, die an ihrem ande­ren, ursprüng­li­chen Ende frei von jeder Not­wen­dig­keit ist.» Die­se Frei­heit mag eine zeit­lich begrenz­te, fik­ti­ve Befrei­ung von öko­no­mi­schen Zwän­gen sein. Sie lässt sich aber genau­so gut als eine Ästhe­ti­sie­rung des fal­schen Ver­spre­chens des Ame­ri­can Dream deu­ten: «Ever­y­bo­dy can make it!», also ist man sel­ber Schuld, wenn man arm bleibt. Die Schluss­sze­ne von The Flo­ri­da Pro­ject lässt bei­de Mög­lich­kei­ten zwie­späl­tig mit- und inein­an­der exis­tie­ren. Damit gelingt, was nur weni­ge Fil­me ver­su­chen: Der Film zeigt die ver­hee­ren­den sozia­len Aus­wir­kun­gen einer umfas­sen­den Kom­mer­zia­li­sie­rung, ohne den Eska­pis­mus in die kom­mer­zia­li­sier­te Fan­ta­sie­welt von oben her­ab zu ver­ur­tei­len. Und das mit einem der trau­rigs­ten und gleich­zei­tig jubi­la­to­rischs­ten Fil­men­den die man sich vor­stel­len kann.