Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Final Destination: De nåede færgen von Carl Theodor Dreyer

Zwi­schen 1946 und 1954 führ­te Carl Theo­dor Drey­er Regie bei eini­gen doku­men­ta­ri­schen und fik­tio­na­len Erzie­hungs­fil­men, die von Danks Kul­tur­film und Minis­te­rienes Fil­mud­valg in Auf­trag gege­ben wur­den. Die­se Kurz­fil­me sicher­ten dem Fil­me­ma­cher in jener Zeit sein Ein­kom­men. De nåe­de fær­gen (They Caught the Fer­ry) aus dem Jahr 1948 gilt gemein­hin als bedeu­tends­ter und bes­ter die­ser Kurz­fil­me, ein Film, der sein State­ment für eine Geschwin­dig­keits­be­gren­zung (die es 1948 noch nicht gab in Däne­mark) ver­packt in ein zyni­sches Spiel mit dem Schick­sal und dabei mit gewis­sen Ver­frem­dungs­ef­fek­ten arbeitet.

Der Film beginnt mit der majes­tä­ti­schen Ankunft einer Fäh­re. Ihre behä­bi­ge Schwe­re fühlt sich bald an wie Unge­duld, denn auf dem Schiff ler­nen wir ein jun­ges Pär­chen mit einem Motor­rad ken­nen. Sie in küh­lem weiß, wort­karg mit einem Kopf­tuch, das spä­ter im Wind flat­tern wird und er mit der Über­le­gen­heit männ­li­cher Gefüh­le, Leder­ja­cke und schul­ter­zu­cken­de Igno­ranz. Sie unter­hal­ten sich mit dem Kapi­tän und erzäh­len ihm, dass sie die Fäh­re in Nyborg erwi­schen müs­sen. Er sagt ihnen, dass dies eigent­lich unmög­lich sei. Sie hät­ten 45 Minu­ten Zeit und es wären 70 Kilo­me­ter auf einer kur­vi­gen Stra­ße. Er blickt ihn kaum an, ist sich sicher, dass er es schaf­fen wird. Es fol­gen her­aus­ra­gen­de Sekun­den im Film. Die Kame­ra blickt von der Fäh­re zur nahen­den Anle­ge­stel­le. Die Moto­ren lau­fen, man spürt die Bedro­hung des nahen­den Ren­nens gegen die Zeit. Drey­er erklärt selbst­ver­ständ­lich nicht, war­um das Pär­chen die Fäh­re erwi­schen muss. Es spielt kei­ne Rol­le, man spürt von Anfang an, dass es kei­ne Rol­le spielt. Wie in Ordet oder La pas­si­on de Jean­ne d’Arc, den gro­ßen Wer­ken des Fil­me­ma­chers, liegt eine erha­be­ne und unum­gäng­li­che Luft über dem Gesche­hen, ein Gefühl der Unumgänglichkeit.

They caught the ferry2

Irgend­wann legt die Fäh­re dann an und das Motor­rad fährt mit den ande­ren Fahr­zeu­gen los. Die Mon­ta­ge der Geschwin­dig­keit erin­nert ein wenig an einen Eisen­stein-Film auf Diät. Drey­er schnei­det immer wie­der auf Rei­fen oder den Tacho. Er ver­wen­det häu­fig eine sub­jek­ti­ve Kame­ra und benutzt das Wackeln der Kame­ra, um einen Ein­druck der Geschwin­dig­keit zu geben. Wie hart Drey­er an die­sem Ein­druck von Geschwin­dig­keit gear­bei­tet hat, ver­deut­li­chen eini­ge wil­de Epi­so­den vom Dreh. Kame­ra­mann Jør­gen Roos erzählt die­se auf­fäl­lig ger­ne. Zum einen habe es einen Unfall bei einer Sze­ne mit Über­hol­ma­nö­ver gege­ben, weil Drey­er wirk­lich alles aus den Betei­lig­ten her­aus­ho­len woll­te. Roos wäre am Stra­ßen­rand gele­gen und hät­te kurz das Bewusst­sein ver­lo­ren. Da hör­te er Drey­ers schnel­le Schrit­te ankom­men, der Fil­me­ma­cher hat­te an der nächs­ten Kreu­zung auf die Crew gewar­tet. Aber sein Inter­es­se habe nicht der Gesund­heit sei­nes Kame­ra­man­nes gegol­ten, son­dern der Unver­sehrt­heit des Kame­ra­ma­ga­zins. Eben­so erzähl­te Roos, dass Drey­er eigent­lich einen Kriegs­ge­fan­ge­nen als Motor­rad­fah­rer beset­zen woll­te unter der Bedin­gung, dass die­ser frei­ge­spro­chen wer­den wür­de, soll­te er den Dreh über­le­ben. Drey­er woll­te den Crash unbe­dingt aus einer Tota­len fil­men. Die­ser Anspruch erin­nert ein wenig an Erich von Stro­heim, der alles ver­such­te, um am Ende von Greed den Mes­ser­stich tat­säch­lich pas­sie­ren zu las­sen. Es ist die­ses Rea­lis­mus­stre­ben jen­seits jeg­li­cher Pro­por­tio­na­li­tät, die Fil­me­ma­cher wie Drey­er oder Von Stro­heim aus­zeich­net. Bei­den wur­de ihr Wunsch nicht erfüllt. Drey­er muss­te mit dem pro­fes­sio­nel­len Motor­rad­fah­rer Joseph Koch vor­lieb neh­men und den Unfall aus einer sub­jek­ti­ven Per­spek­ti­ve dre­hen. Den­noch habe ich mal nach­ge­schaut, ob die ange­ge­be­ne Rei­se von Assens nach Nyborg nach die­sen Para­me­tern Sinn macht und das tut sie tat­säch­lich, obwohl die 45 Minu­ten selbst heu­te nicht mach­bar wären:

Assens Nyborg

Aber das eigent­lich ent­schei­den­de pas­siert zuvor. In einer Ort­schaft biegt das Pär­chen an einer Kreu­zung falsch ab. Es fällt schon zuvor auf, dass die Kame­ra häu­fig frü­her an einem Ort ist als die Prot­ago­nis­ten, aber was sie jetzt macht, öff­net eine ganz neue Dimen­si­on. Statt dem Motor­rad zu fol­gen, bleibt sie an der Kreu­zung ste­hen. Das zuvor über­hol­te Auto (ein Lei­chen­wa­gen?) in bedroh­li­chem Schwarz pas­siert die Kame­ra und folgt der rich­ti­gen Rou­te. Spä­tes­tens in die­ser Bewe­gung spürt man, dass es etwas erbar­mungs­los Über­le­ge­nes in die­sem Film gibt. Es ist als wären die Prot­ago­nis­ten gefan­gen in der Bot­schaft, die Drey­er ver­mit­teln will. Ein fal­scher Weg, ein Umge­hen des Schick­sals ist unmög­lich. Die Kame­ra weiß da mehr als der Motor­rad­fah­rer, der sich nach einem Schnitt umblickt, als wür­de er die Kame­ra an sei­ner Sei­te ver­mis­sen. Er dreht um. Drey­er schnei­det zurück in die Ein­stel­lung der war­ten­den Kame­ra, die das Tem­po wie­der auf­nimmt kurz bevor wir den Motor­rad­fah­rer sehen kön­nen. Sie folgt ihm wei­ter. James Lea­hy hat über die­sen Moment geschrie­ben: “Fate may deter­mi­ne our lives; on the other hand, it may only be a cine­ma­tic con­s­truc­tion.” Dem ist eigent­lich nicht viel hin­zu­zu­fü­gen, denn ein sol­cher Moment exis­tiert tat­säch­lich gleich­zei­tig in der unheim­li­chen Stim­mung einer Vor­be­stim­mung und der Auf­merk­sam­keit für das Medi­um, das die­se Vor­be­stim­mung fest­hält (das stot­tern­de Stop­pen und Anfah­ren der Kame­ra inklu­si­ve). Auf der ande­ren Sei­te ist die­ses Kame­ra­wa­ckeln auch ver­wandt mit dem Rea­lis­mus­stre­ben von Drey­er, denn er leug­net nicht, was pas­siert ist. Die­ses Wackeln ist also ver­wandt mit dem Dol­ly­ge­räusch, das in frü­hen Renoir-Ton­fil­men zu hören ist oder den Kame­ra­bli­cken bei Jean Rouch.

Selbst­ver­ständ­lich errei­chen die bei­den die Fäh­re, den Fähr­mann des Todes jedoch, der für das skan­di­na­vi­sche Kino so prä­gend war. De nåe­de fær­gen trans­por­tiert etwas jen­seits sei­ner pro­pa­gan­dis­ti­schen Mes­sa­ge. Es schreibt sich in das Gefühl und die Kon­struk­ti­on der Bil­der ein und ist nicht mehr aus unse­ren Augen zu ent­fer­nen, es geht dabei um eine Angst, der wir im Film nicht aus­wei­chen kön­nen, die wir nicht ver­drän­gen dür­fen bis wir in Holz­sär­gen auf dem Meer trei­ben und von einer Fäh­re aus gefilmt werden.

Carl Theodor Dreyer
Carl Theo­dor Dreyer