Boudu Jean Renoir

Boudu sauvé des eaux von Jean Renoir

Welch ein fil­mi­sches Gedicht, wenn Jean Renoir in sei­nem Bou­du sau­vé des eaux (und nicht nur dort) immer wie­der betont, dass ein Bild nur von einer Rea­li­tät umge­ben, wir­ken kann. Bei ihm ist ein Estab­lisher eines Abend­essens eine Erkun­dung des Rau­mes. Sei­ne Kame­ra steht in einem ande­ren Zim­mer und filmt durch den Flur. Im Vor­der­grund ist so eine Fami­li­en­ge­schich­te, eine Geschich­te des Hau­ses und im Hin­ter­grund ist die eigent­li­che Sze­ne. Dies ist genau­so poli­tisch wie fil­misch moti­viert. Von einem her­kömm­li­chen Estab­lisher kann man jedoch kaum spre­chen, da Renoir immer wie­der sei­ne Räu­me und Flä­chen durch­dringt und ihre Per­spek­ti­ven benutzt, um Gegen­sät­ze auf­zu­zei­gen und jede Ein­stel­lung zu einem poe­ti­schen Nie­sel­re­gen wer­den lässt. Bei ihm sind die Wän­de eines Hau­ses, die Fens­ter und Türen, der Blick zwi­schen zwei Bäu­men und ein durch das Bild trei­ben­des Boot immer die Tie­fe statt der Rah­men sei­ner Geschich­te. Die Kame­ra wird par­al­lel fah­ren, der Blick von den Mau­ern ver­deckt; die­ser Blick, der von Türen gerahmt erscheint und von den Lich­tern mit Tie­fe ver­se­hen wird.

Zur Thea­ter­vor­la­ge von René Fauchois füg­te Renoir die zahl­rei­chen Außen­sze­nen hin­zu, die zum einen immer so kon­stru­iert sind, dass am Rand der Bil­der ein Raum ent­steht, der den Zufall der Welt in die Kon­struk­ti­on einer kine­ma­to­gra­phi­schen Rea­li­tät hin­ein­lässt und zum ande­ren von real­his­to­ri­schen Räu­men erzählt, die ganz wie die Geschich­te des Films auf eine Klas­sen­kol­li­si­on zie­len. Bou­du, ein Tramp, der wie Chap­lin kei­ne Ambi­tio­nen hat, sei­nen Stand zu ver­las­sen (dann schon eher sein gan­zes Leben!) wirft sich in die Sei­ne. Dort wird er aus­ge­rech­net vom Mus­ter-Bour­geoi­se Buch­händ­ler Les­t­in­gois geret­tet. Die­ser wird gemein­sam mit sei­ner Haus­häl­te­rin (mit der er eine Affä­re hat) und sei­ner Ehe­frau ver­su­chen, Bou­du zu einem guten Bür­ger zu erzie­hen. Michel Simon spielt Bou­du in einer zer­rei­ßen­den Komik zwi­schen Ver­rückt­heit, Anar­chie und Emo­tio­na­li­tät. Eine poli­tisch-sozia­le Sati­re also, die jedoch durch die spe­zi­el­len for­ma­len Vor­lie­ben von Renoir zu einem exis­ten­tia­lis­ti­schen und visu­el­len Kino­er­eig­nis wird, das weit über das blo­ße zyni­sche Schmun­zeln hin­weg­geht. Das Span­nungs­feld liegt zwi­schen Zunei­gung und Unzu­frie­den­heit und Renoir ver­mag es, sei­ne Unzu­frie­den­heit durch sei­ne Zunei­gung aus­zu­drü­cken. Damit ebne­te er den Weg für das ita­lie­ni­sche Kino der Nach­kriegs­jah­re, für Fran­çois Truf­f­aut, für Glau­ber Rocha, für (man traut es sich kaum zu schrei­ben) Jean-Luc Godard, Wim Wen­ders und eigent­lich alle ande­ren ernst­haf­ten Fil­me­ma­chern auch. Suk­devh San­du begann sein Review aus dem Dezem­ber 2010 für den Tele­graph mit fol­gen­den Wor­ten: It’s hard to ima­gi­ne cine­ma wit­hout Bou­du Saved From Drowning.

Boudu Jean Renoir

Die Frei­heit des wan­dern­den Blicks, von der André Bazin in Bezug auf Renoir gespro­chen hat, wirkt aus heu­ti­ger Sicht über­holt, aber nach wie vor nicht ganz weit her­ge­holt. In Zei­ten in denen der Zufall und der Impuls eine gro­ße Rol­le im künst­le­ri­schen Kino spie­len, zeigt Renoir, dass ein wan­dern­der Blick und eine Offen­heit der Welt auch in einem Bewusst­sein für alle Kom­po­nen­ten des Bil­des und des Tons ent­ste­hen kön­nen. Zum einen deu­tet er mit sei­nen Dekadrie­run­gen und Ent­lee­run­gen immer wie­der an, dass sich die Welt im Off-Screen fort­setzt und zum ande­ren sind sei­ne Bil­der mit einer sol­chen Vor­sicht für Vor­der­grund und Hin­ter­grund gebaut, dass dort ein­fach etwas pas­sie­ren muss, was uns erlaubt, eben ent­we­der den Vor­der­grund oder den Hin­ter­grund oder den Rand des Bil­des zu beob­ach­ten. Den­noch liegt da ein bren­nen­der Fokus und Renoir selbst hat davon gespro­chen, dass Bou­du für ihn ein Film sei, der um die Per­for­mance eines Schau­spie­lers gebaut wur­de. In die­sem Zusam­men­hang kann man auch die Tele­ob­jek­tiv-Auf­nah­men aus gro­ßer Ent­fer­nung ver­ste­hen, die Bou­du wie ein Raub­tier in den Stra­ßen von Paris ver­fol­gen. Ein sol­ches Vor­ge­hen wähl­te auch häu­fig John Cas­sa­ve­tes (man den­ke an die unfass­ba­re Gene Row­lands, tor­kelnd mit Ziga­ret­te und Son­nen­bril­le in Ope­ning Night) oder Agnès Var­da in ihrem Cléo de 5 à 7. Die Schön­heit die­ser Auf­nah­men liegt in ihrer Direkt­heit, denn jeder Schritt for­dert eine erhöh­te Auf­merk­sam­keit der Kame­ra, die Tex­tu­ren zwi­schen sich und den Raub­tie­ren erforscht wäh­rend sie sich ele­gant selbst als Raub­tier offen­bart, immer fol­gend, bli­ckend, lau­ernd. Dabei wird der Vor­der­grund immer wie­der ver­deckt zum Bei­spiel durch vor­bei­fah­ren­de Autos, die wie­der­um von einer Welt jen­seits der Fik­ti­on erzählen.Das glei­che gilt für Zwi­schen­schni­te auf betei­lig­te und unbe­tei­lig­te Sta­tis­ten und Passanten.Gleichzeitig setzt Renoir die ver­schie­de­nen Mit­tel natür­lich ein, um Gegen­sät­ze zwi­schen den Stän­den und Lebens­wei­sen auf­zu­zei­gen. Damit wan­dert hier nicht nur der Blick son­dern die gesam­te Wahr­neh­mung die­ses Blicks.

Man könn­te zum Bei­spiel über die Nach­bars­frau im Film schrei­ben. Sie erscheint immer­zu in der Tie­fe des Bil­des, waschend an einem Fens­ter zum Innen­hof. Sie hat kei­ne Geschich­te, sie ist ledig­lich eine sozia­le Rea­li­tät, die das Bild zu einem Ereig­nis wer­den lässt. Denn dort ist Leben hin­ter dem Fens­ter, im Fens­ter und auch neben dem Fens­ter. Sie ist gleich­zei­tig ein fik­tio­na­ler Fak­tor ästhe­ti­scher Ver­spielt­heit und ein doku­men­ta­ri­sches Ele­ment im Paris der 1930er Jah­re. Und zwi­schen die­se bei­den Polen bewegt sich Renoir, der sie ent­we­der für einen poli­ti­schen Drang oder für ein huma­nis­ti­sches Begeh­ren benutzt, im Zwei­fels­fall aber für bei­des zugleich.